Das Unheimliche in Goyas 'Schwarzen Gemälde'. Ein Versuch, das Unfassbare zu fassen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 1,25


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Sozialgeschichtlicher Hintergrund
a) Spanien um 1820
b) Goyas Leben
c) Krise der Kunst um 1800

3. Kunsthistorische Einordnung der „Schwarzen Gemälde“
a) „Selbstporträt mit Arrieta“ (1820) als „Vorläufer“
b) Rückbezüge auf eigene Werke aus früheren Jahren

4. Das Unheimliche
a) Definition
b) Versuch der Beschreibung des Unheimlichen in Goyas Gemälde „Die Wallfahrt zum Brunnen des Hl. Isisdor“ (um 1820)

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Goyas „Schwarze Gemälde“ (im Original „Pinturas Negras“), die er um 1820 in Öl direkt auf die Wände seines Landhauses bei Madrid malt, gehören zu den außergewöhnlichsten und auch furchteinflößendsten Werken des spanischen Künstlers. Sie strahlen etwas unheimliches aus, das sich jedoch kaum greifen oder in Worte fassen lässt. Dem Betrachter fällt es sehr schwer, genau festzustellen, worin das Unheimliche in diesen Gemälden liegt. Ist es nur die Farbe bzw. die düstere Stimmung? Oder das Motiv? Vielleicht auch die Art der Darstellung? Dies sind Fragen, die sich wohl jeder vor den Pinturas Negras stellt und doch so schwer zu beantworten sind.

In dieser Arbeit soll versucht werden, Antworten auf diese Fragen zu finden. Der Ausgangspunkt ist der sozialgeschichtliche Hintergrund zur Zeit der Entstehung der Schwarzen Gemälde um 1820. Es soll kurz auf die Geschichte Spaniens eingegangen werden, die Umstände in Madrid und die allgemeine wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Situation, wie sie sich Goya dargeboten hat. Weiter soll Goyas Leben in diesem Zeitraum (ca. 1818-1824) betrachtet werden, seine familiäre Situation sowie die Umstände des Kaufs und der Ausmalung des „Quinta del Sordo“, Haus des Tauben, genannten Landsitzes. Dabei wird auch auf die sogenannte „Krise der Kunst um 1800“[1] eingegangen, die sich besonders in Goyas Werken manifestiert. Indem er sich radikal von den bis dahin geltenden Normen der Bildgestaltung abwendet, ist es ihm möglich, eine neue Art von Kunst zu entwickeln, in der der Künstler als Individuum und die Themen aus seiner eigenen Wirklichkeit in den Mittelpunkt treten.

Danach sollen die Pinturas Negras innerhalb von Goyas gesamten Oeuvre kunsthistorisch verortet werden. Quasi als „Vorläufer“ zu den Schwarzen Gemälden wird das kurz zuvor entstandene „Selbstporträt mit Arrieta“ (1820) behandelt, das Goyas Auseinandersetzung mit seiner schweren Krankheit, die ihn 1819 befällt, zeigt. Nach der Einbettung der Pinturas Negras in den Gesamtkontext von Goyas Oeuvre soll weiter auf die motivischen Rückbezüge zu Werken aus seiner Frühzeit eingegangen werden. In der Art eines Selbstzitats verwendet Goya hier Bildmotive, die er früher schon einmal, beispielsweise in den Teppichkartons oder den Gemälden für die Familie Osuna, verwendet hat, jetzt jedoch auf groteske Weise verfremdet und dem Betrachter damit vollends verunsichert.

Als Hauptpunkt soll dann versucht werden, das Unheimliche in den Gemälden zu fassen. Ausgehend von Sigmund Freunds Definition des Unheimlichen[2] sollen die verschiedenen Elemente wie Farbe, Form, Motiv, Gestaltung etc. exemplarisch an Goyas Gemälde „Die Wallfahrt zum Brunnen des Hl. Isidor“ auf ihre „unheimlichen“ Qualitäten hin befragt werden und versucht werden, zu einem Fazit zu kommen, was das Unheimliche in den Pinturas Negras allgemein ausmacht.

2. Sozialgeschichtlicher Hintergrund

Um die Entstehung der Schwarzen Gemälde besser zu verstehen, ist ein Blick auf die sozialgeschichtlichen Umstände in Spanien selbst, in Goyas Leben und in der Kunstentwicklung dieser Zeit unerlässlich. Nicht nur, dass sich Spaniens politische und wirtschaftliche Lage um 1820 beinahe stündlich ändert, auch in Goyas Privatleben kommt es zu einschneidenden Veränderungen, ebenso wie sich Umbrüche in der europäischen Kunst ergeben. Dies alles fließt in die Gestaltung der Schwarzen Gemälde mit ein.

a) Spanien um 1820

Für einen besseren und verständlicheren Überblick über Spanien um 1820, das inzwischen in teilweise undurchschaubare politische Intrigen verstrickt ist, wird hier etwas weiter ausgeholt: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts prägen Spanien Instabilität, innenpolitische Probleme und Machtkämpfe der unterschiedlichen Regierungen. Das Land ist immer noch eine absolute Monarchie, wie fast alle anderen europäischen Länder ist Spanien jedoch auch ein Agrarstaat, der noch stark feudal strukturiert ist. Im Zuge der französischen Besetzung (1808-1814) wird Joseph Bonaparte, der Bruder Napoleons, spanischer König, der mit der Verfassung von Bayonne moderate Reformen in Spanien durchsetzt. Die konservative Seite Spaniens kämpft zusammen mit England dagegen an, um weiter seine Unabhängigkeit zu erhalten, die Liberalen dagegen finden sich im Cortes von Cadiz (entspricht einer verfassunggebenden Versammlung) zusammen und arbeiten 1812 eine neue Verfassung aus, die versucht, den Übergang vom Absolutismus zur bürgerlichen Gesellschaft zu erleichtern – was Joseph Bonaparte mit seiner Verfassung und die konservativen Kräfte noch vermeiden wollen. 1814 kehrt Ferdinand VII., der 1808 durch eine Putsch gegen seinen Vater Karl IV. an die Krone kommt, aus französischer Haft nach Spanien zurück, um sogleich die Verfassung von 1812 aufzuheben und wieder absolutistisch zu herrschen. Reformen werden rückgängig gemacht, die Kirche wieder gestärkt, die Inquisition erneut eingesetzt und die Liberalen massiv verfolgt. Es herrscht bis 1820 nicht nur politisches und wirtschaftliches Chaos im Land, sondern ebenso blüht die Korruption und die Finanzen liegen im argen. Weiter kann der König seine Streitkräfte kaum mehr unter Kontrolle halten, so dass es außerdem zu zahlreichen Militärrevolten kommt. 1820 kann sich diejenige unter Rafael del Riego erfolgreich durchsetzen, so dass sich Ferdinand VII. gezwungen sieht, die Verfassung von 1812 wieder anzuerkennen und die Liberalen zu stärken. Diese versuchen nun verzweifelt, ihre Reformen umzusetzen, können jedoch einerseits die Bauern nicht für sich gewinnen und sich andererseits nicht gegen die französischen Truppen wehren, die auf Ferdinands Bitten 1823 erneut in Spanien einmarschieren, um die absolute Monarchie wiederherzustellen. Bis zum Tode des Königs 1833 wird das Land erneut mit Repressionen überschwemmt: Liberale werden gnadenlos verfolgt, Politiker ins Exil gezwungen, Reformen rückgängig gemacht und Universitäten geschlossen. Ferdinand VII. „beendete damit jegliche politische Modernisierung und gesellschaftliche Veränderung“.[4][3]

b) Goyas Leben

In diesem von Unterdrückung beherrschtem Klima finden auch in Goyas persönlichem Leben zahlreiche Veränderungen statt. 1812 stirbt Goyas Frau Josefa Bayeu, die er 1773 geheiratet und die ihm 1784 seinen Sohn Javier geboren hat. Bereits kurz danach ist er mit Leocadia Weiß liiert, die er über die Familie seiner Schwiegertochter Gumersinda Goicochea, die Javier 1805 heiratet, kennen lernt. Diese Beziehung erregt damals durchaus Aufsehen, besonders weil Leocadia verheiratet ist und zwei Kinder hat.[5]

Im Zuge von Säuberungsaktionen im Staatsdienst muss Goya 1814/1815 über seine politische Gesinnung Zeugnis ablegen sowie sich vor der Inquisition für seine beiden Gemälde „Die nackte Maya“ (1797-1800) und „Die bekleidete Maya“ (1800-1805) rechtfertigen. Beide Male wird er entlastet und als Hofmaler mit all seinen Bezügen wieder eingesetzt.[6]

1819 malt er für die Patres der Escuelas Pías von San Antón ein großes Ölgemälde, „Die letzte Kommunion des heiligen Josef von Calasanz“. Dieses Altarbild des Ordensgründers ist seit langem wieder ein religiöses Gemälde des Künstlers. Kurz darauf erkrankt Goya so schwer, dass zunächst nicht klar ist, ob er, auch aufgrund seines hohen Alters, die Krankheit überhaupt überleben wird. Für seine Genesung ist hauptsächlich sein Freund und Arzt Dr. Arrieta verantwortlich, dem er mit dem „Selbstporträt mit Arrieta“ (1820) seine Dankbarkeit zeigt.[7]

Noch vor dem Gemälde für die Escuelas Pías von San Antón und der schweren Krankheit kauft Goya im Februar 1819 ein einstöckiges Landhaus etwas außerhalb von Madrid. Die 1795 gebaute „Quinta del Sordo“ (Landhaus des Tauben) liegt auf einem großen Grundstück am Flussufer des Manzanares und ist für Goya ein Rückzugsort. Hier ist er unbelastet vom politischen und wirtschaftlichen Chaos in der Hauptstadt und kann außerdem mit Leocadia, die offiziell als Gouvernante beim ihm ist, zusammenleben. Nachdem Goya das Haus gründlich umgebaut und renoviert sowie seine schwere Krankheit überstanden hat, beginnt er um 1820 damit, die beiden großen Säle im Erdgeschoss und im Obergeschoss mit den vierzehn bis zu sechs Quadratmeter großen, Schwarzen Gemälden, in Öl direkt auf die Wand, zu bemalen.[8]

[...]


[1] Vgl. hierzu den Aufsatz von Theodor Hetzer: „Francisco Goya und die Krise der Kunst um 1800“, in: Hetzer, Theodor: Zur Geschichte des Bildes von der Antike bis Cézanne. Schriften Theodor Hetzers, Band 9, herausgegeben von Gertrude Berthold, Stuttgart 1998, S. 141-163.

[2] Die Definition wird dabei dem Aufsatz „Das Unheimliche“ in: Freud, Sigmund: Das Unheimliche. Aufsätze zur Literatur, Frankfurt am Main 1963, S. 45-84, entnommen.

[3] Vgl. Bernecker, Walther L.: Spanische Geschichte. Vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 32003, besonders die Kapitel V „Die Krise des Ancien Régime (1788-1808)“, S. 52-57, und VI „Die Ära der Militärputsche (1808-1875)“, S 57-70.

[4] Bernecker 2003, S. 62.

[5] Vgl. Gassier, Pierre / Wilson, Juliet: Francisco Goya. Leben und Werk, Frankfurt am Main/Wien/Berlin 1971, S. 246ff. Siehe hierzu auch Hughes, Robert: Goya, München 2004, S. 389f.

[6] Vgl. Gassier/Wilson 1971, S. 224ff.

[7] Vgl. ebenda, S. 301 bzw. 305.

[8] Vgl. ebenda, S. 313ff.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das Unheimliche in Goyas 'Schwarzen Gemälde'. Ein Versuch, das Unfassbare zu fassen
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Philosophisch-Pädagogische Fakultät, Lehrstuhl für Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Goya und die Geschichte der Druckgraphik
Note
1,25
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V68791
ISBN (eBook)
9783638596251
ISBN (Buch)
9783656563181
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unheimliche, Goyas, Schwarzen, Gemälde, Versuch, Unfassbare, Goya, Geschichte, Druckgraphik
Arbeit zitieren
Isabel Findeiss (Autor:in), 2006, Das Unheimliche in Goyas 'Schwarzen Gemälde'. Ein Versuch, das Unfassbare zu fassen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68791

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