Heroingestützte Behandlung


Diplomarbeit, 2002
91 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Allgemeine Einführung in Begriffe und Definitionen 7
1.1 Drogen/Betäubungsmittel
1.1.1. Legale Drogen
1.1.2. Illegale Drogen
1.2. Betäubungsmittel
1.3. Drogenabhängigkeit / Sucht
1.4. Schädlicher Gebrauch

2. Ü berleitung zu Heroin im speziellen
2.1. Historische Anmerkungen zum Arzneimittel Heroin
2.2. Zur Wirkungsweise der Opioide - Allgemeine Wirkungsweise
2.3. Besondere Bedingungen der Heroinabhängigkeit
2.3.1. Wirkungen des Heroin - eine Beschreibung
2.3.2. Nebenwirkungen
2.3.3. Zu den Entzugserscheinungen bei Heroinabhängigkeit
2.3.4. Zur Toleranzentwicklung bei Opioidabhängigkeit

3. Ü berblick in die politische Dimension der Drogenproblematik
3.1. Politik
3.2. Staat
3.3. Drogenpolitik
3.4. Drogenpolitische Hauptstrategien
3.4.1. der „liberal approach“
3.4.2. der „social approach“
3.4.3. der „legal approach“

4. Konzeptionelle und Handlungsorientierte Drogenarbeit
4.1. Menschenbilder in der Drogenarbeit
4.1.1. Bild der Konsumenten als Kranke
4.1.2. Bild der Drogenkonsumenten als eigenverantwortliche Subjekte
4.2. Die Ansätze in der Drogenarbeit
4.2.1. Der klassische Abstinenzansatz
4.2.2. Der akzeptierende Ansatz

5. Die Substitutionsbehandlung
5.1. Die Methadonbehandlung in Deutschland
5.1.1. Methadonbehandlungsmethoden
5.1.2. Ziele
5.2. Gegenargumentation zu Methadon

6. HeGeBe
6.1.Internationaler Rundblick
6.2. Historischer Abriss zur Entstehung des bundesdeutschen Modellprojekts
6.3. Beschreibung des bundesdeutschen Modellprojekts
6.3.1. Problemhintergrund
6.3.2. Zielsetzung
6.3.3. Zielgruppen
6.3.4. Die zentralen Zugangsbedingungen
6.3.5. Hypothesen
6.3.6. Untersuchungsgruppen
6.3.7. Ärztliche Behandlung
6.3.8. Psychosoziale Begleittherapien
6.3.9. Studienablauf und -dauer
6.4. Allgemeine Schwierigkeiten bei der Heroinverschreibung
6.4.1. Zeitliche Schwierigkeiten
6.4.2. Persönliche Schwierigkeiten
6.4.3. Sachliche Schwierigkeiten
6.5. Zusammenfassung

7. Ethische Probleme bei Heroinverschreibung
7.1. Staatsideen
7.1.1 Liberale Staatsidee
7.1.2. Soziale Wohlfahrtsstaatidee
7.1.3. Liberale Sozialstaatsidee
7.2. Autonomie und Selbstbestimmung / Recht auf Rausch
7.3. Diskussion der ethischen Problemstellung
7.4. Persönliche Gedanken

8. Stellungnahmen ehemaliger Heroinkonsumenten 59 zur staatlichen Heroinvergabe
8.1. Gedanken zu Beginn
8.2. Erhebungsinstrument - das Interview
8.2.1. Gliederung
8.2.2. Durchführung
8.2.3. Interviewleitfaden für die Befragung von ehemaligen Heroinkonsumenten
8.3. Interviewauswertung:
8.3.1. Auswertung: Allgemeine Angaben
8.3.2. Auswertung: Einstieg und Verlauf der Drogenkarriere
8.3.3. Auswertung: Ausstieg aus der Abhängigkeit
8.3.4. Auswertung: Stellung zur staatlichen Heroinvergabe
8.3.5. Auswertung: hypothetische Frageerweiterung
8.4. Zusammenfassung

9. Schluss und Ausblick

10. Literaturverzeichnis

11. Anhang
11.1. Abbildungsverzeichnis
11.2. Abschriebe der DAT-Aufzeichnungen der Interviews
11.2.1 Interview mit Marc
11.2.2. Interview mit Franz
11.2.3. Interview mit Heiner

0. Einleitung

Die Idee zu dieser Diplomarbeit kam während eines intensiven Gesprächs mit Michael, einem Mitbewohner meiner berufspraktischen Einrichtung. Anlässlich eines aktuellen Zeitungsberichtes, der das bundesdeutsche Modellprojekt zur staatlichen Heroinvergabe zum Inhalt hatte, kam von Michael die Frage auf: „Und wer befragt eigentlich die Betroffenen oder ehemals Betroffenen dazu?“ Dies sollte mich, den Autor, dazu bringen mich genauer mit der heroingestützen Behandlung und den Aussagen ehemaliger Heroinkonsumenten auseinanderzusetzen.

Vorgehensweise

Die vorliegende Diplomarbeit ist von mir in zwei Bestandteile gegliedert. Der erste Bestandteil umfasst dabei die Kapitel eins bis sieben.

Im ersten Kapitel der Arbeit wird ausführlich ein Überblick über Drogenbegrifflichkeiten gegeben, dem sich im zweiten Kapitel ein Abriß der Droge Heroin im speziellen anschließt.

Das dritte Kapitel ist der politischen Dimension der Drogenproblematik gewidmet. Daran angeknüpft, folgen im vierten Teil unterschiedliche Ansätze in der Drogenarbeit. Die ersten fünf Teile stellen von ihrer Konzeption her den inhaltlichen Zubringer für den nachfolgenden Teil dar.

Den Kernpunkt der Diplomarbeit eröffnet das sechste Kapitel, im Zentrum, mit der Beschreibung der Heroingestützen Behandlung, kurz HeGeBe. Ein internationaler Rundblick soll dem aufmerksamen Leser die Situation auch über deutsche Grenzen hinaus zugänglich machen. Dieser Teil weist abschließend auf mögliche Problemfelder bezüglich der Heroingestützen Behandlung hin und schließt mit einer persönlichen Zusammen fassung.

Im siebten Kapitel sollen bewusst in einem eigenen Teil die ethischen und moralischen Fragestellungen diskutiert werden. Der Überblick in allen sieben Teilen wird in Form einer Literaturrecherche geleistet, durch welche sich mir ein reichhaltiges und unterschiedliches Literaturangebot erschloss.

Meinungen, Thesen und Entwicklungen sollen ausschließlich anhand der Fachliteratur

aufgezeigt werden. Ziel ist eine komplexe und zusammenhängende Darstellung des Umfeldes um den Kernpunkt, ohne allerdings den Anspruch einer Vollkommenheit zu erheben. So können durch die begrenzte Zeitschiene, die bei einer Diplomarbeit zur Verfügung steht, nicht alle Teilbereiche des Drogenkomplexes berücksichtigt werden. Aus diesem Grund wird auf die Beschreibungen des speziellen Themas Sucht und Abhängigkeit, unter seinen familienpsychologischen, gesellschaftlichen und juristischen Aspekten, abgesehen.

Der zweite Bestandteil wird im achten Kapitel aufgegriffen. Hier werden dem Leser Aussagen und Stellungnahmen von ehemaligen Heroinkonsumenten geboten. Diese werden im Rahmen der aufgegliederten Interviewauswertung von mir ausgewertet und interpretiert. Die Aussagen und Meinungen ehemals Betroffener sprechen für sich selbst und erweitern den ersten Teil durch ihren direkten Bezug zum Thema.

In meinen Ausführungen bin ich um Objektivität bemüht. Ich bin mir des Widerspruches bewusst, dass diese Arbeit nur soweit objektiv sein kann, wie dieses aus der Perspektive eines Subjektes möglich ist. Bei der Erarbeitung der Diplomarbeit sind einige Probleme aufgetaucht, die im Folgenden kurz erwähnt werden sollen:

Das Thema Heroingestütze Behandluing ist u. a. ein sehr moralisches, politisches und mit subjektiven Empfindungen verbundener Bereich. Somit existiert auch eine Unzahl von Literatur, die politisch, moralisch und nach subjektiven Empfindungen des jeweiligen Verfassers geprägt sind. Diese Prägung wird in der Literatur nicht immer explizit erwähnt. Ein weiteres Problem stellt des Weiteren die schwer zugängliche, bis kaum vorhandene Literatur zu bestimmten Teilgebieten, wie u. a. Drogenpolitik in europäischen Ländern, Konzepte der Drogenarbeit, dar. Hierbei half mir eine langwierige Recherche im Internet, welche aber unerlässlich war.

Es wäre wünschenswert, wenn die vorliegende Arbeit Stoff für weiterführende Diskussionen bietet und gleichzeitig zum Überdenken von Konzepten anregt.

Im folgenden Text wird aufgrund der besseren Lesbarkeit die grammatikalisch männliche Form in bezug auf Personen, Berufsgruppen etc. verwendet. Soweit nicht gesondert gekennzeichnet, sind jeweils Männer und Frauen gemeint.

1. Allgemeine Einführung in Begriffe und Definitionen

1.1 Drogen

„Unter Drogen werden Wirkstoffe pflanzlicher oder chemisch-synthetischer Herkunft verstanden, die das Zentralnervensystem eines Menschen beeinflussen (‚psychoaktive Substanzen‘)“[1]

„Drogen greifen, abhängig von der Drogenart, in den Stoffwechsel ein und bewirken, unterschiedliche Reaktionen des lebenden Organismus (psychisch und physisch)“[2]

Bei dem Begriff „Drogen“ unterscheidet man zwischen legalen und illegalen Drogen:

1.1.1. Legale Drogen

Zu den legalen Drogen zählen Koffein, Tabak, Alkohol und psychoaktive Medikamente. Legale Drogen unterstehen keiner Strafandrohung bei Konsum, Erwerb, Einfuhr, Weitergabe, Verkauf (einschränkende und besteuernde Maßnahmen vorbehalten, z.B. Abgabeverbot an Jugendliche, Ausschankverbot für Alkohol an Autobahnen, Werbebeschränkungen usw.)

1.1.2. Illegale Drogen

Zu den illegalen gehören Kokain, Haschisch, LSD, Opium, Morphium, Heroin, Methadon und Designerdrogen[3]. Erwerb, Besitz, Weitzergabe, Einfuhr, Herstellung, Verkauf usw. dieser Stoffe sind verboten (in einzelnen Ländern wird auch der Konsum ausdrücklich unter Strafe gestellt).

Viele Autoren sehen diese Unterscheidung als eine willkürliche Trennung des Gesetzgebers an, die kaum nachvollziehbar sei. Kindermann merkt dazu an, daß die Trennung nicht primär nach Kriterien der Schädlichkeit, sondern stärker nach Kriterien der gesellschaftlichen Akzeptanz erfolge[4]. „Sie ist in vielen Bereichen nur historisch zu erklären und hängt nicht direkt und systematisch mit der Wirkung und den Wirkungsfolgen der Substanzen zusammen“[5].

Seit dem Opiumgesetz von 1929 fand der Begriff „Betäubungsmittel“ eine allgemeine Anwendung und wurde auch im BtMG von 1972 und 1981 einheitlich gebraucht. Im Sinne des Gesetzes sind Betäubungsmittel Stoffe und Zubereitungen, die in den Anlagen I bis III des BtMG aufgeführt sind Diese Stoffe und Zubereitungen können jederzeit geändert oder ergänzt werden. [6].

1.2. Betäubungsmittel

Der Begriff „Betäubungsmittel“ bezieht sich ausschließlich auf illegale Drogen. Im wörtlichen Sinne wären darunter Mittel mit einer betäubenden Wirkung zu verstehen. Dies ist aber nicht uneingeschränkt der Fall. Der Gesetzgeber begründet die Illegalität der Betäubungsmittel damit, dass durch sie die Volksgesundheit gefährdet bzw. geschädigt werde.

1.3. Drogenabhängigkeit / Sucht

Der Begriff „Drogenabhängigkeit“ steht im engen Zusammenhang mit dem Begriff „Sucht“. Schwierigkeiten beim Suchtbegriff führten zur Weiterentwicklung und Bildung des Begriffs „Drogenabhängigkeit“. Aus diesem Grund soll im folgenden zunächst auf den Begriff der Sucht eingegangen werden.

Der Begriff „Sucht“ wurde 1957 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als ein

„...Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge“ definiert[7]. Die Sucht sollte an folgenden Kriterien auszumachen sein:

- ein unbezwingbares Verlangen zur Einnahme und Beschaffung des Mittels,
- eine Tendenz zur Dosissteigerung (Toleranzerhöhung),
- die psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge,
- die Schädlichkeit für den einzelnen und/oder die Gesellschaft“.

„Sucht bezeichnet eine Abhängigkeit von Drogen dermaßen zwanghafter Art, dass der Abhängige im Denken und Handeln, ja bis hin zur gesamten Alltagsgestaltung auf die Droge fixiert ist, leidet, krank und behandlungsbedürftig ist“[8]

Da eine körperliche Abhängigkeit aber nicht bei jeder Drogenart auftritt, sah sich die WHO vor der Schwierigkeit, bestimmte Substanzen mit der bislang geltenden Definition von „Sucht“ nicht erfassen zu können, dies aber zu wollen. So entschloss sich die WHO 1964 zur Schaffung des Begriffs der Drogenabhängigkeit. Sie definierte ihn als „...Zustand psychischer und physischer Abhängigkeit von einer Substanz mit zentral nervöser Wirkung, die zeitweise oder fortgesetzt eingenommen wird,...“[9]. Der Begriff „Drogenabhängigkeit“ ist laut Kreuzer weniger wertend und auch weiter gefasst als der Begriff „Sucht“[10]. Mit ihm werden nun auch Drogen erfasst, bei denen keine körperliche Abhängigkeit auftritt.

Böllinger, Stöver und Fietzek werten die Abhängigkeitsdefinition der WHO als eine sehr pharmakologische Auffassung von Suchtentstehung und -verlauf[11]. Für sie ist Drogenabhängigkeit „... mehrdimensional als ein Prozeß zu untersuchen, der sich im Beziehungsfeld der Elemente Persönlichkeit - Gesellschaft - Droge entwickelt. Diese

Elemente sind in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander stehend zu begreifen“[12] .

Innerhalb des Begriffes „Drogenabhängigkeit“ unterscheidet man zwischen einer körperlichen und psychischen Abhängigkeit. Die Merkmale der Abhängigkeit wechseln je nach Art der Droge:

„Körperliche Abhängigkeit ist dann gegeben, wenn der Körper die Substanz in seinen Stoffwechsel eingebaut hat und auf die ständige Einnahme mit Gegenregulationen des Stoffwechsels reagiert, meist durch verminderte Eigenproduktion oder chemische Blockierung von körpereigen Stoffen. Ein Zeichen körperlicher Abhängigkeit ist die Gewöhnung an die Substanz (Toleranzbildung), die eine Dosissteigerung zur Folge hat, damit dieselbe Wirkung wie zuvor erzielt wird. Gleichzeitig führt ein Mangel der Substanz zu massiven körperlichen Entzugserscheinungen...“ [13].

„Psychische Abhängigkeit manifestiert sich vor allem im ‚Stoffhunger‘, unbezähm barem Verlangen nach Substanzeinnahme sowie in begleitenden Ängsten, Depressio nen Panikattacken und Suizidgedanken. Der psychisch Abhängige ist nicht mehr frei, den Umgang mit der Droge unter Kontrolle zu halten. Er ordnet alle verstandesmäßigen Einsichten seinem Verlangen nach einem bestimmten Erlebenszustand unter. Süchtiges Verhalten beeinträchtigt die freie Entfaltung der Persönlichkeit und zerstört soziale

Bindungen durch die nahezu ausschließliche Zentrierung der Aufmerksamkeit auf die eigene Befindlichkeit und die Sicherstellung des Drogennachschubs“[14]

Die psychische Abhängigkeit kann auch nach einem körperlichen Entzug weiter fortbestehen [15].

Als ein wesentliches Merkmal einer Drogenabhängigkeit sehen Becker/van Lück die Einschränkung des Handlungsspielraumes der abhängigen Person an[16] .Sie definieren eine drogenabhängige Person als einen Menschen, „der eine Droge zwanghaft missbrauchen muss, da er aufgrund von seelischen und körperlichen Zuständen sich gezwungen sieht, diese zu benutzen, um bestimmte passiv herbeigeführte Stimmungszustände immer wieder zu erzielen“[17].

Nicht jeder Konsum von Drogen führt zwangsläufig zur Abhängigkeit. Zum Verlauf der Drogenabhängigkeit kann gesagt werden, dass eine Abhängigkeit nicht schlagartig von einem auf den anderen Tag auftritt, „...sondern erst nach einem Missbrauchsverhalten, dass sich über längere Zeit erstreckt“[18]. Das Verlangen nach Substanzzuführung kann nach einer Phase der Gewöhnung, in der dauerhafter Konsum stattfindet, in eine Phase der psychischen oder physischen Abhängigkeit umschlagen „Zu betonen ist, dass es keine klare Trennlinie zwischen Gebrauch und Mißbrauch gibt, sondern sich das Spektrum als Kontinuum darstellt, mit fließenden Übergängen von z.B. experimentierendem, gelegentlichem Konsum über regelmäßigem Gebrauch, gesundheitsgefährdenden Konsum, Drogenmißbrauch, Sucht bis hin zu manifester Abhängigkeit“[19]

1.4. Schädlicher Gebrauch

Von schädlichem Gebrauch wird gesprochen, wenn gesundheitliche Schäden (körperliche und/oder psychische) in Folge des Drogengebrauchs aufgetreten sind. Ausserdem können soziale Schäden zum Nachteil der Angehörigen, des weiteren Umfelds oder der Bevölkerung allgemein die Folge sein.

Abhängigkeit bedeutet, wie die Ausführung der Definitionen aufzeigt, kein einheitliches

Erscheinungsbild. Am gebräuchlichsten sind heute die Definitionen der WHO (International Classification of Diseases ICD-10) und der American Psychiatric Association (Diagnostic Statistic Manual of Mental Disorders DSM-IV).

Die Begriffe Sucht und Missbrauch wurden hierbei durch diejenigen von Abhängigkeit und schädlichem Gebrauch ersetzt. Auf diesem Verständnis werden in vorliegender Diplomarbeit die benannten und erläuterten Begriffe verwendet.

2. Überleitung zu Heroin im speziellen

Heroin (Diacetylmorphin) - ein Opioid

Die in dieser Arbeit verwendeten Begriffe Opiat und Opioid unterscheiden sich wie folgt: Als Opiate werden Wirkstoffe bezeichnet, die aus dem Milchsaft der Kapseln des Schlafmohns (papaver somniferum) extrahiert werden, u.a. Codein und Morphin, sowie deren synthetisch veränderte Produkte, z.B. Heroin.

Der Begriff Opioide umfaßt neben den Opiaten auch Stoffe, die nicht aus dem Schlafmohn gewonnen werden können, aber wie Opiate wirken; dies sind unter anderem Methadon und Fentanyl[20]. Ein Überblick über die Stufen der illegalen Heroinherstellung befindet sich im Anhang (Kapitel 11).

2.1. Historische Anmerkungen zum Arzneimittel Heroin

Rohopium besteht aus einer Vielzahl von Alkaloiden, die unterschiedliche Wirkungen haben und die Basis verschiedener Betäubungsmittel, z.B. Morphin oder Codein sind. Französischen und deutschen Chemikern gelang es zu Beginn des 19. Jahrhunderts, einzelne dieser Alkaloide rein herzustellen. Friedrich Wilhelm Sertürner wird der Verdienst zugeschrieben, zwischen 1804 und 1816 nach einer Serie von Experimenten erstmals das Alkaloid Morphin isoliert zu haben[21]. Diacetylmorphin ist ein halbsynthetisches Morphinderivat und wurde durch den Engländer C.R.A. Wright 1874, im Rahmen der Konstitutionsaufklärung des Morphinmoleküls, erstmals synthetisiert. Noch im selben Jahr untersuchte F.M. Pierce und sechs Jahre später Dott und Stockman die pharmakologische Wirkung des Stoffes an Kleintieren. Sie kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass die Substanz für die Anwendung am Menschen nicht empfohlen werden kann. Auf der Suche nach Alternativen zu schon bekannten, aber sehr teuren oder nebenwirkungsreichen Arzneimitteln, vor allem für verschiedene Alkaloide (unter anderem Chinin und Morphin), wurde die Diacetylmorphin-Synthese durch die deutsche Firma Friedrich BAYER & CO. zur Produktionsreife gebracht und das Betäubungsmittel unter dem geschützten Warenzeichen Heroin[22] vermarktet. Die BAYER-Werke erhofften sich über das Heroin den Einstieg in den von anderen Pharmafirmen beherrschten Markt der Alkaloide (Schmerz- und Hustenmittel etc.). An der Heroinentwicklung massgeblich beteiligt war der BAYER-Chemiker Hoffmann, der schon bei der Aspirinsynthese eine wichtige Rolle spielte. Im Rahmen verschiedener Versuche an Tieren und Menschen, verglichen BAYER-Pharmakologe Dresler und Werksarzt Floret die therapeutische Wirkung des Heroins mit der des Morphins und des Codeins. Die Studie ergab, daß Heroin aufgrund einer Vertiefung des einzelnen Atemzuges, also einer Erhöhung des Atemzugvolumens, Atemwegserkrankungen besser beeinflusse als Codein. Dieser unzutreffende und erst 1911 durch v. Issekutz endgültig widerlegte Befund war der alleinige Grund, daß BAYER Heroin als Arzneimittel zur Behandlung von Atemwegserkrankungen auf den Markt brachte. Obwohl Heroin auch zur Behandlung Morphinabhängiger eingesetzt wurde, etwa als Substitutionsmedikament, war dies nicht die Indikation bei der Markteinführung. Dreslers erste Veröffentlichung über Heroin führte zu einer mehr als 13 Jahre andauernden Kontroverse unter zahlreichen Pharmakologen des In- und Auslands. Dabei ging es weniger um das Problem einer möglichen Abhängigkeit durch diesen Stoff, als vielmehr um den experimentellen Befund Dreslers, Heroin erhöhe das Atemzugvolumen. Zur gleichen Zeit erschienen zwischen 1898 und 1905 weltweit mindestens 180 klinische Arbeiten und 11 medizinische Dissertationen zum Thema Heroin. Darin wurden die therapeutischen Erfahrungen mit Heroin überwiegend positiv beurteilt. Im Laufe der Zeit nahmen die Warnungen vor einer möglichen Heroinabhängigkeit zu, obwohl diese als Folge ärztlicher Medikationen äusserst selten war, da eine geringe Standarddosierung von 5,0 mg, die orale Substanzeinnahme und zusätzliche therapeutische Settings dem entgegenwirkten. In der Folgezeit wurde Heroin immer vielschichtiger eingesetzt: z.B. als Dopingmittel für Mensch und Tier, bei Herzkranzverengungen, Schluckbeschwerden, Geburts- und Narkoseeinleitungen, gynäkologischen Erkrankungen (in Form von heroingetränkten Tampons), Fieber, Depressionen oder Psychosen, wobei die Substanz auch Kindern verabreicht wurde. 1899 exportierten die BAYER-Werke Heroin in mehr als 20 Länder, und 1913 lag ihre jährlich produzierte Heroinmenge bei einer Tonne. Da das Heroin-Herstellungsverfahren patentrechtlich nicht geschützt war, stieg die Zahl der Diacetylmorphin produzierenden Firmen bis 1920 auf weltweit mindestens 20 an. Allein in Deutschland waren zu dieser Zeit vierzehn heroinhaltige Arzneien verschiedener Hersteller auf dem Markt. Aufgrund des lukrativen Heroingeschäftes verschoben zahlreiche Pharmakonzerne zwischen 1925 und 1930 11,5 Tonnen Heroin in illegale Kanäle und unterliefen damit die Empfehlungen der Opiumabkommen von Den Haag (1912) und Genf (1925). Ein von den USA forciertes Herstellungsverbot für Heroin wurde auf den Genfer Opiumkonferenzen von 1925 und 1931 abgelehnt, da medizinische Experten Heroin in ihrem Arbeitsbereich für unverzichtbar hielten[23].

Während der Genfer Konferenz von 1925 verpflichteten sich die Vertragsparteien, die Verwendung von Narkotika auf wissenschaftliche und medizinische Zwecke zu beschränken. Deutschland ratifizierte das Genfer Abkommen vier Jahre später im Juni 1929 und erliess am 10. Dezember 1929 das ‘Gesetz über den Verkehr von Betäubungsmitteln’, um dem Problem des Narkotikamissbrauchs nachzukommen. Aus diesem Grund wurden die Bezugsschein-, Erlaubnis- und Lagerbuchvorschriften für Pharmahersteller, Importeure und Händler verschärft. Für Apotheken galt die Erlaubnispflicht nur für den Erwerb der Droge. Der Kauf und Besitz von Opium und Kokain aufgrund ärztlicher Rezeptur war dem Endverbraucher nach dem Erlass des Gesetzes auch weiterhin erlaubt. Weitere internationale Abkommen zur Reduzierung der Opiumherstellung führten 1933 und 1934 zu Änderungen des deutschen Opiumgesetzes[24]. In Deutschland wurde noch bis 1954 Heroin in geringen Mengen hergestellt[25] , und bis 1971 war es ein verkehrs- und verschreibungsfähiges Betäubungsmittel[26].

2.2. Zur Wirkungsweise der Opioide - Allgemeine Wirkungsweise

Entscheidend für die Schnelligkeit und Stärke der Wirkung einer Substanz ist ihre Applikationsform. Lediglich bei der intravenösen Injektion gelangt der gesamte Wirkstoff ins Blut. Bei allen anderen Aufnahmewegen (Schlucken, Rauchen, Inhalieren etc.) bleiben Teile der Substanz ausserhalb des Körpers, wobei der gesamte Darminhalt als zur Außenwelt gehörend zu betrachten ist. Alle Substanzen, die nicht gespritzt werden, müssen also verschiedene Hindernisse (Membranen), z.B. die Haut, die Lunge oder verschiedene Schleimhäute, wie die Darmwand, überwinden, um in den Blutkreislauf zu gelangen. Um die verschiedenen Membranen, die den Organismus vor Einflüssen der Aussenwelt schützen, durchdringen zu können, müssen die Stoffe auch fettlöslich (lipophil) sein. Fettunlösliche Substanzen können eine Membran nur passieren, wenn es sich um kleine Moleküle handelt, die in der Lage sind, durch die Poren der Membran hindurchzuschlüpfen. Befindet sich eine Substanz im Blutstrom, verteilt sie sich zunächst über das Blutplasma im gesamten Körper, bis sie zum gewünschten Wirkort gelangt. Dies ist bei den psychoaktiven Stoffen wie Heroin das Gehirn. Die Kapillaren des Gehirns haben keine Poren und sind zudem von einer speziellen Zellschicht, den Astrozyten, umgeben, welche ausschließlich für lipophile Stoffe durchlässig sind. Dies begründet, warum alle Drogen fettlöslich sein müssen: Anders könnten sie nicht durch die Blut-Hirn Schranke an ihren Wirkort gelangen.

Die spezifischen Wirkungen der Drogen im Gehirn sind auf die Gehirnstrukturen zurückzuführen, mit denen sie interagieren. Die Substanzwirkung ist von vielen physiologischen Faktoren abhängig, so dass die Individuen auf die zugeführte Menge unterschiedlich reagieren. Demnach können auch nur grobe Richtlinien für die Applikationsmenge einer Substanz gegeben werden, sie muss für jede Person individuell angepasst werden. Dabei gilt es zu beachten, dass sich Dosis und Wirkung nicht linear gegenüberstehen, d.h. die dreifache Dosis erzielt nicht die dreifache Wirkung. Die Wirkung selbst wird durch die Substanz ausgelöst und durch das Individuum, infolge veränderter Stoffwechsel, produziert. Das bedeutet, dass jede Wirkung limitiert ist, da eine beliebige Steigerung der Körperprozesse nicht möglich ist und nichts ausgelöst werden kann, was nicht schon im Menschen ist.

Die Opioide lagern sich im Gehirn an verschiedenen Rezeptor-Typen an, wodurch diese verschiedene Wirkungen auslösen können, wie z.B. eine Pupillenverengung, verminderte Magen- und Darmmotilität, Atemdepression, ein vermindertes Schmerzempfinden, Dysphorie und Euphorie. Das Wirkprinzip eines Rezeptors ist ähnlich dem eines Schlosses, in das entsprechende Schlüssel (Wirkstoffe) passen. Dabei gibt es Schlüssel (Agonisten), die das Schloss öffnen und die Wirkung auslösen und solche (Antagonisten), die zwar ins Schloss passen, es aber nicht bewegen und so den Wirkeffekt nicht erzielen können.

Nicht alle Substanzen lagern sich gleich gut an den Rezeptoren an. Substanzen, die dies besonders gut tun, haben eine hohe Affinität zum Rezeptor, binden sie sich nicht, haben sie keine Affinität. Die Bindung einer Substanz an einen Rezeptor ist kein starres Konstrukt. Vielmehr bilden sich ständig Komplexe aus Drogen und freien Rezeptoren, die sich wieder lösen, wodurch neue Komplexbindungen entstehen. Bisher ist nicht restlos geklärt, was Opioide an den Zellen bewirken

Warum die verschiedenen Zellen überhaupt Rezeptorstrukturen besitzen, erklärt sich aus der Funktion des Organismus’, welcher ebenfalls Substanzen (z.B. Endorphine) produziert, die sich an den Rezeptoren anlagern. Rezeptoren benötigt jeder Mensch, um die komplexen Vorgänge im Leben zu steuern. Nimmt jemand Drogen zu sich, führt er seinem Körper Substanzen zu, die seinen körpereigenen soweit gleichen, dass sie sich an den entsprechenden Rezeptoren anlagern. Das Gehirn selbst lässt sich mit einem Netzwerk von Nervenzellen vergleichen, welche in einem Gleichgewicht zwischen erregenden und dämpfenden Affekten stehen, die Zustände wie beispielsweise Wachheit oder Schläfrigkeit auslösen. Unter Drogeneinfluss kann dieses Gleichgewicht in die eine oder andere Richtung verschoben werden.

Alle Drogen wirken auf das ‘Belohnungssystem’ des Organismus’, wodurch sie angenehme Gefühle auslösen. Unterschiede in den Wirkungen der verschiedenen Drogen sind darauf zurückzuführen, dass einige mehr aktivierend und andere eher dämpfend wirken und dass sie auf verschiedene Stellen des Belohnungssystems einwirken. Konsumenten, die mehrere Drogen gleichzeitig einnehmen, stimulieren ihr Belohnungssystem demnach mehrfach. Aus der Tatsache, dass alle legalen und illegalen Drogen letztendlich im gleichen System einwirken, lässt sich ein allgemeingültiges (medizinisches) Modell der Drogenabhängigkeit entwickeln[27].

2.3. Besondere Bedingungen der Heroinabhängigkeit

An der Heroinabhängigkeit werden die extremsten Verläufe, die eine Abhängigkeitserkrankung nehmen kann, sehr deutlich. Die im vorherigen Abschnitt geschilderten, grundlegenden Besonderheiten der Abhängigkeitserkrankungen treffen für die Heroinabhängigkeit in uneingeschränkter Weise ebenfalls zu. Auch hier steht zunächst, neben einem z.T. stark beeinträchtigten Verhalten und Erleben des Erkrankten und den damit einhergehenden Folgen, welche sein soziales Umfeld betreffen, der Konsum einer psychoaktiven Substanz mit hohem Suchtpotential im Zentrum der Erkrankung. Die charakteristischen Merkmale der Heroinabhängigkeit sollen im folgenden noch genauer benannt werden. Russi schreibt:

„Obwohl [...] der Konsum von Heroin und selbst ein einziger Schuss davon aus einer Reihe von Gründen gefährlich sein kann, verursachen Opioide an sich gesehen (und wenn sie nicht als Überdosis genommen werden) keine irreversiblen körperlichen Störungen, auch nicht nach chronischem Gebrauch. Die bei postmortem-Untersuchungen festgestellten neuropathologischen Veränderungen sind in der Regel auf Überdosierungen zurückzuführen“[28].

Trotzdem gehört Heroin zweifellos zu den stärksten und gefährlichsten, heute bekannten Suchtmitteln. Heroin besitzt die stärkste Abhängigkeitspotenz aller im Betäubungsmittelgesetz genannten Stoffe [29].

2.3.1. Wirkungen des Heroin - eine Beschreibung

Je nach der persönlichen Verfassung, der Dosierung und Erfahrung verursacht der Heroinmissbrauch den typischern Heroinrausch, ein Glücksgefühl und ein Entrücktsein aus dem Alltag. Die Wirkung der Einzeldosis ist nicht immer dieselbe, sondern von den Umständen und der Persönlichkeit abhängig. Das Heroin `fährt` nach der Injektion sofort ein und löst beim Abhängigen in diesem Moment einen richtiggehnden „Flash“, „High“ oder „Kick“ aus, was eine Hochstimmung, ein Glücksgefühl und eine höchste euphorische Erlebnisfülle bewirkt[30]. Werden Heroinabhängige nach Wesen und Inhalt des Heroinrausches gefragt, pflegen viele zu antworten, „im Grunde sei das Rauscherlebnis mit nichts zu vergleichen, es sei einmalig. Aber wenn es einen Vergleich gäbe, dann der mit einem Orgasmus, nur dass er viel kürzer sei als ein Heroinrausch und nicht so intensiv ausgeprägt.“[31]

Diese akuten Erscheinungen klingen innerhalb von Minuten wieder ab. Hierauf folgt ein Zustand der Beruhigung, der aber nur etwa 2 Stunden andauert. Bei sehr stark Heroinabhängigen wird häufig mit dem Drogenkonsum nur mehr ein Abklingen des „Opiathungers“ oder der „Gier“ erreicht, ohne dass der Abhängige die vorher beschriebene Hochstimmung erlebt. Um weiterhin in diesen Genuss zu kommen, muss der Abhängige das Heroin zusammen mit anderen Stoffen konsumieren. Aus diesem Grunde mixt er dann sogenannte Cocktails (Drogengemische).

2.3.2. Nebenwirkungen

Die am meisten gefürchtete Nebenwirkung des Heroinkonsums ist die Gefahr einer Atemdepression. Diese kann nicht nur dadurch entstehen, dass die Atemzentren im verlängerten Rückenmark unter Heroineinfluß weniger empfindsam für den CO2-Gehalt im Blut werden, sondern auch durch den Einfluß der Opioide auf die Zentren, in denen die Atemfrequenz reguliert wird. Da sich die Opioide kaum auf die Herztätigkeit auswirken, steigt unter ihrem Einfluß der Herzschlag nur geringfügig an. Aus diesem Grund bleibt auch nach einer Überdosierung der Blutdruck konstant, bis der Konsument nach einer Atemdepression in die Bewusstlosigkeit fällt und bei ausbleibender Hilfe durch Atemlähmung stirbt.[32]

Weitere Nebenwirkungen sind u.a. Übelkeit, Erbrechen, Schwindelgefühle, Obstipation, Gallenkoliken, Trägheit sowie Libidoverlust und eine verringerte Magen- und Darmtätigkeit. Allergische Reaktionen (z.B. an der Haut des Gesichtes, Nackens und Oberkörpers oder das Jucken der Nase) nach einem Opioidkonsum werden zwar beschrieben, treten allerdings äußerst selten auf. Ein ‘anaphylaktischer Schock’ nach intravenöser Applikation soll vereinzelt vorkommen und könnte für einige Todesfälle verantwortlich sein. Bei Konsumenten, deren Sauerstoffaustausch und physische Kondition mangelhaft ist, kann eine normale Opioiddosis tödlich wirken. Darüber hinaus kann eine Mischeinnahme verschiedener Substanzen (siehe Cocktail: Anmerkung des Verfassers) ebenfalls unerwünschte Folgen haben, da die entstehende Gesamtwirkung der Stoffkombination nicht abgeschätzt werden kann. Schließlich geht auch von den unterschiedlichen Streckmitteln, mit denen die Stoffe in der ‘Szene’ versetzt werden, eine für den Konsumenten nicht zu kontrollierende Gefahr aus[33].

Längerer intensiver Gebrauch verursacht Schlaflosigkeit, Gewichtsabnahme und Impotenz. Psychisch kann es zu Überempfindlichkeit, Willensschwächung, Gleichgültigkeit, Aphatie, Teilnahmslosigkeit, Inaktivität, Verlust von Spontanität, Abnahme der Selbstkritik, Rückzug auf sich selbst und nur noch auf den Drogenkonsum, Verlust von Interesse, Dämpfung der geistigen Aktivität, Beseitigung von Angst und Unlust, ja bis zu einem eigentlichen Persönlichkeitszerfall kommen[34].

Hans Kind schreibt dazu: „Die sozialen Folgen ergeben sich aus der Gleichgültigkeit und Egozentrizität, welche für die Familie eine schwer Belastung bedeutet. Sie führen zur Ausstossung und Ablehnung, was wiederum die Symptome verstärken und die Identifikation mit der Subkultur des Drogenmilieus und auch mit dem Drogenerlebnis selbst begünstigt. Der Beruf leidet in den meisten Fällen. Es gelingt den wenigsten Heroinabhängigen, ihre berufliche Stellung zu halten, am ehesten dann, wenn keine hohen Anforderungen gestellt sind, die Umgebung tolerant ist oder wenn infolge reichlicher Geldmittel und leichter Beschaffbarkeit der Droge Zeit und Interesse des Abhängigen nicht übermäßig beansprucht werden.“ [35] Jedes Gruppenerleben, das mehr als nur Geselligkeit und Zeitvertreib ermöglicht, verschwindet vor allem beim Heroinabhängigen, der am liebsten allein mit seinem Rausch ist und jeglichen Kontakt mit anderen aufgrund seiner Übersensibilität möglichst meidet. [36]

Die oftmals schlechte physische Verfassung der Konsumenten, ihre hohe Krankheitsrate, insbesondere zahlreiche Infektionen, wie Blutvergiftung, Leberentzündungen, Abszesse, Hepatitis und HIV sowie akute Todesfälle sind ausschließlich eine Folge unsteriler bzw. unsachgemäßer Injektionen, mangelnder Kenntnis der zugeführten Heroindosis und/ oder toxischer Verunreinigungen der applizierten Substanz. Demnach sind Krankheit und Tod abgesehen von den bewusst herbeigeführten Suiziden, z.B. durch eine Überdosierung- eine Folge der Begleitumstände des Konsums und nicht auf toxische Wirkungen der reinen Substanz zurückzuführen. Das gilt auch für den Krankheiten begünstigenden schlechten Ernährungszustand zahlreicher Konsumenten, der auf den hohen Beschaffungsdruck zurückzuführen ist, unter dem die Konsumenten häufig stehen. Dieser zwingt sie ohne Rücksicht auf soziale und finanzielle Konsequenzen, die hohen Schwarzmarktpreise aufzubringen (z.B. durch Diebstahl oder Prostitution), wenn sie zwangsläufig auftretende Entzugserscheinungen umgehen wollen.

2.3.3. Zu den Entzugserscheinungen bei Heroinabhängigkeit

Der Konsum von Heroin kann aufgrund der subjektiven Wirkungen dieser Substanzen zu einer psychischen Abhängigkeit führen. Daneben ist nicht auszuschließen, dass einige Heroinabhängige die Droge zwecks Selbstmedikation konsumieren, um beispielsweise Psychosen zu vermeiden. Ein besonders wichtiger Aspekt der Heroinabhängigkeit ist jedoch die physische Abhängigkeit, die eine Folge des Konsums dieser Stoffe ist.

Der Indikator für die körperliche Abhängigkeit sind die Entzugserscheinungen, die nach dem Absetzen des Stoffes auftreten. Sie stellen praktisch das Gegenstück zu dem durch die Substanz ausgelösten positiven Wirkeffekt dar. Die Geschwindigkeit, mit der die Entzugserscheinungen einsetzen, und ihre Dauer hängen mit der pharmakologischen Dynamik der zuvor konsumierten Substanzen zusammen. Im einzelnen bedeutet dies: Wirkt ein Stoff schnell, aber dafür relativ kurz, werden die entsprechenden Rezeptoren schnell besetzt und schnell wieder verlassen. In diesem Fall treten die Entzugserscheinungen kurz nach dem Absetzen der Droge auf, sie klingen jedoch verhältnismäßig rasch wieder ab. Demgegenüber haben langsam wirkende Opioide zur Folge, daß die Entzugserscheinungen zögernd einsetzen, dafür aber lange anhalten. Wird die jeweilige Substanz im Rahmen einer Substitution schnell von den Rezeptoren verdrängt, z.B. durch verschiedene Morphinantagonisten[37] , entstehen ebenfalls kurz darauf Entzugssymptome. Diese werden in der Literatur in den schillerndsten Farben beschrieben:

Ungefähr 8-12 Stunden nach dem letzten Heroin- bzw. Methadonkonsum können bei einem Abhängigen Tränenfluß, Schweissausbrüche, Sekretion der Nasenschleimhaut und Gähnen beobachtet werden. Nach einem etwas längeren Zeitraum weiten sich seine Pupillen und er fängt an zu frösteln, was auch als ‘cold turkey’ beschrieben wird. Schließlich treten 2 bis 3 Tage nach dem Absetzen der Droge weitere Entzugserscheinungen auf. Das sind u.a. Ruhelosigkeit, Übelkeit und Erbrechen, Todesangst, Diarrhö, Muskelzucken und Muskelspasmen im Rücken und in den Gliedmaßen, hoher Puls, Hypertonie und Acidose. Bei Heroinabhängigkeit dauern die Entzugserscheinungen ohne medikamentengestützte Hilfe (kalter Entzug) meist ein bis zwei Wochen an[38].

Beim Methadonentzug treten die Entzugserscheinungen langsamer auf, halten dafür aber länger an als beim Heroinentzug (zum Teil mehrere Wochen). Hierbei kommt es allerdings zu keinen Muskelspasmen[39].

Erhebliche Probleme bereitet der Entzug von Abhängigen, die sich die Droge zwecks Selbstmedikation zuführen, um beispielsweise Psychosen zu vermeiden. Hier werden neben den schon beschriebenen Entzugssymptomen häufig depressive Erscheinungen und psychotische Desintegration beobachtet, die vor allem auf die depressive Konstitution oder Desintegrationstendenzen der betreffenden Personen zurückzuführen sind, welche sie (unbewußt) mit Opioiden behandelt haben. Bei Patienten mit ‘Borderline-Störung’ besteht nach dem Absetzen der Droge eine erhöhte Suizidgefahr.

Da der Konsum eines Opioides zu einer sogenannten ‘Kreuzabhängigkeit’ gegenüber anderen Opioiden führt, können die auftretenden Entzugserscheinungen durch andere Opioide bekämpft werden[40]. Wird beispielsweise Heroin durch eine andere morphinartig wirkende Substanz, z.B. Methadon, ersetzt, bleiben die direkten Entzugserscheinungen aus. Sie treten aber nach dem Absetzen der jeweiligen Substanz auf, sofern die Reduktion nicht stufenweise erfolgt[41].

2.3.4. Zur Toleranzentwicklung bei Opioidabhängigkeit

Nach Forth, Henschel et al. sowie Van Wely reagiert der Organismus gegenüber der Wirkung eines Opioides nach wiederholtem Konsum kompensatorisch, sprich tolerant. Das bedeutet, der Konsument muß die applizierte Dosis kontinuierlich steigern, um den anfänglichen Wirkeffekt dauerhaft zu erzielen[42].

In ihrem Aufsatz zur Abhängigkeit von Drogen, Genuss- und Arzneimitteln beschreiben Forth, Henschel et al., dass sich die psychische bzw. physische Toleranz und Abhängigkeit um so rascher entwickeln, je höher die verabreichte Dosis einer Substanz ist. Da nach dem Konsum von Heroin die ins Gehirn einströmende Menge Morphin (Heroin wird im Organismus zu Morphin hydrolisiert) grösser ist als nach dem Konsum der gleichen Menge Morphin, ist die Abhängigkeit und Toleranz bei Heroin meist ausgeprägter als beim Morphin[43]. In seinem Bericht zu den körperlichen Wirkungen des Opioidkonsums beschreibt Van Wely, daß die körperliche Abhängigkeit und die Entzugserscheinungen eine Folge der sich nach längerem Drogenkonsum entwickelnden Toleranz sind.

[...]


[1] Hurrelmann, Klaus; Bründel, Heidrun: Drogengebrauch, Drogenmissbrauch: Eine Gratwanderung zwischen Genuß und Abhängigkeit, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt: 1997, S. 167

[2] Becker, Bernd - Michael; Brömer, Horst; Rießelmann, Benno: Drogen. in: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Fachlexikon der sozialen Arbeit, Eigenverlag, Frankfurt am Main: 1993, S. 243

[3] vgl. Hurrelmann/Bründel, 1997, S. 4

[4] Kindermann, Walter: Das Drogenrecht sollte modifiziert werden: Akzeptanzund Hilfe statt Stigmatisierung und Strafe. In: Adams: Drogenpolitik: Meinungen und Vorschläge von Experten, Lambertus, Freiburg im Breisgau: 1989, S. 66

[5] vgl. Hurrelmann/Bründel, S. 168

[6] Körner, Harald: Betäubungsmittelgesetz, Arzneimittelgesetz. C.H. Beck. München: 4. neubearbeitete Auflage, 1994, S. 53ff.

[7] vgl. Körner, 1994, S. 1097

[8] Kreuzer, Arthur: Drogen - Kriminologie und Therapie: Mit einer ausführlichen Darstellung aktueller Drogenprobleme einschließlich Aids. R. v. Decker & C. F. Müller, Heidelberg: 1988a, S. 7

[9] vgl. Körner, 1994, S.1098

[10] vgl. Kreuzer, 1988a, S. 7

[11] vgl. Böllinger u.a., 1995, S. 26

[12] vgl. Böllinger u.a., 1995, S. 64

[13] vgl. Hurrelmann/Bründel, S. 16

[14] vgl. Hurrelmann/Bründel, S. 17

[15] vgl. Körner, 1994, S. 1098

[16] Becker, Martin; van Lück, Wilhelm: Die Therapievorschriften des Betäubungsmittelgesetzes: Eine Effektivitätsanalyse, Lambertus, Freiburg im Breisgau: 1990, S. 46

[17] vgl.: Becker/van Lück, 1990, S. 43

[18] vgl.:Hurrelmann/Bründel, S. 14 f

[19] vgl. Hurrelmann/Bründel, S. 10

[20] Vgl.: Hämmig, R.; 1996; S. 12. Und: Van Wely, J.J.W.M: Körperliche Wirkungen des Opiatkonsum. In:

Scheerer, Sebastian; Vogt, Irmgard (Hrsg.): Drogen und Drogenpolitik, Ein Handbuch, Frankfurt/ Main, New York 1989, S. 299-312.

[21] Selling, Peter: Zur Geschichte des Umgangs mit Opiaten. In: Scheerer, Sebastian; Vogt, Irmgard (Hrsg.); Drogen und Drogenpolitik; Ein Handbuch; Frankfurt/ Main, New York 1989; S. 276.

[22] Heute ist Heroin als Internationaler Freiname (INN) das Synonym für Diacetylmorphin

[23] De Ridder, Michael: Heroin: Geschichte - Legende - Fakten. In: Grözinger, Gerd (Hrsg.); Recht auf Sucht? Drogen, Markt, Gesetze; 1. Auflage; Berlin 1991, S. 18-20.

[24] vgl.: De Ridder, Michael, 1991; S. 20 f.

[25] vgl.: De Ridder, Michael, 1991, S. 22.

[26] vgl.: Bundesgesetzblatt 1971 (Bundesrepublik Deutschland); S. 317.

[27] vgl.: Hämmig, Robert; Pharmakologie; Was passiert eigentlich, wenn der Stoff wirkt?; In: Drogenmagazin, Zeitschrift für Suchtfragen; 22 JG. Nr. 6; Basel Dezember 1996, S. 11-14.

[28] Russi, E.W.; Opiatmissbrauch. Medizinische Komplikationen; Stuttgart 1986.

[29] Endriss Rainer, Malek Klaus, Betäubungsmittelstrafrecht, München 1986, S. 11

[30] Huber, Christian, Irrwege und Auswege-Anmerkung zur schweizerischen Drogenpolitik: Stäfa, 1992, S. 41

[31] Täschner, Karl-Ludwig, das Cannabisproblem, 3. Auflage: Köln 1986, S.35

[32]vgl.: Seidenberg, André: Methadon, Heroin und andere Opioide- medizinisches Manual für die ambulante opioidgestützte Behandlung, Bern; Göttingen; Toronto; Seattle, Huber, 1998, S. 85

[33] vgl.: Van Wely, J.J.W.M: Körperliche Wirkungen des Opiatkonsum. In: Scheerer, Sebastioan; Vogt, Irmgard (Hrsg.): Drogen und Drogenpolitik, Ein Handbuch, Frankfurt/ Main, New York 1989, S. 303-305.

[34] Bezüglich der Nebenwirkungen-Auflistung bei Heroin vgl. Körner, Harald H.: Betäubungsmittelgesetz, Arzneimittelgesetz. C.H. Beck. München: 4. neubearbeitete Auflage, 1994, S. 359 und 1035

[35] Kind Hans: Opiatabkängigkeit , Morphium, Heroin, u.a., Haschisch und Marihuanna, Halluzinogene, in

Kind, Lichtensteiger, Weiss, Drogenprobleme aus psychiatrischer, pharmakologischer und juristischer Sicht, Basel 1982, S.45

[36] Schmidbauer Wolfgang, Von Scheidt, Jürgen, Handbuch der Rauschdrogen: Frankfurt am Main, 1989, S. 509

[37] Siehe: Hämmig, Robert, 1996, S. 13. Darin heißt es unter anderem, Antagonisten sind Stoffe, mit denen Abhängige substituiert werden können. Vorteil der Stoffe ist, daß auch bei hohen Dosen die Gefahr sehr gering ist, eine Atemdepression auszulösen. Demgegenüber läßt sich durch sie keine volle Wirkung erzielen, was bei der Schmerzbekämpfung Schwierigkeiten bereiten kann.

[38] Vgl.: Böllinger, L.; Stöver, H.; Fietzek, L., 1995, S. 98

[39] Vgl.: Böllinger, L.; Stöver, H.; Fietzek, L., 1995, S. 99

[40] vgl.: Van Wely, J.J.W.M., 1989, S. 307 f.

[41] vgl.: Forth, Wolfgang.; Henschler, Dietrich (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie; 6. Auflage; Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 1992, S. 301

[42] vgl.: Van Wely, J.J.W.M., 1989, S. 308 f.

[43] vgl.: ebd, S. 300 f.

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Heroingestützte Behandlung
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart  (BA Sozialwesen)
Note
1,8
Autor
Jahr
2002
Seiten
91
Katalognummer
V6936
ISBN (eBook)
9783638143844
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
HeGeBe, Drogenhilfe
Arbeit zitieren
Marcus Spliesgart (Autor), 2002, Heroingestützte Behandlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6936

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