„Kirche, die bereit ist, den ihr aufgetragenen Ort anzunehmen, hat die Verheißung, mit der
ihr aufgetragenen Botschaft und ihrer Lebensart ´Salz der Erde‘ zu sein.“
Die Landeskirche hat in den vergangenen vier Jahren einen weiten Weg zurückgelegt. Durch
die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen der Wende und der
Wiedervereinigung hat sie eine neue Rolle in der pluralistischen Gesellschaft übernehmen
müssen. Dabei stand sie oft unter hohem zeitlichem und inhaltlichem Anpassungsdruck und
hatte kaum Spielraum, zuerst eine grundsätzliche, theologische Stand ortbestimmung zu unternehmen
und dann daraus Konsequenzen für ihre Gestalt und Struktur zu ziehen.
Die Landeskirche hat sich sowohl aus pragmatischen als auch aus inhaltlichen Gründen weitgehend
dafür entschieden, den Weg der westdeutschen Landeskirchen mitzugehen. Sie hat
deren Modell von „Volkskirche“ übernommen. Da sie die flächendeckende, personalintens ive
geistliche Versorgung der Bevölkerung nach dem Parochialprinzip beibehalten und gleichzeitig
vielfältige neue Aufgabenfelder (Diakonie, Religionsunterricht, Seelsorge an speziellen
Gruppen) übernehmen wollte, mußte sie sich auch für das entsprechend effektive Finanzierungsmodell
entscheiden. Dazu gehörte die Einführung des neuen Kirchensteuerabzugsverfahrens
(s.u. Kapitel 1) und der Abschluß des Staat-Kirchen-Vertrages (u.a. Finanzierung
zweier theologischer Fakultäten, jährlicher Zuschuß zu Pfarrerbesoldung von 13 Mio. DM
für Mecklenburg-Vorpommern). Die Kirche hat sich damit aus der Marginalisierung herausgelöst
und ist eine gesellschaftlich relevante Gruppe geworden.
In Spannung dazu steht, daß der zu DDR-Zeiten begonnene Prozeß der Minorisierung weiter
fortschreitet: Die Kirche ist zwar nun wieder mit allen rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten
ausgestattet, die sie sich wünschen kann, aber sie steht vor dem Problem, daß immer
weniger Menschen sich zu ihr halten. Weniger als 300.000 Glieder zählt die Landeskirche bei
sinkender Tendenz. Immer öfter taucht die Frage auf, ob die Kirche, die Strukturen, die sie
sich gegeben hat, überhaupt mit Menschen füllen kann und ob es noch sinnvoll ist, von Volkskirche
im Sinne einer Kirche zu sprechen, die die „umfassende Durchchristlichung des Volkes“
oder flächendeckende „pfarramtliche Versorgung“ verfolgt. ´[...]
Inhaltsverzeichnis
0. Einführung
Ziel und Aufbau der Arbeit
1.1. Synodaltagung vom 15.-17.3.90
1.2. Nach der Synodaltagung
1.3. Die Synodaltagung vom 1.-4.11.90
1.4. Weiterer Verlauf
1.5. Thesen über die ekklesiologische Relevanz des Kirchensteuerabzugsverfahrens
2. Kirche und Vergangenheit - die Aufarbeitung der Stasi-Belastung
2.1. Synodaltagung vom 15.-17.3.1990
2.2. Synodaltagung vom 1.- 4.11.1990
2.3. Synodaltagung vom 13.-17.3.1991
2.4. Sondersynode vom 22.6.1991
2.5. Weiterer Verlauf bis zur Synodaltagung vom 17.-20.3.1994
2.6. Thesen zur ekklesiologischen Bedeutung der innerkirchlichen Aufarbeitung der Stasi Vergangenheit
3. Kirche im Einheitsprozeß - der Abschied vom Bund, die Vereinigung mit der EKD und der Beitritt zur VELKD
3.1. Von der „Loccumer Erklärung“ bis zur Synode vom 15.-17.3.1990
3.2. Synodaltagung vom 1.-4.11.1990
3.3. Die „dramatischen“ Synodaltagungen im März und November 1991
3.4. Die Synodaltagung vom 12.-15.3.1993
3.5. Thesen zur ekklesiologischen Bedeutung der Vereinigung mit der EKD und des Beitritts zur VELKD
4. Kirche und die Diskussion um Frieden, Krieg und „Seelsorge an Soldaten“
4.1. Vorgeschichte
4.2. Die Synoden im Jahr 1990
4.3. Die weitere Entwicklung von 1991 bis 1993
4.4. Thesen zur ekklesiologischen Bedeutung dieser Entwicklung
5. Kirche und geistliches Leben in der Gemeinde - Gemeindeaufbau
5.1. Vor dem „Herbst ´89“
5.2. Nach dem „Herbst ´89“
5.3. Thesen zur ekklesiologischen Relevanz dieser Entwicklung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Weg der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs in der Umbruchsphase von 1989 bis 1993. Ziel ist es, den Transformationsprozess der Kirche aus der Perspektive ihrer Leitungsorgane (Synode, Landesbischof, Kirchenleitung) anhand von Verlautbarungen und Diskussionsprozessen zu analysieren und deren ekklesiologische Bedeutung kritisch einzuordnen.
- Strukturelle Anpassung und Finanzierungsmodelle (neues Kirchensteuerabzugsverfahren).
- Umgang mit der kirchlichen Stasi-Vergangenheit und Aufarbeitung.
- Kircheneinheit durch den Abschied vom Bund und den Beitritt zur EKD/VELKD.
- Friedensethik und die Diskussion um die Seelsorge an Soldaten.
- Perspektiven für den Gemeindeaufbau und die Rolle von Laien in der Kirche.
Auszug aus dem Buch
2.6.1. Über das Donatistische Schisma 311-411 und die Stasi-Debatte
Die Alte Kirche wurde schwer geprüft, weil es in Zeiten der Bedrängung immer Glieder der Kirche gab, die mit den „Verfolgern“ zusammenarbeiteten (s.o.). Wie sollte mit den „Lapsi“ (die „gefallen“ waren) und den „Traditoren“ (die, die heiligen Schriften ausgeliefert haben), die unter Druck schwach geworden waren, umgegangen werden? Darüber gerieten die Rigoristen und die Laxisten in Streit, der schließlich in einem Schisma endete. Dieser kirchengeschichtliche Exkurs soll die Brisanz der gegenwärtigen Stasi-Debatte nicht relativieren, sondern zeigen, dass bestimmte Problemkonstellationen sich durch die ganze Geschichte der Kirche ziehen. Die Grundfrage lautet: Wie ist damit umzugehen, dass in der sanctorum communio Menschen sind, die man als Glieder am Leib Christi erlebt hat, denen man vertraut und mit denen man zusammengearbeitet hat - und die sich jetzt als „Vertrauensbrüchige“ erwiesen haben?
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einführung: Die Einleitung beleuchtet den Anpassungsdruck der Landeskirche im Zuge der Wiedervereinigung und stellt die Forschungsfragen zur kirchlichen Identität und Struktur.
1. Kirche und Geld - das neue Kirchensteuerabzugsverfahren: Dieses Kapitel analysiert die Einführung des staatlichen Kirchensteuerabzugs als Entscheidung für das Volkskirchenmodell und die damit verbundenen internen Spannungen.
2. Kirche und Vergangenheit - die Aufarbeitung der Stasi-Belastung: Der Abschnitt dokumentiert den schwierigen Prozess der innerkirchlichen Auseinandersetzung mit Stasi-Verstrickungen und die Suche nach einem seelsorgerlich vertretbaren Umgang mit Tätern und Opfern.
3. Kirche im Einheitsprozeß - der Abschied vom Bund, die Vereinigung mit der EKD und der Beitritt zur VELKD: Hier wird der organisatorische und identitätsstiftende Wandel der Kirche im Einigungsprozess der deutschen Staaten beschrieben.
4. Kirche und die Diskussion um Frieden, Krieg und „Seelsorge an Soldaten“: Das Kapitel behandelt den Wandel von einer pazifistisch geprägten Tradition zu einer neuen Rolle der Kirche in der Militärseelsorge.
5. Kirche und geistliches Leben in der Gemeinde - Gemeindeaufbau: Abschließend wird das strukturelle Defizit beim Gemeindeaufbau und die mangelnde Einbeziehung von Laien in den Verkündigungsdienst analysiert.
Schlüsselwörter
Mecklenburgische Landeskirche, Stasi-Aufarbeitung, Kirchensteuerabzugsverfahren, Wiedervereinigung, EKD, VELKD, Friedensethik, Seelsorge an Soldaten, Volkskirche, Gemeindeaufbau, Laienarbeit, Ekklesiologie, Transformationsprozess, Identitätswandel, Bund Evangelischer Kirchen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Weg der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs von 1989 bis 1993, insbesondere die institutionellen und strukturellen Veränderungen nach der deutschen Wiedervereinigung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Kirchenfinanzierung, der Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit, dem Beitritt zu EKD und VELKD, friedensethischen Fragen zur Seelsorge an Soldaten sowie dem Gemeindeaufbau.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist, den Umbruchsprozess der Kirche aus der Perspektive ihrer Leitungsorgane nachzuzeichnen und ekklesiologische Thesen für das Selbstverständnis der Kirche zu formulieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer quellenkritischen Analyse kirchlicher Drucksachen, Protokolle der Synoden sowie einer Einordnung in kirchengeschichtliche und ekklesiologische Kontexte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in fünf Themenkomplexe, die jeweils die Entscheidungsprozesse in den Synoden darstellen und durch ekklesiologische Thesen kritisch bewerten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Transformationsprozess, Volkskirchenmodell, Stasi-Aufarbeitung, Identitätswandel und Friedensethik.
Wie bewertet der Autor den Umgang mit der Stasi-Vergangenheit?
Der Autor sieht in der Aufarbeitung einen ernsthaften, wenn auch spannungsreichen Versuch, der Vergangenheit nicht auszuweichen, wobei er jedoch kritisch anmerkt, dass die Opfer teilweise weniger Aufmerksamkeit erhielten als der Wunsch nach organisatorischer Konsolidierung.
Wie beurteilt die Arbeit den Beitritt zur VELKD?
Der Beitritt wird als Ergebnis eines komplexen Entscheidungsprozesses gewertet, der sowohl den Wunsch nach kirchlicher Einheit als auch den Verlust einer eigenständigen, im "Bund" gewachsenen Identität widerspiegelt.
- Quote paper
- Michael Fricke, Dr. (Author), 1994, Der Weg der Kirche in Mecklenburg von 1989 bis 1993, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6834