Institutioneller Wandel und wirtschaftliche Entwicklung in Florenz um 1400


Hausarbeit, 2006

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Table of Contents

1 Einleitung und Fragestellung

2 Theoretischer Analyserahmen
2.1 Institutionen
2.2 Individuelles Verhalten und Transaktionskosten
2.3 Institutioneller Wandel

3 Wirtschaft und soziale Wirklichkeit in Florenz
3.1 Institutionelle Rahmenbedingungen: Die Zünfte und ihr flexibler Charakter
3.2 Die Spezialisierung des technischen Prozesses der Wolltuchproduktion

4 Fazit - Der wirtschaftliche Aufschwung Florenz
4.1 Komplexe Wechselbeziehungen von Institutionen und wirtschaftlicher Entwicklung
4.2 Eine kritische Bewertung institutioneller Sichtweisen

5 Quellen

1 Einleitung und Fragestellung

Die am Fluss Arno gelegene Stadt Florenz war nicht die einzige Stadt in der Toskana, die im 14. und 15. Jahrhundert einen enormen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftli- chen Aufschwung erlebte. Zu nennen sind hier insbesondere die Städte Genua und Venedig. Aber meines Erachtens darf wohl mit Fug und Recht behauptet werden, dass Florenz in der Epoche der „Renaissance“ eine Sonderrolle einnimmt. Florenz ist bis heute vor allem durch seine kulturellen Errungenschaften in den Bereichen Kunst, Architektur und Literatur welt- weit bekannt.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Fragen, wie es zu dieser besonderen Entwick- lung kommen konnte: Wieso sind in der Florentiner Blütezeit die kulturelle Vielfalt und das Ausmaß kreativen Schaffens dermaßen hoch? Was sind die Vorraussetzungen bzw. die Rah- menbedingungen für die Spezialisierung der Wolltuchproduktion, die den wirtschaftlichen Aufschwung und die Herausbildung internationaler Handelsimperien und Bankentrusts er- möglichten?

Ich werde mich in meiner Arbeit auf die „Frührenaissance“ in den Jahren zwischen 1380 und 1450 in Florenz konzentrieren, da in dieser Phase die Stadt einen kulturelleren, gesellschaftlichen und politischen Institutionenwandel erfuhr. (vgl. Brucker 1990: 9) Ich werde mich ausdrücklich nicht auf den Zusammenhang von Kultur und Wirtschaft einlassen, sondern den Schwerpunkt auf den Zusammenhang zwischen institutionellern Rahmenbedingungen und wirtschaftlicher Entwicklung legen.

Um mich der Beantwortung der Fragen zu nähern, werde ich mich an der Wachstumstheorie von Douglass C. North orientieren. Diese Wachstumstheorie liefert begriffliche Werkzeug, um meine empirischen Untersuchungen zu strukturieren und zu analysieren. Anschließend werde ich die die Organisation der Florentiner Zünfte im Allgemeinen und daraus resultierende Spezialisierung der Wolltuchproduktion im Speziellen beschreiben. Es folgt ein Fazit und eine kritische Auseinandersetzung mit den Prämissen von North.

2 Theoretischer Analyserahmen

Wirtschaftliche Theorien versuchen zum einen Erklärungen und Zusammenhänge von beo- bachteten Fakten herzustellen und zum anderen Vorhersagen zu treffen. Norths Theorie ak- zentuiert einen neuen Schwerpunkt innerhalb bestehender Theorieansätze wirtschaftlichen Wachstums und bricht mit den in der Neoklassik aufgeworfenen Thesen über wirtschaftlichen Wandel. Innerhalb des Paradigmas der Neoklassik entsteht nach seiner Auffassung wirtschaft- licher Wandel hauptsächlich durch rational getroffene Entscheidungen einzelner wirtschaftli- cher Akteure. “… Growth occurs in the system because over time factors of production ex- pand in supply and production sets are augmented.” (Nelson, Winter 1982: 196)

Ökonomisches Wachstum wird vor allem durch Wissenschaft und Technologie begründet. „…both Smith and Marx viewed inventions and innovations as the most dynamic element in the growth of capitalist economies, interacting with capital accumulation, scale economies and expanding markets. “(Freeman, Soete 2000: 317)

Die neue Institutionenökonomik hingegen weist ausdrücklich auf die Bedeutung von Institu- tionen hin, welche Erklärungszusammenhänge bestimmen. Im Kern wird dieser Ansatz von drei „Theoriesträngen“ gebildet: An erster Stelle steht der Property-Rights-Ansatz, an zweiter Stelle der Principal-Agent-Ansatz und drittens ist der Transaktionskostenansatz zu nennen, dem die Theorie von North zuzuordnen ist. Ich werde mich in meiner Arbeit auf den Transak- tionskostenansatz konzentrieren, da ich mir von ihm die aufschlussreichsten Ergebnisse ver- spreche.

North befasst sich mit Institutionen und den darin existierenden Organisationen, wie sie sich zueinander verhaltenen und welchen Einfluss sie auf Transaktions- und Produktionskosten haben. Die Northsche Theorie fokussiert dabei vor allem die Koordinations- und Kommuni- kationsprobleme bei der Interaktion von Wirtschaftsakteuren. Diese Betrachtung gesellschaft- lichen und geschichtlichen Wandels beinhaltet demonstrativ eine wirtschaftliche Komponen- te, die als „Abbild“ von Gesellschaft gesehen werden kann und somit einen Bedeutungszu- wachs erfährt.

2.1 Institutionen

Institutionen sind Motor, aber auch Indikator wirtschaftlicher Entwicklung. North bezeichnet Institutionen als „rules of the game in a society or, more formally, are the humanly devised constraints that shape human interaction.” (North 1991: 3)

Institutionen sind “Antworten auf zentrale Fragen des menschlichen Zusammenle- bens.”(Göbel 2002 17) Institutionen bezeichnen dauerhafte, soziale Ordnungen, die Erwar- tungsverlässlichkeit garantieren und das alltägliche Leben formal sowie informal strukturie- ren. Sie bilden einen Rahmen für die menschliche Kommunikation, die geregelt und geordnet wird. Formale Institutionen sind „gesetzte“ positiv erarbeitete Verhaltensanforderungen, wo- hingegen informale Institutionen Sitten und kulturelle Verhaltensstandards oder Codes bedeu- ten. „Institutionen schaffen Ordnung im Bereich des Sozialen, also überall dort, wo Menschen ihr Handeln dem Sinne nach auf das Verhalten anderer beziehen und darin in seinem Ablauf orientieren.“ (Göbel 2002: 1) Beide Institutionen zusammen formen die „Spielregeln“. (vgl. North 1991: 3-4)

Innerhalb von Institutionen spielen Organisationen eine wichtige Rolle, die stark von Institutionen geprägt werden. Sie, d. h. die Organisationen, sind die „Spieler“, die nicht nur innerhalb der Strukturen agieren, sondern darüber hinaus wiederum Einfluss auf die Gestaltung von Institutionen haben. Gemeint sind damit „political bodies“ wie Parteien, politische Entscheidungsträger und Regulierungsbehörden. North geht von einer Wechselwirkung zwischen Organisationen und Institutionen aus, die jedoch weitgehend von den Institutionen dominiert wird. (vgl. North 1991: 4-5) Institutionen liefern Anreize und normative gewollte Ziele und lenken bestimmte Verhaltensweisen bei Individuen.

2.2 Individuelles Verhalten und Transaktionskosten

Laut North übersehen Rational-Choice-Ansätze zum einen die mangelnde Stabilität bei Ent- scheidungspräferenzen von Individuen, und zum anderen Unterschiede in der Interpretation von Situationen von Individuen. Ein „homo oeconomicus“ müsste neoklassischer Sicht in der gleichen Situation immer gleich handeln, dies sei aber bei genauer Betrachtung der Geschichte nicht der Fall. North weist deshalb auf zwei Punkte hin, die dabei nicht außer Acht gelassen werden dürfen: Erstens die Motivation der Individuen und zweitens die Umgebung bzw. die Umwelt. (vgl. North 1991: 17-22).

Ideen und Wertvorstellungen prägen das individuelle Verhalten ebenso wie die Anerkennung von formellen und informellen Regeln. North weist somit auf die Bedeutung von Institutionen hin, die „alter the price individuals pay and hence lead to ideas, ideologies, and dogmas frequently playing a major role in the choices individuals make.” (North 1991: 22)

Dadurch wird klar, dass von einer Wechselbeziehung zwischen Individuen und Institutionen auszugehen ist. Auf der einen Seite können Individuen Institutionen schaffen, während auf der anderen Seite die Individuen durch Institutionen determiniert werden. (vgl. Göbel 2002: 12)

„Wenn man davon ausgeht, dass Menschen nur über begrenzte und eingeschränkte Rationalität verfügen, bedeutet das, dass sie sich, um unseren Ausdruck zu verwenden, Transaktionskosten aussetzen müssen, gleichgültig, in welchem Bereich der Wirtschaft sie sich bewegen und welche Art von Tätigkeit sie ausüben. Aufgrund ihrer menschlichen Beschränktheit, ihres begrenzten Wissens, ihrer Neigung zu Fehlern werden in der wirklichen Welt Entscheidungssubjekte stets ineffizient handeln - jedenfalls im Vergleich zu den hypothetischen Entscheidungssubjekten der neoklassischen Theorie. Kurz gesagt, Transaktionskosten sind das Resultat dieser Ineffizienz.“ (Richter, Furubotn 1996: 45)

Transaktionskosten werden diejenigen Kosten genannt, die bei einem Handel, also einem Leistungsaustausch, anfallen. Sie sind zu unterscheiden von den Produktionskosten, das sind die Kosten die zur Herstellung eines Produktes anfallen. Transaktionskosten selbst können wiederum materieller oder immaterieller Natur sein. Zu unterscheiden ist zwischen den „measurement-costs“, Kosten die entstehen, um sich über einen Handel oder ein Geschäft zu informieren, und den „enforcement-costs“, Kosten, die entstehen, um den Handel oder das Geschäft abzuschließen. (vgl. North 1991: 27)

In der neuen Institutionenökonomik wird genau diese Kostspieligkeit von Transaktionskosten hervorgehoben. (vgl. ebd.: 45) Institutionen bestimmen Handlungen, prägen Interaktion und die Höhe der Transaktionskosten, die Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung haben. Je geringer die Transaktionskosten, desto höher die Wahrscheinlichkeit für ein Wachstum der Wirtschaftsleistung. Transaktionskosten sind sozusagen das „ökonomische Gegenstück zu Reibung“ (Williamson 1990: 1)

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Grundvoraussetzungen für ein Wirtschaftswachstum geringe Transaktionskosten und Rechtssicherheit von Verhaltensregelmäßigkeiten sind. Ge- meint ist damit, dass gewisse von einer Institution favorisierte Verhaltensweisen einen recht- lichen Schutz genießen. Damit werden nicht gewünschte Verhaltensweisen gleichzeitig er- schwert.

Die dadurch geschaffenen Strukturen schaffen Anreize für Spezialisierungen und beseitigen Unsicherheit als Kostenfaktor. Spezialisierung und Arbeitsteilung als alleinige Gründe reichen nicht aus, um Wirtschaftswachstum zu erklären (vgl. North 1991: 27-30).

Transaktionskosten werden wie folgt “berechnet“: „The net gains from exchange are the gross gains, which are the standard gains in neoclassical theory and in international trade model, minus the costs of measuring and policing the agreement and minus the losses that result be- cause monitoring is not perfect.“ (North 1991: 31) Transaktionskosen werden als Variable in die Betriebskosten aufgenommen und sind Teil der wirtschaftlichen Rechnung. Dadurch wird erreicht, dass der soziale Zusammenhang, in dem Individuen handeln, berücksichtig wird. (vgl. Williamson 1990: 25-26)

2.3 Institutioneller Wandel

Norths Theorie ist zwar dem Paradigma der Institutionenökonomik zuzuordnen, North argu- mentiert jedoch weitaus differenzierter. Institutioneller Wandel entstehe nicht durch rationale Kosten-Nutzen-Kalküle, da Transaktionskosten niemals genau berechnet werden können. Sie werden NACH einem Geschäft kalkuliert, man also nicht vergleichen, ob die neue Institution günstigere Transaktionskosten verspricht oder nicht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Institutioneller Wandel und wirtschaftliche Entwicklung in Florenz um 1400
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Institutioneller Wandel und wirtschaftliche Entwicklung
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V68899
ISBN (eBook)
9783638611954
ISBN (Buch)
9783638673082
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Institutioneller, Wandel, Entwicklung, Florenz
Arbeit zitieren
Thilo Schneider (Autor), 2006, Institutioneller Wandel und wirtschaftliche Entwicklung in Florenz um 1400, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68899

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