Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit. Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion


Diplomarbeit, 2006
166 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ziele und Fragen
1.2 Die Kapitel im Überblick

2. Annäherung an den Intersectionality-Ansatz
2.1. Intersectionality - Eine Theorieperspektive zu Race, Class, Gender?
2.1.1 Was bedeutet Intersectionality?
2.1.2 Unterschiedliche theoretische Herangehensweisen und soziologische Ebenen
2.1.3 Terminologische Diskussion zu Race, Class, Gender
2.1.3.1 Race - Rassismus und Sexismus
2.1.3.2 Ethnizität - Ethnische Gruppe - Nationaler Bezugsrahmen
2.1.3.3 Gender zwischen Differenz und Ungleichheit
2.1.3.4 Class - Klassische Ungleichheitsforschung - Gender and Class Debate

3. Black Feminist und Women of Color zu den Ursprüngen in den USA
3.1 Geschichtliche Rückblicke - Zeitliche Kontextualisierung
3.2 Auswahl von Autorinnenbeiträgen zum Intersectionality-Ansatz
3.2.1 Das Combahee River Collective: „neither solely racial nor solely sexual“..
3.2.2 Patricia Hill Collins - Wissenschaftskritik schwarzer Forscherinnen
3.2.3 Kimberlé Crenshaw: Politik u. Rechtsprechung im Zeichen v. Intersectionality.
3.4 Zusammenfassungen der „Autorinnenschau“ in den USA

4. Diskurse über Intersektionalität von Geschlecht und Ethnie in Deutschland
4.1 Intersectionality oder Multiaxialität in der deutschen Diskussion? .
4.2 Auswahl der Autorinnenbeiträge: Nationalkonstruktion und „Gastarbeit“
4.2.1 FeMigra: Soziale Differenzen unter Frauen
4.2.2 Sedef Gümen: Nationalstaatlichkeit - „Ausblendung“ und „Besonderlichung“.. Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion
4.2.3 Encarnación Gutiérrez Rodríguez: Postkoloniale Kritik u. Kontextualisierung.
4.3 Zusammenfassungen der „Autorinnenschau“ in Deutschland

5. Zusammenschau: Felder der Rezeption von Race, Class, Gender
5.1 Themenkreise - Standpunkte und Perspektiven
5.1.1 US-amerikansiche Diskussion
5.1.2 Deutsche Diskussion
5.2 Lücken in der Intersectionality- Forschung
5.3 Weiterführendes und Fazit zur intersektionellen Forschung

Literaturverzeichnis

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Tab. 1: Differenzierung von Ansätzen zur sozialen Komplexität nach Leslie McCall...23

Tab. 2: Mikro-, Meso-, Makroebene soziologischer Theorieansätze 25

Abb. 1: Figur zur Beschreibung gesellschaftlicher Ungleichheiten 150

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Während meines Aufenthalts in Mexiko machte ich die Beobachtung, dass Arbeitgeber der exportorientierten Maquila-Industrie1Personal v.a. nach dem Geschlecht und nach der ethnischen Zugehörigkeit in prekäre Arbeitsverhältnisse rekrutieren. Der Lohn wird im Süden Mexikos noch weiter nach unten gedrückt, da hier überwiegend Menschen indigener Gruppen leben und im ganzen Land ist der Faktor Geschlecht gleich auch ein Lohnfaktor. Frauen verdienen weniger für vergleichbare Arbeit. Im Norden Mexikos gibt es dieses Phänomen prekärer Arbeitsverhältnisse v.a. für Frauen, denn qualifizierte- re und technische Tätigkeiten sind den Männern in der Maquila-Industrie „vorbehalten“. Die ungleiche Behandlung von Menschen wiederfährt Mexikanerinnen in ihrem eigenen Land aber auch in dem reichen Nachbarstaat der USA. Ähnlich werden eingewanderte „Gastarbeiterinnen“ oder Osteuropäerinnen in Deutschland diskriminiert. Aufgrund ihrer ethnischen Herkunft und ihres Geschlechts werden sie in prekären niedrig entlohn- ten Arbeitsverhältnissen beschäftigt.

Auch wenn die Ungleichheiten zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern in ihren Extremen schwanken, zeigen sich diese Formen als weltweites Muster in vielen Beispielen. In Deutschland arbeiten osteuropäische Frauen als saisonale Erntehelferin- nen, türkische und osteuropäische Frauen als Reinigungspersonal oder osteuropäische Männer in Fleischereifabriken jeweils unter schwierigen und ungesicherten Arbeitsver- hältnissen. Weitere Beispiele gäbe es unzählige. Ethnische und geschlechtliche Diffe- renzen transformieren sich in Form der Lohnhöhe und Qualität des Arbeitsverhältnisses zur sozialen Ungleichheit.

Die Ungleichheit, die sich in materiellen ökonomischen Formen manifestiert, wird von ideologischen Diskursen begleitet und gestützt. So ist in Deutschland, wie in anderen Ländern Europas, und vermehrt seit dem 11.September 2001 von mangelnder Integrati- onswilligkeit von MigrantInnen die Rede. Die deutsche Sprache sei der Schlüssel zur Integration und Sanktionen über Sprache werden als Mittel symbolischer Machtaus- Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 5 übung eingesetzt. Zur Zeit gibt es in politischen öffentlichen Diskursen etliche Berichte über Migrantengruppen, die zu Gewalt neigen. Im Mittelpunkt stehen bestimmte soziale und ethnische Gruppen, die als Problemgruppen ausgemacht werden. Ist es also so ein- fach mit der Identifikation der Problemursache? Oder statuiert man an dieser Stelle nicht nur ein Exempel, um von Versäumnissen der deutschen Gesellschaft abzulenken, die zeitlich weiter zurückreichen als die Momentaufnahme? Der alleinige Fokus auf bestimmte Migrationsgruppen blendet den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang und den geschichtlich entwickelten Rahmen der Sozialstruktur und symbolischer Ge- sellschaftsordnung aus. Die Präsentation von und politische Diskurse zu türkischen Be- völkerungsgruppen in Deutschland haben schon lange eine Schieflage, so dass im Pro- zess der Self-fulfilling Prophecy und der fehlenden Umschreibung dieser Gruppen die Abwertungsspirale nach unten losgetreten wird.

Es stellen sich Fragen nach Entstehung, Entwicklung und der Funktion symbolischer und materieller Machtanordnungen. Dieser Zusammenhang von gesellschaftlichen Un- gleichheiten nach Ethnie, Geschlecht und Klasse muss belebt, diskutiert und untersucht werden, um so Diskriminierungen und strukturelle Ungleichheiten verstehen und verän- dern zu können. Dazu brauchen wir eine geeignete Gesellschaftstheorie und Beschrei- bungen, die erfassen, wie Diskriminierungen gleichzeitig über die ethnische Herkunft und die Geschlechtszugehörigkeit entstehen und wie die „deutsche Mehrheitsgesell- schaft“ mit dem scheinbar ethnisch Differenten im Verhältnis steht. Beide „Pole“ des Verhältnisses gehören in die Betrachtung. Bestehende Ansätze mit dem Fokus auf den Verhältnissen ethnischer Gruppen, Geschlechterverhältnissen und Klassenverhältnissen und auf dem Zusammenspiel dieser Konstellationen müssen diskutiert und auf ihre Eig- nung geprüft werden. Auch sollte man sich von den vordergründig politischen Diskur- sen der individuellen „Unfähigkeit“ entfernen und wieder zu einer Diskussion über die gesellschaftliche Verantwortlichkeit zur Bekämpfung von Diskriminierungen gelangen, d.h. auch den „Zeitgeist der Individualisierung und Fragmentierung“ (Klinger 2003) zu überwinden. Die aktuelle gesellschaftliche Herausforderung ist die Wiederbelebung der sozialen Ungleichheitsdiskussion mit neuen Mitteln. Ein reiner Diskurs nach dem Motto der multikulturellen Vielfalt ist unangemessen, da dieser die Tatsache extremer Un- gleichheiten in der Gesellschaft und prekärer Arbeitsverhältnisse ausblendet und die soziale Verantwortung v.a. auf die Subjektebene verlagert hat.

Die vorangegangenen Überlegungen verdeutlichen, dass eine empirisch geleitete Theo- rie sowohl globale als auch nationale und regionale Strukturen von Ungleichheit erfas- Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 6 sen muss. Aus dem folgenden Zitat wird deutlich, dass die politischen Strukturen in die Erfahrungswelten der Subjekte eingelassen sind:

„We know that there is such a thing as racial-sexual oppression which is neither solely racial nor solely sexual, e.g., the history of rape of Black women by white men as a weapon of political repression.” (Combahee River Collective 1982: 16; Hervorh. durch Verf.).

In diesem Auszug des Black Feminist Statement aus dem Jahr 1977 umschreiben schwarze Frauen und Feministinnen des Combahee River Collective ihre Erfahrung gleichzeitiger Unterdrückung durch Rassismus und Sexismus. Dieser Zusammenschluss politischer Aktivistinnen kritisierten, dass bisherige Gesellschaftstheorien und Sozial- strukturmodelle (z.B. marxistisch orientierte Modelle) die gleichzeitige Überschneidung beider Diskriminierungsformen nicht auszudrücken wissen. Es schließt sich die Frage an, warum Beschreibungen von Gesellschaft und deren Struktur nicht adäquat aufzeigen, wie und nach welchen Kriterien Herrschaft und Unterdrückung bzw. Ungleichheit funk- tionieren. Eine Antwort darauf soll in der vorliegenden Arbeit entwickelt werden. In vorherrschenden Theorien (z.B. klassentheoretischen Ansätzen) werden die sozialen Kategorien wie Race und Gender lediglich angefügt, d.h. simpel addiert. Grundver- schieden zu dem additiven Vorgehen wird der Zusammenhang in der schwarzen Frau- enbewegung in den USA diskutiert. Die Verknüpfung gesellschaftlicher Differenz und Ungleichheit durch Race, Class, Gender2 und die historische Entwicklung von Un- gleichheitsverhältnissen für schwarze Frauen wird in den Mittelpunkt gerückt. Der Kon- text dieser Debatte ist durch die schwarze Bürgerrechtsbewegung und die „wei- ße“ Frauenbewegung seit den 1970er Jahren geprägt, aus denen die schwarze Frauen- bewegung hervorgeht, die sich aber durch ihre differenzierten Erkenntnisse abgrenzt. Es eröffnet sich ein Einblick in die sich überschneidenden Herrschaftsverhältnisse, der un- terschiedlich betitelt wird. Vor allem der Begriff Intersectionality mit der Triade Race, Class, Gender hat sich bis heute durchgesetzt.

Hierzulande wird die Debatte zu Intersectionality insbesondere in der feministischen Migrationsforschung und der interkulturellen Frauen- und Geschlechterforschung rezi- piert und in einer spezifischen Diskussion zu Überschneidungen von Ungleichheiten nach Geschlecht und Ethnie behandelt. Dabei spielen die Migrationshintergründe der Wissenschaftlerinnen eine große Rolle. Der heiß diskutierte Begriff findet neuerdings

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 7 auch eine schnelle Verbreitung in der Menschenrechtspolitik und in der Entwicklungs- zusammenarbeit. Bisher ist laut meiner Recherche kein hinreichendes Theoriefunda- ment entwickelt worden. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, entscheidende Texte häufig zitierter Autorinnen zum Thema Intersectionality heranzuziehen und ihre Beiträge dazu zu untersuchen. Genau dies ist der Gegenstand der vorliegenden Arbeit mit dem Titel: „Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit: „Race, Class, Gender“ in der femi- nistischen Diskussion“.

1.1. Ziele und Fragen

Auf dem Weg einer angemessenen Theorie zur Gesellschaftsbeschreibung möchte ich die Intersectionality-Diskussionen untersuchen und entscheidende Beiträge von Autorinnen heranziehen. Das Ziel ist es, die Spuren der Entwicklung des übergreifenden Intersectionality-„Ansatzes“ nachzuzeichnen und Aufschlüsse zum Begriff sowie zur Triade Race, Class, Gender zu erhalten.

Ein Schwerpunkt dieser Arbeit liegt daher in der terminologischen Diskussion um die Verknüpfung von Race, Class, Gender, durch die das Potenzial des Ansatzes verdeut- licht wird, ohne dass bisher eine umfassende Theorie dazu vorliegt. Hier zeigt sich, dass die sich überlappenden Kategorien nicht einfach getrennt voneinander betrachtet wer- den können, sondern dass aufgrund ihrer Verschränkungen ein angemessener Untersu- chungsansatz notwendig ist. Das gleichzeitige Denken von Race, Class, Gender in der Entstehung von Ungleichheiten charakterisiert diesen Ansatz. Die Heterogenität der jeweiligen Kategorie wird mit Blick auf die Verschränkung der anderen Kategorien deutlich. Zum Beispiel umfasst die Kategorie Gender nicht nur die Gruppen von Män- nern und Frauen, sondern auch Frauen verschiedener Ethnien. Welche Aspekte und Begriffe in diesen Ansatz einfließen sollten, wird durch die terminologische Diskussion (Kap. 2) deutlich, in der Beiträge mit einem intersektionellen Fokus herangezogen wer- den. Diskutiert werden die Begriffe Race, Class, Gender sowie Ethnizität und nationaler Bezugrahmen sowie die Abgrenzung zur Gender and Class Debate mit dem Zweck herauszukristallisieren, welche Termini in der Forschung zu Intersectionality bereits als elementare Termini eines theoretischen Ansatz gesehen werden.

Diese Arbeit zielt weiterhin neben der Präsentation der US-amerikanischen Debatte auf die deutsche feministische Diskussion zu Ethnie, Klasse, Geschlecht und auf deren Cha- rakteristika hierzulande ab. Um die Bedeutung dieser Theorieperspektive darzulegen, stelle ich Autorinnen aus den USA und aus Deutschland vor, die die Verknüpfung von

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 8 den Kategorien Race, Class, Gender fokussieren und den Intersectionality-Ansatz the- matisieren (Kap. 3 und 4). In den USA sind meiner Ansicht nach maßgebliche Autorin- nen Patricia Hill Collins und Kimberlé Crenshaw sowie das Combahee River Collective. Das zuletzt genannte Kollektiv initialisierte mit seiner bekannten Streitschrift A Black Feminist Statement die Ursprünge der Intersectionality-Debatte. Patricia Hill Collins leistet einen wesentlichen Beitrag mit ihrem Werk A Black Feminist Thought zur Ent- wicklung einer Epistemologie des schwarzen Feminismus. Kimberlé Crenshaw hat den Begriff Intersectionality ins Leben gerufen und etablierte ihn in der politischen Bil- dungsarbeit der Menschenrechts- und Entwicklungszusammenarbeit auf internationaler Ebene. Ausgewählt habe ich diese Beiträge um den historischen Ursprung der Debatte und die Theoretisierung der Erkenntnisse schwarzer Frauen aufzuzeigen sowie die be- griffliche Anwendung in der politischen Arbeit zu überprüfen.

Die Diskussion zu Intersectionality wird in Deutschland insbesondere in den Bereichen der feministischen Migrationsforschung, interkulturellen Frauenforschung und Rassis- musforschung geführt. Der Schwerpunkt liegt auf der Koppelung von Geschlecht und Ethnie. In Deutschland sind meiner Ansicht nach entscheidende Forscherinnen in die- sem Kontext Sedef Gümen und Encarnación Gutiérrez Rodríguez sowie die Organisati- on FeMigra, deren Auseinandersetzungen v.a. an der Kritik der deutschen National- staatskonstruktion und den Ausgrenzungen von Migrantinnen entbrennen. Ihre renom- mierten Arbeiten stechen hervor.

Durch diese Ansätze (sowohl aus den USA als auch aus Deutschland) wird die Reichweite der Theorieperspektive zu Intersectionality für einen möglichen Paradigmenwechsel in der Ungleichheitsforschung deutlich.

Die leitenden Fragestellungen sind, welche spezifischen Beiträge in welchen Themen- kreisen bzw. -feldern die ausgewählten Forscherinnen leisten und wie sie hinsichtlich der Analyse soziologischer Ebenen, z.B. in subjekt- oder gesellschaftstheoretischer Ausrichtung, einzuordnen sind. Darüber hinaus wird diskutiert, an welchen Punkten die Debatte zu Intersectionality weitergeführt werden könnte, um bisher getrennte Theorie- perspektiven zusammenzuführen. Es kann in dieser Arbeit keine neue Theorie zu einer angemesseneren Ungleichheitsforschung entwickelt werden. Aber die Betrachtung der Beiträge der US-amerikanischen und deutschen Forscherinnen gibt eine Perspektive und einen Ausblick darüber, welche Aspekte für eine angemessenere Ungleichheitsfor- schung diskutiert werden. Zentrale Gesichtspunkte inspirieren eine Theorie zu Intersec- Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 9 tionality. Die Textuntersuchungen zur Intersectionality-Debatte werden von den folgenden Fragen geleitet:

1. Welche Themenkreise spielen in den USA und Deutschland eine besondere Rolle?
2. Aus welcher Perspektive analysieren die Autorinnen? Gehen sie eher subjekttheoretisch (mikrosoziologisch) oder gesellschaftstheoretisch (makrosoziologisch) oder institutionstheoretisch (mesosoziologisch) vor?
3. Welche spezifischen Beiträge und Erkenntnisse leisten die Forscherinnen?
4. Welche Gesichtspunkte für einen Theorieentwurf zu Intersectionality ergeben sich?

Annahmen: Ich gehe davon aus, dass die Erfahrungen und Erkenntnisse der schwarzen Frauenbewegung für die deutsche Diskussion um Intersectionality fruchtbar gemacht werden können, allerdings gesellschafts- und kontextspezifisch behandelt werden müs- sen. Empirische Erkenntnisse sind elementare Bestandteile einer angemessenen Theorie. Die Entwicklung des Intersectionality-Ansatzes zeigt, dass Theorien von der Basis aus mit konkreter politischer Motivation entwickelt werden können und sollen. Die ausge- wählten Ansätze haben einen klaren emanzipatorischen Charakter und wirken anders als differenztheoretische Ansätze, die lediglich kulturelle Vielfalt konstatieren. Das Zu- sammenwirken empirisch geleiteter Erkenntnis mit Theorie bietet meiner Ansicht nach das größte Potenzial einer angemessenen Gesellschaftsbeschreibung und -theorie.

1.2 Die Kapitel im Überblick

Kapitel 2: Annäherung an den Intersectionality-Ansatz: Im zweiten Kapitel setze ich mich mit der Bedeutung des Begriffs Intersectionality auseinander. Dabei stelle ich ver- schiedene Definitionsansätze und unterschiedliche theoretische Herangehensweisen vor. Aus den Erörterungen ergeben sich u.a. Orientierungsmodelle zu den soziologischen Ebenen und zur Form der Kategoriennutzung in Forschungen, die für die spätere Dis- kussion der ausgewählten Beiträge hilfreich sind. Mit der terminologischen Diskussion wird die immense Ausdehnung des Ansatzes bzw. der Theorieperspektive auf die Kate- gorien Race, Class, Gender und der zugrundeliegenden Forschungsfelder aufgezeigt.

Kapitel 3: Black Feminist und Women of Color zu den Ursprüngen in den USA: Zunächst blicke ich auf den Ausgangspunkt der US-amerikanischen Debatte seit den späten 1970er Jahren zurück, um die Ursprünge der Begrifflichkeit zu klären und wichtige Impulse der Intersectionality-Debatte aufzuzeigen. Dazu werde ich wichtige Autorinnen mit ihren Beiträgen präsentieren.

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Kapitel 4: Diskurse über Intersektionalität von Geschlecht und Ethnie in Deutschland:

In diesem Kapitel werde ich die Beiträge ausgewählter Autorinnen zur Überschneidung von Geschlecht und Ethnie darstellen. Es handelt sich um eine Analyse und Auswertung deutschsprachiger Literatur vorwiegend aus der feministischen Migrationsforschung. Kapitel 5: Zusammenschau: Felder der Rezeption von Race, Class, Gender: Die Beiträ- ge der Autorinnen stehen im dritten und vierten Kapitel im Vordergrund. Das Ziel im fünften Kapitel ist hingegen, in einer Zusammenschau der vorangegangenen Kapitel die Themenkreise der Autorinnen in ihrer jeweiligen Perspektive herauszukristallisieren und ihre weiterführenden Aspekte für einen Intersectionality-Ansatz herauszuarbeiten. Auch Lücken in den Ansätzen werden aufgezeigt. Mit einer kurzen Diskussion zu wei- terführenden Gesichtspunkten einer Theorie zu Intersectionality bzw. Intersektionalität beschließe ich diese Arbeit.

2. Annäherung an den Intersectionality-Ansatz

2.1 Intersectionality - Eine Theorieperspektive zu Race, Class, Gender?

Ein Ziel dieser Arbeit ist die begriffliche Erschließung 3von Intersectionality 4und der Achsen5von Ungleichheit und Differenz nach Race, Class, Gender. Daraus ergeben sich komplexe Fragen nach Begriffen und Definitionen: Was bedeutet Intersectionality? Was ist unter „Achsen der Ungleichheit und Differenz“ zu verstehen? Wie definieren verschiedene AutorInnen die Kategorien Race, Class, Gender? Beschreiben diese Kate- gorien die soziale Welt angemessen? Eröffnet sich eine neue theoretische Perspektive durch das Konzept von Intersectionality? Wie betrachten die Autorinnen, deren Artikel im dritten und vierten Kapitel besprochen werden, die Überschneidungen von Race, Class, Gender?

Im folgenden Abschnitt werde ich mich dem Begriff Intersectionality annähern. Aus einem breiten Feld verschiedenartiger Verwendungen entnehme ich wesentliche Aspek- Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 11 te der Begriffsbildung (Kap. 2.1.1). Weiter differenziere ich nach theoretischen Herangehensweisen und soziologischen Ebenen, die für die spätere Einordnung der Autorinnenbeiträge erste Orientierungspunkte bieten (Kap. 2.1.2).

Bisher liegt weder eine einheitliche Theorie, noch eine fest umschriebene Definition von Intersectionality vor. Folglich schlage ich vor, von einer interdisziplinären Theorie- perspektive zu sprechen, deren „entscheidende“ Richtungen und Standpunkte ich her- ausarbeiten werde. Weiter unten (ab Kapitel 2.1.3) nähere ich mich den Kategorien Ra- ce, Class, Gender. An der Stelle ist die erweiterte Betrachtung v.a. der Begriffe Rassis- mus, Sexismus, Ethnizität, Ethnische Gruppen, Nationaler Rahmen, Geschlecht zwi- schen Differenz und Ungleichheit notwendig. Auch wenn in dieser Arbeit kein umfas- sender terminologischer Vergleich zwischen den Ländern USA und Deutschland erfol- gen kann, wird der bedeutsame Unterschied in der Kategorie Race/Rasse herausgearbei- tet. Der gewaltige Apparat zur Terminologie zeigt, welche Begriffsklärungsarbeit in den Sozialwissenschaften noch zu leisten ist, um einen möglichen Ansatz zu schärfen.6Es geht in dieser Arbeit darum, wesentliche Fundamente eines Intersectionality-Ansatzes zu erkennen und schließlich wichtige Autorinnenbeiträge zu Intersectionality zu be- trachten. Im Abschnitt 2.1.3.4 grenze ich das Thema der vorliegenden Arbeit von der vermeintlich benachbarten Gender and Class Debate ab. Dazu stelle ich die unter- schiedlichen Fragestellungen und Ansatzpunkte der Debatten heraus, die sie als separate Diskurse mit Schnittpunkten kennzeichnen.

2.1.1. Was bedeutet Intersectionality?

Die Diskussion zu Intersectionality begann, insbesondere in den USA, in den 1970er Jahren.7Vor allem schwarze Frauen und Feministinnen8oder auch die sog. Women of Color und Feminists of Color formulierten erstmals öffentlich ihre Erkenntnis, dass die Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 12 multiplen Diskriminierungserfahrungen durch Rassismus und Sexismus sich nicht in den theoretischen Modellen der bisherigen feministischen Forschung wiederfanden und daher einer Thematisierung bedurften. Schwarze Forscherinnen, wie Patricia Hill Collins, Evelyn Nakano Glenn oder Kimberlé Crenshaw entwarfen verschiedene Konzepte und Begriffe, die Mehrfachdiskriminierung thematisierten.

Mit den Worten „intersectionality,“ „multiple conscioussness,“ „interlocking systems of oppression,“ and „racialized gender“ werden die simultan verknüpften und sich kreu- zenden Erfahrungen aufgrund von Race, Class, Gender betitelt (Glenn 2000: 4). Detail- lierter komme ich darauf im Kapitel 2.1.3.1 und in den ausgewählten Texten des dritten Kapitels zurück. Autorinnen wie Angela Davis, Patricia Hill Collins, bell hooks9, das Combahee River Collective u.v.m. prägten und prägen den Intersectionality-Ansatz.

Dabei ging es Angela Davis vor allem um die Erfahrungen afrikanisch-amerikanischer Frauen, die sie aufgrund ihrer Rasse, ihres sozialen Geschlechts10, ihrer Sexualität und ihrer Klassenposition machten (Combahee River Collective 1982: 14). Bell hooks be- schrieb in ihrem Essay über „Freiheit und Männlichkeit: Reflexionen über Rassismus und Sexismus“, dass verschiedene Unterdrückungsmechanismen ineinander greifen:

„In vielen meiner Arbeiten mit feministischem Ansatz habe ich betont, wie wichtig es ist, Differenz zu verstehen, habe geschrieben, daß „Rasse“ und Klassenstatus bestimmen, wieweit männliche Herrschaft (...) sich behaupten können, und (...) habe gezeigt, daß Rassismus und Sexismus ineinander verzahnte Herrschaftssysteme sind, die sich gegenseitig unterstützen und erhalten.“ (hooks 1996: 90f.)

In diesem Kontext appelliert hooks an das gesellschaftlich politische Engagement zur Bekämpfung dieser Unterdrückungsformen. Bewusstes politisches Handeln soll durch Untersuchung dieser Zusammenhänge und die Aufklärung darüber bewirkt werden (hooks 1996: 97). Ähnlich wie bell hooks entwirft Patricia Hill Collins den Begriff der Herrschaftsmatrix (Matrix of Domination), d.h. ein ineinandergreifendes System von Unterdrückungsformen. Die stabilisierenden Herrschaftsverhältnisse nach Race, Class, Gender haben ihrer Ansicht nach die stärksten Auswirkungen auf die afrikanisch- amerikanischen Frauen (Collins 1991: 225; vgl. auch Kapitel 3.2.2).

Der Ursprung des Begriffs Intersectionality liegt im Wort Intersection, dessen schlichte Übersetzung aus dem Englischen Kreuzung bedeutet. Dies können Kreuzungen von Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 13 Straßen, Verbindungen oder Schnittpunkte im geometrischen Sinne sein. Gemeint sind in der Intersectionality-Forschung die Kreuzungen verschiedener Kategorien wie Race, Class, Gender und die Konsequenzen auf der Ebene von Subjekten. Mit anderen Wor- ten, beschreibt dieser Begriff die Verschränkung sozialer Ungleichheiten und Identitäts- kategorien. Die Metapher der Kreuzungen oder Überschneidungen kursiert in verschie- denen Bereichen der Sozialwissenschaften und der politischen Öffentlichkeit vermehrt, seit der Terminus Intersectionality 1991 mit dem Artikel der Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw „Mapping the Margins: Intersectionality, Identity Politics, and Vio- lence Against Women of Color“ in der Zeitschrift Stanford Law Review bekannt wur- de.11Näher betrachtet werden die Beiträge der Autorin im Kapitel 3.2.3. Im selben Ka- pitel wird diskutiert, was der Begriff für die Theoretisierung der Erkenntnisse schwarzer Feministinnen leisten kann, ohne zur „Worthülse“ zu werden. In vielen Dokumenten aus UN-Institutionen gibt es einen regelrechten „Verwendungs-Boom“ des Terminus Intersectionality oder der Metapher der Straßenkreuzung, seitdem Crenshaw als Exper- tin auf internationalen UN-Konferenzen12zu Rat gezogen wurde (Riley 2003: 13f.).

In der Entwicklungszusammenarbeit und der Geschlechterforschung (Gender and Development GAD)13beschreibt Jenny Riley Intersectionality als ein Konzept zur Annäherung an das Verhältnis zwischen den Kategorien Gender, Race und anderen Identitätsaspekten als Quellen von Diskriminierung (Riley 2003: 1).

Weitere Beispiele zeigen divergierende Definitionen von Intersectionality. Wie Jenny Riley ausführt, beschreiben die Vereinten Nationen im Jahr 2001 die intersektionelle Analyse als eine Untersuchungsform, die Auswirkungen mehrerer zusammenhängender Formen von Marginalisierung fokussiert. Ihr Ziel ist es, aufzudecken, wie Rassismus, geschlechts- und klassenspezifische Unterdrückung und andere Diskriminierungsfor-

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 14 men Ungleichheitsstrukturen schaffen. Riley identifiziert Frauen a priori als eine häufig marginalisierte Gruppe:

„’An intersectional approach to analyzing the disempowerment of marginalized women attempts to cap- ture the consequences of the interaction between two or more forms of subordination. It addresses the manner in which racism, patriarchy, class oppression and other discriminatory systems create inequalities that structure the relative positions of women, races, ethnicities, class and the like… racially subordinated women are often positioned in the space where racism or xenophobia, class and gender meet. They are consequently subject to injury by the heavy flow of traffic travelling along all these roads’ (United Na- tions, 2001a).” (Riley 2003: 1).

Problematisch an Rileys Ansatz und der Definition der Vereinten Nationen ist die An- nahme, dass Ungleichheiten die Positionen von Frauen, Rassen, Ethnizitäten auf ähnli- che Weise strukturieren, als könne man die Gruppen beliebig aneinander reihen („and the like...“). Dies entspricht einem trennenden „entweder-oder-Prinzip“, d.h. entweder gibt es benachteiligte Frauen oder ethnische Gruppen oder Klassen. Nach meinem Ver- ständnis ist dies nicht das Gleiche wie die Überschneidung von Herrschaftsverhältnissen oder exakter ausgedrückt wie die gleichzeitige Mehrfachunterdrückung des Intersectio- nality-Ansatzes. Ein anderer Aspekt im letzten Satz des Zitats, auf den ich nur hinwei- sen möchte, ist die Metapher der Straßenkreuzung, die Kimberlé Crenshaw gebraucht und verbreitet (vgl. Kap. 3.2.3). Die Problematik dieses Bild diskutiere ich im dritten Kapitel.

Forschungen mit Intersectionality-Ansatz intendieren häufig, die Zusammenhänge ver- schiedener Diskriminierungsformen aufzudecken. Marsha Darling von der Association for Women's Rights in Development (AWID) bezieht sich dabei in erster Linie auf die Gruppe marginalisierter Frauen, führt diese Bezeichnung in ihrer Präsentation zu Inter- sectionality allerdings nicht näher aus (Darling 2002: 4). Im entwicklungspolitisch ori- entierten Kontext zählen z.B. fehlender Bildungszugang, niedriges Einkommen, prekäre Arbeitsverhältnisse, fehlende soziale und gesundheitliche Absicherung von Frauen so- wie die ethnische Herkunft zu den Faktoren, die bestimmte Gruppen von Frauen an den gesellschaftlichen Rand drängen. Problematisch an der Bezeichnung „marginalisierte Frauen“ ist, dass die genaue Bestimmung einer solchen Gruppen ausbleibt und der Beg- riff nicht weiter differenziert wird. Die intersektionelle Frage wäre, welche Frauen mit ihrer verschiedenen Zugehörigkeit zu Class und Race diese Gruppe tatsächlich ausma- chen (vgl. auch 2.1.2; Kap. 2.1.3.3 Essentialisierung durch Klassifizierung).

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 15 Irene Browne und Joya Misra weisen ebenfalls darauf hin, dass marginalisierte Gruppen nicht im Vorfeld von Intersectionality-Analysen festgelegt werden dürften. Ihre Argu- mentation bekräftigen sie mit dem Beispiel, dass weiße Frauen in einigen US- amerikanischen Städten mehr als schwarze oder auch mexikanische Männer verdienen (Browne; Misra 2003: 3). Auch Leslie McCall belegt in ihren Untersuchungen zu regio- nalen Lohnungleichheiten in den USA, dass verschiedenartige Muster von Ungleichhei- ten bestehen und keine a priori Annahmen über bestimmte Ungleichheiten gesetzt wer- den dürfen (McCall 2001: 22f.). Allerdings muss ich darauf hinweisen, dass Darling sich auf „Entwicklungsländer“ und Browne, Misra und McCall sich auf Industrieländer mit anderen sozio-ökonomischen Strukturen beziehen. Dennoch gilt, dass auch in Ent- wicklungsländern durch pauschale Vorannahmen die differenzierten Verknüpfungsfor- men von Diskriminierungen verdeckt bleiben, Ungleichheiten dadurch reproduziert werden und Gruppen von Frauen fälschlicherweise als passive Opfer ohne eigene Hand- lungsinitiativen betrachtet werden.

Additive Forschung versus Intersectionality-Analyse14 ForscherInnen wie bell hooks, Patricia Hill Collins, Kimberlé Crenshaw in den USA oder Sedef Gümen, Encarnación Rodríguez Guíterrez und Helma Lutz in Deutschland, die für eine intersektionelle Analyse plädieren, kritisieren Methoden simpler Addition von Kategorien, z.B. das Anfügen von Daten zu Race in einer Klassen- und Geschlecht- analyse. Die Perspektive der Addition von Herrschaftsverhältnissen (Klasse, Rasse, Ge- schlecht), die v.a. in den 1980er Jahren vorherrschte und die man als „doppelte(.) oder dreifache(.) Unterdrückung“ formulierte, wurde aufgrund des viel differenzierteren Zu- sammenspiels der Ungleichheiten beanstandet. Nora Räthzel versteht unter Intersectio- nality ein Zusammenwirken der Herrschaftsverhältnisse, die Race, Class, Gender zugrunde liegen. In der Verknüpfung verändert sich die soziale Position der Individuen durch Rassismus, Sexismus und Klassenherrschaft:15

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 16 „Frauen können zugleich untergeordnet (als Frauen) und übergeordnet (als Mitglieder der ethnischen Mehrheit) positioniert sein.“ (Räthzel 2004: 253).

Auch Browne und Misra fordern für Ungleichheitsanalysen eine fundierte theoretische Auseinandersetzung mit Ethnisierungs-, Vergeschlechtlichungsprozessen (vgl. Browne; Misra 2003) und gesellschaftlichen Klassenpositionierungen von Individuen. Die Autorin Avtar Brah formuliert den Ansatz von Intersectionality aus ihrem Forschungsschwerpunkt auf Rassismus heraus folgendermaßen:

„Als Frauen dominierter und dominanter Ethnizitäten müssen wir also darauf achten, wie wir im Rahmen (.) (der) Machtbeziehungen und durch diese zueinander und gegenüber den Männern dieser Gruppen positioniert werden.“ Ethnizität betrachtet die Autorin dabei intersektionell als „Ort der Auseinandersetzungen über patriarchale, klassenspezifische und andere Machtverhältnisse.“ (Brah 1996: 47).

Die Bedeutung des spezifischen gesellschaftlichen Kontextes für intersektionelle Analysen wird, nach Nora Räthzel, besonders seit den 1990er Jahren im angel-sächsischen Raum diskutiert (Räthzel 2004: 253).

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass ausgehend von den Erfahrungen schwarzer Frauen die intersektionelle Untersuchung der verschränkten Unterdrückungsformen Sexismus und Rassismus gefordert wird. Intersectionality-Ansätze erfassen die sich überschneidenden Differenzen vor allem über die sozialen Kategorien Race, Class, Gender. Dabei steht die gleichzeitige Verschränkung dieser Kategorien im Vordergrund und nicht die simple Addition der Diskriminierungsarten von a priori bestimmten Grup- pen. Die spezifische Verschränkung von Formen der Ungleichheit müssen in ihren je- weils verschiedenen, historisch entwickelten Herrschaftsverhältnissen untersucht wer- den. Symbolische gesellschaftliche Rangordnungen müssen neben materiellen gesell- schaftlichen Sozialstrukturen analysiert werden. Zum einen gibt es gravierende Unter- schiede zwischen Gesellschaften. Zum anderen gibt es Wandlungen der Kategorien selbst. Bestimmte Migrationsgruppen in Deutschland werden heute bspw. anders be- trachtet als noch vor vierzig Jahren. So hat sich die gesellschaftliche Akzeptanz von SpanierInnen, ItalienerInnen, GriechInnen oder ehem. JugoslawInnen seit Mitte der 1950er Jahre verändert. Zum Teil werden sie mittlerweile als „akzeptable Einwande- rungsgruppen“ von den „Einheimischen“ anerkannt.16Auch wenn es scheinbar viele Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 17 gemeinsame Aspekte innerhalb der Intersectionality-Forschung gibt, wird im Folgenden die Unterschiedlichkeit der theoretischen Herangehensweisen deutlich.

2.1.2 Unterschiedliche theoretische Herangehensweisen und soziologische Ebenen

Der Begriff Intersectionality wird verschiedenartig eingesetzt. Häufig werden schnelle, prägnante Botschaften über Bilder von sich überschneidenden Kreuzungen oder Krei- sen17transportiert, um bspw. in der Entwicklungszusammenarbeit und in der Menschen- rechtspolitik den dringlichen Handlungsbedarf aufgrund von mehrfacher Diskriminie- rung aufzuzeigen (vgl. Kap. 3.2.3). Intersectionality ist auch mit einer „Erkenntnisge- schichte“ schwarzer Frauen und Feministinnen verbunden, die auf die Mehrfachunter- drückung über Rassismus und Sexismus aufmerksam machen (vgl. Collins 1991; vgl. hooks 1996; vgl. Combahee River Collective 1982; vgl. Walker 1988). Während es vie- len schwarzen Feministinnen in den Anfängen seit den 1970er Jahren besonders um die Expressivität ihrer Erfahrungen und ihrer empiriegeleiteten Erkenntnisse aus den eige- nen Erfahrungen geht, legen zum späteren Zeitpunkt seit den 1980er Jahren viele Auto- rinnen ihren Schwerpunkt auf die methodische Annäherung an die sozial komplexe Welt mittels einer angemessenen Form der intersektionellen Analyse.

Dabei ergeben sich theoretische und methodische Schwierigkeiten durch die hohe Komplexität der sozialen Welt mit nahezu unendlichen Differenz- bzw. Ungleichheitslinien und mit der Bandbreite von Sozialtheorien (vgl. McCall 2001). Auch Irene Browne und Joya Misra weisen auf die heterogenen theoretischen Herangehensweisen an Intersectionality hin. Sie betonen, dass je nach der betrachteten Ebene und den angenommenen Gründen für Intersectionality die Ansätze, die Definitionen und Kriterien divergieren (vgl. Browne; Misra 2003: 4).

Soziologische Theorien wie Ethnomethodologie, Symbolischer Interaktionismus, Figu- rationssoziologie, Marxistische Soziologie, Kritische Theorie etc. bewegen sich analy- tisch auf Mikro-, Meso- oder Makroebenen. Die Differenzproduktion wird z.B. über- wiegend auf der Interaktionsebene von Individuen, auf der vermittelnden Ebene von wanderten gemeint, wodurch sich die Einheimischen abgrenzen (Treibel 1999: 199ff.). Infolgedessen entsteht so eine Ordnung von gesellschaftlichen Gruppen.

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 18 gesellschaftlichen Institutionen oder auf der Ebene von gesellschaftlichen Gesamtzusammenhängen betrachtet (vgl. Tabelle 2).

Weiter spielt die Frage, ob die Kategorisierung nach Race, Class, Gender Ungleichhei- ten verfestigt und reproduziert und daher per se abgelehnt werden sollte, eine entschei- dende Rolle bei den unterschiedlichen Forschungsansätzen (vgl. McCall 2001: 4f.). Um sich einen weiteren Überblick im komplexen Feld der Forschungsströmungen zu verschaffen, eignet sich insbesondere die Orientierung, die die Autorin Leslie McCall anbietet. Sie ordnet die verschiedenen Forschungsansätze zu Intersectionality danach, ob sie mit Kategorien arbeiten, diese kritisieren oder ablehnen. Die Ansätze weichen durch ihr Verständnis des Untersuchungsgegenstands, der sozialen Welt samt der Diffe- renzen bzw. Ungleichheiten, und der Erzeugung dieser Differenzlinien, voneinander ab. Damit werden schließlich auch die Forschungsaneignungsprozesse von sozialer Wirk- lichkeit unterschiedlich gefasst (McCall 2001: 3ff.). McCall unterscheidet in drei He- rangehensweisen an sozial komplexe Differenzen in Gesellschaften, die auch der späte- ren Zusammenschau im fünften Kapitel eine Orientierung geben sollen. Dabei gilt ein- schränkend, dass Forschende sich hinsichtlich ihrer Arbeiten nicht starr kategorisieren und auf einen Ansatz beschränken lassen. Zahlreiche Forschungen versuchen gerade die verschiedenen soziologischen Ebenen zu verknüpfen und mehrere Ansätze zu verbinden. Leslie McCall unterscheidet die Anti-categorical complexity, Intra-categorical com- plexity und die Inter-categorical complexity (McCall 2001: 3ff.). Die Autorin bezeich- net mit Anti-categorical complexity Ansätze, die jegliche Kategorisierung ablehnen, da durch die Kategorien selbst Ausgrenzungen und Ungleichheiten reproduziert werden, aber auch Risiken der Homogenisierung von sozialen Gruppen bestehen. Die damit ver- bundenen Zuschreibungs- und Ausgrenzungsprozesse und die Funktionsweisen von Kategorien werden in der Untersuchung zur Etablierten-Außenseiter-Figuration von Norbert Elias offen gelegt. Zentral sind die Mechanismen zwischen etablierten Einhei- mischen zur Sicherung ihrer gesellschaftlichen Positionen und den zugewanderten „Au- ßenseitern“, welche die Verhältnisse zwischen ethnischen Gruppen und der Mehrheits- gesellschaft charakterisieren können, auch wenn Elias die Figuration für „Alteingeses- sene“ und „Neuankömmlinge“ nicht explizit für ethnische Gruppen untersucht. Die folgenden Gedanken erklären diesen Ansatz näher. Die dominante Gruppe einer Gesellschaft bzw. einer Mehrheitsgesellschaft markiert alle nicht Dazugehörigen als andersartige Fremde. Die Kategorien „Eigen oder Fremd“ nach Ethnie bewirken gleich- zeitig die Aufwertung der eigenen und die Abwertung der anderen Gruppe. Anschaulich

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 19 werden hier zwei Aspekte. Erstens schafft die Kategorie Ethnie Differenz und Ungleichheit. Und zweitens werden innerhalb der Kategorien Individuen homogenisiert, so dass Differenzen in den Gruppen verschwinden.

Auch wenn Norbert Elias Kategorien nicht generell ablehnt, verdeutlicht sein Ansatz der Figuration, wie die Ungleichheitsproduktion zwischen Gruppen verläuft. Diese Fi- guration von Gruppen, d.h. die Gestalt des Zusammenlebens von Menschen in der Ge- sellschaft, untersuchte Norbert Elias zusammen mit seinem Schüler und Kollegen John L. Scotson in einer Fallstudie Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre in Winston Parva, einer kleinen, englischen Vorortgemeinde. In diesem Ort kam es zur scharfen Trennung zwischen Alteingesessenen und später Zugewanderten (Elias; Scotson 1993: 7). Mit der Figurationsanalyse macht Elias deutlich, dass die Mitglieder einer Gruppe sich von den Mitgliedern einer anderen Gruppe abgrenzen, die ihnen als fremd gelten. Elias zufolge liegt die Ursache der Ausgrenzung nicht allein in der Persönlichkeitsstruk- tur einzelner Menschen, sondern in der Figuration, d.h. im Muster der Interdependenzen zwischen zwei oder mehreren betroffenen Gruppen. Mit dem Konzept Etablierten- Außenseiter-Figuration beschreibt Elias, dass die Gruppen von Etablierten durch ihren stärkeren Zusammenhalt und ihre sozial mächtigeren Positionen über Schlüssel für Ausgrenzung verfügen. Gleichzeitig verstärkt sich durch die Ausschlussmechanismen der Zusammenhalt der Etabliertengruppe mit deren Machtposition (ebd. 11ff.; vgl. wei- ter Kap. 2.1.3.2, Kap. 2.1.3.3 zu Relationalität und zu den „Rassenbeziehungen“ in E- tablierten-Außenseiter-Beziehungen). Im weiteren Verlauf der Arbeit dient die Etablier- ten-Außenseiter-Figuration zur Erläuterung von Ausgrenzungsprozessen und Gruppen- verhältnissen.

Zurück zur Anti-categorical-complexity, McCall zählt hierzu vor allem die wissen- schaftskritischen dekonstruktivistischen18und ethnographischen19Ansätze, die seit den Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 20 1980er Jahren verstärkt Kritik an dem Objektivitätsprinzip, dem Wahrheitsanspruch der modernen Wissenschaften und vor allem an der Vereinheitlichung von Kategorien ü- ben.20Oberflächlich gebündelt, kritisieren hier Feministinnen, Women of Color, Post- strukturalistInnen [18]und PostmodernistInnen21die Gültigkeit moderner analytischer Ka- tegorien (McCall 2001: 7ff.). Dabei muss aber zwischen den DekonstruktivistInnen, den MultikulturalistInnen und schließlich den Feminists of Color differenziert werden. Die Kritik von PostmodernistInnen, PoststrukturalistInnen und feministischen Theoretike- rInnen bezieht sich generell auf biologische Implikationen in den Kategorien wie Frau- en oder Gender. Die Kritik der Feminists of Color gilt dagegen eher der Homogenisie- rung sozialer Gruppen durch die Kategorien. McCall veranschaulicht, dass sich die Per- spektiven dieser Ansätze für Differenz in der Gesellschaft nicht zusammenfassen lassen, da die Feminists of Color, so die Autorin, einen eigenen Weg wählen zwischen der Ab- lehnung von Kategorien seitens der DekonstruktivistInnen auf der einen Seite und der Identitätspolitik der MultikulturalistInnen im Sinne der Vielfalt auf der anderen Seite, die mit der Aufwertung des Schwarzseins Kategorien beibehalten.22Der zweite For- schungsansatz der Women of Color führt zum Intra-categorical approach to complexity (McCall 2001: 12). Entscheidend ist hier die Erkenntnis, dass Erfahrungen über Ras- sismus und Sexismus nicht in den bisherigen Kategorien Gender oder Race erfassbar sind, da jede Kategorie Gruppen homogenisiert dass die Kategorie Gender Frauen und Männer als Referenzsubjekte nimmt und gleichfalls die Heterosexualität normt (vgl. Butler 1995; vgl. Knapp 2001: 87ff.; vgl. Zechner 2003: 7).

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 21

„It was not possible (...) to understand a black woman’s experience from previous studies of gender combined with previous studies of race because the former focused on white women and the latter on black men.” (McCall 2001: 12).

Individuen gehören verschiedenen Kategorien an, aber nur einzelnen Dimensionen von Kategorien. McCall gibt hierzu das Beispiel einer arabischen, heterosexuellen US- Amerikanerin aus der Mittelschicht, die mit den Kategorien Race-Ethnic, Class, Gender and Sexual jeweils einer Dimension zugeordnet werden kann. Eine intersektionelle Ana- lyse nach dem Intra-categorical-Ansatz bezieht sich demnach auf die einzelnen Dimen- sionen in den Kategorien. Damit können bisher „unsichtbare“ Gruppen identifiziert werden (McCall 2001: 13ff.). Die Thematisierung verschiedener Gruppenerfahrungen deckt erst die Vielfalt innerhalb von Kategorien auf. Die ursprüngliche Identifizierung der Kategorie Gender mit den Gruppen weißer Frauen und Männer erfasst nicht die Erfahrungen der Women of Color. Der Fokus dieses Ansatzes liegt auf der Dynamik der Herstellung von Kategorien. Laut McCall hat insbesondere die hier angewandte Metho- dik, wie qualitative narrative Fallstudien von Gruppen, ermöglicht, die Komplexität und Heterogenität von Gruppen zu erforschen. Auch wenn hier eine kritische Haltung ge- genüber einer generellen Kategorisierung besteht, wird dennoch mit Kategorien gear- beitet (ebd.: 14ff.). Schließlich hat gerade die neue Richtung dieses Ansatzes dazu ge- führt, die Überschneidungen von Race und Gender wahrzunehmen. Schwarze Feminis- tinnen betrachten Ungleichheitsverhältnisse aufgrund ihrer Erfahrungen anders als wei- ße Feministinnen. Folglich werden bisher unangemessene Kategoriedefinitionen kriti- siert und mit Methoden der qualitativen Sozialforschung neu erarbeitet.

Den dritten Ansatz bezeichnet Leslie McCall als Inter-categorical-approach to comple- xity, den die Autorin in ihren eigenen Forschungen verfolgt. Darin werden die Un- gleichheitsverhältnisse zwischen sozialen Gruppen fokussiert. Im Gegensatz zu dem vorangegangenen Ansatz geht es nicht um die Variabilität innerhalb von Kategorien, sondern um die Verhältnisse und die Veränderungen von sozialer Ungleichheit zwi- schen den Kategorien zugehörigen Gruppen (vgl. McCall 2001: 17ff.). Soziale Verhält- nisse werden nach McCall als Behältnisse mit definierbaren und messbaren Ungleich- heiten vorgestellt. Die methodische Herangehensweise besteht im systematischen Ver- gleich verschiedener sozialer Gruppen (ebd. 18). Beispiele zieht die Autorin aus ihren eigenen Untersuchungen heran, in denen sie die Lohnungleichheiten in verschiedenen Regionen der USA nach den Kategorien Gender, Class, Race untersucht.23Wichtige

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 22 Ergebnisse daraus sind, dass Ungleichheitsmuster nach Gender, Class, Race je nach regionalen Kontexten unterschiedlich ausfallen und daher nicht im Vorfeld bestimmte Ungleichheiten angenommen werden dürfen. Außerdem kann nicht eine einzelne Form von Ungleichheit alle anderen Formen darstellen. In den Untersuchungsergebnissen McCalls zeigt sich, dass in der postindustriellen Stadt Dallas mehr Lohnungleichheiten auf Class und Race als auf Geschlechterverhältnissen basieren. Dagegen stellen sich in der eher klassischen Arbeiterstadt Detroit mehr Lohnungleichheiten über die Kategorie Geschlecht heraus. Vergleiche zeigen, dass die Lohnunterschiede zwischen ethnischen Gruppen im allgemeinen größer sind als die zwischen Männern und Frauen (McCall 2001: 21ff.).

Die Autorin schließt ihre Diskussion um die differenten Herangehensweisen an soziale Komplexität mit der Forderung nach einer disziplinübergreifenden Analyse von Inter- sectionality in den Sozialwissenschaften und den feministischen Theorien. Sowohl quantitative als auch qualitative Methoden sollten in der Forschung genutzt werden. Dabei sollen in positivismuskritischer24Haltung die subjektive Position der Forschen- den und die „Forscher-Beforschten-Interaktionen“ reflektiert werden (McCall 2001: 26ff). Die Autorin veranschaulicht die Schwächen der Forschungsansätze, die sich vor allem in der Essentialisierung25von Kategorien und der „Blindheit“ gegenüber spezifi- schen Ungleichheitslinien und Herrschaftsverhältnissen zeigen. Mit ihrer Theoriekritik will McCall die Basis für ein übergreifendes Zusammenspiel der unterschiedlichen An- sätze schaffen. Ihre zugespitzten Fragestellungen legen bereits eine Zusammenführung mehrerer vorgestellter Ansätze nahe, auch wenn die Autorin für den Inter-categorical- Ansatz plädiert: form of inequality first (between men and women; between the college and non-college educated; between blacks, Asians, Latino/as, and whites; and between intersections of these groups) and then synthesized this information into a configuration of inequality-a set of relationships between multiple forms of inequality, the underlying economic structure that fosters them, and the anti-inequality politics that would make most sense under such conditions.” (McCall 2001: 22). Bildung gebraucht McCall als einen Marker von Klassenunterschieden. Gemäß der Autorin stellen sich regionale ökonomische Bedingungen in „deindustrialization, immigration, high-technology employment, unemployment, casualization, trade competition, and so on“ (McCall 2001: 41, Fußnote 22) dar.

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 23 „How is it possible to deconstruct definitions of social groups without reference to the power relationship underlying them?” (McCall 2001: 18).

Die Arbeit von McCall weist Vor- und Nachteile einer wissenschaftstheoretischen Sys- tematik auf. Einerseits bietet sie eine Orientierung, andererseits werden die Mischungen von Theorien stark verdeckt. So gibt es Theoretikerinnen, die sich grob einem Ansatz zuordnen lassen, die jedoch gleichzeitig auf andere Ansätze zurückgreifen. Ihre For- schungen können sich auf verschiedene soziologische Ebenen (Mikro-, Meso-, Makro- ebene) beziehen und mit verschiedenartigen Differenzbetrachtungen arbeiten.26Außer- dem zeigt die Darstellung McCalls, dass sie aus ihrem Forschungsschwerpunkt heraus die Position der empirischen Ungleichheitsforschung verteidigt. Auch wenn sich die Frage ergibt, ob jegliche Einteilung von Ansätzen überhaupt sinnvoll sei, lassen sich dennoch Schwerpunkte theoretischer Ansätze aufzeigen. Mit der Kritik an der homoge- nisierenden Kategorisierung werden die Risiken solcher Einteilungen erst ersichtlich. Die Einteilung McCalls ist in der vorliegenden Arbeit richtungsweisend, wird jedoch nicht starr auf die Autorinnenbeiträge angewendet. Vermischungen von Ansätzen und soziologischen Ebenen sollen erkennbar bleiben. In der nachstehenden Tabelle werden die differenten Ansätze nach Leslie McCall nochmals dargestellt:

Tab. 1: Differenzierung von Ansätzen zur sozialen Komplexität nach Leslie McCall (2001)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: McCall 2001. Eigene Darstellung

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 24

Soziologische Ebenen - Mikro, Meso, Makro

Wie bereits erwähnt wurde, lassen sich die soziologischen Theorien in mikrosoziale (Handlungsebene von Individuen), makrosoziale (gesellschaftliche Strukturzusammen- hänge) und mesosoziale Theorien (Theorien mittlerer Reichweite) systematisieren. Zu- dem gibt es auch Vermischungen handlungstheoretischer Ansätze mit gesellschaftstheo- retischer Betrachtung (vgl. Schäfers 1998: 342). Annette Treibel differenziert neben den soziologischen Makro- und Mikro-Ansätzen noch die Ansätze zur Überwindung des Mikro-Makro-Dualismus. Klassische Makrotheorien fokussieren die Gesellschaft als Ganzes. Dabei stehen die Analyse der gesellschaftlichen Struktur, sozialer Gruppen oder gesellschaftlicher Organisationen im Mittelpunkt. In Mikrotheorien geht es vor- wiegend um Individuen und deren Interaktionen. Zu den TheoretikerInnen, die die Mik- ro- und Makroebene zu verbinden versuchen, zählt Treibel u.a. Elias mit seiner Figura- tionsanalyse. Figurationen sind, wie bereits beschrieben, die Gestalten des Zusammen- lebens von Menschen in Gesellschaften, womit die Gegenüberstellung von Gesellschaft und Individuum überwunden wird (vgl. Treibel 1997; zu Elias siehe auch Kap. 2.1.1 und 2.1.2).27Als mesosozial definiert Helga Krüger

„(…) jene Interaktionsfelder (…), die (…) nicht nur face-to-face-Beziehungen enthalten, aber eine geringere Reichweite haben als gesamtgesellschaftliche (…) Strukturen. Typische Beispiele sind Organisationen (wie Betriebe, Schulen), aber auch lokale oder regionale Infrastrukturen oder Arbeitsmärkte.“ (Krüger; Levy 2000: 396, Fußnote 6).

Wie bei McCall veranschaulicht, prägen die Annahmen über den Forschungsgegenstand (soziale Komplexität bzw. Differenzen) die theoretischen Herangehensweisen. Die jeweiligen Ansätze haben dadurch ihren Fokus und häufig ihre eigene „Ausblendung“. In der folgenden Tabelle werden die soziologischen analytischen Ebenen mit erklärenden Stichpunkten aufgeführt. Die Beispiele sind der Studie von Angelika Wetterer zur Arbeitsteilung und Geschlechterkonstruktion entlehnt (vgl. Wetterer 2002).

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 25

Tab. 2: Mikro-, Meso-, Makroebene soziologischer Theorieansätze

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: vgl. Schäfers 1998: 342; Wetterer 2002: 25.; Krüger; Levy 2000: 396; Heintz 2001: 10. Eigene Darstellung.

Die Mikro-, Meso-, Makroebenen können ebenfalls nicht starr auf Autorinnenbeiträge bzw. Forschungen von Wissenschaftlerinnen übertragen werden.28Es lassen sich aber starke Forschungsfoki und Tendenzen ausmachen. Regina Becker-Schmidt und Gudrun- Axeli Knapp zeigen bspw. zwei Schwerpunkte der sozialwissenschaftlichen Frauenfor- schung, konstruktivistische und gesellschaftstheoretische Ansätze, auf. (vgl. Becker- Schmidt; Knapp 1995: 8f.). Genauer widme ich mich diesen Ansätzen in Kapitel 2.1.3.3 in der terminologischen Diskussion zur Kategorie Gender. Diese Einteilungen können jedoch lediglich als Orientierungshilfen dienen, um komplexe Ansätze zu beschreiben.

Im fünften Kapitel werde ich mich wieder auf die hier angebotenen Orientierungen be- ziehen, wenn es um die jeweiligen Perspektiven der Autorinnenbeiträge geht. Bisher ist noch unklar geblieben, was unter den Begriffen Race, Class, Gender zu verstehen ist, auf denen der Intersectionality Begriff fußt. Daher ist es notwendig, diese Begriffe und Kategorien näher zu erläutern. Dies geschieht in der folgenden terminologischen Dis- kussion.

2.1.3 Terminologische Diskussion zu Race, Class, Gender

In diesem Abschnitt nähere ich mich den Begriffen, die für die Theorieperspektive von Intersectionality relevant sind. Dazu ziehe ich AutorInnen heran, die die Verknüpfung Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 26 von Race, Class, Gender fokussieren, auch wenn sie ihren spezifischen Schwerpunkt zum Beispiel in der Rassismusforschung, der Frauen- und Geschlechterforschung, der Migrationsforschung, der interkulturellen Forschung oder der klassischen Ungleich- heitsforschung haben. Die begriffliche Diskussion wird in diesem Abschnitt sowohl für die USA als auch für Deutschland geführt, wobei der differente Ethnizitätsbegriff in Deutschland besonders hervorgehoben wird. Wesentliche Veränderungen in der Frauen- und Geschlechterforschung gingen von schwarzen Wissenschaftlerinnen in den 1980ern aus, die eine fehlende Thematisierung von Ethnie kritisierten, weshalb ich mit den Beg- riffen Race, Rassismus und Sexismus beginne.

2.1.3.1 Race - Rassismus und Sexismus

Die Kategorie als Problem: Häufig wird die Kategorie Race als starre und unveränder- liche Kategorie betrachtet, mit der Menschen nach Hautfarbe, Sprache, Herkunft und Religion eingeteilt werden. Mary Maynard zeigt die Schwierigkeiten eines derartigen Verständnisses auf. Diese liegen in der fehlenden Dynamik sowie im Definitionsspekt- rum der Kategorie (vgl. Maynard 1994: 10f.). Die vorher festgelegten Merkmale lassen wenig Raum für Veränderung der Kategorie und geben ihre variable Bandbreite in der sozialen Wirklichkeit nicht wider. Infolge einer starren Handhabe wird nicht erkannt, was außerhalb der theoretischen Kategorisierung liegt. Eine Kategorie besteht aus Merkmalsfestlegungen, die Unterschiede anzeigen; sie birgt daher die Gefahr, dass Dif- ferenzen reproduziert werden. Ein Beispiel dazu ist, dass Kinder mit einem schwarzen und einem weißen Elternteil durch das Raster der schwarz/weiß-Dichotomien in der Kategorie Ethnie fallen. Hier wird die Kategorie nicht angepasst, sondern den Men- schen übergestülpt (vgl. auch Abschnitt 2.1.1).

Race als soziale Konstruktion: Vor diesem Hintergrund argumentiert Mary Maynard für die Öffnung und Erweiterung von Kategorien. Dazu zieht sie das Konzept von Donald und Rattansi heran, die die Funktionsweise von Race fokussieren:

“The issue is not how natural differences determine and justify group definitions and interactions, but how racial logics and racial frames of reference are articulated and developed, and with what consequences’ (Donald and Rattansi, 1992, p.1).” (Maynard 1994: 10).

Die Autorin fügt dem Argument hinzu, dass mit dieser Perspektive sowohl die Entwick- lung von theoretischen Konzepten als auch die Untersuchung der „ontological ef- fects“ aufzeigen lassen. Damit meint Maynard die bereits beschriebenen Auswirkungen

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 27 der Begriffsbestimmung Race selbst (Maynard 1994: 10). Der Perspektivenwechsel von der starren Kategorie für „natürliche“ Unterschiede von Gruppen hin zur Herstellung von Race und Rassismen rückt gleichfalls die Frage nach ihrer gesellschaftlich-sozialen Entstehung in den Vordergrund. Diesen Entstehungszusammenhang bezeichnet Avtar Brah, trotz der Kontroversen um Race, als eine soziale Konstruktion:

„Allgemeine Übereinstimmung herrscht (.) darüber, daß das Konzept der Rasse auf ein historisch variables Netz gesellschaftlicher Bedeutungen verweist. Das bedeutet, daß der Rassismus eine soziale Konstruktion ist.” (Brah 1996: 27).

Damit ändert sich das „Wesen“ der Kategorie Race entscheidend. Sie kann nun so ver- standen werden, dass sie gesellschaftlich durch Herrschaftsverhältnisse und durch Inter- aktionsprozesse hergestellt wird, die geschichtlichen Veränderungen unterworfen sind und die auch zur Konstruktion von Differenz benutzt werden. Es werden Unterschiede der Hautfarbe, des Körperbaus oder der kulturellen Gewohnheiten als Merkmale von Race betrachtet, die gleichzeitig Rassismen dienen (vgl. Brah 1996: 27). Der Kern die- ser Form von Differenzsetzung liegt darin, Unterschiede als das Andere und Fremde zu markieren: „Mit anderen Worten, konstruiert der Rassismus erst die „rassische“ Diffe- renz.“ (Brah 1996: 27). In diesem Sinne ist der Rassismus die Erzeugung von Unter- schieden auf der Basis von Kriterien der Kategorie „Rasse“. Der Rückgriff auf biologi- sche und/oder kulturelle Kennzeichen, die gleichzeitige Abstufung einer anderen Grup- pe und Aufwertung der eigenen Gruppe ist eine Triebfeder des Rassismus (vgl. auch Kap. 2.1.1; Kap. 2.1.2; Elias zur Außenseiter-Etablierten-Figuration). Differenz wird nicht einfach als Unterscheidung mit gleicher Wertigkeit behandelt, sondern die durch verschiedene Rassismusformen markierte Differenz dient dazu, Gruppen unterzuordnen. Genau diesen Zusammenhang zeigt Elias in seiner Etablierten-Außenseiter-Figuration auf. Der körperliche und/oder kulturelle Unterschied wird zur Kennzeichnung und Aus- grenzung zwischen der etablierten, alteingesessenen Gruppe und der zugewanderten Gruppe benutzt (vgl. Elias; Scotson 1993: 26f.).29Elias Beispiel bezieht sich auf die Vorortgemeinde Winston Parva in England als einem industrialisierten Staat.

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 28 Mit der Über- und Unterordnung gelangen wir zu den Verhältnissen von Gruppen in der Gesellschaft und zur gesellschaftlichen Struktur und Ordnung. In Hinblick auf die gesellschaftliche Ordnung definiert Audrey Lorde Rassismus und Sexismus als Glauben an die Überlegenheit einer Rasse:

„Racism, the belief in the inherent superiority of one race over all others and thereby the right to dominance. Sexism, the belief in the inherent superiority of one sex over the other and thereby the right to dominance. Ageism. Heterosexism. Elitism. Classism.“ (Lorde 1984: 178).

Die Markierung des Fremden und Anderen bezeichnet Lorde auch als „Othering“. Innerhalb der Kategorie „Frauen“, die durch die Erfahrungen weißer Frauen genormt ist, geschieht die Markierung durch den Ausschluss der Erfahrungen schwarzer Frauen, die so zum „Anderen“ oder „Fremden“ gemacht werden:

„As white women ignore their built-in privilege of whiteness and define woman in terms of their own experience alone, then women of Color become „other“, the outsider whose experience and tradition is too „alien“ to comprehend.” (Lorde 1984: 179).

Avtar Brah zeigt zudem den „positiven Rassismus“ in Form des Reizes und der Exotik des Anderen auf:

„Die rassisierten „anderen“, die zur Legitimierung einer Geschichte der Ausbeutung, Unterwerfung und Ausschließungen konstruiert wurden, nahmen zugleich zutiefst ambivalente Räume der Bewunderung, des Neids und der Begierde ein.“ (Brah 1996: 27).

Vorstellbar ist ebenfalls, dass zur Grundlage von Ausgrenzungen auch differente Verhaltensweisen (z.B. Rituale) benutzt werden können.

Rassismus und Sexismus

In einem weiteren Schritt beschreibt die Autorin Brah den Zusammenhang zwischen Rassismus und Sexismus:

„Gleichzeitig sind in einem rassisierten Kontext alle Sexualitäten durch eine rassisierte Machtmatrix normiert. (...) das „andere“ des Rassismus (ist) nicht eindeutig die Kehrseite des „Selbst“; das „ande- re“ wird vorwiegend (...) in gegensätzlichen Begriffen konstruiert. (..) das „rassische“ und das geschlecht- tergruppe leichter kenntlich macht. (...) Es scheint, daß Begriffe wie „rassisch“ oder „ethnisch“, die (...) sowohl in der Soziologie als auch in der breiten Gesellschaft (.) gebraucht werden, Symptome einer ideo- logischen Abwehr sind. Durch ihre Verwendung lenkt man die Aufmerksamkeit auf Nebenaspekte dieser Figuration (z.B. (..) Hautfarbe) und zieht sie ab von dem zentralen Aspekt (den Machtunterschieden). Ob sich die Gruppen (...) von „Rassenbeziehungen“ (...) nach ihrer „rassischen“ Herkunft und Körperbildung unterscheiden oder nicht, ausschlaggebend für ihre Beziehung ist, daß sie in einer Weise aneinander ge- bunden sind, die der einen Gruppe sehr viel größere Machtmittel zuspielt und (...) die anderen in die Posi- tion von Außenseitern verbannt.“ (Elias; Scotson 1993: 26f.). Die Differenz wird über die Machtposition der Etablierten zur Ausgrenzung benutzt.

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 29 liche „andere“ (sind) eng miteinander verknüpft - das eine ist dem anderen immanent (Bhabba 1986).“ (Brah 1996: 27f.).

Mit anderen Worten drückt Avtar Brah diesen Zusammenhang so aus, „(...), daß Ras- sismus immer ein geschlechtlich strukturiertes Phänomen ist. (...) Rassismus (kon- struiert) das weibliche und männliche Geschlecht unterschiedlich (...)“. Sie illustriert dies mit Beispielen von Zuschreibungen für schwarze SklavInnen in Amerika in For- men der symbolischen „Verweiblichung“ von Männern als auch der „Vermännli- chung“ von Frauen. Die „männlichen“ Eigenschaften, die schwarzen Frauen zuge- schrieben wurden, unterschied sie „rassisch“ und geschlechtlich von weißen Frauen (ebd. 28; Einf. durch Verf.).

Der Rückgriff auf körperliche Differenzen ist ein Kriterium für die ähnliche Funktionsweise von Rassismus und Sexismus.30Die „Natürlichkeit“ des Körpers wird durch das ideologische Festhalten an „unveränderlichen, naturwissenschaftlichen Grundprinzipien“ hergestellt.31Die Naturalisierung der Körperdifferenz begreift auch Avtar Brah als das Moment der Ähnlichkeit von Rassismus und Sexismus:

„Rassismus konstruiert menschliche Unterschiedlichkeiten durch Verschlüsselungen als (..) unveränderli- che Differenz, repräsentiert diese als „rassisch“ und strukturiert mit Hilfe dieser zugeschriebenen Diffe- renz die sozialen Einheiten; Sexismus beschwört Geschlecht als eine (.) „Tatsache“, die Männer und Frauen „von Natur aus“ unterschiedlich erscheinen lässt, sodaß die untergeordnete Position von Frauen legitimiert wird, indem sie aus angeborenen Unterschieden zwischen Männern und Frauen abgeleitet wird. In beiden Ensembles von Signifikationen erscheint der Körper als Träger einer unveränderlichen Diffe- renz, gleichgültig, ob diese behauptete Differenz als biologisch oder als kulturell konzipiert wird.“ (Brah 1996: 29).

Rassismus und Sexismus bestimmen nicht nur die symbolische Ordnung sozialer und ethnischer Gruppen, sondern auch strukturelle Konsequenzen sozialer Praktiken, wie den Ausschluss von bestimmten Positionen, den fehlenden Zugang zu Ressourcen, Dis- kriminierungen am Arbeitsplatz oder die Zuordnung zu unqualifizierten Tätigkeiten im Niedriglohnsektor.

Floya Anthias und Nira Yuval-Davis fordern für die Intersectionality-Forschung über den Begriff Race hinaus eine umfassende Analyse nach Race, Class, Gender. Sie argu- mentieren, dass Rassismen nur in einer gekoppelten Betrachtung mit Ethnizität, Natio-

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 30 nalismus, Klasse und Gender verstanden werden können und dass diese übergreifende Analyse sich sowohl auf Diskurse32als auch auf soziale Praktiken beziehen müsse:

„Racism should also be looked at with regard to practices and discourses within a range of social forces, which include social classes, gender relations, the nation and the state (Anthias; Yuval-Davis 1992: 19).

Auf den Aspekt der Nation werde ich später zurückkommen und mich zunächst mit den Termini Ethnizität und ethnische Gruppe befassen.

2.1.3.2 Ethnizität - Ethnische Gruppe - Nationaler Bezugsrahmen

Ethnizität: Die Termini Race und Ethnizität werden oft im Wechsel gebraucht (Maynard 1994: 11). Auch wenn sie nicht exakt trennscharf sind, differenziert Floya Anthias beide Begriffe. Race gilt als eine wenig veränderbare Kategorie, die sich sowohl auf biologi- sche als auch kulturelle Merkmale bezieht, die auf einer gemeinsamen geographischer Herkunft beruhen. Dagegen umfasst Ethnizität Merkmale von Lebensweisen, von Iden- tifizierung mit Kulturen oder Identitäten, die auf einer geschichtlichen Herkunft oder einem Glauben gründen (Maynard 1994: 11). Dabei stellt Ethnizität eher eine Form der gemeinsamen Solidarität und Identifizierung dar, die auf einem Mythos über die ge- meinsame Herkunft basieren kann (vgl. Anthias; Yuval-Davis 1992: 26f.). Mit Vorsicht gebraucht Mary Maynard den Begriff Race, der sich an der Definition von den Autoren Omi und Wiant orientiert. Damit ist ein veränderbares Konstrukt verschiedener sozialer Bedeutungen gemeint. Die Bedeutungen werden durch politische Aktion beeinflusst (Maynard 1994: 11). In dem Zusammenhang mit dem Begriffen Ethnizität und ethni- sche Gruppe, stellt sich die Frage, was unter einer ethnischen Gruppe genau zu verste- hen ist.

Ethnische Gruppe: Nach Avtar Brah gibt es verschiedene Kriterien einer ethnischen Gruppe. Dazu zählen z.B. der Glaube an einen gemeinsamen Ursprung, eine gemeinsa- me Geschichte sowie die Bindung an eine Herkunft. Sie spricht auch von einer Grup- Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 31 penzugehörigkeit aufgrund von Sprache, Tradition, Religion und Lebensweisen (Brah 1996: 33).

Einen wichtigen Beitrag zur Definition der ethnischen Gruppe und ihrer Veränderlich- keit hat Frederik Barth (1969)33geleistet. Vor dem Hintergrund des Wandels der anth- ropologischen Theorien Ende der 1960er und in den 1970er Jahren wurde deutlich, dass theoretische Modelle der traditionellen Sozialanthropologie zur Festschreibung ethni- scher Gruppen in statischen Sozialmodellen geführt hatten. Frederic Barth hinterfragte in diesem Zusammenhang die Eignung der anthropologischen Einheit der ethnischen Gruppe, die sich auf der Basis einer gemeinsamen, klar umrissenen Kultur gründete. Barth schlug vor, Gruppen durch die Form ihrer Organisation zu unterscheiden, d.h. die soziale Organisation einer Gruppe und die Interaktion zwischen den einzelnen Mitglie- dern als deren Kennzeichen zu erheben und nicht nur auf ihre Kultur abzuzielen (vgl. Cantón Delgado 1997: 88).34

Barth untersucht die Grenzen von ethnischen Gruppen ihrem Wesen nach. Damit wird ein neuer Ansatz kreiert, der nicht mehr nur von einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Symbolen und von einer statischen Typologisierung von Identitäten ausgeht, sondern der die Entwicklung, Entstehung von Grenzen und Abgrenzungen untersucht sowie von Akteuren ausgeht, die in Aushandlungsprozessen und Interaktionen Identitäten benutzen und verändern. Es gibt demnach keine klaren „ewigen“ ethnischen Grenzen. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass über die Grenzen von Gruppen hinweg soziale Beziehungen existieren und hergestellt werden (vgl. Müller; Schmid 2003: 13). Eine ethnische Gruppe erfährt ihre Veränderungen in ihrer Geschichte.

Zugespitzt formuliert Avtar Brah den Zusammenhang von ethnischen Gruppen in der gesellschaftlichen Konstellation und entlang der Achsen von Race, Class, Gender:

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 32 „Ethnische Gruppen entwickeln sich und existieren im Rahmen diskursiver und materieller Handlungszusammenhänge, die durch ökonomische, politische und kulturelle Ausdrucksformen von Macht geprägt sind. (Es sind) (...) heterogene Kategorien (.), die sich entlang einer Vielzahl von Achsen wie Geschlecht, Religion, Sprache, Kaste oder Klasse ausdifferenzieren.“ (Brah 1996: 33)

Die Grenzziehungen auf Basis der verschiedenen Kriterien (Sprache, Religion, gemeinsame Geschichte, Ursprung, Lebensweisen, Traditionen, kulturelle Gewohnheiten) sind dynamisch und geschehen in Abhängigkeit von politischen, kulturellen und ökonomischen Prozessen und Verhältnissen (Brah 1996: 46f.). Gesellschaftliche Veränderungen sind mit den Kategorien Race, Class, Gender verknüpft.35

Die Einbettung von Intersectionality-Analysen in nationale Bezugsrahmen wird nach dem Abschnitt zum Ethnizitätsbegriff in Deutschland nochmals aufgegriffen. Der Beg- riff Ethnizität ist insbesondere für die deutsche Diskussion um Intersectionality ent- scheidend, da aufgrund der deutschen geschichtlichen Entwicklungen der Begriff Ethni- zität36und nicht der Ausdruck Race oder Rasse - wie in den USA oder Großbritan- nien - verwendet wird.

Der Ethnizitätsbegriff in Deutschland

Die Auseinandersetzung mit Rassismen ist hierzulande von der spezifischen Einwande- rungsgeschichte Deutschlands geprägt. Auf diese gehe ich im vierten Kapitel kurz ein. An dieser Stelle steht die begriffliche Thematik im Vordergrund.37 Helma Lutz arbeitet die Argumente für die Behandlung der Begriffe in Deutschland präzise heraus. Die Thematisierung von Rassismus knüpft in Ländern mit Kolonialge- schichte an diese Erfahrung an. Dagegen überwiegt in Deutschland in Debatten zum Rassismus, trotz der eigenen Kolonialgeschichte, der Bezug zum Nationalsozialismus. Mit den Worten von Birgit Rommelspacher, pointiert Helma Lutz die Problematik im Umgang mit Race und Rassismus:

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 33

„(...) in Deutschland (könne) „Rassismus ohne den Nationalsozialismus und den Antisemitismus nicht diskutiert werden“ (Rommelspacher 1999, S. 22)“ (Lutz 2001: 223).

Die Autorin bezieht sich weiter auf die Ausführungen von Rommelspacher zu der Frage, weshalb sich der Begriff Ethnizität und nicht Rasse durchsetzte:

„„Der deutsche Kolonialismus ,verschwindet’ quasi hinter dem Nationalsozialismus als gleichsam geringeres Übel. [...] Der Kolonialismus wird nicht als ein Problem der Deutschen begriffen, sondern wird eher auf die eigentlichen Kolonialmächte wie England, Frankreich oder die Niederlande verschoben“ (Rommelspacher 1999, S. 22).“ (Lutz 2001: 223).

Nach den Analysen von Rommelspacher ist die Behandlung der Kolonialgeschichte Deutschlands in den Hintergrund getreten, während vordergründig die Debatte um den Nationalsozialismus und „Rasse“ behandelt wird. In ehemals herrschenden Kolonial- staaten wie bspw. England dagegen verläuft die Begriffsgenerierung von Race zusam- men mit der Behandlung der Kolonialgeschichte und der Rassismen während dieser Zeit. Gerade diese Art der breiten Auseinandersetzung hat zu den Ansätzen geführt, welche die Kategorie Gender über die Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte um die Verknüpfung mit Race erweitern (Lutz 2001: 223). Von diesem Ausgangspunkt werden die Ungleichheiten in den Geschlechterverhältnissen auch hinsichtlich der Differenzen unter Frauen betrachtet.

Dagegen knüpft in Deutschland der Begriff Rasse an die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus an, während der Begriff Ethnizität erst später in Umlauf kommt und mit der Auseinandersetzung der intensiven Einwanderung ab den 1960er Jahren in Deutschland zusammenhängt. Dieser Begriff erscheint „unverbraucht“ und ist nicht mit der Vergangenheit des Nationalsozialismus und des Holocaust belastet (vgl. Lutz 2001: 223f.). Helma Lutz fährt zur Begriffsdiskussion fort:

„Ethnizität dient hierzulande im Wissenschaftsdiskurs bis heute weitgehend als Beschreibungskategorie für sogenannte ethnisch Differente; die im Deutschen als Ethnisierung beschriebenen Prozesse sind im Kern durchaus vergleichbar mit den in der englischsprachigen Debatte beschriebenen Rassialisierungsprozessen.“ (Lutz 2001: 224).

Festzuhalten bleibt an dieser Stelle, dass die Begriffe Race und Ethnizität38im englisch- sprachigen Raum z.T. wechselseitig verwandt werden, während in Deutschland der Begriff Ethnizität gebräuchlich ist. Die differente Verwendung macht das Spezifische

Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit : Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion 34

jeder Gesellschaft deutlich. Überlegungen zum nationalen Bezugsrahmen werden im nächsten Abschnitt ausgeführt.

Nationaler Bezugsrahmen - Nationale Diskurse und Repräsentationen

Jeder Nationalstaat und jede Gesellschaft hat ihre spezifischen Mechanismen, um mit der Frage der kulturellen Differenz umzugehen (Anthias; Yuval-Davis 1992: 36). Dem- zufolge ist der jeweilige nationale Bezugsrahmen bei einer intersektionellen Analyse zu beachten. Mit der Kategorie Ethnizität wird bereits das Modell der Nation impliziert (Anthias; Yuval-Davis 1992: 25). So steht dieser Begriff eng im Zusammenhang von Konzepten der multikulturellen oder multiethnischen Gesellschaft (Maynard 1994: 11). Genau aus diesem Grund fordert Avtar Brah zur Analyse der Verknüpfungsstellen von Rassismus, Ethnizität, Nationalismus und Klasse als geschlechtlich bestimmte Formati- onen auf. Gemäß der Autorin sind Nationalismen für die Konstruktion von Nationen maßgeblich, indem sie Hierarchien ethnischer Gruppen konstituieren und den Stellen- wert von Frauen, auch als Symbolgestalten der Nation, mitbegründen (Brah 1996: 34; vgl. auch Kap. 4.2). Nach Yuval-Davis (1997) werden ethnische Unterschiede in Dis- kursen über Gemeinschaften hergestellt. Die Trennung erfolgt über verschiedene Krite- rien, die als essentiell für die Gruppen begriffen werden. Die Hierarchiebildung erfolgt durch politische Diskurse in denen Gruppen positioniert werden:

“Ethnic and racial divisions relate to discourses of collectivities constructed around exclusionary/inclusionary boundaries which divide people into ‘us’ and ‘them’. Such boundaries are often organized around myths (which could be historically valid or not) of common origin and/or common destiny. Religious and other cultural codes concerning marriage and divorce are crucial in constructing those boundaries. What is specific to nationalist projects and discourse is the claim for a separate political representation for the collectivity by these boundaries.” (Yuval-Davis 1997: 3).

Wie kann jedoch ein Diskurs konstitutive Effekte haben und Hierarchien herstellen? Zu dieser Frage bietet Avtar Brah eine Erklärung an:

„Wenn Diskurse - im Foucaultschen Sinn - „Ordnungen des Wissens“ und „Machtbeziehungen“ sind, die „sich [...] zu anderen Typen von Verhältnissen (ökonomischen Prozessen, Erkenntnisrelationen, sexuellen Beziehungen) nicht als Äußeres [verhalten], sondern [...] ihnen immanent [sind]“ (Foucault 1977, S. 115), dann folgt daraus, daß sie konstitutive Elemente in der Herausbildung verschiedener Formen menschlicher Subjektivität und sozialen Handelns bilden. Deshalb sind solche Prozesse der Konstruktion von Bedeutungen wie der Rassismus nicht länger als bloße Erscheinungen der „Oberfläche“ im Gegensatz zu (...) strukturellen Erscheinungen zu betrachten.“ (Brah 1996: 28)39.

[...]


1 Unter Maquilas bzw. Maquiladoras sind Fabrikanlagen oder damit verbundene Dienstleistungen zu verstehen, die unter das spezielle mexikanische Exportförderprogramm der IME Programa de Industria de Maquiladora de Exportación fallen. Damit genehmigt die mexikanische Regierung bestimmte erleich- ternde Zollkonditionen auf temporäre Importe von Halbwaren, Komponenten, Kapital etc. für die Produk- tion und deren Reexport nach der Weiterverarbeitung in Mexiko. Genau genommen kann diese Verarbei- tung nicht unter dem Begriff Industrie gefasst werden, da es sich in erster Linie um die Weiterverarbei- tung von Einzelteilen zum Produkt handelt (vgl. Carrillo 2003: 1f.) Im mexikanischen Sprachgebrauch werden unter maquilar auch die Arbeitsschritte einer Produktion verstanden, die Handarbeit erfordern (vgl. Larousse 2003: 644).

2 Im vorliegenden Text wähle ich überwiegend die folgende kursive Schreibweise der Triade Race, Class, Gender oder Ethnie, Klasse, Geschlecht, da meiner Ansicht nach dadurch der Lesefluss gefördert wird. Auf die einzelnen Begriffe gehe ich später in der terminologischen Diskussion ein.

3Da der Umgang mit der Kategorie Race/Rasse in Deutschland aufgrund der Rassenpolitik während des nationalsozialistischen Regimes negativ besetzt ist, steht das Wort im Text entweder kursiv oder in Gänsefüßchen. In Deutschland wird überwiegend der Begriff Ethnizität verwendet. Auf die näheren Hintergründe gehe ich im Kapitel 2.1.3.2 über den Ethnizitätsbegriff in Deutschland ein.

4In dieser Arbeit wird wechselweise der Begriff Gender oder Geschlecht verwendet. Damit ist das sozia- le oder auch symbolische Geschlecht gemeint, d.h. das Verhalten, die gesellschaftlichen Zuschreibungen und kulturellen Bedeutungsmuster des „Frau- oder Mannseins“. Zur Erläuterung siehe auch Kap. 2.1.3.3.

5 Als konstituierende Achsen der Unterdrückung (Axes of Oppression) schwarzer Frauen beschreibt Patricia Hill Collins Race, Class, Gender (Collins 1991: 226; vgl. Kapitel 3.2.2). Die Debatte um die „Achsen der Differenz“ in der Gesellschaftstheorie und feministischen Kritik haben Gudrun-Axeli Knapp und Angelika Wetterer entscheidend in ihrer gleichnamigen Publikation vorangetrieben (vgl. Knapp; Wetterer 2003). Knapp diskutiert bereits die „Achsen der Differenz - Strukturen der Ungleichheit“ in dem Band zu den Feministischen Theorien (vgl. Knapp 2001). Diesen Beiträgen habe ich den Titel meiner Arbeit mit der Erweiterung um die „Achsen der Ungleichheit“ entlehnt.

6Alle Facetten der Begriffsbildung im Detail zu untersuchen ginge über den Rahmen dieser Arbeit hinaus, da zu viele Wissens- und Disziplinfelder landesspezifisch einbezogen werden müssten.

7Die Mehrfachunterdrückung aufgrund Race, Class, Gender und der Begriff Intersectionality wurden seit den 1970er Jahren thematisiert. Zwar wurde das Thema „Differenz unter Frauen“ auch innerhalb der „weißen“ Frauenforschung untersucht (vgl. auch Kap. 2.1.3.3); es stand aber nicht im Vordergrund.

8 Es gibt eine verzweigte Diskussion darum, was unter den Termini „Black“ und „Feminist“ und „schwarzer Feministin“ zu verstehen ist, ob es sich um schwarze Feministinnen, schwarze Frauen oder um Personen mit schwarzer feministischer Gesinnung handelt. An dieser Stelle kann die Debatte nicht im Detail abgebildet werden. Für die interessierten LeserInnen zur näheren Diskussion der Termini „Black“ und „Feminist“ siehe auch Collins 1991: 19ff. Collins macht deutlich, dass nur die AfrikanischAmerikanischen Frauen gemeinsame Erfahrungen der unterdrückten Gruppe teilen. Danach können zwar andere Personen an der Entwicklung Schwarzer Feministischer Auffassungen teilnehmen, aber sie können nicht die Lebenswirklichkeiten und die Erfahrungen dieser Gruppe definieren (1991: 34). Kimberlé Crenshaw überträgt diese spezifischen Unterdrückungserfahrungen auch auf die Women of Color, d.h. Frauen anderer ethnischer Herkunft als den USA (vgl. auch Kap. 3).

9Bell hooks wurde 1952 als Gloria Jean Watkins geboren. Sie benutzt als Pseudonym den Namen ihrer Großmutter, um diese und ihre Mutter zu ehren, und um eine Distanz zur eigenen Person zu schaffen (Provenzo 2005). Im fortlaufenden Text mache ich das Pseudonym durch Kleinschreibung kenntlich.

10 Zur Definition von Gender und Sex siehe Kapitel 2.1.3.3.

11Bevor Kimberlé Crenshaw den Begriff Intersectionality „ins Spiel“ brachte, leisteten bereits seit den 1970er Jahren viele Autorinnen Beiträge zur Beschreibung der Überschneidungen von Rassismen und Sexismen, wie im Verlauf dieses Kapitels deutlich wird (vgl. auch McCall 2001: 36). Crenshaw benutzt das Konzept Intersectionality bereits 1989 in ihrem Artikel „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex“, um mit den Arbeitserfahrungen schwarzer Frauen das Zusammenspiel von Rasse und Geschlecht aufzuzeigen (Crenshaw 1991: 1244).

12Riley nennt insbesondere die Weltkonferenz gegen Rassismus (WCAR) in Durban im Jahr 2001 und eine Expertentagung zu Diskriminierung aufgrund von Gender und Race in Zagreb, Kroatien im Jahr 2000 (Riley 2003: 13).

13 Seit Mitte der 1980er Jahre setzte sich der Gender and Development-Ansatz in der Entwicklungszusammenarbeit durch. Hiernach wird die Analyse des Geschlechterverhältnisses in seiner Wechselwirkungen mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen diskutiert und nicht nur mehr die benachteiligte Lage von Frauen fokussiert (vgl. Steans 1998).

14Die Autorinnen West und Fenstermaker fragen genau nach der Form von Mehrfachunterdrückung, ob sie additiv oder nicht sei, und wie die Form aussehe: “If the effects of “multiple oppression” are not mere- ly additive nor simply multiplicative, what are they? Some scholars have described them as the products of “simultaneous and intersecting systems of relationship and meaning” (Anderson and Collins 1992, xiii;

(..) Almquist 1989; Collins 1990; Glenn 1985).” (West; Fenstermaker 1995: 12).

15 Die Diskriminierung niedrigerer sozialer Klassen wird im anglophonen Raum als Classism bezeichnet (im Deutschen Klassismus). Auch die Diskriminierung von Personen etablierter sozialer Klassen durch Personen unterprivilegierter Klassen wird Klassismus genannt (vgl. Liu 2001: 139). In Deutschland fußt die Analyse von klassenspezifischer Diskriminierung eher auf dem klassenorientierten Ansatz Bourdieus und seinem Modell des sozialen Raums, die im Zusammenhang der Gender and Class Debate rezipiert werden. Dieses Modell bietet zusammen mit dem Raum der Lebensstile die Möglichkeit, durch die Kapi- talarten und Lebensstile das Distinktionsverhalten zwischen Gruppen und Individuen aufzuzeigen.

16 Dieser Zusammenhang zielt auch auf die gesellschaftliche Ethnisierung von Gruppen ab. Damit ist die gesellschaftlich-politische Zuschreibung von Unterschieden und der gesellschaftliche Umgang mit Zuge-

17 West und Fenstermaker z.B. stellen Intersectionality als ineinander verhakte Erfahrungsfelder in Form von drei sich überschneidenden Kreisen dar. Zum einen stellen die Kreise Gruppen nach Race, Class, Gender dar. Zum anderen symbolisieren alle Kreise Erfahrungen und die einzelnen Kreise jeweils eine Kategorie Race, Class, Gender. In der Schnittmenge aller drei Kreise befinden sich, entgegen der arithmetischen Logik, alle Personen, da jedes Individuum Erfahrungen aufgrund von Race, Class, Gender macht (West; Fenstermaker 1995: 13f.).

18 Der Begriff Dekonstruktivismus stammt aus den Werken Jacques Derridas. Ausgehend vom seinem poststrukturalistischen Ansatz wird die Annahme strukturalistischer Modelle kritisiert, dass den Handlun- gen von Subjekten Strukturen und Sinnstrukturen unterliegen, die handlungsgenerierend wirken. Diese Strukturen beziehen sich auf gesellschaftliche Zusammenhänge, die wieder durch das Individuum hin- durch wirken und in deren Handlungen erkannt werden können. Diese Perspektive wird vom Dekonstruk- tivismus abgelehnt. Es wird nur der reine Text analysiert und nicht aus diesem gesellschaftliche Sturktu- ren abgeleitet. Die Kritik geht weiter davon aus, dass die Untersuchungen über das Handeln der Subjekte und deren Ergebnisse immer auch die ForscherInneninteressen beinhalten (vgl. Flick 1998: 36f.). Mit anderen Worten geht es darum die Geschichte von Begriffen zu untersuchen und die historisch entstande- nen Grenzziehungen in Bezug auf Normen und Werte, die heute als „normal“ bzw. „natürlich“ gelten, zu hinterfragen. Die scheinbar objektive Realität und die damit verbundenen Kriterien und Kategorien sowie die Forscherneutralität werden in Frage gestellt. Die Veränderungsgeschichte von Begriffen und Kon- struktionen wird betrachtet, um die Wandlungen derselben deutlich zu machen. Schließlich zielen For- schungen dieser Ansätze seit den 1990er Jahren auf die Dekonstruktion von Kategorien, die als naturge- geben erscheinen. So hinterfragt Judith Butler die „natürliche“ Binarität der Geschlechter. Sie kritisiert,

19Die Ethnographie als qualitativer Forschungsansatz „(.) geht von der theoretischen Position der Be- schreibung sozialer Wirklichkeiten und ihrer Herstellung (...) aus.“ Die Teilnahme am untersuchten For- schungsfeld, die Dateninterpretation und vor allem die Datendarstellung stehen im Mittelpunkt der Eth- nographie. Durch teilnehmende Beobachtung werden Daten über den Alltag sozialer Gruppen erhoben und als Text dargestellt (Flick 1998: 166ff.). Die Darstellung spielt insofern eine besondere Rolle, da sie maßgeblich vom Forschenden und seinem Hintergrund mitgeprägt wird. Diese Beeinflussung sowohl des Forschungsprozesses als auch der Darstellung von Ergebnissen macht die Reflexion dieses Tatbestandes notwendig (Flick 1998: 268ff.).

20Die Positivismuskritik geht weiter zurück bis ins 19 Jh. Zum Positivismusstreit in der Soziologie des 20 Jh.: vgl. Adornos Kritik am Wahrheitsanspruchs der empirischen Sozialforschung 1969: 99f.).

21Ulrich Beck beschreibt in seinem Werk „Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moder- ne“ die postmoderne, individualisierte und „globalisierte“ Welt. In der Postmoderne, so Beck, würden Bindungen der gesellschaftlichen Strukturen an Klassen oder Schichten in den Hintergrund treten und Individualisierung bzw. Vergesellschaftung nicht mehr über diese Kategorien verlaufen. Seine Individua- lisierungsthese besagt, dass soziale Ungleichheit aufgrund von Modernisierungstendenzen der Gesell- schaft so vielfältig ist, dass eine Strukturierung über Klassen nicht mehr gegeben ist. Demnach gilt nicht mehr die „Großgruppengesellschaft“, sondern die direkte „Unmittelbarkeit von Individuum und Gesell- schaft“. Die „Verschärfung und Individualisierung von sozialen Ungleichheiten greifen ineinander“ (Beck 1986: 115ff.). Heiner Keupp zeigt die Veränderung der Moderne zur Postmoderne auf, indem er die „Hineinnahme“ von Individuen in die Gesellschaft fokussiert: „Das Hineinwachsen in diese Gesellschaft bedeutete bis in die Gegenwart hinein, sich in diesem vorgegebenen Identitätsgehäuse einzurichten. (...) (Er betont), dass dieses moderne Identitätsgehäuse seine Passformen für unsere Lebensbewältigung zu- nehmend verliert (...).“ (Keupp 2004: 3).

22 McCall zeigt keine Mischungen auf, z.B. ForscherInnen, die v.a. als Dekonstruktivistinnen bezeichnet werden, aber dennoch mit Kategorien arbeiten und ihre Ergebnisse gesellschaftstheoretisch rahmen.

23 Leslie McCall betrachtet „(…) the roots of several different forms of wage inequality in regional eco- nomics in the United States. I examined the regional economic conditions(.) that are associated with each

24WissenschaftlerInnen mit positivistischem Ansatz gehen davon aus, durch Distanzierung bzw. Aus- blendung ihres jeweiligen Standpunkts und durch Standardisierung objektive Ergebnisse erzielen zu kön- nen. Sie schaffen wissenschaftliche Beschreibungen der sozialen Welt durch objektive Verallgemeine- rungen (Collins 1991).

25 In dem Buch von bell hooks „Sehnsucht und Widerstand“ wird Essentialismus nach biologischen Merkmalen definiert: „Theoretischer Ansatz, der davon ausgeht, daß Verhaltens- und Denkweisen von biologischen Merkmalen (z.B. vom Geschlecht) geprägt sind und daß naturgegebene Charakteristika das Wesen von Menschen und von Gemeinschaften eher bestimmen als individuelle und umweltbeding- te.“ (hooks 1996: 227).

26 Evelyn Nakano Glenn entwirft eine integrierte Analyse zu Race und Gender, in der sie konstruktivisti- sche und kritisch-feministische Ansätze zu verbinden versucht. Sowohl die Sozialstruktur als auch die Repräsentation, so die Autorin, erzeugen Differenzlinien nach Race und Gender (vgl. Glenn 2000).

27 Treibel führt auch Bourdieu mit seinem Konzept des Habitus und des sozialen Raums, Becker-Schmidt mit der Theorie der doppelten Vergesellschaftung und Knapp mit dem Ansatz der Geschlechterdifferenz und der Differenz unter Frauen an (vgl. Treibel 1997).

28 Es gibt Ansätze, die auf verschiedenen soziologischen Ebenen ansetzen, wie z.B. der „Institutionenansatz“ bzw. die Lebenslaufanalyse von Helga Krüger (Mikro-, Mesoebene). Die Autorin macht über ihren Institutionenansatz sehr deutlich, wie die Institutionen der Berufsbildung, des Arbeitsmarktes, der Alterssicherung und der Familie Einfluss auf das Individuum nehmen und Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis haben. Die zentrale These Krügers ist, dass „(…) einerseits die Institutionenstrukturierung des Lebenslaufs ohne Berücksichtigung der Familie nicht angemessen analysiert werden kann, und andererseits die Reproduktion traditioneller Familienmuster nicht ohne die Vernetzung von Familie mit den übrigen Institutionen des Lebenslaufs zu erklären ist.“ (Krüger; Levy 2000: 382).

29 Elias bezieht seine Etablierten-Außenseiter-Figuration auch auf die Kategorie Race. Er überträgt sie auf die Verhältnisse zwischen ethnischen Gruppen bzw. ethnic relations oder race relations. Im folgenden Zitat von Elias wird deutlich, dass die Unterschiede von Zugewanderten zur Ausgrenzung und zum Machterhalt der etablierten Gruppe(n), den „Alteingesessenen“, genutzt werden. „Was man „Rassenbe- ziehungen“ nennt, sind also im Grunde Etablierten-Außenseiter-Beziehungen eines bestimmten Typs. Daß sich die Mitglieder der beiden Gruppen in ihrem körperlichen Aussehen unterscheiden oder daß eine von ihnen die Sprache, in der sie kommunizieren, mit einem anderen Akzent (...) spricht, dient lediglich als ein verstärkendes Schibboleth (Erkennungszeichen, Losungswort), das die Angehörigen der Außensei-Diese Naturalisierung wird bei der Kategorie Klasse kaum vorgenommen.

30 Vgl. Kap. 2.1.3.3 Klinger.

31 Vgl. auch Kap. 3.2.2 Patricia Hill Collins.

32 In vorgegangenen Absätzen zu Rassismus und Sexismus verweise ich mit dem Zitat von Avtar Brah auf Dimensionen symbolischer Ordnung der Repräsentation ethnischer Gruppen. Die Repräsentation wird auch über politische Diskurse hergestellt. Angelehnt an Foucault versteht die Autorin unter Diskursen sowohl „Ordnungen des Wissens“ als auch „Machtbeziehungen“. Diese sind konstituierend für gesell- schaftliche Verhältnisse und zeigen sich dort z.B. in „„ökonomischen Prozessen, Erkenntnisrelationen, sexuellen Beziehungen“ (...) (Foucault 1977, S. 115)“. Folglich beeinflussen und begründen Diskurse die gesellschaftliche Ordnung und das individuelle Handeln (Brah 1996: 28; vgl. auch Kap. 2.1.3.2).

33Auf einem Kongress skandinavischer Anthropologen im Jahr 1967 stand die Diskussion um ethnische Gruppen im Mittelpunkt. Der Tagungsband „Ethnic Groups and Boundaries. The Social Organization of Culture Differences”, im Jahr 1969 von Barth herausgegeben, lieferte entscheidende Beiträge zu dem neuartigen Ansatz von Federik Barth, nach dem die Herstellung von ethnischen Grenzen samt ihrer Dy- namik im Mittelpunkt stand und nicht mehr die starre Kategorisierung (Müller; Schmid 2003: 13).

34 Die Autorin Manuela Cantón Delgado bezieht die Erkenntnisse Barths auf verschiedene indigene Gruppen im Süden Mexikos im Bundesstaat Chiapas. Sie begreift diese Gruppen nicht als passive Akteu- re und „einfache Nachfahren der Mayazivilisation“ oder als Opfer von ausländischen Einflüssen, die unveränderlich ihre „gemeinsame Identität“ bewahren. Nach Ansicht der Autorin handelt es sich um Akteure, die in sozialen Interaktionsprozessen und in Wandlungsprozessen Identitäten neu begründen. Die Autorin führt das Beispiel der indianischen Bewegungen an, die die Dynamik der ethnischen Grup- pen aufzeigen. Diese Bewegungen kämpfen um die Rechte indigener Gruppen, wie bspw. um den Ejido- Besitz, ein besonderes Bodenrecht durch das gemeinsamer Besitz und Bewirtschaftung geregelt werden, oder um den Erhalt der Artenvielfalt indigener Maispflanzen. Indigene Gruppen und Bewegungen finden Strategien und Allianzen auf internationaler und nationaler Ebene. Sie handeln über ihre „Gruppengren- ze“ hinweg mit nicht-indigenen Gruppen und entwickeln soziale Praktiken als Antwort auf internationale Einflüsse (Cantón Delgado 1997:88).

35Zur Kritik an der „schiefen“ Kategoriekonstruktion siehe auch „Weißseinsforschung“ in Kap. 5.2.

36Die folgende Auseinandersetzung mit dem Begriff Ethnizität zeigt die Bedeutung für die deutsche Diskussion auf. Auch wenn es in der deutschen Diskussion vorwiegend um die Ethnizität geht, wird aus Gründen des leichteren Leseflusses überwiegend weiter mit der Triade Race, Class, Gender gearbeitet und nur vereinzelt um Ethnizität erweitert.

37 Denkbar wäre in diesem Zusammenhang auch eine transnationale terminologische Diskussion zwischen Ländern mit gemeinsamen geschichtlichen Entwicklungen zur Fundierung einer IntersectionalityTheorie. Weiterhin wäre es interessant, zu untersuchen, welche Begriffe in anderen deutschsprachigen Ländern im Vordergrund stehen.

38 Zur weiteren Begriffsgeschichte von Ethnizität seit den 1920er Jahren siehe auch Helma Lutz (2001).

39 Vgl. auch Ausführungen zu Diskursen im Abschnitt über Rassismus und Sexismus im gleichen Kapitel.

Ende der Leseprobe aus 166 Seiten

Details

Titel
Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit. Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie und Sozialpsychologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
166
Katalognummer
V68688
ISBN (eBook)
9783638600422
Dateigröße
1426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Achsen, Differenz, Ungleichheit, Race, Class, Gender, Diskussion, Thema Gender
Arbeit zitieren
Dipl.-Sozialwiss. Doris Meißner (Autor), 2006, Achsen der Differenz - Achsen der Ungleichheit. Race, Class, Gender in der feministischen Diskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68688

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