Seit dem 11.09.2001 vergeht kaum eine Woche, in der man nicht von neuen terroristischen Anschlägen durch islamistische Terrornetzwerke hört: seien es die Anschläge in London, Ägypten, Madrid, Bali oder Moskau. Es stellt sich die Frage, welche Ziele der islamische Fundamentalismus mit diesen Anschlägen verfolgt. Glaubt man verschiedenen Terrorexperten, so ist das Ziel ein fundamentalistischer, islamischer Gottesstaat (Kalifat), wie ihn die Mujaheddin in Teilen Afghanistans in der Zeit zwischen 1994 bis 2001 verwirklicht zu haben glaubten. In dieser Arbeit soll darauf eingegangen werden, inwieweit das Phänomen „Islamischer Fundamentalismus“ mit Begriffen und Denkweisen Hannah Arendts erklärt und interpretiert werden kann. Auch will ich versuchen, die Terroranschläge islamistischer Netzwerke mit der Rolle des Terrors in Hannah Arendts Betrachtungsweise in Verbindung zu setzen. Es soll darüber hinaus dargelegt werden, dass der islamistische Fundamentalismus mit diesem „Gottesstaat“ das Ziel einer totalen Herrschaft vor Augen hat, so wie die von Arendt dargestellten Erscheinungsformen totaler Herrschaft, nämlich der Nationalsozialismus der Jahre 1933 bis 1945 und den Stalinismus in den Jahren von 1929 bis 1941 und danach wieder von 1945 bis 1953 2 . Es sollen jedoch auch die Unterschiede zwischen Hannah Arendts Theorie der totalen Herrschaft mit dem Phänomen des islamischen Fundamentalismus aufgezeigt werden. Das Anliegen, das Hannah Arendt mit ihren Überlegungen zur totalen Herrschaft verfolgt, ist es, ein „politische(s) Beurteilungskriterium“ in die Hand zu bekommen, mit dem die Ereignisse der Gegenwart danach beurteilt werden können, „ob sie einer to- 3 talitären Herrschaft dienen oder nicht“. Dem folgend sollen die Untersuchungen Hannah Arendts, mit denen sie die totalitären Systeme Deutschlands von 1933 bis 1945 und den Stalinismus in den Jahren von 1929 bis 1941 und danach wieder von 1945 bis 1953 beleuchtete, den Entwicklungen des islamischen Fundamentalismus gegenübergestellt werden und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden.
Inhaltsverzeichnis
Forschungsstand
Fragestellung
Methode
Antisemitismus
Herleitung von Recht und Gesetz
Die Rolle des Terrors
Antilegalismus - Bürokratie
Bewegung - Strukturlosigkeit
Zusammenfassung - Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit der islamische Fundamentalismus mithilfe der Begriffe und Denkweisen Hannah Arendts – insbesondere ihrer Theorie zur totalen Herrschaft – erklärt und interpretiert werden kann. Dabei wird analysiert, ob Parallelen zwischen den Zielen islamistischer Netzwerke und den Strukturen totalitärer Regime des 20. Jahrhunderts bestehen.
- Anwendung von Hannah Arendts Totalitarismustheorie auf den islamischen Fundamentalismus
- Analyse der Rolle von Antisemitismus und ideologischer Rechtfertigung
- Untersuchung des Verhältnisses von göttlichem Gesetz zu positivem Recht
- Vergleich der Terrorfunktion und struktureller Merkmale von Bewegungen
- Diskussion der Bedeutung von „islamischer Avantgarde“ und Kaderstrukturen
Auszug aus dem Buch
Die Rolle des Terrors
So wie in der (positiven) Gesetzesherrschaft mit Hilfe des positiven Rechts das ius naturale oder die religös-historische Stimme des Gewissens verwirklicht wird, benutzt lt. Arendt die totale Herrschaft den Terror, um das Gesetz der Geschichte oder das Gesetz der Natur durchzusetzen. Ein politischer Körper, der auf der Notwendigkeit der Natur und der Geschichte aufgebaut wird, verdrängt nach Ansicht Hannah Arendts die menschliche Freiheit aus dem politischen Raum. An die Stelle der Freiheit tritt das Gezwungen-Werden von Geschichte und Natur, das somit zur Grundlage dieses totalitären politischen Körpers wird.
Dieser Zwang wird in totalitären Systemen vom Terror ausgeübt, er ist somit nicht "Mittel zu einem Zweck, sondern die ständig benötigte Exekution der Gesetze natürlicher oder geschichtlicher Prozesse". Der totalitäre Terror würde Individuen und Menschen ausscheiden, als stünden sie den „Prozessen von Natur und Geschichte im Wege, denen die Bahn freigemacht werden müsste“. Das Wesen des Terrors ist es, dass er vor niemandem Halt macht, der diesen Notwendigkeiten von Natur und Geschichte entgegensteht. Terror, der hauptsächlich von der Polizei ausgeübt werde, diene dazu, diese Fiktion von der Notwendigkeit von Natur und Geschichte zu verwirklichen. Dieses Wesen des Terrors würde besonders in dem Sprichwort „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ zu Tage treten.
Zusammenfassung der Kapitel
Forschungsstand: Die Arbeit stellt fest, dass es trotz zahlreicher Publikationen zum islamischen Fundamentalismus kaum wissenschaftliche Literatur gibt, die den Begriff des Totalitarismus fundiert im Sinne Hannah Arendts anwendet.
Fragestellung: Es wird untersucht, inwieweit die Ziele des islamischen Fundamentalismus und die Rolle des Terrors in islamistischen Netzwerken mit Arendts Betrachtungsweise totalitärer Herrschaft in Verbindung gesetzt werden können.
Methode: Die Arbeit basiert auf einer Textanalyse, die Hannah Arendts Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ sowie relevante Sekundärliteratur heranzieht.
Antisemitismus: Das Kapitel analysiert den Antisemitismus als ideologisches Element sowohl im historischen europäischen Totalitarismus als auch in der Argumentation islamistischer Vordenker.
Herleitung von Recht und Gesetz: Hier wird der Gegensatz zwischen menschlicher Souveränität und göttlichem Gesetz (Shari’a) herausgearbeitet, das von Fundamentalisten als absolut gesetzt wird.
Die Rolle des Terrors: Es wird dargelegt, wie der Terror in totalitären Systemen als notwendige Exekution von geschichtlichen oder göttlichen Gesetzen dient und jegliche Freiheit vernichtet.
Antilegalismus - Bürokratie: Das Kapitel vergleicht die bürokratischen Strukturen totalitärer Regime mit der religiösen Führungselite des Taliban-Regimes in Afghanistan.
Bewegung - Strukturlosigkeit: Hier wird das Konzept der „Bewegung“ analysiert, die durch ständige Dynamik und Zellenstrukturen eine unkontrollierbare Machtausübung ermöglicht.
Zusammenfassung - Ausblick: Das Fazit zieht eine Parallele in den Zielen, warnt jedoch vor einer Gleichsetzung des islamistischen Terrors mit dem industriellen Massenmord des Nationalsozialismus und plädiert für einen interkulturellen Dialog.
Schlüsselwörter
Islamischer Fundamentalismus, Hannah Arendt, Totale Herrschaft, Totalitarismus, Terror, Jihad, Antisemitismus, Islamische Avantgarde, Shari’a, Ideologie, Bewegung, Strukturlosigkeit, Al-Quaida, Gottesstaat, Taliban
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem islamischen Fundamentalismus und Hannah Arendts Theorie der totalen Herrschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Ideologiebildung, der Rolle des Terrors, der Ablehnung des positiven Rechts zugunsten göttlicher Gesetze sowie der Organisationsstruktur extremistischer Bewegungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu ergründen, ob und wie die Begriffe von Hannah Arendt dazu beitragen können, das Phänomen „islamischer Fundamentalismus“ und die Strategien islamistischer Netzwerke besser zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor verwendet die Methode der Textanalyse, wobei er Arendts Kernwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ mit aktuellen Publikationen zum islamistischen Diskurs vergleicht.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Untersuchung im Fokus?
Im Hauptteil werden unter anderem der Antisemitismus, die Herleitung von Recht und Gesetz, die Funktion des Terrors, die Rolle der Bürokratie und der Bewegungscharakter fundamentalistischer Gruppen diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten über Begriffe wie Totalitarismus, Islamischer Fundamentalismus, Terror, Ideologie und die politische Theorie Hannah Arendts erschließen.
Inwieweit spielt der „Jihad“ eine Rolle in Arendts Totalitarismustheorie?
Der Autor setzt den Jihad funktional mit dem Terror in totalitären Systemen gleich, da er ebenfalls der Beseitigung jeglichen Widerstandes gegen ein absolut gesetztes Gesetz (hier: Gottes Gesetz statt Naturgesetz) dient.
Was unterscheidet laut Autor die Taliban-Herrschaft von anderen totalitären Systemen?
Obwohl es inhaltliche Parallelen zur totalitären Herrschaft gibt, betont der Autor, dass die Effektivität des Taliban-Regimes bei der Organisation von Massenmord und Deportationen nicht mit der industriellen Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten vergleichbar ist.
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- Franz Steger (Author), 2005, Islamischer Fundamentalismus = dritte Form totaler Herrschaft?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68525