Sozialkapital und Soziale Partizipation - Schwund oder Wandel in der BRD?


Seminararbeit, 2002

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Das Konzept des Sozialkapitals
2.1.) Definition
2.2.) Komponenten des Sozialkapitals
2.2.1.) Soziales Vertrauen
2.2.2.) Werte und Normen
2.2.3.) Soziale Netzwerke
2.3.) Verschiedene Formen des Sozialkapitals
2.4.) Sozialkapital zur Lösung von sozialen Dilemmata
2.5.) Förderungsmöglichkeiten zur Bildung von Sozialkapital

3 Gesellschaftliche Vereinigungen und die Bildung von Sozialkapital
3.1. Soziale Partizipation in Deutschland – Rückgang oder Wandel?
3.2. Gründe für oder gegen Engagement und die Bildung von Sozialkapital
3.3. Soziale Partizipation und Kirche

4 Kritik und Ausblick

Literaturverzeichnis

Sozialkapital und soziale Partizipation -

Schwund oder Wandel in der BRD?

1 Einleitung

Das Ende der Solidarität wird seit einigen Jahren von Politik- und Sozialwissenschaftlern, sowie von führenden Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft genauso prognostiziert wie eine Gesellschaft der Individualisten und Egoisten. Sogar von einem „egoistischen Hyperindividualismus“ (Heitmeyer, zitiert nach Braun 2001:345) ist die Rede. Zurückgeführt werden diese vermeintlichen Entwicklungen stetst auf den Rückgang des sozialen Engagements der Bevölkerung und dem geringeren Interesse an gemeinschaftlichen Themen. Selbst für die aufkommende Politikverdrossenheit vieler Bürger wird die Ursache in dem Fall des Sozialkapitals gesehen. Auch wenn eine andere Seite einen solchen Niedergang des sozialen Engagements nicht entdeckt, sondern auf neue Formen verweist (Offe 1999: 113), so gilt das soziale Kapital doch als „Kitt der Gesellschaft“, sozusagen als Patentrezept, um eine solche Entwicklung rechtzeitig stoppen zu können (Braun 2001: 347).

Bevor aber eine Diskussion über Stellenwert und Wirkung des Sozialkapitals sinnvoll geführt werden kann, muss untersucht werden, was Sozialkapital überhaupt ist und wie sich diese Größe zusammensetzt. Dies werde ich im ersten Teil meiner Hausarbeit versuchen. Anschließend werde ich meine Betrachtung auf die wichtigste Komponente des sozialen Kapitals, die Beteiligung in sozialen Vereinigungen in der Bundesrepublik, konzentrieren, um zu analysieren, inwiefern sich eine solche Partizipation auf das Sozialkapital und damit auf die Gesellschaft auswirkt. Dabei werde ich die religiöse Teilnahme besonders betrachten, da sie Thema des Seminars war und als Sonderform gelten kann. Am Ende werde ich schließlich versuchen, die Kritik am Konzept des Sozialkapitals herauszuarbeiten und zu prüfen, wie es um den Bestand des Sozialkapitals in Deutschland steht.

2 Das Konzept des Sozialkapitals

2.1.) Definition

Bereits im Jahre 1916 vertrat der Gesellschaftsreformator Lyda Judson Hanfian die Auffassung, dass soziales Kapital für die Demokratie, ihren Erhalt und ihre Entwicklung, unentbehrlich sei. Er verstand dabei unter Sozialkapital „jene greifbaren Eigenschaften, auf die es im Alltag der Menschen am meisten ankommt, nämlich guter Wille, Gemeinschaftsgeist, Mitgefühl und geselliger Austausch zwischen den Einzelnen und den Familien“ (Putnam 2001:16, 17). Nur durch diese Fähigkeiten könne der Mensch private Vorteile erzielen und gleichzeitig die Gemeinschaft allgemeine Verbesserungen erreichen.

Damit hatte Hanifan schon die wichtigsten Merkmale des von ihm eingeführten Begriffes genannt und auch wenn seinen Ideen kurzfristig keine große Aufmerksamkeit zu Teil wurden, so wurde der Begriff des Sozialkapitals vor allem im letzten Jahrzehnt doch noch zu einem prägenden Thema. Vor allem die Untersuchungen von Robert D. Putnam, Pierre Bourdieu und James Coleman haben große Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Dabei wurden zwar unterschiedliche Ansätze entwickelt, doch gemeinsam ist allen die Vorstellung, dass es in der Gesellschaft soziale Netzwerke gibt, die das Vertrauen zu anderen Menschen fördern und in denen bestimmte Tugenden erlernt werden können, die dann auch Auswirkungen auf die Umwelt außerhalb dieser Netzwerke haben (Offe 1999 : 114). So würden die Transaktionskosten gesenkt, weil die Zusammenarbeit nicht erzwungen werden muss, sondern freiwillig geschieht und außerdem würde dadurch die Effizienz einer Gesellschaft erhöht, wie Putnam anhand einer Untersuchung italienischer Verwaltungsinstitutionen belegte (Putnam 1993).

Putnam definiert soziales Kapital in diesem Sinne als „features of social organization, such as trust, norms, and networks, that can improve the efficiency of society by facilitating coordinated actions” (Putnam, zitiert nach van Deth 2002 : 577). Es spielen also drei Komponenten eine wichtige Rolle bei der Produktion von Sozialkapital, die genauer betrachtet werden sollten (siehe Kapitel 2.2.).

Beeinflusst wird das Sozialkapital durch mehrere Faktoren. Hierzu zählen staatliche, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen wie Migration, technische Innovationen und Kriege. Aber auch der Staat hat einen gewissen Einfluss, da er die Bildung von Sozialkapital fördern kann. Genauso spielen der soziodemographische Wandel und das Vorhandensein von Verbänden und freiwilligen Vereinigungen eine Rolle, was ich im nächsten Kapitel darstellen werde (Putnam 2001 : 34-39).

2.2.) Komponenten des Sozialkapitals

Wie bei der Definition Putnams bereits eindeutig erkennbar ist, besteht das soziale Kapital aus drei wesentlichen Bestandteilen: Dem sozialen Vertrauen, Werten und Normen und sozialen Beziehungen bzw. Netzwerken. Inwiefern diese drei Bereiche soziales Kapital produzieren und miteinander zusammenhängen, soll hier untersucht werden.

2.2.1.) Soziales Vertrauen

Das Vertrauen ist für Putnam „the touchstone of social capital“ (Putnam 2000 : 52). Es ist also eine wichtige Voraussetzung für die Produktion von sozialem Kapital. Denn ein Mensch A ist nur bereit, etwas für einen anderen (B) zu tun, wenn er sich darauf verlassen kann, dass B auch später etwas für A tun wird (Gabriel et. al. 2002 : 26). Dies ist nur möglich, wenn man davon überzeugt ist, dass der andere vertrauenswürdig ist, d.h. das entgegengebrachte Vertrauen nicht ausnutzt, sondern sich an den gleichen oder ähnlichen Normen orientiert. Die Einschätzung des anderen fällt dabei um so leichter, je mehr man über dessen Verhalten in der Vergangenheit und seine momentane Lage weiß (Haug 1997 : 20). Trotzdem ist Vertrauen immer mit einem gewissen Risiko verbunden, da man sich nie sicher sein kann, dass der andere seine Verpflichtungen auch wirklich erfüllt (Gabriel et. al. 2002 : 53) und man nicht die Möglichkeit hat, die Gegenleistung einzuklagen (Haug 1997 : 21).

Soziales Vertrauen ist aber nicht nur Voraussetzung für soziales Engagement und die Mitwirkung in Organisationen, sondern ergibt sich auch daraus. Denn gerade in Vereinigungen wird durch die Zusammenarbeit mit anderen Menschen Vertrauen gebildet, indem durch das Kennen lernen der anderen das Risiko verringert wird, eine „Investition“ zu tätigen und später keine Gegenleistung zu bekommen (van Deth 2002 : 578). Es ist also nicht ganz klar definiert, ob Vertrauen nun Produktionsfaktor für Sozialkapital ist oder Teil dieser Größe.

Unterschieden wird soziales Vertrauen erstens nach seinem Geltungsbereich. Danach gibt es das „thick trust“, d.h. das Vertrauen zu Familienmitgliedern und Freunden und das „thin trust“, das zu fremden Personen besteht (Gabriel et. al. 2002 : 56). Zweitens kann man das Vertrauen in eine „schwache Version“ und eine „starke Version“ unterteilen. Erstere bedeutet, dass ein Mensch weder Furcht noch Misstrauen einer anderen Person entgegenbringt. Die „starke Version“ existiert bei Menschen, die der Überzeugung sind, dass „die meisten Menschen umgänglich seien und [...] wohlgesonnen“ (Offe/Fuchs 2001: 419) und dass die Kooperation mit anderen Menschen ihnen einen Nutzen bringt. Diese Unterscheidung weist schon auf die Frage hin, ob es sich um interpersonales Vertrauen zwischen einzelnen Individuen handelt oder ob das Vertrauen generalisiert ist und sich damit nicht nur auf kleine Netzwerke, sondern auf die gesamte Gesellschaft bezieht (Haug 1997 : 22). Dieses gesamtgesellschaftliche Vertrauen zeigt sich im Vertrauen der Menschen zu Institutionen oder einem allgemeinen Vertrauen in den größten Teil der Menschheit.

2.2.2.) Werte und Normen

Bereits im vorangehenden Abschnitt wurde deutlich, dass Werte und Normen mit dem sozialen Kapital zusammenhängen, indem sie als Voraussetzung für die Bildung von Vertrauen wirken (Haug 1997 : 26). Auch in der Diskussion um das Sozialkapital wird immer wieder von einem Wertewandel oder gar dem Verfall von Werten gesprochen. Ganz klar ist dabei aber nicht, was Werte sind. Newton definierte sie als „attitudes that predispose citizens to cooperate, trust, understand, and empathize with each other“ (Gabriel et. al. 2002 : 70). Man kann also annehmen, dass es sich dabei um moralische Überzeugungen handelt, die ein soziales Verhalten bewirken. D.h. also, dass Menschen aufgrund bestimmter, gemeinsamer Werte eine „generelle Bereitschaft [... zeigen], für andere zu denken und zu handeln“ (Gabriel et. al. 2002 : 70). Gleichzeitig können Werte auch die Bereitschaft zur Kooperation und zur Einordnung in eine Gemeinschaft hervorrufen. Die wohl wichtigste Norm bei der Bildung von Vertrauen und sozialem Kapital ist die Reziprozitätsnorm. Wie bereits erwähnt, ist ein Mensch eher dazu bereit, mit einem anderen zu kooperieren, wenn er weiß, dass dieser in einer anderen Situation auch mit ihm kooperiert und gegebenenfalls seine Interessen zurück steckt, um einen Kompromiss zu finden (Haug 1997 : 26).

[...]

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Details

Titel
Sozialkapital und Soziale Partizipation - Schwund oder Wandel in der BRD?
Hochschule
Universität Mannheim  (Fakultät für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Proseminar: Demokratie und Religion
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
21
Katalognummer
V68460
ISBN (eBook)
9783638610339
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialkapital, Soziale, Partizipation, Schwund, Wandel, Proseminar, Demokratie, Religion
Arbeit zitieren
Magister Artium Julia Schneider (Autor), 2002, Sozialkapital und Soziale Partizipation - Schwund oder Wandel in der BRD?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68460

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