Individualität, Kreativität und Notwendigkeit in der Fragestellung Richard Shustermans nach der Unterschiedlichkeit zwischen populärer Kunst und hoher Kunst


Hausarbeit, 2002
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Populäre Kunst und hohe Kunst – Richard Shustermans Vergleich
2.1. Kreativität und populäre Kunst
2.2. Individualität und Notwendigkeit – Argumentationsfehler

3. Der Zusammenhang zwischen Kreativität, Individualität und Notwendigkeit
3.1. Herleitung einer erweiterten Fragestellung.
3.2. Erweiterte Fragestellung
3.3. Notwendige Unkreativität durch eingeschränkte Individualität
3.3.1. Der Begriff Notwendigkeit
3.3.2. Kreativität und Individualität.

4. Notwendige Unkreativität in Folge eingeschränkter Individualität als Merkmal
populärer Kunst?
4.1. Thomas Kinkade
4.1.1. Individualität als Bedingung für Kreativität bei Thomas Kinkade
4.1.2. Notwendigkeit bei Thomas Kinkade
4.2. Vergleichbarkeit der These mit der hohen Kunst

5. Übrige Fragen

Im Anhang
1. Abbildungen
2. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aus der Annahme, dass unsere Kultur die Kunst als etwas Schöpferisches und Originelles ansieht und sie mit Experiment und Erneuerung verbindet, schlussfolgert Richard Shusterman[1], dass demnach der „populären Kunst“[2] weltweit Unoriginalität und Monotonie vorgeworfen wird. Für ihn ergibt sich daraus der Anlass, die Kreativität populärer Künste zu hinterfragen um sie zu verteidigen. Letztlich führt er seine Argumentation zu der Schlüsselerkenntnis, populäre Kunst ist von „hoher Kunst“[3] auf Grund dieses Vorwurfs nicht unterscheidbar. Ich kann Shustermans Argumentation nachvollziehen und auch akzeptieren, dass innerhalb ihrer Produktionsstandards und verfolgten Ziele Kreativität möglich ist.

Die sich mir stellende Frage ist aber, ob in der populären Kunst Einfallsreichtum und Kreativität mit Individualität und demnach mit individuellem Ausdruck einhergehen. Ist folglich der Schluss möglich, eine eingeschränkte Individualität habe eine beschränkte Kreativität zur Folge? Letztlich möchte ich selbst auf den vierten Vorwurf gegen die populäre Kunst reagieren und klären, ob der Aspekt der Kreativität in Verbindung mit Individualität für einen Vergleich zwischen populärer und hoher Kunst herangezogen werden kann.

2. Populäre Kunst und Hohe Kunst - Richard Shustermans Vergleich

Ist populäre Kunst auf Grund ihrer Ziele, Absichten und ihres Vorgehens bei der Produktion „notwendigerweise“[4] unkreativ? Mit dieser kritischen Fragestellung beschäftigt sich Richard Shusterman im Kapitel Vorwürfe gegen die populäre Kunst in seinem Buch Kunst Leben - Ästhetik des Pragmatismus, mit dem Ziel, die hohe Kunst und ihr Gegenstück[5], die populäre, in Einklang zu bringen.

Zunächst möchte ich Shustermans Argumentation in ihrem Prinzip verfolgen, um im Anschluss die Begriffe Individualität, Kreativität und Notwendigkeit sowie ihre Bedeutung zueinander besser deuten zu können. Dabei stelle ich zwei wesentliche Argumentationsfehler fest, welche mich zu einer erweiterten Fragestellung führen.

2.1. Unkreativität und populäre Kunst

Richard Shusterman bezieht Stellung zu jenen Philosophen[6], welche die populäre Kunst und die hohe Kunst kritisch voneinander trennen und entscheidende Diskrepanzen zwischen ihnen feststellen. Im vierten Abschnitt des Kapitels greift er die Aspekte Unoriginalität und Monotonie heraus[7], die angeblich für eine Unkreativität der populären Künste sprechen. Shusterman stellt zwei wesentliche Überlegungen an, welche, seiner Meinung nach, zur Behauptung, „die populäre Kunst sei notwendigerweise unkreativ“[8], irrtümlich führen, und er leitet ferner ab, die Produktionsmerkmale populärer Kunst, wie „Standardisierung“[9] und „Technologie“[10] sowie das Unterhalten eines „großen Publikums“[11], „[...] können auch populäre Werke nicht von denen der hohen Kunst trennen“[12]. Während seiner Gegenargumentation stützt sich Shusterman lediglich auf den Ausdruck Kreativität bezüglich des Kunstschaffens: Das Kreative steht auch bei den populären Künsten seiner Meinung nach nicht im Widerspruch zu ihren Prinzipien[13], sondern gelangt ebenso, wie bei den hohen Künsten zu einer freien Entfaltung. Populäre Kunst ist damit ebenso kreativ wie hohe und der Vorwurf von notwendiger Unoriginalität und Monotonie ist nicht tragbar.

Dieser Argumentationsverlauf funktioniert nur, wenn Shusterman den Begriff Individualität bei der Diskussion über Kreativität nicht berücksichtigt. Denn nur so lässt sich der Rückschluss ziehen, Einfallsreichtum verbinde hohe mit populärer Kunst. Welche Aspekte ergeben sich, wenn man beide Kriterien verbindet? Und andererseits stellt sich mir die Frage, ob ebenso bei der hohen Kunst die Rede von Notwendigkeiten bezüglich ihrer Produktionsweisen und Ziele sein kann.

2.2. Individualität und Notwendigkeit - Argumentationsfehler

Die Vorwürfe, welche Shusterman heranzieht, um sie zu widerlegen, beruhen auf einer Verbindung zwischen Kreativität und Individualität, wobei Kreativität nur durch individuellen, „ursprünglichen Ausdruck“[14] möglich ist und deshalb auch „der Wunsch, ein sehr großes Publikum zu unterhalten, unverträglich“ ist „mit dem ursprünglichen Ausdruck des Selbst“[15]. Shusterman bemerkt zu diesem Aspekt - ohne ihn wirklich zu hinterfragen - dass er sich auf einen „fragwürdigen Mythos“[16] des „Individualismus“[17] stützt und distanziert sich im nachfolgenden Text vom Begriff Individualität um allein den Gedanken der Kreativität in der populären Kunst losgelöst vom individuellen Selbstausdruck zu betrachten und um auf ihm aufbauend zu argumentieren. Sicherlich, niemand spricht der populären Künste Kreativität ab, das zeigt auch Shusterman. Aber geht Kreativität auch mit Individualität einher – wenigstens in der hohen Kunst? Kann die Argumentation Shustermans demnach trotzdem funktionieren? Nein. Denn, wenn er populäre Kunst losgelöst vom Individualismus betrachtet, kann er nicht gleichzeitig hohe Kunst ebenfalls davon isoliert zum Vergleich heranziehen um daraus eine Synthese[18] beider Kunstniveaus[19] zu schlussfolgern. Denn der Zusammenhang zwischen der Individualität des Kunstschaffenden und der Kreativität in der hohen Kunst ist schließlich gemäss den drei, im Text erwähnten Überlegungen, Basis für den Vorwurf.

Des Weiteren ist im vierten Vorwurf gegen die populäre Kunst die Rede von Notwendigkeit. Aber auch hier betrachtet Shusterman den Begriff nur einseitig, beschränkt ihn auf Produktionsprinzipien und Motive im Bereich der populären Kunst und zieht keine Verbindung zur Bedeutung des Wortes in der hohen Kunst. Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob in der hohen Kunst von den gleichen Erfordernissen bezüglich Kreativität gesprochen werden kann, von denen auch in der populären Kunst die Rede ist. Wenn in der hohen Kunst eine Verbindung zwischen Individualität und Kreativität erwähnt wird, dann muss auch der Aspekt der Notwendigkeit im Bezug zu ihr beleuchtet werden. Richard Shustermans Argumentation ist folglich nicht objektiv genug, weil er wichtige Gesichtspunkte unterläuft.

3. Der Zusammenhang zwischen Kreativität, Individualität und Notwendigkeit

3.1. Herleitung einer erweiterten Fragestellung

Zieht man nun der Überlegung, populäre Kunst sei auf Grund ihrer Produktionsweisen und angestrebten Ziele unkreativ, die Verbindung von Kreativität mit Individualität hinzu, wie es in dem Vorwurf, gemäß Shustermans Angaben, lautet, ergibt sich eine neue Sichtweise.

Shusterman erwähnt Rosenberg[20], der vorwirft, „Standardisierung“[21] und „technologische Produktion“[22] schließen Kreativität aus, weil sie der Individualität Grenzen setzen. Der Begriff Kreativität tritt mit Individualität - in seinem Vorwurf gegen die populäre Kunst - in direkten Bedeutungszusammenhang. Außerdem ist MacDonald[23] der Auffassung, dass die Entscheidung eines einzelnen Künstlers bei der Gruppenproduktion keine Relevanz haben kann und damit ein individuell künstlerischer „Ausdruck des Selbst“[24] ausgeschlossen wird, zugunsten eines „Durchschnittsgeschmacks“[25] des Zielpublikums, wie Van den Haag meint, den die populäre Kunst anspricht. Hier wird auch die direkte Kopplung zwischen Individuum und Kreation im Vorwurf deutlich. Shusterman kann sich dieser Einheit nicht verschließen und sollte darauf aufbauend argumentieren, um seinen Vergleich plausibel zu gestalten.

3.2. Erweiterte Fragestellung

Die sich neu ergebende Fragestellung muss also lauten: Ist die populäre Kunst auf Grund ihrer eingeschränkten Individualität, hervorgerufen durch Produktionstechniken und gezielte Publikumsorientierung, notwendigerweise unkreativ? Es erlaubt sich die Schlussfolgerung nach dem Problem notwendiger Unkreativität, verursacht durch eingeschränkte Individualität, als Merkmale für populäre Kunst. Das ist die eigentliche Fragestellung, die aus den beschriebenen Vorwürfen resultiert und bezugnehmend auf die hohen Künste betrachtet werden muss, um sie einem Vergleich zu unterziehen..

[...]


[1] Zeitgenössischer amerikanischer Philosoph, pragmatische Philosophie

[2] Den Begriff Populäre Kunst übernehme ich als Basis für meine Überlegungen aus dem Buch Richard Shustermans Kunst leben – Ästhetik des Pragmatismus. Eine Hinterfragung des Begriffs soll hier nicht zum Thema erhoben werden, obwohl ich es generell für sinnvoll erachte um darauf aufbauen zu können. Auf Grund einer besseren Lesbarkeit, werde ich die Anführungsstriche im Folgenden weglassen.

[3] Hohe Kunst übernehme ich ebenfalls als Basis für meine Hausarbeit aus dem Buch Kunst leben – Ästhetik des Pragmatismus. Auf Grund einer besseren Lesbarkeit, werde ich die Anführungsstriche im Folgenden weglassen.

[4] Fischer Taschenbuch: Richard Shusterman – Kunst leben – Ästhetik des Pragmatismus (1994), Seite 138

[5] Ich spreche hier von Gegenstück, da der im Text dargestellte Vorwurf eine Gegenteiligkeit der beiden Künste impliziert. Populäre Kunst ist demnach unkreativ, während hohe durchaus Merkmale der Kreativität besitzt.

[6] gemeint sind u.a. T.S.Eliot, Adorno, Horkheimer, Löwenthal, Rosenberg, MacDonald und Van den Haag

[7] Richard Shusterman macht nicht exakt deutlich, wer diese Meinung vertritt – wahrscheinlich meint er einen allgemeinen, öffentlichen Standpunkt. Vgl. Fischer Taschenbuch: Richard Shusterman – Kunst leben – Ästhetik des Pragmatismus (1994), Seite 137/38

[8] Fischer Taschenbuch: Richard Shusterman – Kunst leben – Ästhetik des Pragmatismus (1994), Seite 138

[9] ibid.

[10] ibid.

[11] ibid.

[12] ibid.

[13] gemeint sind Gruppenproduktion und das Erreichen von großem Publikum

[14] Fischer Taschenbuch: Richard Shusterman – Kunst leben – Ästhetik des Pragmatismus (1994), Seite 138

[15] ibid.

[16] ibid.

[17] ibid.

[18] Shusterman hebt die Trennung zwischen populärer und hoher Kunst auf. Deshalb möchte ich hier von Synthese sprechen, denn, wenn sie nicht mehr unterschieden werden können, sind sie meiner Meinung nach ein undifferenzierbares Ganzes.

[19] Hier beschreibe ich das Gefälle zwischen populärer und hoher Kunst mit Niveaus, da die Unterschiedlichkeit der beiden Künste in der öffentlichen Meinung an der Verschiedenheit eines kreativen Wertes festgemacht werden.

[20] Vgl.: Fischer Taschenbuch: Richard Shusterman – Kunst leben – Ästhetik des Pragmatismus (1994), S. 138

[21] ibid.

[22] ibid.

[23] ibid.

[24] ibid.

[25] Vgl.: Fischer Taschenbuch: Richard Shusterman – Kunst leben – Ästhetik des Pragmatismus (1994), S. 142

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Individualität, Kreativität und Notwendigkeit in der Fragestellung Richard Shustermans nach der Unterschiedlichkeit zwischen populärer Kunst und hoher Kunst
Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Dresden  (Philosophie)
Veranstaltung
Seminar Richard Shusterman - Ästhetik des Pragmatismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
14
Katalognummer
V6848
ISBN (eBook)
9783638143271
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ästhetik, Individualität, Kreativität, Notwendigkeit, Richard Shustermans, hohe Kunst, Unkreativität, populäre Kunst, Pragmatismus, pragmatische Philosophie
Arbeit zitieren
Matthias Haase (Autor), 2002, Individualität, Kreativität und Notwendigkeit in der Fragestellung Richard Shustermans nach der Unterschiedlichkeit zwischen populärer Kunst und hoher Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6848

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