Die Frauenpolitik der SED in den 1960ern


Seminararbeit, 2002
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Vorbetrachtungen
1.1 Definitionen
1.2 Ideologischer und historischer Hintergrund

2.Maßnahmen und Gesetze zur Gleichstellung
2.1 Kommunique „Die Frauen – der Frieden und der Sozialismus“
2.2 Gesetzbuch der Arbeit
2.3 Familiengesetzbuch
2.4 bildungspolitische Maßnahmen

3. Folgen
3.1 Wirtschaft
3.2 Frauenleitbild
3.3 Demografie

4. Schlussbetrachtungen

Bibliografie

Einleitung

„Es ist in der Tat eine der größten Errungenschaften des Sozialismus, die Gleichberechtigung der Frau in unserem Staat sowohl gesetzlich, als auch im Leben weitgehend verwirklicht zu haben“[1] bemerkte Erich Honecker 1971 auf dem VIII. Parteitag der SED. Nach den 1960ern in der DDR waren demnach große Fortschritte auf dem Weg zur gelebten Gleichberechtigung zu verzeichnen. Aber die Realität am Ende der Ära Ulbricht sah anders aus: Die ernstgemeinten Versuche, den Frauen das Nutzen ihrer Gleichberechtigung zu ermöglichen, waren zu einem großen Teil an der strikten ökonomischen Orientierung der SED-Frauenpolitik gescheitert und trugen zudem zur Festigung alter Rollenklischees bei.

Im Folgenden gilt es, zu klären inwiefern die frauenpolitischen Maßnahmen der 1960er den Frauen der DDR wirklich mehr Gleichberechtigung einbrachten und welche Aspekte der Gleichberechtigung noch nicht verwirklicht waren.

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, werde ich mich mit den wichtigsten Bereichen und Maßnahmen der SED-Frauenpolitik in den 1960er Jahren beschäftigen. Hierbei soll zunächst als Basis der Betrachtungen geklärt werden, welchen Inhalt der Begriff Gleichberechtigung hat bzw. hatte. Im Anschluss werde ich einen Einblick in den ideologischen und historischen Hintergrund der SED-Politik dieser Zeit geben. Dadurch wird die im darauf folgenden Abschnitt behandelte SED-Frauenpolitik der 1960er verständlicher sein. Es werden in diesem Abschnitt nur einige richtungsweisende Maßnahmen der SED-Frauenpolitik beleuchtet, da die Masse an neuen Verordnungen zur Gleichberechtigung in diesem Rahmen nicht vollständig dargestellt werden kann. Nach der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Maßnahmen der Frauenpolitik in den 1960ern werde ich mich den erwünschten und unerwünschten Folgen dieser Politik widmen. In den Schlussbetrachtungen wird dann der Bogen zwischen der Fragestellung, den Hintergründen und den Zielen und Folgen der SED-Frauenpolitik geschlossen. Ein Urteil über das tatsächliche Ausmaß an Gleichberechtigung zum Zeitpunkt der Feststellung Honeckers wird die Arbeit abschließen.

Als Basisliteratur dieser Arbeit sind vor allem die Auseinandersetzungen zum Thema von Hildebrandt[2] und Kreutzer[3] hervorzuheben.

1. Vorbetrachtungen

1.1 Definitionen

Der Begriff Gleichberechtigung wird bzw. wurde in der DDR und der BRD mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt. So vertrat die SED laut Gast die Ansicht, „die Grundlage wirklicher Gleichberechtigung der F[rau] sei ihre ökonomische Unabhängigkeit vom Mann, die sie sich durch die Teilnahme am gesellschaftlichen Produktionsprozeß sichere.“[4] Die westdeutsche Sicht auf den Begriff ist weiter gefasst. Gleichberechtigung wird als „Durchsetzung gleicher Rechte und Chancen für Frauen und Männer“[5] beschrieben.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die SED-Sichtweise auf den Begriff Emanzipation der Frau, welche die SED „ausschließlich [als] das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital“[6] ansah. Schon in diesen Definitionen wird deutlich, wie sehr die SED ihre Frauenpolitik mit der Wirtschaftspolitik verflocht.

Dass Gleichberechtigung zudem nur als ein für Frauen anwendbarer Begriff erscheint, ist geradezu typisch für die SED-Frauenpolitik, da Männer kaum im Blickpunkt politischer Maßnahmen standen.

1.2 Ideologischer und historischer Hintergrund

Wie schon aus den Definitionen hervorgeht, war die Geschlechtergleichberechtigung in der DDR an die Ökonomie geknüpft. An Vordenkern wie Bebel und Zetkin orientiert, schätzte die SED die Emanzipation der Frauen als das ausschließliche Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital ein[7]. Der Sozialismus bedingte somit in dieser Sichtweise die Gleichberechtigung der Geschlechter. Es galt aber auch, dass die „Gleichberechtigung der Frau ein unabdingbares Prinzip des Marxismus-Leninismus“[8] sei. Ohne eine Geschlechtergleichberechtigung war demnach ein Aufbau des Sozialismus nicht möglich, wie umgekehrt ohne eine sozialistische Gesellschaft das Prinzip der Gleichberechtigung nicht durchsetzbar schien.

Die Durchsetzung des Prinzips Gleichberechtigung wurde in den 1960er Jahren offensiv angestrebt. Gründe dafür lagen in mehreren Bereichen. Einerseits war in der Reformperiode der 1960er ein ehrlichgemeinter Anspruch zur Lösung der Geschlechterfrage zu erkennen. Das beste Beispiel dafür ist die ungewöhnlich offene Art, mit der das Problem im Kommunique „Die Frauen – der Frieden und der Sozialismus“ von 1961 angesprochen wurde. Hierauf gehe ich später noch intensiver ein.

Zum anderen gab es aber auch enorme Probleme, die nach Lösungen verlangten. Die Fluchtwelle in die BRD bis 1961 hatte einen Bevölkerungsverlust von etwa 2,7 Millionen Menschen zur Folge. Die Hälfte davon waren junge, arbeitsfähige Menschen unter 25 Jahren, die die DDR zum wirtschaftlichen Aufbau dringend benötigt hätte[9]. Hinzu kommt, dass 54,9 %[10] der Menschen, die in der DDR blieben, Frauen waren, von denen nur die Hälfte im Arbeitsleben stand[11]. Es herrschte akuter Arbeitskräftemangel und dadurch mitbedingt eine Wirtschaftslähmung[12].

Mit dem Mauerbau im August 1961 wurde die Fluchtwelle gestoppt und so nach Susanne Kreutzer die Vorraussetzung geschaffen, das sozialistische Gesellschaftsprojekt zu realisieren. Wie auch immer der Mauerbau im Gesamtkontext zu bewerten ist, hier hat Susanne Kreutzer sicher Recht. Denn es war ab August 1961 wieder aussichtsreich in die Qualifikation der Menschen zu investieren, da sie nun nicht nach abgeschlossener Ausbildung die DDR verließen, sondern beim Aufbau der Wirtschaft helfen konnten oder vielmehr mussten. Vor allem in die Ausbildung von Facharbeitern war zu investieren, da hier der größte Mangel herrschte.

Die DDR hatte wegen des Bevölkerungsschwundes durch Republikfluchten stark gelitten und musste alle gesellschaftlichen Kräfte mobilisieren, um ihren wirtschaftlichen und technischen Rückstand gegenüber der BRD aufzuholen. Unumgänglich bei der Qualifizierung der Menschen für eine spätere Tätigkeit in der Wirtschaft war es daher, auch die Frauen, die einen Großteil der Gesellschaft stellten, mit einzubeziehen.

Kurzgefasst mit Karin Hildebrandt heißt das, dass die „ Frauen [...] durch die Fluchtwelle bis 1961, den geringen technologischen Stand und den Facharbeitermangel als Arbeitskräfte gebraucht“ wurden. Die Durchsetzung der Gleichberechtigung war sinnvoll für das Vorhaben mehr Frauen zur Aufnahme einer Erwerbestätigkeit oder Qualifizierungsmaßnahme zu bewegen.

Ein letzter wichtiger Grund für die Bestrebungen zur Durchsetzung der Gleichberechtigung in den 1960ern war das Ziel der SED, sich die Loyalität ihrer Bürger und Bürgerinnen zu sichern, die sie zum Aufbau des Sozialismus benötigten. Auch hierfür stellte die Zusicherung der Gleichberechtigung eine (Teil-)Lösung dar.

2. Maßnahmen und Gesetze zur Gleichberechtigung

2.1 Kommunique „Die Frauen – der Frieden und der Sozialismus“

Als eine Einleitung in ein Jahrzehnt der Reformen kann im Bezug auf die Frauenpolitik der SED das Kommunique der SED „Die Frauen – der Frieden und der Sozialismus“ gesehen werden. Es war das „ parteioffizielle Startsignal für eine neue frauenpolitische Leitlinie der SED“[13]. Das Kommunique beinhaltet nicht nur eine erstaunlich offene Kritik an der bis dato noch nicht erreichten Gleichberechtigung der Geschlechter. Diese Kritik wurde auch mit dem Presseorgan der SED, dem Neuen Deutschland, am 23.12.1961 allen Bürgern und vor allem Bürgerinnen der DDR zugänglich gemacht. Denn das Politbüro hatte erkannt, dass die Mithilfe der gesamten Bevölkerung zum in Gangsetzen der Reformen auf dem Gebiet der Gleichberechtigung nötig war.

Angesprochen wurden mit diesem Kommunique einerseits besonders Parteimitglieder, Betriebsleiter, Gewerkschaftsfunktionäre und Massenorganisationen. Diese waren als einflussreichste Institutionen in der DDR fähig einen Umdenkungsprozess einzuleiten, an dessen Ende die gelebte Gleichberechtigung hätte stehen sollen. Die SED setzte aber auch auf die Mithilfe der „ gesamte[n] Öffentlichkeit der Deutschen Demokratischen Republik bei der Lösung der [im Kommunique] [...] aufgeworfenen Fragen“[14] zur Gleichberechtigung. Vor allem Männer, die Argumente gegen den Einsatz von Frauen in mittleren und leitenden Positionen erfanden und die „Rolle der Frau in der sozialistischen Gesellschaft“[15] unterschätzten, waren hierbei die Adressaten.

Es wurde zu einem offenen Gespräch zum Thema aufgerufen, bei dem „ freimütig alle Fragen und Vorbehalte zur Sprache zu bringen und die kritischen Hinweise der Frauen auszuwerten“[16] sein sollten. Ein Dialog wurde angestrebt, der den Frauen im Rahmen einer gesamtgesellschaftlichen Mithilfe die Möglichkeit eröffnen sollte, sich zu den Männern gleichgestellten Bürgerinnen zu entwickeln und ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Hier wird eine Aufgeschlossenheit im Umgang mit dem Thema Gleichberechtigung deutlich, wie sie bis 1961 kaum gewährt wurde. Die neue, kritische Offenheit zeigt meiner Ansicht nach die Ernsthaftigkeit, mit der die SED die Gleichberechtigung anstrebte. Denn das Angebot von öffentlicher Kritik an Lebensbedingungen in einem diktatorischen Staat birgt immer auch das Risiko unerwünschter Folgen für das machthabende Regime, wie Umsturzversuchen aus sich Bahn brechender Unzufriedenheit.

[...]


[1] Honecker, Erich, Bericht des Zentralkomitees an den VIII. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Berlin 1971, S. 62

[2] Hildebrandt, Karin, Historischer Exkurs zur Frauenpolitik der SED, in: Bütow, Birgit/ Stecker, Heidi, EigenArtige Ostfrauen. Frauenemanzipation in der DDR und den neuen Bundesländern, Bielefeld 1994, S. 12-31

[3] Kreutzer, Susanne, „Sozialismus braucht gebildete Frauen“. Die Kampagne um das Kommunique „Die Frauen – der Frieden und der Sozialismus“ in der DDR 1961/62, S. 23, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 47. JG. 1999, Heft 1, S. 23-37

[4] Gast, Gabriele, Frauen, in: Zimmermann, Hartmut (Hrsg.), DDR Handbuch, Bd. 1 A-L, Köln 1985, S. 443

[5] Bergmann, Kristin, Gleichberechtigung, in: Nohlen, Dieter (Hrsg.), Kleines Lexikon der Politik, München 2001, S. 177

[6] Gast, Gabriele, Frauen, S.443

[7] vgl. a.a.O.

[8] Die Frauen – der Frieden und der Sozialismus. Kommunique des Politbüros des Zentralkomitees der SED, in: Neues Deutschland, Berlin 23. 12. 1961, S. 1

[9] Vgl. Weber, Hermann, Die DDR 1945-1990, 2.überarb. und erw. Aufl., München 1993, S.56 in: Bleicken, Jochen u.a. (Hrsg.), Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 20

[10] Vgl. Ludz, Peter C. und Ursula: Bevölkerung, in: Zimmermann, Hartmut, DDR Handbuch, 3., überarb. und erw. Aufl., Köln 1985, S. 212

[11] Vgl. Hildebrandt, Karin, Historischer Exkurs zur Frauenpolitik der SED, S. 22

[12] Inwiefern zur Lähmung der Wirtschaftsentwicklung der DDR auch die zentralisierte Planwirtschaft beitrug, ist strittig und soll an dieser Stelle übergangen werden. Anzumerken ist allerdings, dass mit dem NÖS auch auf dieses Problem in den 1960ern eingegangen wurde.

[13] Kreutzer, Susanne, „Sozialismus braucht gebildete Frauen“, S. 23

[14] Die Frauen – der Frieden und der Sozialismus. Kommunique des Politbüros des Zentralkomitees der SED, S. 2

[15] a.a.O.,S. 1

[16] a.a.O., S.1

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Frauenpolitik der SED in den 1960ern
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Veranstaltung
Proseminar: Frauen in der DDR 1949 bis 1989
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V6869
ISBN (eBook)
9783638143417
ISBN (Buch)
9783638756815
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
SED, Frauen, DDR, Emanzipation
Arbeit zitieren
Stefanie Treutler (Autor), 2002, Die Frauenpolitik der SED in den 1960ern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6869

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