Das Täter-Opfer-Motiv in Ingeborg Bachmanns "Der Fall Franza"


Seminararbeit, 2006

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eine problematische und doch glückliche Kindheit

3. Wien und Jordan

4. Krankheit und Opferidentifikation
4. 1. Hysterie und Trauma
4. 2. Sprache und Schweigen
4. 3. Identifizierung mit den Opfern

5. Schlussbemerkung

6. Bibliografienachweis

1. Einleitung

Ingeborg Bachmanns psychosoziales und kulturhistorisches Romanfragment Der Fall Franza handelt davon, „wie Menschen kategorisiert und etikettiert werden“[1] und zeigt exemplarisch an der Figur Franza das traumatische Schicksal einer Frau, „deren zusammenhängender Denk-, Handlungs- und Verhaltensablauf gestört ist“[2], die sich selbst über mehrere Jahre in einer Traumwelt und verheerenden Illusionen verliert und aufgibt, hilflos versucht ihr Trauma zu bewältigen und letztendlich doch daran scheitert.

Die Autorin beschrieb ihren Roman selbst als „eine Reise durch eine Krankheit“[3], auf der das Verbrechen hinterfragt wird sowie aufgeklärt und verstanden werden soll.

Eine große Rolle spielt dabei die

Ausgrenzung und Unterwerfung des anderen sowohl im Verhältnis von Mann und Frau als auch in der neokolonialen Beziehung von westlicher und ägyptischer Kultur und außerdem in der geschichtlichen Katastrophe des Nationalsozialismus.[4]

Zentral ist die Frage nach dem Grund der Unterwerfung und der letztendlichen Zerstörung. Wieso lässt sich ein ursprünglich belastbarer und lebhafter Charakter, der scheinbar fest im Leben integriert ist, so vehement verändern und vernichten?

Mit wenigen Worten verweist der erste Satz des Romanfragments „Der Professor, das Fossil, hatte ihm die Schwester zugrunde gerichtet“[5] vermeintlich schon auf das Opfer, den Täter und den Zeugen des Verbrechens (vgl. Gutjahr, 1988, 62f.).

Doch trägt Franzas Ehemann, der Psychiater Leopold Jordan tatsächlich die alleinige Schuld an dem ‚Untergang’ seiner Frau und macht er sie so, wie es scheint, zu einem Opfer?

Ziel dieser Arbeit soll es sein, diese Täter-Opfer-Klassifizierung kritisch zu hinterfragen und zu einem durchschaubaren Ergebnis zu gelangen. Dabei soll ein Exkurs in die psychoanalytischen Theorien, der bei der Traumathematik unbedingt erforderlich ist, einige Charakterzüge der Figuren begründen und das Geschehene nachvollziehbar machen, denn nur allein auf „Worte [...], die anspielen und insistieren auf etwas, das es gibt, und auf anderes, das es nicht gibt“[6] kann man sich bei der Deutung des Textes nicht verlassen.

2. Eine problematische und doch glückliche Kindheit

Aus den bruchstückhaften Erinnerungen Martin Ranners, Franzas fünf Jahre jüngerem Bruder, und denen seiner Schwester geht hervor, dass beide eine scheinbar glückliche Kindheit gehabt haben müssen.

Scheinbar, da sie in der Zeit des zweiten Weltkriegs aufwuchsen, der Vater, der in Ägypten als verschollen gilt, nicht für seine Kinder da sein konnte und auch die Mutter durch ihren Tod frühzeitig aus dem Leben von Franza und Martin verschwand. Für kurze Zeit leben sie unter der Obhut der Großeltern Nona und Neni, „beide uralt und hilfloser als die Kinder“ (Das Buch Franza, 1995, 151), die jedoch ebenfalls versterben und die Enkel als Waisen schließlich sich selber überlassen.

Galicien[7], ein kleiner, fiktiver Ort, der im Grenzgebiet am Dreiländereck Österreich, Italien und Jugoslawien in der Nähe der realen österreichischen Stadt ‚Maria Gail’ angesiedelt ist, gilt in der Erinnerung der Geschwister als der heilige Platz ihrer Kindheit, der in Martin, trotz der eigentlich schrecklichen Erlebnisse, einen wohligen Gedanken hervorruft: „Wie unwiderstehlich ist Galicien, die Liebe.“ (Franza, 1995, 149)

Begründet ist dies (und auch die ‚Heiligsprechung’ des Ortes) vor allem in der Rolle, die Martins Schwester Franza für ihn spielte. Sie übernahm als seine „mythische Figur“ (Franza, 1995, 151) aufopferungsvoll (!) die Mutterrolle, denn „immer und überall hatte sie ihn mit sich herumgeschleppt, dieses Herumschleppen, das war es, Essen suchen, ihn waschen und anziehen und ausziehen, [...].“[8] Martin erinnert sich an die früher (noch) existierende starke Verbundenheit zu Franza:

Wenn es überhaupt etwas zwischen ihnen beiden gab oder je gegeben hatte , dann dies: daß [sic!] sie jeder von jedem einmal im Leben wissen würden, wo der andere im entscheidenden Moment war [...].[9]

Und dieser prägende Moment bestand in der Rettung des zehnjährigen Martin aus dem Fluss Gail durch „seine barfüßige Wilde, die ihr Junges aus dem Wasser zog“[10], obwohl sie gar nicht in der Nähe war, die Gefahr aber trotzdem spürte und sich „plötzlich umdrehte und fortlief und immerzu lief [...] zur Gail hinunter [...]“ (Franza, 1995, 149), um ihrem Bruder zu helfen.

Durch das Fehlen der Eltern, die psychoanalytisch gesehen zu „den ersten Liebesobjekten der ödipalen Konstellation“, aber auch zu „den verbietenden Instanzen, welche die Wahrung des Inzesttabus einfordern“ (vgl. Gutjahr, 1988, 75) zählen, entwickelt sich zwischen Franza und Martin ein geradezu „symbiotische[s] Verhältnis“ (vgl. Gutjahr, 1988, 70), das in der Erinnerung Franzas „mit jenem Kultsatz“[11] substanziiert wird: „Unter hundert Brüdern dieser eine. Und er aß ihr Herz. [...] Und sie das seine.“[12]

„Gemäß dem Ödipuskomplex [Hervorh.: S.R.] ist jeder Junge vom Schicksal dazu bestimmt, in der Phantasie seinen Vater zu töten und seine Mutter zu heiraten.“[13] In den sexuellen Triebentwicklungsphasen (orale, anale und phallische Phase)[14], die laut Sigmund Freud in den ersten sechs Lebensjahren liegen, gilt die Mutter als erstes Liebesobjekt für den Jungen, wodurch der Vater zum Rivalen wird und das Kind folglich seine Feindseligkeit auf ihn projiziert sowie „eine ständige Angst vor seiner Rache“ (vgl. Pervin, 1993, 122) verspürt (Kastrationsangst). Im Gegensatz zu dem männlichen Kind, bemerkt das Mädchen „das Fehlen des Penis [(Penisneid)] und gibt der Mutter, dem ursprünglichen Liebesobjekt, die Schuld daran“ (Pervin, 1993, 124). Das „fehlende Organ“ wird in der Phantasie des Mädchens „wieder ersetzt [...], wenn es mit dem [Liebesobjekt] Vater zusammen ein Kind zeugt“ (vgl. Pervin, 1993, 124).

Die Auflösung des Ödipuskomplexes gelingt wegen der Frustration und Enttäuschung durch die Mutter, der Furcht vor dem Vater und der Möglichkeit, durch Identifikation mit dem Vater teilweise Bedürfnisse zu befriedigen. Das männliche Kind überwindet den Ödipuskomplex, indem es zwar die Mutter als Liebesobjekt behält, dies aber durch die Identifizierung mit dem Vater [und internalisieren seiner Werte] geschieht.[...]

Der Konflikt wird [bei dem weiblichen Kind] gelöst, indem der Vater Liebesobjekt bleibt, aber durch die Identifikation des Mädchens mit der Mutter erreichbarer wird.[15]

Da in „Der Fall Franza“ nur ein zehnjähriger Martin und eine fünfzehnjährige Franza erinnert werden, kann man nicht genau sagen, wie die familiäre Situation in den frühen formenden Entwicklungsstadien (1.-6. Lebensjahr) der Geschwister aussah. Und weil die „Erfahrungen der ersten fünf Lebensjahre [...] als entscheidend für die Ausprägung der späteren Persönlichkeitseigenschaften angesehen“[16] werden, können die psychoanalytischen Theorien nur eingeschränkt für die Interpretation des Romans genutzt werden.

Eine Erklärung für das „symbiotische Verhältnis“ (Gutjahr, 1988, 70) zwischen Franza und Martin ist sicherlich, dass der Vater sehr früh in den Krieg zog und sein Verschwinden einen prägenden und sogar traumatischen Eindruck bei den Geschwistern hinterlassen musste. Auch das Sterben der Mutter muss das Trauma vertiefen, da mit ihr sowie mit dem Vater wichtige Identifikationsobjekte, die geliebt werden und welche Liebe geben (vgl. Pervin, 1993, 124f.) als verloren angesehen werden müssen.

Das Begehren des Vaters durch Franza wird bei ihrem „Identitätsbildungsprozeß [sic!] ausgegrenzt“[17] und auf den Bruder projiziert, denn „Abhängigkeitsgefühle und ödipale Wünsche, die während der prägenitalen Perioden nicht völlig aufgelöst wurden, treten [in der Pubertät] verstärkt in Erscheinung.“ (vgl. Pervin, 1993, 126)

Der „Wunsch, ein Kind vom Vater zu haben, [wird] mit jener Geburtsphantasie, als Franza Martin aus dem Wasser rettete, erfüllt“[18] und die symbolische Annahme der Mutter- (Autoritäts-) rolle „ermöglicht [...] die Ablösung des Kindes von“[19] der primären elterlichen Bezugsperson.

Auf die „Grundangst“, das „Gefühl der Isolation und Hilflosigkeit, das ein Kind in einer potentiell feindseligen Welt hat“[20], reagieren Heranwachsende, laut Karen Horney[21], unter anderem mit „Annäherung“, die „durch Rigidität und mangelnde Verwirklichung des individuellen Potentials“ (Pervin, 1993, 173) gekennzeichnet ist.

Bei der Annäherung versucht das Individuum durch exzessives Bemühen akzeptiert, gebraucht und geschätzt zu werden, um die Angst zu überwinden. Eine solche Person akzeptiert die Abhängigkeit von anderen und ist, mit Ausnahme des grenzenlosen Wunsches nach Zuneigung, selbstlos, wunschlos und aufopferungswillig [Hervorh.: S.R.].[22]

An der Figur Franza kann genau dieses Verhaltensmuster festgemacht werden und einige Geschehnisse des Romans verstehbarer machen, denn sowie in der Kindheit als auch in der Beziehung mit Jordan zeigt Franza diese Charaktereigenschaften auf, die ihr letztendlich zum Verhängnis werden.

Franza, die ihre voreheliche weibliche Identität als eine glückliche und starke erinnert, reagiert mit „Flucht [vor dem Ehemann] an den Ort der Kindheit [...]“, der „zugleich die Flucht zum Bruder als dem Ort des Schutzes [darstellt], da sich nur mit und über ihn die Identität, wie sie in der Kindheit herausgebildet wurde, in der Erinnerung wieder einholen lässt.“[23]

Galizien wird, trotz und gerade aufgrund der traumatischen Erlebnisse, zum heiligen Ort von Martin und Franza, da „erst durch die familiäre und soziale Ausnahmesituation [...] die Geschwisterbeziehung die Dimension eines anderen Zustands [gewinnt], in der die imaginären Inszenierungen eine Friedenszeit erschaffen können.“ (vgl. Gutjahr, 1988, 86)

Mit dem Ende des Krieges und dem Erscheinen des „personifizierten Frieden[s]“[24] in Gestalt des englischen Captain Sire entwickeln sich in Franza neue Bedürfnisse und sie „wird [...] zur Frau.“ (vgl. Zeller, 1988, 47)

Der fünf Jahre jüngere Martin „begann, ihr zu jener Zeit lästig zu werden“ (Gutjahr, 1988, 89) und wird zum ersten Mal ‚ersetzt’. Doch letztendlich erkennt Franza, dass eine Beziehung mit der Vaterfigur, dem Captain aufgrund ihres Alters und ihrer Physiognomie ausgeschlossen werden musste und sie akzeptiert die Vorrangstellung einer Ärztin, denn diese „war auch groß und vor allem rundlich, weich rundherum, ganz eingebettet in ein angenehmes Fleisch.“ (Franza, 1995, 183) Infolgedessen verwandelt Franza ihren ödipalen sexuellen Trieb in ein Phantasieren von „Elternfiguren“ (Gutjahr, 1988, 93) und „sie liebte die Liebe der beiden.“ (Franza, 1995, 184)

Mit dem Verlassen Galiciens und dem Ziel, in Wien zu studieren, wird die Symbiose der Geschwister vorerst zerbrochen. Martin kann sich mit seiner neuen Lebenssituation problemlos identifizieren, wohingegen Franza mit ihrem nicht gelösten, ödipalen Konflikt nur einen neuen Versuch startet, diesen durch Anpassung zu bewältigen und dabei glaubt, sich weiterentwickelt zu haben.

[...]


[1] http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/101039/

[2] Vgl. Ebd.

[3] Gutjahr, Ortrud. Fragmente unwiderstehlicher Liebe. Zur Dialogstruktur literarischer Subjektentgrenzung in Ingeborg Bachmanns „Der Fall Franza“. Würzburg, 1988. S. 62.

[4] http.//www.antipsychiatrieverlag.de/versand/titel/bachmann_franza.htm

[5] Bachmann, Ingeborg. „Todesarten“-Projekt. Band 2. Das Buch Franza. Bearbeitet von Monika Albrecht und Dirk Göttsche. München, 1995. S. 131.

[6] Ebd. S. 133.

[7] Bachmann verweist mit der Namensgebung auf das südpolnische Galicja (Galizien), das ein Synonym für das nördliche Karpatenvorland ist, wo das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz liegt. Die Autorin ruft somit eine Assoziation mit der Judenvernichtung hervor und stellt eine Verbindung zur Franza – Geschichte her. Vgl.: Ortrud Gutjahr. Fragmente unwiderstehlicher Liebe. 1988. S. 74.

[8] Franza, 1995, 153. Auffällig ist an dieser Stelle die Tiermetapher. Katzen zum Beispiel schleppen ihre Jungen umher, um für sie einen Platz zu finden, an dem sie sicher sind und waschen ihre ‚Zöglinge’ ständig, indem sie diese mit der Zunge ablecken. Ebenfalls ist in der Tierwelt häufig die Rede vom „Essen suchen“ (im Gegensatz zur menschlichen Welt, in der man Essen kauft und zubereitet), was die Eltern für ihre noch-nicht-flüggen Jungen übernehmen müssen.

[9] Franza, 1995, 148.

[10] Ebd., S. 149. Auch hier wird von Bachmann wieder der metaphorische Vergleich mit einem Tier („Wilde“, „Junges“) genutzt, um die Mutterrolle Franzas besser zu verdeutlichen.

[11] Gutjahr, 1988, 75.

[12] Franza, 1995, 204. Hierbei handelt es sich um ein leicht verändertes Zitat aus dem Gedicht „Isis und Osiris“ (Robert Musil). Der Mythos des „Götter-Königs-Geschwister-Ehepaares [...] figuriert eine inzestuöse Geschwisterliebe“, in der „Osiris, der Gott der Fruchtbarkeit, seine Schwester Isis heiratet [...].“ Vgl. Gutjahr, 1988, 75f.

[13] Pervin, Lawrence A. Persönlichkeitstheorien. 3., neubearb. Auflage. München, 1993. S. 122.

[14] Vgl. Pervin, 1993, S. 121f.

[15] Ebd., S. 124.

[16] Ebd., S. 189. In der Forschung ist jedoch nicht klar erwiesen, dass zwischen dem sechsten und dem dreizehnten Lebensjahr keine sexuelle Energie und sexuelles Interesse auftreten.

[17] Vgl. Gutjahr, 1988, S. 80.

[18] Ebd.

[19] Ebd., Fußzeile 131.

[20] Pervin, 1993, S. 173.

[21] Traditionelle Analytikerin, deren Konzepte auf denen Freuds aufbauten.

[22] Pervin, 1993, S. 173.

[23] Gutjahr, 1988, S. 70.

[24] Zeller, Eva Christina. Ingeborg Bachmann: Der Fall Franza. Frankfurt am Main, 1988. S. 47.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Täter-Opfer-Motiv in Ingeborg Bachmanns "Der Fall Franza"
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Literatur und Trauma
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V68954
ISBN (eBook)
9783638600828
ISBN (Buch)
9783638869225
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Täter-Opfer-Motiv, Ingeborg, Bachmanns, Fall, Franza, Literatur, Trauma
Arbeit zitieren
Susann Rabe (Autor), 2006, Das Täter-Opfer-Motiv in Ingeborg Bachmanns "Der Fall Franza", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68954

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