Frauenbilder zwischen häuslicher Tugend und weltlichem Laster: Toilettenszenen des niederländischen Malers Gerard Ter Borch (1617-1681)


Magisterarbeit, 1994
81 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

I. EINLEITUNG UND FORSCHUNGSSTAND

Ausgangspunkt für die vorliegende Arbeit mit dem Titel "Frauenbilder zwischen häuslicher Tugend und weltlichem Laster" sind einige exemplarisch ausgewählte Toilettenszenen aus dem Oeuvre des niederländischen Malers Gerard Ter Borch. Die Darstellungen, die im folgenden bearbeitet werden sollen, sind mit den in Sturla J. Gudlaugssons Monographie "Gerard Ter Borch" von 1959 (Bd.I) auf­geführten Bildern identisch. Zusätzlich werden bei der Erörterung von einzelnen Gemälden vergleichbare Bildmotive anderer Künstler herangezogen. Die Bilder sollen nach historischen, gesellschaftlichen und ikonographischen Gesichtspunkten diskutiert werden.

Auf der Suche nach Literatur, war festzustellen, daß das Toilettenszenenmotiv - obwohl es in der Genremalerei des 17. Jahrhunderts in vielfältiger Weise vorzufinden ist - in der kunsthi­storischen Forschung bislang nur wenig Beachtung gefunden hat. Auch fehlt es an einer kunsthistorisch-ikonographischen Gesamtdarstellung des Themas, die zur Klärung desselben beitragen könnte.

Die vorliegende Arbeit knüpft dennoch generell an die bereits erfolgten (dürftigen) Auseinan­dersetzungen mit dem Motiv und den sich daraus ergebenden (spärlichen) Befunden an und orientiert sich grundsätzlich an den verschiedenen in den Publikationen immer wieder angesprochenen Anhaltspunkten.

Die Sinnbezüge des Toilettenszenenmotivs, die sich häufig nicht allein aus dem direkten kompositorischen oder thematischen Zusammenhang der jeweiligen Darstellung ergeben, sind oftmals nur in der Eigenschaft allgemeiner kunsthistorischer Betrachtungen angedeutet oder etwas detaillierter bei Interpretationen von einzelnen Darstellungen aufgezeigt worden.

Die wichtigste Aufgabe in dieser Arbeit besteht also folglich in der jeweils richtigen Auswahl der Kriterien. Die vielfältigen Gesichtspunkte, unter denen das Motiv betrachtet werden kann, lassen, wie aus der überblickhaften Zusammenstellung der jeweils eingehendsten Publikationen ersichtlich wird, prinzipiell verschiedene, aber immer wiederkehrende Hauptaspekte erkennen:

- Das Verweisen auf allegorische Sinnzusammenhänge bezüglich der Frau-und- Spiegel-Motivik in den Toilettenszenen
- Die Deutung von Ter Borchs "Frauen vor dem Spiegel" als Vanitaspersonifikationen
- Das Verwenden von emblematischen Bildmitteln in den Szenen, um bestimmte Bildsituationen anzudeuten
- Die "Frau vor dem Spiegel" als leichtfertige Verführerin

An dieser Stelle soll zunächst ein Überblick über die wichtigste mir zur Verfügung stehende Literatur zur Toilettenszenenthematik gegeben werden, wobei ersichtlich wird, daß häufig nur Themen übergreifende Literatur benutzt werden konnte, da das Thema insgesamt gesehen noch nie eingehend bearbeitet worden ist. Dies bietet andererseits die Möglichkeit, die Bilder unter bisher noch nicht beachteten Gesichtspunkten, vor allem unter historisch-soziologischen Aspekten zu erforschen, die aber auch im Ansatz bleiben müssen, zumal die Literatur zu den Lebensbedingungen der Frau in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts noch nicht ausreichend untersucht worden ist.

Leben und Werk des Künstlers Ter Borch stehen im Vordergrund von Eduard Plietzschs vorge­legter Publikation, "Gerard Ter Borch" (Wien, 1944). Die Toilettenszenen werden in diesem Werk allerdings nur beiläufig erwähnt. Plietzsch schenkt vor allem dem Talent des Malers bezüglich der Stoffmalerei Beachtung; die Bildinhalte werden nicht näher erläutert. Zudem bildet Plietzschs chronologisches Verzeichnis der abgebildeten oder im Text erwähnten Gemälde nebst ergänzenden Zusätzen lediglich eine Erweiterung zu Hofstede de Groots "Beschreibendes und kritisches Verzeichnis der Werke der herausragendsten Maler der XVII. Jahrhunderts" (Bd.V) von 1912 in dem die wichtigsten Toilettenszenen Ter Borchs bereits vollständig aufgeführt werden.

Die im Jahre 1959/60 (Gravenhage) von Sturla J. Gudlaugsson verfaßte Monographie mit dem Titel "Gerard Ter Borch: Katalog der Gemälde Gerard Ter Borchs sowie biographisches Material" in zwei Bän­den enthält umfassende zeitgenössische Berichte und Dokumente über die Person des Malers und seine Familie. Sie konnten von Gudlaugsson durch archivalische Funde und seiner Komb­inationsgabe ergänzt werden. Zudem hebt der Verfasser die feine Farbgebung und die Vornehmheit in der Bildgestaltung hervor und versucht die Entwicklung des Malers aufgrund des Stilwandels und der malerischen Technik darzulegen. Der Autor ist nicht nur ein Kenner der holländischen Kunst, sondern auch eine Autorität auf dem Gebiet der Kostümkunde. Er geht bei der chronologischen Anordnung von der Kostümierung aus, zieht aber auch datierbare Zeichnungen aus dem Fami­lienalbum und anderes Vergleichsmaterial heran. Alle Datierungen zu den Bildern Ter Borchs in meiner Arbeit sind von Gudlaugsson übernommen. Daß die Kostümkunde zur exakten Datierung nicht immer zuverlässig ist, wird von ihm selbst auf S. 141 (Bd.I) beiläufig erwähnt.

Dank seiner Kenntnisse der emblematischen Literatur konnte der Verfasser seine Katalogangaben hinsichtlich der Genreszenen (Toilettenszenen) um die Kolumne "Emblemata" ergänzen. Er ver­weist auch darauf, daß sich Ter Borchs Kunst einer Festlegung auf eindeutige Senten­zen entzieht. Zudem distanziert sich der Autor davon, allzu viel in die Bilder hineininterpretieren zu wollen.

Zu den Toilettenszenen gibt Gudlaugsson lediglich knappe Bildbeschreibungen, sowie Bemerkungen zum Erhaltungszustand der Bilder ab. Ausführlicher sind seine Hinweise auf eine Vielzahl von Kopien und Wiederholungen einzelner Darstellungen, was für die Beliebtheit der Toilettenszenen Ter Borchs spricht. Weiterhin deutet der Verfasser kurz auf mögliche Vorbilder hin und verweist zugleich auf Nachahmer von Ter Borchs Werken. In Band I seiner Monographie findet noch eine kurze "Einordnung" der Toilettenszenen in das Gesamtwerk des Künstlers statt, die allerdings auf Vergleiche mit Personen, Gegenstände und Kleidungsstücke anderer Gemälde Ter Borchs beschränkt ist.

Eine speziellere Behandlung erfährt Ter Borchs Gemälde "Dame bei der Toilette" (um 1660, Öl/Lw., 76,2x59,7cm, Detroit, The Detroit Institute of Arts; Abb. 1) in Egbert Haverkamp-Begemanns Aufsatz, "Terborch`s Lady at Her Toilet" (In: Art News, 64) von 1965. In dieser Abhandlung bezieht der Autor auch Ter Borchs Toilettenszenen, die sich heute in Dresden ("Eine Dame, die sich die Hände wäscht", um 1655, Öl/Holz, 53x43cm, Dresden, Staatliche Kunstsammlungen, Gemäldegalerie Alte Meister; Abb.2) und in New York ("Dame bei der Toilette", um o. kurz nach 1650, Öl/Holz, 45x35cm, New York, Metropolitan Museum; Abb. 3 u. 4) befinden, in seine Überlegungen mit ein. Der Beitrag knüpft generell an Gudlaugssons Erkenntnisse an. Haverkamp-Begemann hebt allerdings das Annähern des Künstlers bezüglich seines Malstils an die fränzösischen Einflüsse in der Zeit um 1660 besonders hervor, was er aus dem allgemeinen Wandel des Zeigeschmacks in der holländischen Gesellschaft folgert. Er führt weiterhin an, daß Ter Borch zwar emblematische Hinweise in den Toilettenszenen abgibt, sie aber dem vordergründigen Bildgeschehen weitgehend unterordnet. Zudem versucht er einen Zusammenhang zwischen den Toilettenszenen Ter Borchs und der niederländischen Gesellschaft herzustellen, da die Bilder seines Erachtens nach das Bewußtsein des im 17. Jahrhundert erstarkten Bürgertums (Besitzerstolz) einerseits und das Aufkommen des protestantischen Puritanismus mit dem Hang zum Moralisieren andererseits widerspiegeln.

Eine weitere, ausführlichere Behandlung erfahren einige von Ter Borchs Toilettenszenen im Ausstellungskatalog "Gerard Ter Borch" (Münster) von 1974. Die Bildbeschreibungen zeigen, daß hauptsächlich auf die Vorarbeit von Gudlaugsson zurückgegriffen worden ist, da dieser ständig zitiert wird. Ebenso werden die von Gudlaugsson herausgearbeiteten emblematischen Hinweise übernommen, die hier jedoch erfreulicherweise bildlich den Toilettenszenen gegenübergestellt werden. Zudem wird auf die wichtigste Literatur zu den einzelnen Bildern aufmerksam gemacht, sowie knappe Angaben zu allegorischen Sinnzusammenhängen (Verweis: Cesare Ripas "Iconologia") und weiterführende Befunde zur emblematischen Literatur (Verweis: Henkel/Schönes "Emblemata") gegeben. Leider enthält auch der Katalog keine nennenswerten neuen Anhaltspunkte bezüglich der Toilettenszenenthematik, da mehrere Aufsätze lediglich früheren Werken, wie z.B. Gudlaugssons Monographie zu Leben und Werk des Malers entnommen wurden ("Die historische Stellung des Werkes", Gudlaugsson, Gerard Ter Borch, Bd. I, Kap.IX, S. 169 ff.). Ein weiterer Beitrag mit dem Titel "Gerard Ter Borch, 1617-1681" desselben Autors, in dem die Toilettenszenen selbst nur Erwähnung in Verbindung mit weiteren Werken des Malers finden, wurde aus Kindlers Malerei Lexikon, Band I. (1964) übernommen. Ferner findet sich im selben Katalog noch ein Aufsatz von J. P. Guepin, der die "Damen vor dem Spiegel" als Sinnbilder der Vanitas interpretiert (S.32). Um diese Behauptung zu bekräftigen, greift der Verfasser auf einen Vergleich Gudlaugssons mit einem Werk von Bernardo Strozzi (1581-1644) zurück (S 32). Außerdem verweist er auf die "paradoxe" Darstellungsweise Ter Borchs, die Zweifel an der Sittsamkeit der dargestellten Frauen aufkommen läßt (S.31).

Ter Borchs Detroiter Gemälde "Dame bei der Toilette" ist Gegenstand von mehreren Katalogen, wie z.B. "Von Frans Hals bis Vermeer", der von Peter C. Sutton anläßlich einer Ausstellung in der Gemäldegalerie Berlin 1984 herausgegeben wurde. (Ein weiteres Katalogwerk wäre z. B. "Masters of Seventeenth-Century Dutch Genre Painting", das ebenfalls von Sutton 1984 zur selben Ausstellung für das Philadelphia Museum of Art veröffentlicht wurde.) Die Bildbeschreibungen sind ausführlich, enthalten jedoch keine neuen Anhaltspunkte, sondern sind im Gegenteil früheren Befunden aus den bereits erwähnten Werken von Gudlaugsson und Haverkamp-Begemann entnommen worden.

Im Katalog "tot Lering en Vermaak: Betekenissen van Hollandse genre-voorstellingen uit den zeventiende eeuw", der 1976 vom Rijksmuseum Amsterdam publiziert worden ist, wer­den unter anderem auch mehrere Toilettenszenen aufgeführt (allerdings keine einzige von Ter Borch). Darunter sind Darstellungen von Paulus Moreelse (1571-1638), Jan Miense Molenaer (um 1605-1668) und Eglon van der Neer (1635/36-1703) zu finden, die in der vorliegenden Arbeit als Vergleiche herangezogen werden konnten. Der Katalog erweist sich als wertvoll aufgrund seiner Hinweise auf ikonographische Vorbilder aus dem 16. Jahrhundert (Verweis: "Das Gesicht" aus der "Fünfsinne-Thematik" von Jan Saenredam (1565-1607) nach Hendrick Goltzius (1558-1616) oder Jacob de Gheyns II (1565-1629) "Vanitas"). Die Beschreibungen zu den jeweiligen Darstellungen sind ausführlich. Daneben werden Hinweise auf emblematische Sinnzusammenhänge und Ansätze von Deutungsmöglichkeiten geäußert.

In seinem Artikel, "Een stuck waerin een jufr. voor de spiegel van Gerrit Douw" (In: Antiek 23, Nr. 3, 1988) befaßt sich Eric J. Sluijter mit einer Toilettenszene aus dem Werk von Gerard Dou (1613-1675) aus dem Jahre 1667. Sluijter gibt hierin einen Überblick bezüglich der Verknüpfungen des "Frau-und-Spiegel-Motivs" mit verschiedenen Allegorien, die mit einem Spiegel dargestellt werden, wie z.B. Superbia, Luxuria usw. ab, denen er eine knappe Interpretation folgen läßt. Zur Erörterung von Dous Gemälde zieht der Autor unter anderem Toilettenszenen von Moreelse und Molenaer zum Vergleich heran, wobei Überlegungen zum Vanitasgedanken, sowie der Verführungsaspekt im Vordergrund stehen. Darüber hinaus bezeichnet Sluijter die "Frau-vor-dem-Spiegel-Darstellungen" als "pin up" (S. 157) für das holländische Bürgertum des 17. Jahrhunderts, da die Maler darauf bedacht waren, möglichst anziehende, junge Frauen, sowie kostbare Gegenstände im Bild festzuhalten, die die (Kauf-) Begierde des Betrachters / Käufers erwecken sollten.

In der Publikation "Oog in oog met de spiegel" (Amsterdam, 1988) ist gleichfalls ein Beitrag von Sluijter zu finden (" 'Een volmaekte schildery is als een spiegel van den natuer': spiegel en spiegelbeeld in den Nederlandse schilderkunst van de Zeventiende eeuw"). Allerdings stellt der Autor ähnliche Überlegungen an, wie in dem oben erwähnten Aufsatz zu der "Frau vor dem Spiegel" von Gerard Dou, wobei seine Ausführungen jedoch allgemeiner abgefaßt sind.

Die "Holländische Genremalerei des 17. Jahrhunderts" (In: tendenzen, Nr. 148, 1984) ist Gegenstand eines Artikels von Norbert Schneider. Der Autor berücksichtigt in dieser Schrift die Aspekte des Frauenlebens, da eine überwiegende Mehrzahl der Genredarstellungen im 17. Jahrhundert sich mit dem Dasein der Frauen in vielfältiger Weise auseinandersetzen. Schneider versucht die Bildwerke in einen sinnvollen Zusammenhang mit den historischen, gesellschaftlichen und religiösen Gegebenheiten jenes Jahrhunderts zu bringen, ohne darauf zu beharren, daß es sich hierbei um genaue Abbildungen nach der Realität handelt. Er legt Wert darauf, festzustellen, daß die Gemälde ein "angestrebtes und propagiertes soziales Leitbild" (S.59) verdeutlichen. Zudem verdanke ich Schneider den Hinweis auf die Magd (Dresdner Gemälde "Frau, die sich die Hände wäscht"; Abb.2) als mögliche Inkarnation der Temperantia, da er diesen Gedanken zu der "Dienstmagd mit Milchkrug" von Jan Vermeer (um 1658-60, Öl/Lw., 45,5x41cm, Amsterdam, Rijksmuseum) äußert und in seiner 1993 erschienenen Publikation "Jan Vermeer 1632-1675" erneut aufgreift und weiter ausführt.

Frithjof van Thienen geht in seinen Untersuchungen zum "Kostüm der Blütezeit Hollands 1600-1660" (In: Kunstwissenschaftliche Studien 6, Berlin 1930) nicht nur sehr ausführlich auf die Modeformen in diesen Jahrzehnten ein, sondern er führt auch zeitgenössische literarische Beweise (z.B. Nachlaß- und Aus­steuerinventare, Tagebücher, Stammbücher, Spottschriften, Gedichte, Kleideredikte, Auszüge aus Theaterstücken usw.) sowie bildliche Vergleiche zum Beweis für die Korrektheit seiner Nachforschungen an, die wiederum gute Einblicke in die Lebensweise und Gedankenwelt der Niederländer des 17. Jahrhunderts bieten.

Lotte C. Pol beschäftigt sich in ihrer Abhandlung "Beeld en werkelijkheid van de prostitutie in de zeventiende eeuw" (In: Soete minne en helsche boosheit. Hrsg. v. Gert Hekma u.a. Nijmegen 1988) mit der Prostitution in Bild, Literatur und Wirklichkeit in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. In ihrem Artikel stellt sie unter anderem heraus, daß die Bordellbilder dieser Epoche häufig auf literarische Vorgaben (populäre Prosa, Gedichte, Theaterstücke usw.) zurückzuführen sind. Die Literatur, die sich mit dem Thema der "käuflichen Liebe" auseinandersetzt, ist, laut Pol, allerdings weitaus realistischer einzuschätzen als die Bilder, da sie sich an den realen Gegebenheiten der Amsterdamer Prostitutionsszene orientiert. Die gemalten Bordelle sind zumeist im Lebensraum des jeweiligen Künstlers angesiedelt. Die zeitgenössische Literatur schildert auch Armut, Krankheit und Gewalttätigkeit, während die Gemälde im allgemeinen nur den schönen Schein und die "angenehmen" Seiten dieses Gewerbezweiges aufzeigen. Die Verfasserin merkt an, daß die Frau sowohl in der Literatur als auch in der bildenden Kunst als Verführerin charakterisiert wird. Pols Beitrag bietet sicherlich eine gute Ausgangsposition für eine ausführlichere Forschungsarbeit hinsichtlich der Relation von Bildern, Literatur und Realität in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, denen in dieser Arbeit nicht nachgegangen werden konnte.

In der im Jahre 1982 vorgelegten Publikation von Helga Möbius zur "Frau im Barock" (Leipzig) wird die Frau in den Niederlanden nur beiläufig erwähnt. Möbius hebt jedoch ihre herausragende Stel­lung hervor, die sie in der niederländischen Genremalerei (vor allem als Modell) eingenommen hat. Gleichzeitig weist die Verfasserin aber daraufhin, daß die Frau mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben verdrängt wurde. Eine Ausnahme bildete ihre Erscheinung in der höfischen Gesellschaft, wo die Mätresse im Blickpunkt des Geschehens stand. Holland stellt jedoch eine Ausnahme dar, da dort die bürgerliche Gesellschaft überwog und die calvinistische Kirche einen großen Einfluß auf das Leben der Menschen ausübte; die Kurtisane trat hierzulande nur selten in Erscheinung. Viele holländische Genrebilder weisen, laut Möbius, auf die strikte Rollenverteilung von Frau (Haus) und Mann (Außenwelt) hin. Die Frau ist häufig in geschlossenen Räumlichkeiten anzutreffen. Die Darstellungen vermitteln das Bild der Frau als ordentliche, stille und tugendsame Hausfrau, die ihren "natürlichen Bestimmungen" gemäß, ihre Pflich­ten als Ehefrau und Mutter zu erfüllen hat.

In ihrem Aufsatz "Die Moralisierung des Körpers" (In: Frauen-Bilder-Männer-Mythen. Hrsg. v. Ilsebill Barta u.a. Berlin 1987) greift Möbius den Gedanken von der "geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und Funktionstrennung", die in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen ist, verstärkt noch einmal auf. Allerdings stehen bei ihren Überlegungen die Ehepaar-Pendantbildnisse und Familienbildnisse im Vordergrund. Die Aktivitäten der Frau sind im allgemeinen auf das Haus beschränkt, wo sie nach Möbius Auffassung jedoch unumschränkte "Herrscherin" ist.

Zum Schluß möchte ich noch auf Simon Schamas Aufsatz "Wives and Wantons: Versions of Womanhood in the 17th Century Dutch Art" (In: The Oxford Art Journal 3, Nr.1, 1980), und auf seine Publikation zur holländischen Kultur des 17. Jahrhunderts, "Überfluß und schöner Schein" (München 1988) aufmerksam ma­chen. Kapitel VI der Veröffentlichung mit der Kapitelüberschrift Hausfrauen und Dirnen: Häuslichkeit und Weltoffenheit ist eine ausführlichere Wiederholung des Artikels von 1980. Der Autor versucht in vielfältiger Weise das Leben der Frau in Holland anhand von Bildern, zeitgenössischer Prosa, Augenzeugenberichten usw. zu charakterisieren. Er kommt schließlich zu dem Ergebnis, daß die Bilder von Frauen nach stereotypen Mustern angelegt worden sind. Frauen wurden nicht als exklusiv gegeben angenommen, sondern entweder als "Ausbund der Tugend­haftigkeit" oder als lasterhafte Huren betrachtet.

Mit dieser mir zur Verfügung stehenden Literatur, die die oben aufgeführten Schriften umfaßt, ergab sich trotz der dürftigen Forschungslage bezüglich des Toilettenszenenthemas, indessen die Möglichkeit, dasselbe nach verschiedenen Gesichtspunkten hin zu untersuchen, die allerdings oftmals im Ansatz bleiben mußten, da die Literaturlage zu den in der Arbeit erörterten Aspekten nur wenig Aufschluß erkennen ließ. Dennoch soll in dieser Ausarbeitung herausgestellt werden, daß es sich bei Ter Borchs wohlerzogenen und sittsam scheinenden "Frauen am Toilettentisch" möglicherweise sogar um lasterhafte "Damen" handelt, wobei die eigentlichen Bildaussagen aufgrund des heutigen Forschungsstandes auch in dieser Abfassung noch nicht vollständig geklärt werden können.

II. ALLGEMEINE EINFÜHRUNG IN DIE TOILETTENSZENEN-THEMATIK

In den Niederlanden wurde das Thema der "Frau vor dem Spiegel" von Gerard Ter Borch (1617-1681) ab der Mitte des 17. Jahrhunderts aufgenommen und popularisiert.[1] Er gilt als der erste Maler seiner Generation, der auf dem Gebiet des holländischen Genrebildes, zu dem auch die Toilettenszenen gezählt werden können, einen neuen "beherrschenden Zeitstil"[2] herausbildete, dessen charakteristische Merkmale die Schilderung einer eigenen Vorstellung von Eleganz, Schönheit und gehobenem Lebensstil sind. Obwohl Ter Borch seine Handlungen in ein vornehmes großbürgerlich-patrizisches Ambiente verlegt, gelingt es ihm, eine verfeinerte, aber dennoch schlichte Darstellungsweise herauszubilden, die bei aller Vornehmheit niemals affektiert wirkt. Der erzählerische Faktor der Bilder, in denen die Figuren träumerisch oder gedankenverloren ihren Beschäftigungen nachgehen, wird vom Maler bewußt zurückhaltend eingesetzt. Diese für Ter Borch so charakteristische Darstellungsweise wird schließlich zum Vorbild der eleganten Interieurmalerei für eine ganze Generation von jüngeren Gesellschaftsszenenmalern wie Quirin Brekelenkam (nach1620-1668), Gabriel Metsu (1629-1667), Frans van Mieris d.Ä. (1635-1681), Eglon van der Neer (1635/6-1703) und vielen anderen, die dieses Thema wenig später ebenfalls aufnahmen und viele Vorgaben aus Ter Borchs Ideenwelt entlehnten.

Die in Ter Borchs Toilettenszenen abgebildeten jungen Frauen werden sitzend oder stehend - oft auch in Rückenansicht - nahe einem Toilettentisch mit Spiegel dargestellt. Die Gemälde zeigen die Frauen allein in der Abgeschiedenheit ihrer Gemächer oder umsorgt von einer Dienerin. Hin und wieder ist ein Page, der ein wenig - und wohl nicht nur zufällig - an mythologische Cupidoknaben erinnert, anwesend. Die Damen vor ihren Frisiertischen sind modisch elegant gekleidet und werden im streng bürgerlich-puritanischen Sinne wohlerzogen gezeigt. Sie sind zumeist mit der Verschönerung ihres äußeren Erscheinungsbildes (Frisieren, Ankleiden, Händewaschen, Nägelfeilen usw.) beschäftigt. Ter Borch studiert in seinen Darstellungen das weibliche Verhalten in den unterschiedlichsten "Stufen" des Toilettenritus bis hin zum "letzten prüfenden Blick" in den Spiegel. Er greift das Thema der "Frau vor dem Spiegel" in Abwandlungen immer wieder auf.

Seine Innenräume, in denen seine Figuren stets den Mittelpunkt bilden, stattet er sparsam aus. Wiederholt tauchen dieselben Einrichtungsgegenstände, wie der Frisiertisch, das Himmelbett, der Kamin oder der Leuchter in seinen Bildern auf. Der Maler will damit lediglich die häuslich-intime Atmosphäre, in denen sich seine Begebenheiten abspielen, veranschaulichen.[3] In seinen frühen Toilettenszenen (vor 1650) fehlen selbst diese Gegenstände, abgesehen von dem Toilettentisch mit dem Spiegel.

II. 1. Deutungsmöglichkeiten von Frau und Spiegel innerhalb der Toilettenszenenthematik

Spiegel haben bei den Bildbetrachtern des 17. Jahrhunderts viele unter-schiedliche Assoziationen hervorgerufen. Im Zusammenhang mit den Toi-lettenszenen kommt dem Spiegel eine wichtige, aber oft völlig gegensätzliche Bedeutung zu, die auch häufig nur im Gesamtkontext eines Bildes zu erschließen ist. In den Beschreibungen der Toilettenszenen werden Frau und Spiegel immer wieder mit Allegorien wie z.B. Prudentia, Superbia oder Luxuria in Verbindung gebracht. Darum sollen zu Beginn der Arbeit einige exemplarisch ausgewählte Bildwerke zum besseren Verständnis des Themas vorgestellt und kurz erörtert werden.

In Cesare Ripas Allegorienkatalog "Iconologia", der 1644 in Paris und Amsterdam erschienen ist, werden die Begriffe der Prudentia (Klugheit)[4], der "weiblichen Schönheit"[5], der Veritas (Wahrheit)[6] und der Superbia (Hochmut)[7] neben weiteren Beispielen als weibliche Allegorien abgebildet und mit einem Spiegel als Attribut ausgestattet.

Die Verkörperung der Veritas (Ripa; Abb. 5) hält einen Spiegel in ihrer Hand. Ripas Anweisung zu dieser Personifikation besagt, daß der Spiegel nur die hineinschauende weibliche Figur zum Inhalt hat. Er gibt nur das wieder, was sich in seiner unmittelbaren Nähe befindet - nämlich die Wahrheit.[8]

Prudentia (Ripa; Abb. 6), eine der vier Kardinaltugenden, wird seit dem Spätmittelalter häufiger mit einem Spiegel dargestellt.[9] Auch in Ripas "Iconologia" ist sie neben weiteren Attributen mit einem Spiegel zu sehen. Ripa begründet seine Darstellungsweise damit, daß der Mensch anhand des Spiegels seine eigenen Handlungen kontrollieren kann.[10] Letztlich dienen die Spiegelattribute der Veritas und der Prudentia als Symbole der Selbsterkenntnis mit dem moralischen Auftrag an den Menschen, seinen Lebenswandel einer Selbstuntersuchung zu unterziehen und im positiven Sinne eine Veränderung der Lebensqualitäten herbeizuführen. Dieser Gedanke ist heute noch in der Paraphrase "jemandem einen Spiegel vorhalten"[11] wiederzufinden.

Die von Ripa mit einem Spiegel ausgezeichnete "weibliche Schönheit" (Ripa; Abb. 7) gilt als der Höhepunkt der weiblichen Selbstdarstellung. Je länger sie in den Spiegel blickt, desto mehr gefällt sie sich und desto mehr liebt sie auch das Bild, das ihr darin entgegenschaut. Sie empfindet es geradezu als einen Genuß, sich selbst zu betrachten, wodurch schließlich sogar die sexuelle Begierde erwacht, die sich wiederum nach Erfüllung sehnt.[12]

In seiner vielfältigen und doppelsinnigen Funktion ist der Spiegel jedoch nicht nur als Symbol für positive Qualitäten einsetzbar, sondern er ist ebenso in Begleitung negativer Eigenschaften wie Superbia (Hochmut) und Luxuria (Wollust) anzutreffen.

So wird Superbia (Ripa; Abb.8) seit dem Mittelalter überwiegend als weibliche Personifikation dargestellt, da das weibliche Geschlecht als besonders anfällig für Putz- und Prunksucht angesehen wird. Seit dem 15. Jahrhundert wird der Superbia häufig ein Spiegel beigegeben, um die Sünde der Ich-Bezogenheit hervorzuheben. Im 16. Jahrhundert gehört der Spiegel bereits zum festen Bestandteil der Superbia-Ikonographie. Neben dem Spiegel kann ihr auch ein Kamm beigefügt sein. Durch diese beiden Attribute wird eine enge Verbindung zu Luxuria hergestellt, die ebenfalls mit diesen beiden Erkennungsmerkmalen ausgestattet sein kann.[13]

Luxuriadarstellungen sind unter anderem in der französischen Kirchen-fensterkunst anzutreffen, wo sie durch die Gestalt einer höfisch gekleideten Dame mit dem dazugehörigen Spiegel in der Hand verkörpert werden. In der Fensterrose von Notre Dame in Paris ist eine junge Frau zu sehen, die sich vor einem Spiegel ihr Haar kämmt.

Auch auf einem Blatt des Dunois-Stundenbuches (Luxuria, um 1450, Illustration des Dunois-Stundenbuchs, ca.5,9x4,3cm, London, British Museum; Abb. 9) ist eine reich gekleidete Frau mit Spiegel dargestellt. Laut Blöcker handelt es sich hierbei um eine Luxuriapersonifikation, wie sie in mittelalterlichen Beichttraktaten immer wieder beschrieben wird. In diesen Schriften wird ausdrücklich vor eitel geschmückten und geschminkten Frauen sowie vor ihrer luxuriösen Kleidung und ihren anzüglichen Blicken gewarnt.[14]

In Jan van Eycks (um 1381 o. 1386-1441) Gemälde "Frau bei der Toilette" (Detail aus: "Der Besuch des Erzherzogspaares Albrecht u. Isabella in der 'constkamer' des Cornelis van der Geest im Jahre 1615", 1628, Antwerpen, Rubenshaus; Abb.10), das heute nur noch als Kopie in einem Galeriebild von Willem van Haecht (1593-1637) erhalten ist, ist eine entkleidete Frau zu sehen. Sie versucht mit einem weißen Tuch ihre Scham zu bedecken, während sie ihren rechten Arm nach einer Waschschüssel ausstreckt, die auf einer Kommode unter dem runden Konvexspiegel aufgestellt ist. Neben der jungen Frau steht eine bekleidete Dienerin mit einem Gefäß in den Händen. Die Handlung ist von van Eyck in eine frühbürgerlich-niederländische Stube verlegt worden.

Hammer-Tugendhat sieht den Ursprung dieser Szene in der ikonographischen Tradition der Luxuria. Die Frau vor oder mit dem Spiegel gilt als der dritte in der gotischen Ikonographie übliche Typus zur Illustration der "Wollust".[15]

In der holländischen Genremalerei wird die "Frau vor dem Spiegel" vor allem als Verkörperung der "Vanitas" gedeutet. Die Vorstellung von der "Vanitas", der Eitelkeit und Vergänglichkeit weltlicher Dinge und dem irdischen Leben verhafteter Bestrebungen, war ein Leitgedanke des christlich geprägten Denkens seit dem Mittelalter, das in Literatur und bildender Kunst unaufhörlich vorgetragen und variiert wurde. In Verbindung mit der sinnbildlichen Frau und ihrem Spiegelbild können Eitelkeit und Vergänglichkeit erkennbar bloßgestellt werden.[16]

Vanitaspersonifikationen in der Gestalt einer (nackten) Frau mit Spiegel, die von einem Hund attributiv begleitet werden kann[17], tauchen seit dem späten Mittelalter häufiger auf. Den Personifikationen der Luxuria und der "Frau Welt" kommen in diesem Zusammenhang Vorläuferfunktionen zu, da sie ebenfalls als weibliche Verkörperungen auftreten und beiden "die Gegenüberstellung von Selbstgefälligkeit und Tod"[18] zu eigen ist.

Jacob de Gheyns II Graphik mit dem Titel "Eine Frau mit Spiegel an einem Toilettentisch" ("Vanitas", um 1600, Kupferstich, 27,8x18,5cm, Ort unbekannt; Abb.11) gilt als exemplarisch für Vanitasdarstellungen. Sein Werk zeigt eine elegant gekleidete Dame, die im Spiegel ihre äußere Erscheinung begutachtet. Die Frau ist von zahlreichen Kostbarkeiten umgeben, die auf ihre selbstgefällige Genußsucht hinweisen. Der Vergänglichkeitsgedanke wird durch eine Urne, der eine Rauchfahne entströmt, betont. Die Banderole im Bildhintergrund mit der Aufschrift "Vanitas Vanitatum et omnia vanitas" (Alles ist eitel, es ist alles ganz eitel) verweist mit Nachdruck auf die Intention der Graphik als Vanitasdarstellung. Außerdem wird der Aspekt der Wollust durch die Gegenwart des angeketteten Affen im Bildvordergrund aufgegriffen.[19]

Mehrdeutigkeit in Bezug auf negative und positive Eigenschaften des Spiegels läßt sich auch bei den "Gesichtssinnesdarstellungen" aus der Fünfsinne-Ikonographie feststellen, die ebenfalls durch weibliche Personifikationen vor oder mit einem Spiegel verkörpert werden können.

Das "Gesicht" wird als das höchste und wichtigste Sinnesorgan gedeutet, da es Erkenntnis und Wahrheit symbolisiert. Andererseits gilt der "Gesichtssinn" jedoch als sehr "trügerischer" Sinn, da er nur den äußeren, flüchtigen irdischen Schein zu reflektieren vermag. Im Gedankengut zahlloser literarischer Werke des 16. und 17. Jahrhunderts wurde der "Gesichtssinn" beschrieben. Nach diesen Schriften war man überzeugt davon, daß das, was die Augen von der Außenwelt aufnehmen, das Sinnlichkeitsempfinden des Menschen zu steigern - ja geradezu seine Wollust zu erwecken vermochte und ihn schließlich zu einem sündhaften Lebenswandel verführen mußte.[20] Ausgehend von der Literatur wird der "Gesichtssinn" auch zu zeitgenössischen Bildnissen in Bezug gesetzt, die das "Gesicht" zum Inhalt haben.

Auf einer Druckgraphik von Jan Saenredam ("Das Gesicht", um 1589, Kupferstich, 17,5x12,4cm, Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Museum; Abb.12) nach Hendrick Golzius' Fünfsinne-Serie, wird das "Gesicht" durch eine elegant gekleidete, junge Frau und ihren Liebhaber, der einen Handspiegel hält, verkörpert. Der aufdringliche Mann berührt mit seinem Finger die tief dekolletierte Brust der Frau. In der begleitenden Beischrift zu diesem Druck heißt es:

Wenn die zügellosen Augen nicht gebändigt werden, stürzt die waghalsige Jugend sich Hals über Kopf in das Laster."[21]

Goltzius zeigt in dieser Sinnesdarstellung, wie die Begierde durch Verführen und Sich-Verführen-Lassen entfacht wird. Er deutet an, daß das Liebeswerben in Verbindung mit den im Bild befindlichen Luxusartikeln - besonders in Hinsicht auf den höfischen und patrizischen Bereich bezogen - die Sinnesreize des Menschen zu wecken vermag. Mit der Lust verbindet der Künstler in seiner Vorstellung aber auch immer eine Gefahr. Die hinzugefügte Beischrift warnt darum auch vor törichtem und allzu begierigem Gebrauch des Gesichtsinnes.

In einer zweiten, viel ausführlicheren Graphik von Saenredam nach Goltzius ("Das Gesicht", vor 1607, Kupferstich, 22,9x18cm, Ort unbekannt; Abb.13) wird der Allegorie des "Gesichts", noch eine Allegorie der Malerei hinzugefügt. Hierbei werden sowohl das "Sehen" als auch die Kunst des Malens sowie die irdische Schönheit und der Genußsinn in einem einzigen Bildnis gezeigt. In zentraler Bildposition befindet sich "Frau Venus", die ihr eigenes Spiegelbild bewundert, während der Maler Venus als sein Modell auf die Leinwand überträgt.[22] Dieser Stich ermöglicht es dem Bildbetrachter, Venus in drei völlig differenzierten Illusionsebenen zu beobachten: in "Natura", als Verkörperung der Schönheit und des "ewig Weiblichen", sowie als Verführerin; im Abbild des "flüchtigen" Spiegelbildes, das vergeht, sobald Venus ihren Standort verläßt, und auf dem Bildnis des Malers, das im Gegensatz zum Spiegelbild von beständiger Dauer ist.[23]

Goltzius unterzieht die verschiedenen Darstellungsweisen des "Sehens" einer Wertung. Er deutet an, daß er die Wissenschaften - verkörpert durch einen Arzt und einen Astronom - zwar für wichtig erachtet, der Malerei allerdings Vorrang einräumt, da er ihr einen erzieherischen Wert beimißt. Er ist darum bestrebt, moralisierend auf den Betrachter einzuwirken, indem er die Eitelkeit einer Frau vor dem Spiegel als höchst bedenklich entlarvt. Die eitle und putzsüchtige Frau vor dem Spiegel gehört zur Standard-Personifikation von Eitelkeit und Weltlichkeit.

Dem Eitelkeitsgedanken entsprechend wird in Abraham Bosses (1602-1676) Gemälde ("Das Gesicht", Dat. unbekannt, 104x137cm, Tour, Musée des Beaux-Arts; Abb.14) der "Gesichtssinn" durch eine Frau am Toilettentisch verkörpert. Im Bildhintergrund steht ein Mann, der mit einem Teleskop aus dem Fenster in die Ferne schaut. In dieser Darstellung des "Gesichts" hat die weibliche Personifikation die allegorische Fremdheit weitgehend abgestreift und ist in die städtische Gesellschaft und in den bürgerlichen Lebensraum übergetreten.

In Jacob van der Mercks (um 1610-1664) "Gesichts-Darstellung" (Dat. u. Maße unbekannt, Amsterdam, Kunsthandel B. Houthacker, vor 1940; Abb.15) wird vor allem der "trügerische" Schein des Spiegelbildes angesprochen. Das Gemälde zeigt einen elegant gekleideten Mann und eine luxuriös gekleidete Frau. Der Mann, bei dem es sich vermutlich um den Liebhaber der Frau handelt, nimmt aufmerksam das Spiegelbild der sich schmückenden Frau in Augenschein. Er schaut auf diese Weise in ihr irreführendes "Scheinbild" ("der Schein trügt") und sieht daher nicht ihre "wahre" Natur. Zudem soll durch die Gegenwart des Spiegels im Bild an die bedenkliche Anziehungskraft und an die Oberflächlichkeit der weltlichen Schönheit erinnert werden.[24]

In Gerard Dous Gemälde "Dame am Toilettentisch" (1667, Öl/Holz, 75,5x58cm, Rotterdam, Museum Boymans-Van Beuningen; Abb.16) erblickt der Betrachter ein Werk des 17. Jahrhunderts, das sich als raffiniert "abgebildeter Betrug" entpuppt. Die Frau im Bild schaut ihn lediglich durch ihr Spiegelbild an, wodurch die Vorstellung verstärkt wird, daß er nicht ihr "wahres" Gesicht, sondern nur in ihr schlechtes, flüchtiges Scheinbild sieht. Der Zuschauer wird hier mit zwei unterschiedlichen Illusionsebenen gleichzeitig konfrontiert ("Bild im Bild").

In diesem Kontext kann der Spiegel als bloße Erinnerung "attributartig - Schönheit und Liebe gewissermaßen als Beruf und Bestimmung"[25] andeuten, womit die junge Frau offensichtlich als Prostituierte und ihre Dienerin als Kupplerin zu assoziieren wären. Nicht nur der Spiegel, sondern auch der offenstehende Vogelkäfig, der den Verlust der Unschuld und die Sittenlosigkeit der Frau symbolisiert, verweisen auf eine Frau, die "leicht zu haben" ist und somit für den Betrachter eine große Versuchung bedeutet. Im Bildvordergrund warten der gekühlte Wein und ein bereitgestellter Stuhl auf den sehnlichst erwarteten Liebhaber, bzw. im übertragenen Sinne auf den Bildbetrachter, der sich von den Reizen der jungen Dame verführen läßt. Doch die Frau wird für ihn stets unerreichbar bleiben, was den Reiz und die Spannung des Gemäldes noch steigert.[26]

Dies sind nur einige wenige Beispiele von unzähligen Darstellungen von Frauen vor oder mit einem Spiegel in Druckgraphik und Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts, die im Rahmen der Arbeit nicht in aller Ausführlichkeit behandelt werden können. Dennoch sollen diese ausgewählten Bildbeispiele dazu beitragen, die Zusammenhänge der unterschiedlichen allegorischen Sinnbezüge zueinander aufzuzeigen, sowie auf mögliche Verknüpfungen hinsichtlich der Toilettenszenen-thematik aufmerksam zu machen. Trotz der Vieldeutigkeit und der oftmals völlig gegensätzlichen Symbolik, die der Spiegel beinhaltet, ist eine Zusammengehörigkeit zwischen den verschiedenen allegorischen Personifikationen festzustellen.

Die hier aufgeführten Beispiele zeigen nach meinem Ermessen, daß die Gemeinsamkeit von Allegorie mit Spiegel und einer "Dame bei der Toilette" häufig nur im vertrauten Bild der "Frau mit dem Spiegel" begründet liegt.

[...]


[1] Von Franz Hals bis Vermeer, Meisterwerke holländischer Genremalerei. Gemäldegalerie Berlin. Ausstellung u. Katalog. Hrsg. v. Peter C. Sutton. Berlin 1984, S. 238

[2] Plietzsch, Eduard: Gerard Ter Borch. Wien 1944, S .31

[3] Gerard Ter Borch. Ausstellungskatalog. Hrsg. v. Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster. Zwolle 1617 - Deventer 1681. Landesmuseum Münster 1974, S.22

[4] Ripa, Cesare: Iconologia. Paris 1644, 1.Teil, S.160

[5] ebenda, 1.Teil, S.28

[6] ebenda, 2.Teil, S.144

[7] ebenda, 2.Teil, S.172

[8] ebenda, 2.Teil, S.145

[9] Hartlaub, Gustav F.: Zauber des Spiegels. Geschichte und Bedeutung des Spiegels in der Kunst. München 1951, S.158

[10] Ripa , 1. Teil, S.164

[11] Sluijter, Eric J.: Een stuck waerin een jufr. voor de Spiegel van Gerrit Douw. In: Antiek, 23, no. 3, (Oct.) 1988, S.156

[12] Ripa, 1. Teil, S.29,

[13] Blöcker, Susanne: Studien zur Ikonographie der Sieben Todsünden in der niederländischen u. deutschen Malerei u. Graphik von 1450-1560. Münster /Hamburg 1993, S.60 f.

[14] ebenda, S.116

[15] Hammer-Tugendhat, Daniela: Luxuria: Todsünde der Wollust. In: tendenzen, Themenheft: Frauen in Bildern - Bilder von Frauen, Heft 152, Okt. / Dez. 1985, S.42

[16] Hartlaub, S.88

[17] Lexikon der Kunst: Architektur - Bildende Kunst - Angewandte Kunst - Industrieformgestaltung - Kunsttheorie. Bd. V: T-Z. Hrsg. v. Ludger Alscher. Berlin 1983, S. 367

[18] Hartlaub, S.151

[19] Oog in oog met de spiegel. Hrsg. v. Nico Brederoo u.a. Amsterdam 1988, S.161

[20] ebenda, S.156 f.

[21] Oog in oog , S.156 f. "Wanneer de tomeloze ogen niet beteugeld worden, stort de roekeloze jeugd zich halsoverkop in de ondeugd." Übersetzt aus dem Niederl. von der Verfasserin.

[22] Weitere Arten des Sehens werden ebenfalls noch vorgestellt, nämlich durch einen Arzt, der in sein Uringlas blickt, und durch einen Astronom, der den Himmelsglobus studiert.

[23] Oog in oog , S.157 f.

[24] Sluijter, S.157

[25] Hartlaub, S.85

[26] Sluijter, S.159

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Frauenbilder zwischen häuslicher Tugend und weltlichem Laster: Toilettenszenen des niederländischen Malers Gerard Ter Borch (1617-1681)
Hochschule
Universität Trier  (Fachbereich III - Kunstgeschichte)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1994
Seiten
81
Katalognummer
V6928
ISBN (eBook)
9783638143790
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niederländische Malerei 17. Jahrhundert; Frauen- und Geschlechterforschung
Arbeit zitieren
Dr. Maria Anna Flecken (Autor), 1994, Frauenbilder zwischen häuslicher Tugend und weltlichem Laster: Toilettenszenen des niederländischen Malers Gerard Ter Borch (1617-1681), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6928

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