Das französische Gérondif, welches als adverbiale Ergänzung zum Verb beschrieben werden kann, stellt ein besonders komplexes Phänomen in der französischen Sprache dar und ist laut Halmøy (vgl. 2003a:3) eine der spannendsten und am häufigsten verwendeten Formen im heutigen Französisch. So sind Gérondifkonstruktionen ein wichtiger Bestandteil sowohl der gesprochenen als auch der geschriebenen Sprache. Das Gérondif stellt eine typisch französische Konstruktion dar, die in dieser Form weder im Lateinischen noch in den romanischen oder germanischen Sprachen ein direktes Äquivalent hat (vgl. ebd.). Nach Auffassung Zembs (vgl. 1978:524) hat das deutsche Gerundium mit dem französischen Gérondif noch weniger gemeinsam als der deutsche Konjunktiv mit dem französischen Subjonctif. Am nächsten käme dem Gérondif noch das deutsche Partizip Präsens mit der Endung -nd, welches ebenfalls adjektivische Funktionen in sich birgt. Dieses spielt jedoch bei der Wiedergabe des Gérondif im Deutschen eine untergeordnete Rolle und strahlt nach Ansicht Serra Bornetos (1982:439) eine Art „antiquierte Eleganz“ aus.
Wenn demnach die deutsche Sprache über kein direktes Äquivalent für diese französische Form verfügt, stellt sich insbesondere für die Übersetzung die Frage, mit welchen Strukturen - wenn nicht mit dem deutschen Gerundium oder dem Partizip Präsens - das französische Gérondif im Deutschen wiedergegeben werden kann. Eine zusätzliche Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass das Gérondif nicht immer eindeutig ist, sondern oft mehr als nur eine Relation ausdrückt. Gerade im Bereich der im Rahmen dieser Arbeit untersuchten Rechtssprache, die sich insbesondere durch Deutlichkeit und Explizitheit auszeichnet (vgl. Roelcke 1999:83), stellt die semantisch-funktionale Vagheit des Gérondif eine große Herausforderung für den fachsprachlichen Übersetzer dar. Der Übersetzer sieht sich mit der Aufgabe konfrontiert zu ermitteln, welche verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten unter Einbeziehung des Kontextes möglich sind. Wenn er sich nun für eine Interpretation entscheidet, besteht die Gefahr, dass er in zweierlei Hinsicht einen Fehler begeht. Zum einen besteht die Möglichkeit, dass er der Form ihre Polyfunktionalität und somit ihre explizite Vielfalt nimmt. Zum anderen schließt er durch die Wahl einer expliziteren Konstruktion die anderen aus und kann der Form dadurch ihren komplexen Sinn nehmen (vgl. Serra Borneto 1982:44).
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DAS FRANZÖSISCHE GERONDIF
2.1 Stand der Forschung
2.2 Gérondif vs. Participe Présent und Adjectif Verbal
2.2.1 Participe Présent vs. Adjectif Verbal
2.2.2 Participe Présent vs. Gérondif
2.2.3 Übersicht
2.3 Morphologische Charakteristika
2.3.1 Die Präposition en
2.3.1.1 Bedeutung von en
2.3.1.2 Wiederholung von en
2.3.2 Verbstamm mit der Endung -ant
2.4 Syntaktische Charakteristika
2.4.1 Die Bezugsgrößen des Gérondif
2.4.1.1 Das verbundene Gérondif
2.4.1.2 Das unverbundene Gérondif
2.4.2 Die Ergänzungen des Gérondif
2.4.3 Stellung des Gérondif
2.4.4 Weitere syntaktische Besonderheiten des Gérondif
2.5 Semantisch-funktionale Charakteristika
2.5.1 Das implizite Subjekt des Gérondif
2.5.2 Informationsstruktur
2.5.3 Die Relationen des Gérondif
2.6 Das Gérondif mit tout
2.6.1 Syntaktische Merkmale
2.6.2 Semantische Merkmale
2.7 Zur Frage der Frequenz und der Distribution
2.8 Wiedergabemöglichkeiten im Deutschen
2.8.1 Das einfache Gérondif
2.8.1.1 Das vorrangig temporale Gérondif
2.8.1.2 Das vorrangig modale bzw. instrumentale Gérondif
2.8.1.3 Das vorrangig kausale Gérondif
2.8.1.4 Das vorrangig konditionale Gérondif
2.8.2 Das Gérondif mit tout
2.8.2.1 Das vorrangig konzessiv-oppositive Gérondif
2.8.2.2 Das Gérondif zum Ausdruck der Gleichzeitigkeit
2.9 Zusammenfassung
3 SPRACHVERGLEICH UND ÜBERSETZEN IN DER FACHSPRACHE RECHT
3.1 Kontrastive Linguistik
3.1.1 Definition und Entstehung der kontrastiven Linguistik
3.1.2 Ebenen des Sprachvergleichs und Äquivalenz
3.1.3 Kontrastive Linguistik und Übersetzungswissenschaft
3.2 Die Fachsprache Recht
3.2.1 Definition „Fachsprache“
3.2.2 Besonderheiten der Fachsprache Recht
3.2.2.1 Besondere Merkmale im Bereich der Morphosyntax
3.2.2.2 Besondere Merkmale im Bereich der Lexik
3.2.2.3 Besondere Merkmale im Bereich des Stils
3.2.2.4 Besondere Merkmale im Bereich des Textes
3.2.3 Unterschiede zwischen der deutschen und der französischen Rechtssprache
3.2.3.1 Unterschiede im Bereich der Morphosyntax
3.2.3.2 Unterschiede im Bereich der Lexik
3.2.3.3 Unterschiede im Bereich des Stils
3.3 Fachsprachenübersetzung
3.3.1 Rechts- und Sprachvergleich beim Übersetzen juristischer Fachtexte
3.3.1.1 Besonderheiten bei der Übersetzung von EU-Texten
3.3.1.2 Besonderheiten bei der Übersetzung von Urteilen des EuGH
3.3.2 Übersetzungstheorien und Übersetzungsstrategien
3.3.3 Juristische Kompetenz und Sprachkompetenz
3.4 Zusammenfassung
4 ZUR ÜBERSETZUNG DES GERONDIF IN EUGH-URTEILEN
4.1 Beschreibung des Korpus
4.1.1 Der Europäische Gerichtshof als Institution
4.1.1.1 Zusammensetzung des EuGH, des EuG und des EuGöD
4.1.1.2 Zuständigkeiten des EuGH, des EuG und des EuGöD
4.1.1.3 Arbeitsweise des EuGH
4.1.2 Die Sprachenregelung des Europäischen Gerichtshofs
4.1.2.1 Die gesetzliche Regelung einer Verfahrenssprache
4.1.2.2 Die Praxis der internen Arbeitssprache
4.1.2.3 Organisation und Arbeitsweise des Sprachendienstes des EuGH
4.2 Zur Vorgehensweise in der vorliegenden Untersuchung
4.3 Übersetzung des Gérondif in EuGH-Urteilen
4.3.1 Das einfache Gérondif
4.3.1.1 Hypotaktische Konstruktion
4.3.1.2 Nominalsyntagma (+ Präposition)
4.3.1.3 Parataktische Konstruktion
4.3.1.4 Präposition
4.3.1.5 Partizip
4.3.1.6 Finites Verb + Adverbial
4.3.1.7 Verbalkomposition
4.3.1.8 Auslassung
4.3.2 Das Gérondif mit tout
4.3.2.1 Parataktische Konstruktion
4.3.2.2 Hypotaktische Konstruktion
4.3.2.3 Präposition
4.3.2.4 Nominalsyntagma + Präposition
4.3.2.5 Partizip
4.4 Statistik der im Korpus festgestellten Übersetzungsmöglichkeiten
4.5 Ergebnisse der Untersuchung
5 FAZIT
6 LITERATURVERZEICHNIS
6.1 Korpusgrundlage
6.2 Rechtsquellen
6.3 Sekundärliteratur
6.4 Internetseiten
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Phänomen des französischen Gérondif im Kontext von EuGH-Urteilen, um zu ermitteln, welche deutschen Entsprechungen für diese Struktur in der juristischen Fachsprache existieren und welche Faktoren (syntaktisch, semantisch, pragmatisch) diese Übersetzungsmöglichkeiten beeinflussen.
- Kontrastiver Vergleich des französischen Gérondif mit deutschen Konstruktionen.
- Analyse der semantisch-funktionalen Eigenschaften des Gérondif in juristischen Fachtexten.
- Erhebung und Kategorisierung von Übersetzungsverfahren in einem Korpus von EuGH-Urteilen.
- Untersuchung der Bedeutung von Kompaktheit und Polyfunktionalität für die fachsprachliche Übersetzung.
- Evaluation der Eignung hypotaktischer und parataktischer Strukturen sowie Nominalstilen in der juristischen Übersetzungspraxis.
Auszug aus dem Buch
2.5.3 Die Relationen des Gérondif
Wie bereits festgestellt, stellt das Gérondif eine Beziehung der syntaktischen Unterordnung zwischen zwei Verben her. Auf diese Weise werden zwei Handlungen miteinander in Beziehung gesetzt, wobei das Verb des Hauptsatzes unterordnende und das des gerundivierten Nebensatzes untergeordnete Funktion hat. Diese syntaktische Unterordnung kann verschiedene semantische Interpretationen zulassen, wobei das Gérondif als solches keinen semantischen Eigenwert besitzt. Die Form des Gérondif selbst, die stets unveränderlich bleibt, gibt keinerlei Informationen über eine mögliche Relation, sondern lässt ein bestimmtes Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten zu, die sich wiederum durch das Zusammenspiel mit dem übergeordneten Verb ergeben. Nur durch die Untersuchung der Beziehung dieser beiden Verben sowie ihrer Ergänzungen kann es gelingen, Rückschlüsse auf die Semantik zu ziehen. Eine semantische Interpretation kann demnach immer nur „a posteriori“ (Halmøy 2003a:88) erfolgen. Als Indikatoren für die semantische Beziehung dienen auch der situationelle und der pragmatische Kontext (vgl. ebd.).
Im Gegensatz zur Fachliteratur, in der Uneinigkeit über die möglichen Interpretationen des Gérondif herrscht, ist man sich in den Grammatiken hinsichtlich der Relationen des Gérondif weitgehend einig und unterscheidet meist für das einfache Gérondif zwischen vier bzw. fünf Bedeutungen der Relation zwischen dem Hauptsatz und dem gerundivierten Nebensatz.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einleitung in das Thema des Gérondif, Definition der Forschungsfragen und methodisches Vorgehen der Arbeit.
2 DAS FRANZÖSISCHE GERONDIF: Detaillierte theoretische Beschreibung der morphologischen, syntaktischen und semantischen Merkmale des Gérondif.
3 SPRACHVERGLEICH UND ÜBERSETZEN IN DER FACHSPRACHE RECHT: Theoretische Grundlagen der kontrastiven Linguistik und Besonderheiten der juristischen Fachsprache sowie der Fachsprachenübersetzung.
4 ZUR ÜBERSETZUNG DES GERONDIF IN EUGH-URTEILEN: Praktische Analyse der Übersetzungsmöglichkeiten des Gérondif in einem Korpus von EuGH-Urteilen anhand von Fallbeispielen.
5 FAZIT: Zusammenfassende Auswertung der Untersuchungsergebnisse hinsichtlich der Übersetzungsmöglichkeiten und der Problematik des Gérondif in der Rechtssprache.
Schlüsselwörter
Gérondif, Participe Présent, Adjectif Verbal, kontrastive Linguistik, Fachsprache Recht, Übersetzungswissenschaft, EuGH-Urteile, Äquivalenz, Informationsstruktur, Kompaktheit, Polyfunktionalität, Syntaktische Struktur, Übersetzungspraxis, Rechtsvergleichung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Übersetzung des französischen Gérondif in deutschen Urteilsversionen des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) und analysiert, welche sprachlichen Strategien für diese komplexe grammatikalische Struktur in der juristischen Fachsprache angewendet werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind der Sprachvergleich zwischen Französisch und Deutsch, die linguistischen Charakteristika des Gérondif, die spezifischen Anforderungen an die Rechtssprache sowie die Herausforderungen bei der Übersetzung von EU-Urteilen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu untersuchen, wie das französische Gérondif – das durch seine Polyfunktionalität und Kompaktheit gekennzeichnet ist – im Deutschen wiedergegeben werden kann, ohne die juristische Präzision und den fachsprachlichen Stil zu beeinträchtigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine korpusbasierte, kontrastive Analyse. Die Autorin hat 205 Belege für Gérondifkonstruktionen aus französischen Urteilen des EuGH und deren deutschen Übersetzungen extrahiert, kategorisiert und qualitativ ausgewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Beschreibung des Gérondif (Morphologie, Syntax, Semantik) und einen praktischen Analyseteil, in dem verschiedene Übersetzungsvarianten (Hypotaxe, Parataxe, Nominalsyntagmen, Partizipien) an konkreten Beispielen diskutiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Gérondif, kontrastive Linguistik, Fachsprache Recht, EuGH-Urteile, Übersetzungsäquivalenz, Polyfunktionalität und Kompaktheit.
Gibt es eine bevorzugte Übersetzungsmöglichkeit im EuGH-Kontext?
Es gibt keine "Standardübersetzung". Der Einsatz von "indem"-Sätzen und Nominalsyntagmen mit Präpositionen wie "unter" oder "durch" zeigt sich jedoch als häufig gewählte Strategie, um die instrumentale oder modale Bedeutung des Gérondif zu erfassen.
Wie wirkt sich die Fachsprache Recht auf die Übersetzung aus?
Die juristische Rechtssprache erfordert eine hohe Präzision. Die Untersuchung zeigt, dass Übersetzer bei der Übertragung von Gérondifkonstruktionen oft eine Abwägung zwischen der Beibehaltung der französischen Kompaktheit und der expliziten Verständlichkeit im Deutschen vornehmen müssen, wobei fachsprachliche Stilmittel wie der Nominalstil bevorzugt werden.
Was ist die Schlussfolgerung bezüglich des Gérondif?
Die Autorin kommt zu dem Fazit, dass das Gérondif zwar keine direkten Entsprechungen im Deutschen hat, aber durch eine Vielzahl adäquater, wenn auch oft expliziterer Konstruktionen wiedergegeben werden kann, wobei die Übersetzung stets eine kreative Entscheidung unter Berücksichtigung des Kontextes bleibt.
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- Alexa Wissel (Author), 2007, Zur Übersetzung des französischen Gérondif in deutschen Urteilsversionen des Europäischen Gerichtshofs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68817