In der vorliegenden Arbeit soll es darum gehen, die Ereignisse vor Beginn des 2. Punischen Krieges anhand der Darstellung des Polybios kritisch zu hinterfragen. Dabei soll gezeigt werden, dass der Bericht des Polybios über die Ereignisse am Vorabend des 2. Punischen Krieges in mancher Hinsicht nicht den tatsächlichen Gang der Ereignisse wiedergibt. Zwar gilt Polybios’ Bericht noch immer als der entscheidende Wegweiser zu den Vorgängen am Vorabend des 2. Punischen Krieges. Doch wird beim genaueren Hinsehen deutlich, dass Polybios durch seine Darstellung versucht, das zunächst undurchschaubare Verhalten Roms in der entscheidenden Phase vor Ausbruch des Krieges zu verteidigen und es in einem möglichst positiven Licht darzustellen.
Zunächst soll es darum gehen, den Ebrovertrag genauer zu beleuchten. Dabei soll deutlich gemacht werden, warum die Römer die Initiative ergriffen einen solchen Vertrag zu schließen und wann sie es taten. Zudem muss genauer beleuchtet werden, mit wem Rom diesen Vertrag schloss, bzw. für wen er gültig war. War er für Karthago gültig oder nur für Hasdrubal und danach schon nicht mehr Hannibal? Aus Polybios geht dies nicht eindeutig hervor und es muss daher darum gehen, den Vertragstypus, um den es hier ging genau festzulegen.
Sodann verlangt das römische Eingreifen in Sagunt und das letztendlich daraus resultierende Verhältnis zwischen Sagunt und Rom nach einer genaueren Bestimmung. Wann traten Sagunt und Rom in das Verhältnis, das Sagunt den Schutz vor Hannibal garantieren sollte und wie sah dieses Verhältnis genau aus. Denn nur wenn man dies eindeutig feststellt, kann man eine Beurteilung des römischen Verhaltens während und nach der Belagerung Sagunts sowie bei der römischen Kriegserklärung an Karthago treffen.
Vor allem die Darstellung der römischen Kriegserklärung bei Polybios gibt Rätsel auf. Warum erfolgte sie so spät und warum stützten sich die Römer dabei auf so uneindeutige Rechtsgründe, dass Karthago den römischen Rechtsstandpunkt anzweifeln konnte?
Zu einem Ergebnis, das über jeden Zweifel erhaben ist, wird man dabei nicht kommen können. Doch wird man am Ende wenigstens sagen können, dass Polybios’ Bericht versucht, bestimmte Motive der Römer und ihr Verhalten verzerrt darzustellen, und dass seine Darstellung kritisch zu beurteilen ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Ebrovertrag
2.1. Motivation des Ebrovertrages
2.2. Der Ebrovertrag als Feldherrenvertrag
3. Das römische Eingreifen in Sagunt
3.1. Das Verhältnis Sagunts zu Rom
4. Der Weg in den Krieg
4.1. Datierung und Dauer der Belagerung Sagunts
4.2. Die römische Inaktivität während der Belagerung Sagunts
4.3. Die römische Kriegserklärung an Karthago
4.4. Die geographische Lage des Ebro
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Darstellung des Polybios zu den Ereignissen, die zum Ausbruch des 2. Punischen Krieges führten, und hinterfragt die römische Motivlage sowie das tatsächliche diplomatische und militärische Vorgehen in der Phase vor Kriegsbeginn.
- Kritische Analyse des Ebrovertrags und dessen Interpretation durch Polybios.
- Untersuchung des römischen Eingreifens in Sagunt und des Schutzverhältnisses zu Rom.
- Hintergründe der römischen Passivität während der Belagerung Sagunts.
- Bewertung der römischen Kriegserklärung und der Rolle des offiziellen Kriegsgrundes.
- Geographische und chronologische Einordnung der Ereignisse im 2. Jahrhundert v. Chr.
Auszug aus dem Buch
4.2. Die römische Inaktivität während der Belagerung Sagunts
Die Feststellung, dass Rom sich während der Belagerung Sagunts nicht rührte, muss um so bedeutungsvoller erscheinen, wenn man sich vor Augen führt, dass die Römer Hannibal noch wenige Monate vor Beginn der Belagerung davor gewarnt hatten, Sagunt, das ja zu diesem Zeitpunkt bereits unter ihrem Schutz stand, anzugreifen und den Ebro mit Waffengewalt zu überschreiten. Für dieses Stillhalten Roms während der Belagerung gibt es mehrere Erklärungsversuche, die im Folgenden dargestellt und gegeneinander abgewogen werden sollen.
Der erste dieser Erklärungsversuche bringt die Passivität Roms mit dem Feldzug gegen Demetrios von Pharos im Sommer 219 v. Chr. in Zusammenhang. Dadurch dass die Römer sich bereits für den Feldzug gegen Demetrios entschlossen hatten, bevor sie von Hannibals Angriff auf Sagunt erfuhren, war ihnen ein Eingreifen auf der iberischen Halbinsel nicht möglich. Dieser Ansatz wird gewissermaßen von Polybios gestützt. Denn wie oben erläutert, versucht er seinen Lesern zu vermitteln, dass der Krieg bereits unvermeidlich oder wahrscheinlich geworden war, nachdem die römische Gesandtschaft im Herbst 220 v. Chr. Hannibal eindringlich gewarnt und dieser darauf so schroff reagiert hatte. In diesem Zusammenhang stellt er nun auch den Feldzug gegen Demetrios von Pharos, der dazu dienen sollte, die römische Stellung im Osten zu sichern, um dann gewissermaßen alle Kräfte nur noch auf die Auseinandersetzung mit Karthago, bzw. Hannibal konzentrieren zu können. Dabei versucht er den Eindruck zu erwecken, dass Hannibals Belagerung und Eroberung Sagunts diese Pläne Roms durchkreuzte und dass durch das Eingreifen in Illyrien rechtzeitige Schritte zur Unterstützung des bedrängten Sagunt nicht mehr möglich gewesen wären.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung umreißt die Zielsetzung, die Ereignisse vor Beginn des 2. Punischen Krieges anhand des Polybios kritisch zu untersuchen und dabei aufzuzeigen, wie Rom sein Verhalten in dieser Phase strategisch verzerrt dargestellt haben könnte.
2. Der Ebrovertrag: Es wird die Motivation hinter dem Vertragsabschluss mit Hasdrubal beleuchtet und die rechtliche Natur als Feldherrenvertrag erörtert, um zu zeigen, dass dieser nicht den karthagischen Staat als Ganzes band.
3. Das römische Eingreifen in Sagunt: Hier wird der Hintergrund der Schlichtung Roms in Sagunt untersucht und festgestellt, dass das römische Eingreifen nicht zwangsläufig ein Schutzverhältnis impliziert, sondern möglicherweise informeller Natur war.
4. Der Weg in den Krieg: Dieses Hauptkapitel analysiert die verschiedenen Aspekte, die zum Krieg führten, inklusive der zeitlichen Einordnung, der römischen Inaktivität, der Kriegserklärung und der geographischen Diskussion um den Ebro.
5. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass Roms Handeln von falschen Einschätzungen geprägt war und die offizielle Kriegsbegründung durch die Historiographie bewusst manipuliert wurde, um die römische Position zu rechtfertigen.
Schlüsselwörter
2. Punischer Krieg, Polybios, Ebrovertrag, Sagunt, Rom, Karthago, Hasdrubal, Hannibal, Feldherrenvertrag, Kriegserklärung, Römische Außenpolitik, Lutatiusvertrag, Illyrien, Demetrios von Pharos, Historische Kritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Vorgeschichte des 2. Punischen Krieges, indem sie die Darstellung des antiken Autors Polybios kritisch hinterfragt und die wahren Motive Roms beleuchtet.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Im Zentrum stehen der Ebrovertrag, das Verhältnis zwischen Rom und Sagunt sowie die komplexen diplomatischen und militärischen Hintergründe der römischen Kriegserklärung an Karthago.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Polybios die römische Außenpolitik und das Verhalten Roms während des Ausbruchs des Krieges verzerrt dargestellt hat, um römische Interessen in einem positiveren Licht erscheinen zu lassen.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde in der Arbeit angewandt?
Es wurde eine quellenkritische Analyse der Berichte des Polybios vorgenommen, ergänzt durch den Vergleich mit moderner Forschungsliteratur, um chronologische und logische Widersprüche aufzudecken.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Ebrovertrages, das Eingreifen in Sagunt sowie eine detaillierte Analyse der römischen Passivität und der Kriegserklärung, einschließlich der geographischen Identifikation des Ebro.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die wichtigsten Schlagworte sind 2. Punischer Krieg, Polybios, Ebrovertrag, Sagunt, römische Außenpolitik und historische Quellenkritik.
Warum war die römische Kriegsposition rechtlich so angreifbar?
Rom stützte sich auf einen Vertrag, der juristisch fragwürdig war (da er nur mit Hasdrubal geschlossen wurde) und war zudem durch das Fehlen einer schnellen Hilfeleistung für Sagunt in einer erklärungsbedürftigen Lage.
Welche Rolle spielten die "Künste der Vertragsauslegung" für Rom?
Diese wurden genutzt, um durch nachträgliche Manipulation chronologischer und geographischer Fakten eine Rechtfertigung für den Krieg zu konstruieren, die den Ruf Roms als treuen Bündnispartner schützte.
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- Simon Philipps (Author), 2006, Der Ausbruch des 2. Punischen Krieges bei Polybios, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69089