Goyas „Schwarze Gemälde“ (im Original „Pinturas Negras“), die er um 1820 in Öl direkt auf die Wände seines Landhauses bei Madrid malt, gehören zu den außergewöhnlichsten und auch furchteinflößendsten Werken des spanischen Künstlers. Sie strahlen etwas unheimliches aus, das sich jedoch kaum greifen oder in Worte fassen lässt. Dem Betrachter fällt es sehr schwer, genau festzustellen, worin das Unheimliche in diesen Gemälden liegt. Ist es nur die Farbe bzw. die düstere Stimmung? Oder das Motiv? Vielleicht auch die Art der Darstellung? Dies sind Fragen, die sich wohl jeder vor den Pinturas Negras stellt und doch so schwer zu beantworten sind.
In dieser Arbeit soll versucht werden, Antworten auf diese Fragen zu finden. Der Ausgangspunkt ist der sozialgeschichtliche Hintergrund zur Zeit der Entstehung der Schwarzen Gemälde um 1820. Es soll kurz auf die Geschichte Spaniens eingegangen werden, die Umstände in Madrid und die allgemeine wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Situation, wie sie sich Goya dargeboten hat. Weiter soll Goyas Leben in diesem Zeitraum (ca. 1818-1824) betrachtet werden, seine familiäre Situation sowie die Umstände des Kaufs und der Ausmalung des „Quinta del Sordo“, Haus des Tauben, genannten Landsitzes. Dabei wird auch auf die sogenannte„Krise der Kunst um 1800“ eingegangen, die sich besonders in Goyas Werken manifestiert. Indem er sich radikal von den bis dahin geltenden Normen der Bildgestaltung abwendet, ist es ihm möglich, eine neue Art von Kunst zu entwickeln, in der der Künstler als Individuum und die Themen aus seiner eigenen Wirklichkeit in den Mittelpunkt treten.
Danach sollen die Pinturas Negras innerhalb von Goyas gesamten Oeuvre kunsthistorisch verortet werden. Quasi als „Vorläufer“ zu den Schwarzen Gemälden wird das kurz zuvor entstandene „Selbstporträt mit Arrieta“ (1820) behandelt, das Goyas Auseinandersetzung mit seiner schweren Krankheit, die ihn 1819 befällt, zeigt. Nach der Einbettung der Pinturas Negras in den Gesamtkontext von Goyas Oeuvre soll weiter auf die motivischen Rückbezüge zu Werken aus seiner Frühzeit eingegangen werden. In der Art eines Selbstzitats verwendet Goya hier Bildmotive, die er früher schon einmal, beispielsweise in den Teppichkartons oder den Gemälden für die Familie Osuna, verwendet hat, jetzt jedoch auf groteske Weise verfremdet und dem Betrachter damit vollends verunsichert.
Inhaltsübersicht
1. EINLEITUNG
2. SOZIALGESCHICHTLICHER HINTERGRUND
A) SPANIEN UM 1820
B) GOYAS LEBEN
C) KRISE DER KUNST UM 1800
3. KUNSTHISTORISCHE EINORDNUNG DER „SCHWARZEN GEMÄLDE“
A) „SELBSTPORTRÄT MIT ARRIETA“ (1820) ALS „VORLÄUFER“
B) RÜCKBEZÜGE AUF EIGENE WERKE AUS FRÜHEREN JAHREN
4. DAS UNHEIMLICHE
A) DEFINITION
B) VERSUCH DER BESCHREIBUNG DES UNHEIMLICHEN IN GOYAS GEMÄLDE „DIE WALLFAHRT ZUM BRUNNEN DES HL. ISIDOR“ (UM 1820)
5. FAZIT
Zielsetzung & Forschungsschwerpunkte
Diese Arbeit zielt darauf ab, das schwer greifbare Phänomen des "Unheimlichen" in Francisco Goyas "Schwarzen Gemälden" (Pinturas Negras) zu analysieren und zu begründen, wie der Künstler durch radikale Verfremdung vertrauter Motive und eine düstere Formensprache eine unmittelbare emotionale Wirkung auf den Betrachter erzeugt.
- Analyse des politisch-gesellschaftlichen Kontextes Spaniens um 1820.
- Untersuchung von Goyas persönlicher Lebenssituation und der "Krise der Kunst um 1800".
- Kunsthistorische Einordnung der Pinturas Negras in das Gesamtwerk Goyas.
- Anwendung der psychoanalytischen Definition des Unheimlichen nach Sigmund Freud auf ausgewählte Bildmotive.
- Vergleichende Analyse der Pinturas Negras mit Goyas früheren, weniger düsteren Werken.
Auszug aus dem Buch
b) Versuch der Beschreibung des Unheimlichen in Goyas Gemälde „Die Wallfahrt zum Brunnen des Hl. Isidor“ (um 1820)
Sieht man sich unter diesem Gesichtspunkt exemplarisch Goyas um 1820 entstandene „Wallfahrt zum Brunnen des Hl. Isidor“ an, fallen mehrere Dinge ins Auge. Das 140 x 438 cm große Gemälde besticht zunächst durch seine reduzierte Farbigkeit. Alles ist in düsteren Schwarz- und Brauntönen gehalten, allein das schmutzige Rosa des Inkarnats und das Grauweiß der Kleidung sticht daraus hervor. Bereits dadurch fühlt sich der Betrachter in eine düstere und bedrohliche Atmosphäre versetzt – Dunkelheit wird im Allgemeinen mit Angst und Grauen assoziiert. Freuds Beobachtungen finden sich somit bestätigt. Die Angst vor der Dunkelheit, die in jedem Kind latent vorhanden ist, wird im Laufe eines normalen Lebens überwunden, kommt hier jedoch erneut zum Vorschein. Ein Zug von Menschen, die auf einer Wallfahrt einen kargen Landstrich durchziehen ist an sich noch nichts unheimliches. Dadurch dass Goya die ganze Szene mit düsteren Farben verunklart, rührt er an die menschliche Urangst vor dem Unbekannten, das in der Dunkelheit lauert.
Jedoch ist es nicht nur die Farbigkeit, die ein unheimliches Gefühl im Betrachter auslöst, sondern auch das Motiv. Der Zug von Wallfahren, der sich von der Mitte des Hintergrunds in die rechte Bildecke und, noch größer und deutlicher, in den linken Vordergrund schiebt, ist selbst eine Parade von unheimlichen Gestalten, bei der unklar ist, ob es sich wirklich um Menschen oder nicht doch um Geister oder andere Phantasiegestalten handelt. Wiederum wird also auf verdrängte Ängste aus der Kindheit Bezug genommen – den Glauben an Gespenster.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der "Schwarzen Gemälde" und die zentrale Forschungsfrage nach der Ursache ihrer unheimlichen Wirkung.
2. SOZIALGESCHICHTLICHER HINTERGRUND: Darstellung der instabilen politischen Lage Spaniens um 1820 und deren Einfluss auf Goyas Lebensumstände und künstlerische Entwicklung.
3. KUNSTHISTORISCHE EINORDNUNG DER „SCHWARZEN GEMÄLDE“: Analyse der Pinturas Negras als Höhepunkt in Goyas Oeuvre unter Berücksichtigung ihrer Entstehung, Vorläuferwerke und thematischen Rückbezüge.
4. DAS UNHEIMLICHE: Theoretische Herleitung des Begriffs "das Unheimliche" mittels Sigmund Freud und dessen praktische Anwendung auf das Gemälde "Die Wallfahrt zum Brunnen des Hl. Isidor".
5. FAZIT: Zusammenführung der Ergebnisse zur Bestätigung, dass die unheimliche Wirkung auf der radikalen Verfremdung des Altbekannten beruht.
Schlüsselwörter
Francisco Goya, Schwarze Gemälde, Pinturas Negras, Das Unheimliche, Sigmund Freud, Quinta del Sordo, Kunstgeschichte, Spanien 1820, Verfremdung, Bildanalyse, Motivik, Moderne Kunst, Pathos, Angst, Selbstreflexion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das unheimliche Empfinden, das der Betrachter angesichts der sogenannten "Schwarzen Gemälde" von Francisco Goya verspürt, und versucht, die bildnerischen und historischen Ursachen hierfür zu ergründen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Untersuchung umfasst die sozialgeschichtliche Situation Spaniens um 1820, Goyas persönliche Lebensumstände, die kunsthistorische Verortung der Wandbilder und eine psychologische Begriffsdefinition des Unheimlichen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, worin genau das Unheimliche in den Pinturas Negras liegt – ob es an der Farbe, der düsteren Stimmung, dem Motiv oder der Art der künstlerischen Darstellung festzumachen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen kunsthistorischen Analyseansatz, der durch die Einbeziehung der psychoanalytischen Definition des Unheimlichen nach Sigmund Freud als methodische Basis ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-biografische Kontextualisierung, die kunsthistorische Einordnung inklusive vergleichender Analysen früherer Werke sowie eine detaillierte bildnerische Untersuchung des Werkes "Die Wallfahrt zum Brunnen des Hl. Isidor".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Francisco Goya, Pinturas Negras, das Unheimliche, Verfremdung, künstlerische Moderne und die Krise der Kunst um 1800.
Warum spielt die "Wallfahrt zum Brunnen des Hl. Isidor" eine so zentrale Rolle in der Argumentation?
Dieses Gemälde dient als exemplarische Fallstudie, um die verschiedenen künstlerischen Elemente wie Farbe, Lichtführung, Raumdarstellung und Motivik in ihrer unheimlichen Wirkung detailliert zu belegen.
Welchen Einfluss hatte Sigmund Freuds Definition des Unheimlichen auf die Schlussfolgerung der Arbeit?
Die Arbeit schließt daraus, dass das Unheimliche bei Goya vor allem durch die radikale Verfremdung von "Altbekanntem" entsteht, was im Betrachter verdrängte Ängste und eine existenzielle Verunsicherung auslöst.
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- Isabel Findeiss (Autor), 2006, Das Unheimliche in Goyas 'Schwarzen Gemälde'. Ein Versuch, das Unfassbare zu fassen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68791