Ingeborg Bachmanns psychosoziales und kulturhistorisches Romanfragment Der Fall Franza handelt davon, „wie Menschen kategorisiert und etikettiert werden“ und zeigt exemplarisch an der Figur Franza das traumatische Schicksal einer Frau, „deren zusammenhängender Denk-, Handlungs- und Verhaltensablauf gestört ist“ , die sich selbst über mehrere Jahre in einer Traumwelt und verheerenden Illusionen verliert und aufgibt, hilflos versucht ihr Trauma zu bewältigen und letztendlich doch daran scheitert.
Die Autorin beschrieb ihren Roman selbst als „eine Reise durch eine Krankheit“ , auf der das Verbrechen hinterfragt wird sowie aufgeklärt und verstanden werden soll.
Eine große Rolle spielt dabei die
Ausgrenzung und Unterwerfung des anderen sowohl im Verhältnis von Mann und Frau als auch in der neokolonialen Beziehung von westlicher und ägyptischer Kultur und außerdem in der geschichtlichen Katastrophe des Nationalsozialismus.
Zentral ist die Frage nach dem Grund der Unterwerfung und der letztendlichen Zerstörung. Wieso lässt sich ein ursprünglich belastbarer und lebhafter Charakter, der scheinbar fest im Leben integriert ist, so vehement verändern und vernichten?
Mit wenigen Worten verweist der erste Satz des Romanfragments „Der Professor, das Fossil, hatte ihm die Schwester zugrunde gerichtet“ vermeintlich schon auf das Opfer, den Täter und den Zeugen des Verbrechens (vgl. Gutjahr, 1988, 62f.).
Doch trägt Franzas Ehemann, der Psychiater Leopold Jordan tatsächlich die alleinige Schuld an dem ‚Untergang’ seiner Frau und macht er sie so, wie es scheint, zu einem Opfer?
Ziel dieser Arbeit soll es sein, diese Täter-Opfer-Klassifizierung kritisch zu hinterfragen und zu einem durchschaubaren Ergebnis zu gelangen. Dabei soll ein Exkurs in die psychoanalytischen Theorien, der bei der Traumathematik unbedingt erforderlich ist, einige Charakterzüge der Figuren begründen und das Geschehene nachvollziehbar machen, denn nur allein auf „Worte [...], die anspielen und insistieren auf etwas, das es gibt, und auf anderes, das es nicht gibt“ kann man sich bei der Deutung des Textes nicht verlassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Eine problematische und doch glückliche Kindheit
3. Wien und Jordan
4. Krankheit und Opferidentifikation
4. 1. Hysterie und Trauma
4. 2. Sprache und Schweigen
4. 3. Identifizierung mit den Opfern
5. Schlussbemerkung
6. Bibliografienachweis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht das Täter-Opfer-Motiv in Ingeborg Bachmanns Romanfragment „Der Fall Franza“ und hinterfragt kritisch die Schuldzuweisungen an den Ehemann Leopold Jordan durch eine psychoanalytische Betrachtung der traumatischen Vergangenheit der Protagonistin.
- Analyse der kindlichen Prägung und der Mutterrolle der Protagonistin.
- Untersuchung der psychischen Störungen, insbesondere Hysterie und Trauma.
- Erforschung der Sprachlosigkeit und des Verlusts der weiblichen Identität.
- Darstellung der Identifizierung der Protagonistin mit fremden Opferschicksalen.
- Kritische Reflexion der Machtdynamik in der Beziehung zu Leopold Jordan.
Auszug aus dem Buch
4. 1. Hysterie und Trauma
Als Martin seine Schwester nach ihrer Flucht vor Jordan in Galicien im Haus ihrer Kindheit findet, erkennt er sie kaum wieder, denn „das war nicht mehr die Franza von früher und nicht mehr die fremde Dame (...) aus Wien (...).“ Ihr Körper und ihr Verhalten weisen deutliche Spuren einer Hysterie auf:
(...), und sie weinte nicht nur, (...) sie zitterte und ihr Körper tat etwas mit ihr, was er nicht nieder-halten konnte mit den Armen, in einer Konvulsion, in immer stärkeren Zuckungen, sie schlotterte und wollte ihn wegstoßen und krampfte sich dann wieder an ihn (...).
Im weiteren Verlauf der Geschichte und mit dem Erinnern an die „jordanische Zeit“ wird deutlich, dass Franza psychisch krank ist und ihr Körper „die ihm zugefügten Kränkungen und Verletzungen [erinnert] und äußert (...).“
Sowie in der Beziehung mit Jordan als auch während der Reise durch Ägypten „spricht ihr Körper eine deutliche Sprache der Abwehr“, die „in Form von Anorexie, Erbrechen oder der totalen Verweigerung der Nahrungsaufnahme“ (vgl. Stuber, 1994, 77) zum Ausdruck gebracht wird. Im zweiten Kapitel wird kurz eine Episode geschildert in der sich Jordan über Franzas „Appetitlosigkeit“ ärgert und deutlich wird, dass Franza sich diese unbewusste Abwehrhaltung gegenüber Jordan (noch) nicht erklären kann: „Ich kann nicht essen (...) warum kann ich denn bloß nicht mehr essen, immer hatte sie essen können (...).“ (vgl. Franza, 1995, 246)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Forschungsfrage, die Rolle der Unterwerfung und Zerstörung von Franza kritisch zu beleuchten.
2. Eine problematische und doch glückliche Kindheit: Untersuchung der frühkindlichen Prägung durch den Verlust der Eltern und der symbiotischen Geschwisterbeziehung zwischen Franza und Martin.
3. Wien und Jordan: Analyse der gesellschaftlichen Transformation Franzas und der Eheschließung mit dem autoritären Psychiater Leopold Jordan als Vaterersatz.
4. Krankheit und Opferidentifikation: Zusammenfassende Untersuchung von Franzas psychischem Verfall und ihrem zwanghaften Bedürfnis, sich mit Opfern zu identifizieren.
4. 1. Hysterie und Trauma: Analyse körperlicher Symptome wie Anorexie und hysterische Anfälle als Ausdruck des traumatischen Missbrauchs.
4. 2. Sprache und Schweigen: Untersuchung der Sprachlosigkeit der Protagonistin als Folge der Unterdrückung ihrer Identität durch Jordan.
4. 3. Identifizierung mit den Opfern: Betrachtung von Franzas verstärkter Suche nach Identifikationsmöglichkeiten mit Opfern während der Ägyptenreise.
5. Schlussbemerkung: Fazit über das Zusammenwirken von Kindheitserfahrungen und der zerstörerischen Eheschließung als Grund für Franzas Untergang.
6. Bibliografienachweis: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Der Fall Franza, Täter-Opfer-Motiv, Trauma, Hysterie, Opferidentifikation, Psychologie, Psychoanalyse, Unterwerfung, Identitätsverlust, Sprachlosigkeit, Leopold Jordan, Kindheit, Geschwisterbeziehung, Selbstzerstörung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Täter-Opfer-Motiv im Roman „Der Fall Franza“ von Ingeborg Bachmann und analysiert die Ursachen für den psychischen Zusammenbruch der Protagonistin.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen von Kindheitstraumata, die Rolle von Macht und Autorität in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die psychoanalytische Deutung von Hysterie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es, die einseitige Schuldzuweisung an den Ehemann Leopold Jordan zu hinterfragen und zu zeigen, dass auch Franzas eigene Biografie und traumatische Charakterprägung für ihr Schicksal entscheidend sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine textnahe Analyse des Romanfragments, ergänzt durch einen Exkurs in psychoanalytische Theorien, insbesondere zum Ödipuskomplex und zur Opferidentifikation.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kindheit der Protagonistin, ihre Ehe, körperliche Symptome ihres Leidens sowie ihre Versuche, die eigene Identität durch Identifikation mit anderen Opfern zu retten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Ingeborg Bachmann, Trauma, Hysterie, Opferrolle, Identität, Machtdynamik und psychoanalytische Deutung.
Welche Rolle spielt der Nilschlamm im Werk?
Der Nilschlamm fungiert als ein mächtiges Symbol für die erstickende Unterdrückung durch den Ehemann, führt aber zugleich zu einer vergeblichen Hoffnung Franzas auf eine reinigende Heilung.
Wie deutet die Autorin den Suizid der Protagonistin?
Der Suizid wird als die logische Konsequenz einer durch das „Sprachverbot“ und die psychische Zerstörung verursachten vollkommenen Handlungsunfähigkeit und des Verlusts der Realität interpretiert.
- Citation du texte
- Susann Rabe (Auteur), 2006, Das Täter-Opfer-Motiv in Ingeborg Bachmanns "Der Fall Franza", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68954