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Texte der mittelalterlichen Frauenmystik - authentische Erlebnisaufzeichnungen oder literarische Fiktion?

Title: Texte der mittelalterlichen Frauenmystik - authentische Erlebnisaufzeichnungen oder literarische Fiktion?

Term Paper (Advanced seminar) , 2006 , 34 Pages , Grade: 2,0

Autor:in: Judith Blum (Author)

German Studies - Older German Literature, Medieval Studies
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Seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert entwickelte sich im Katholizismus eine bis dahin unbekannte Form einer praktischen Mystik. Diese Erlebnismystik stand im Gegensatz zur spekulativen oder philosophischen Mystik und war zum größten Teil identisch mit Frauenmystik, weil Frauen sehr viel öfter von solchen Erlebnissen der Einswerdung der Seele mit Gott berichteten als Männer. Die Erfahrungen dieser Mystikerinnen wurden häufig von ihnen selbst oder einer ihnen nahestehenden Person aufgezeichnet und sind uns in dieser Form überliefert. Auf den modernen Leser wirken diese Schilderungen von außerordentlichen Erlebnissen oft befremdlich und unvorstellbar. Es stellt sich die Frage, ob die jeweiligen Verfasserinnen und Verfasser wirklich an diese von ihnen geschilderten übernatürlichen Vorgänge geglaubt haben oder ob es sich nur um literarische Fiktionen handelt. Diese Frage nach Authentizität bzw. Fiktionalität der in den Texten geschilderten mystischen Erlebnisse wird in der germanistischen Mediävistik kontrovers diskutiert. Die Einschätzung des Wahrheitsgehalts der frauenmystischen Texte hat große Auswirkungen auf die Bestimmung der Intention der Verfasserin bzw. der Funktion der Texte. Problematisiert werden in diesem Zusammenhang auch Fragen der Textentstehung. So wird zum Beispiel gefragt, ob es sich bei den in den Texten häufig auftauchenden Seelsorgern, die den Mystikerinnen bei ihren Aufzeichnungen angeblich helfend zur Seite standen oder sogar selbst die Verschriftlichung des Lebens einer begnadeten Frau übernahmen, um reale historische Personen handelte. Gegner dieser Annahme vertreten zum Beispiel die Auffassung, die auf theologischem Gebiet als inkompetent geltenden Frauen hätten die Figur eines fiktiven Seelsorgers in ihre Texte aufnehmen müssen, um so ihr Werk zu legitimieren. Im Rahmen dieser Arbeit werden einige Positionen zu diesen Fragen vorgestellt.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Herbert Grundmann: Die dominanten Rolle der Männer bei der Entstehung der deutschen Mystik

II. Siegfried Ringler: Frauenmystische Texte als mystische Lehre in legendarischer Form

III. Ursula Peters: Der Beichtvater als literarische Fiktion

IV. Susanne Bürkle: Frauenmystische Texte als Literatur des Klosters

V. Peter Dinzelbacher: Frauenmystische Texte als Erlebnisberichte

VI. Erlebnis vs. literarische Fiktion?

Schluss

Literatur

Zielsetzung und Themen

Diese Arbeit untersucht den Realitätsgehalt frauenmystischer Texte des Mittelalters und analysiert die wissenschaftliche Debatte darüber, ob es sich bei diesen Schriften um authentische Erlebnisberichte oder um literarische Fiktionen handelt.

  • Historische und sozialgeschichtliche Rahmenbedingungen der Entstehung frauenmystischer Literatur.
  • Analyse der Rolle männlicher Seelsorger im Prozess der Textentstehung.
  • Untersuchung literarischer Strukturen, Topoi und hagiographischer Programmatiken.
  • Diskussion der Eigenleistung schreibender Frauen und ihrer literarischen Kompetenz.
  • Kritische Würdigung gegensätzlicher Forschungspositionen zwischen Erfahrungsbericht und literarischem Konstrukt.

Auszug aus dem Buch

II. Siegfried Ringler: Frauenmystische Texte als mystische Lehre in legendarischer Form

Nicht mystisches Erleben also, sondern mystische Lehre wäre folglich der Inhalt der Nonnenviten, anschaulich vor Augen gestellt im Reichtum legendarischer Bilder, Szenen und Lebensläufe.

Siegfried Ringler knüpft mit seiner Analyse zur Viten- und Offenbarungsliteratur in Frauenklöstern des Mittelalters zum einen an die Forschungsergebnisse von Kunze und Blank an, die auf die legendenähnlichen Strukturen der Gnaden-Viten hinweisen, zum anderen an die von Gehring, nach dem die Viten einen eigenständigen Beitrag zur mystischen Sprache des Mittelalters lieferten.

Ringler geht davon aus, dass die Verfasserinnen der Viten „nicht Mystiker, deren Erleben zum sprachlichen Ausdruck drängt, sondern gebildete Schwestern, die erbauliche Belehrung geben wollen“ sind. Hiermit vollzieht Ringler einen Paradigmenwechsel in der Erforschung frauenmystischer Literatur: Zum einen wendet er sich gegen das bis dahin vorherrschende Bild der ungebildeten, emotionalen Schwestern, die nur mit Hilfe ihrer Seelsorger in der Lage waren, ihre Erlebnisse zu verschriftlichen. Zum anderen bestimmt er den Inhalt der Viten nicht als Ausdruck mystischen Erlebens, sondern als mystische Lehre. Basierend auf diesen Annahmen stellt er zu Beginn seiner Untersuchung die Hypothese auf, es handele sich bei der Belehrung, die in den Viten vermittelt werden soll, um eine Lehre von der praktischen Mystik in Form der Legende: „Mystische Lehre wird hier als ein ‚Leben’ zur Darstellung gebracht“. Akzeptiere man diese Prämisse, wäre in Bezug auf die geschilderten Erlebnisse nicht mehr zu fragen, ob sie durch transnaturale Vorgänge ausgelöst wurden oder aus der menschlichen Psyche zu erklären seien, sondern welche Aussagen über welche Phänomene vermittelt werden sollen.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Einführung in das Themenfeld der praktischen Frauenmystik und die wissenschaftliche Problemstellung der Authentizität dieser Texte.

I. Herbert Grundmann: Die dominanten Rolle der Männer bei der Entstehung der deutschen Mystik: Untersuchung der sozialgeschichtlichen Bedingungen, wobei Grundmann die männlichen Seelsorger als entscheidende Initiatoren und Vermittler theologischen Wissens für die Frauen hervorhebt.

II. Siegfried Ringler: Frauenmystische Texte als mystische Lehre in legendarischer Form: Einführung eines Paradigmenwechsels, der die Viten als formbewusste Lehrtexte in legendarischer Form und nicht als bloße Erlebnisberichte betrachtet.

III. Ursula Peters: Der Beichtvater als literarische Fiktion: Kritische Auseinandersetzung mit der Beichtvaterthematik, wobei Peters die Texte als literarisch und ideologisch konzipierte Werke interpretiert.

IV. Susanne Bürkle: Frauenmystische Texte als Literatur des Klosters: Profilierung der frauenmystischen Texte als monastische Literatur zur Traditionsstiftung, wobei soziale und institutionelle Faktoren im Vordergrund stehen.

V. Peter Dinzelbacher: Frauenmystische Texte als Erlebnisberichte: Verteidigung der Position, dass es sich bei den Schriften um authentische, auf tatsächlichen seelischen Erlebnissen basierende Berichte handelt.

VI. Erlebnis vs. literarische Fiktion?: Zusammenfassende Diskussion, die den starren Gegensatz zwischen Realität und Fiktion hinterfragt und für eine differenziertere Betrachtungsweise plädiert.

Schlüsselwörter

Frauenmystik, Mittelalter, Vitenliteratur, Offenbarungsliteratur, Beichtvater, Schreibbefehl, Hagiographie, Authentizität, Fiktionalität, Dominikanerinnen, Mystische Lehre, Erlebnisbericht, Tradition, Literaturgeschichte, Spiritualität.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit beschäftigt sich mit den Texten der mittelalterlichen Frauenmystik und der wissenschaftlichen Kontroverse, ob diese als authentische Aufzeichnungen tatsächlicher mystischer Erfahrungen oder als literarisch konstruierte Fiktionen zu bewerten sind.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Arbeit behandelt die Rolle der Seelsorger, die literarische Gestaltung der Texte, den Einfluss hagiographischer Traditionen sowie die Frage nach der Autorenschaft und dem Bildungsstand der mystischen Frauen.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist die Gegenüberstellung und kritische Analyse verschiedener wissenschaftlicher Positionen zur Entstehung und Funktion frauenmystischer Literatur, um eine eigene Positionierung zwischen den Extremen der Erlebnisberichterstattung und der literarischen Konstruktion zu erarbeiten.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt einen literaturwissenschaftlichen und historiographischen Ansatz, um durch die Untersuchung zentraler Fachliteratur die unterschiedlichen Forschungsparadigmen zu vergleichen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert ausführlich die Positionen von Herbert Grundmann, Siegfried Ringler, Ursula Peters, Susanne Bürkle und Peter Dinzelbacher zu den Entstehungs- und Funktionsbedingungen frauenmystischer Texte.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den prägenden Begriffen gehören unter anderem Frauenmystik, Vitenliteratur, Hagiographie, Fiktionalität, Authentizität und die Rolle der Seelsorger als Beichtväter.

Warum spielt die Figur des Beichtvaters eine so zentrale Rolle?

Die Figur des Beichtvaters ist entscheidend für die Frage, ob die Texte als Gemeinschaftsproduktion (Seelsorger und Nonne) oder als eigenständige literarische Leistung der Frau verstanden werden.

Wie bewerten die untersuchten Autoren den Realitätsgehalt der Texte?

Die Auffassungen reichen von der Einschätzung als historische Dokumente persönlicher Erlebnisse (Grundmann, Dinzelbacher) bis hin zur Sichtweise als bewusst literarisch gestaltete oder hagiographisch legitimierte Texte (Peters, Bürkle, Ringler).

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Details

Title
Texte der mittelalterlichen Frauenmystik - authentische Erlebnisaufzeichnungen oder literarische Fiktion?
College
University of Freiburg  (Deutsches Seminar I)
Course
Frauenmystik im Mittelalter
Grade
2,0
Author
Judith Blum (Author)
Publication Year
2006
Pages
34
Catalog Number
V68700
ISBN (eBook)
9783638611312
ISBN (Book)
9783638920933
Language
German
Tags
Texte Frauenmystik Erlebnisaufzeichnungen Fiktion Frauenmystik Mittelalter
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Judith Blum (Author), 2006, Texte der mittelalterlichen Frauenmystik - authentische Erlebnisaufzeichnungen oder literarische Fiktion?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68700
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