Fordert die ambulante Wohnungsbetreuung von Menschen mit einer geistigen Behinderung und einer zusätzlichen psychischen Erkrankung einen besonderen Anspruch an die Betreuung?
Mit dieser Fragestellung setzt sich die folgende Diplomarbeit detailliert auseinander und sucht nach einer theoretischen Abhandlung unterstützende Aussagen in Interviews mit Betroffenen und Betreuern.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
THEORETISCHER TEIL
I. Ambulante Wohnungsbetreuung
I.1. Allgemeines Verständnis von „Ambulanter Wohnungsbetreuung“
I.2. Entstehung und Geschichte
I.3. Aktuelle Situation
II. Exkurs: Wohnen als Grundbedürfnis des Menschen
II.1. Anthropologisches Verständnis vom Wohnen
II.2. Wohnen als psychologisches Grundbedürfnis des Menschen
III. Geistige Behinderung und psychische Erkrankungen
III.1. Das pädagogische Dilemma der Begriffsbestimmung
III.2. Definitionsgrundlagen
III.2.1. Geistige Behinderung
III.2.1.1. Geistige Behinderung als soziale Konstruktion
III.2.1.2. Vorurteile gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung als Stigma
III.2.2. Psychische Erkrankung
III.2.2.1. Psychische Erkrankungen als Ausdruck veränderter Entwicklungspfade
IV. Psychische Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung – Ein langer Weg der Erkenntnis
V. Doppeldiagnosen
V.1. Allgemeines Verständnis von sogenannten Doppeldiagnosen
V.2. Epidemiologie, Prävalenz und Symptomatik
V.3. Besonderheiten in dem Erscheinungsbild von psychischen Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung
V.4. Erhöhte Risikofaktoren in der Sozialisation von Menschen mit geistiger Behinderung
VI. Exemplarische Darstellung der Entstehung von psychischen Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung am Beispiel von Verhaltensauffälligkeiten
VII. Rehistorisierende Diagnostik als Schlüssel zum Verstehen
VIII. Ambulante Wohnungsbetreuung bei Menschen mit Doppeldiagnosen
VIII.1. Arbeitsschwerpunkte in der ambulanten Wohnungsbetreuung
VIII.2. Welcher Zusammenhang besteht zwischen der ambulanten Wohnungsbetreuung und der Doppeldiagnose?
VIII.3. Besonderheiten in der Betreuung von Menschen mit Doppeldiagnosen
VIII.4. Macht und Ohnmacht in der Betreuung
EMPIRISCHER TEIL
QUALITATIVE ERHEBUNG
IX. Methodische Vorbereitung und Durchführung der Interviewerhebung
X. Durchführung der Interviews
X.1. Auswahl der Institution
X.2. Auswahl der Interviewpartner
X.3. Kontaktaufnahme und Rahmenbedingungen der Interviews
X.4. Kurzbiografien der interviewten Klienten
X.4.1. Biografischer Hintergrund von Tim
X.4.2. Biografischer Hintergrund von Olaf
XI. Auswertung der Interviews
XI.1. Auswertung der Interviewaussagen von Tim
XI.2. Auswertung der Interviewaussagen von Olaf
XI.3. Auswertung der Interviewaussagen von Betreuer 1
XI.4. Auswertung der Interviewaussagen von Betreuerin 2
XII. Interpretation der Interviewaussagen
XII.1. Interpretation der Klienteninterviews
XII.2. Interpretation der Interviews mit dem Fachpersonal
XII.3. Zusammenfassende Darstellung der Erkenntnisse aus den Interpretationen
XIII. Gesamtzusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den spezifischen Betreuungsbedarf von Menschen mit einer geistigen Behinderung und einer gleichzeitigen psychischen Erkrankung (Doppeldiagnosen) im Kontext der ambulanten Wohnungsbetreuung. Ziel ist es, die Herausforderungen der pädagogischen Arbeit bei Doppeldiagnosen wissenschaftlich zu analysieren und durch eine qualitative, fallbasierte Studie neue Erkenntnisse für die Betreuungspraxis zu gewinnen, um die Lebensqualität und Selbstständigkeit der Betroffenen zu fördern.
- Wohnen als existentielles Bedürfnis und dessen Bedeutung für Menschen mit Behinderungen
- Konzeptionelle Herausforderungen und Machtaspekte in der ambulanten Wohnungsbetreuung
- Theoretische Auseinandersetzung mit den Begriffen "geistige Behinderung" und "psychische Erkrankung"
- Analyse der Betreuungssituation von Klienten mit Doppeldiagnosen
- Qualitative Untersuchung mittels Experteninterviews zur Praxis des therapeutischen Arbeitens
Auszug aus dem Buch
III.1. Das pädagogische Dilemma der Begriffsbestimmung
Bei der Klärung, welches allgemeingültige Verständnis von psychischen Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung (sogenannte Doppeldiagnosen) in der Behindertenpädagogik vorherrscht, verdeutlichte sich das Problem der allgemeingültigen Begriffsbestimmung.
So sind die diesbezüglich in den Sozialwissenschaften verwendeten Fachbegriffe, wie z. B. Verhaltenauffälligkeiten, Krisen oder psychische Störungen, nicht eindeutig und allgemeingültig definiert, sondern werden in vielfältiger Weise unschlüssig, mehrdeutig, missverständlich bzw. verschwommen oder auch trotz Unterschiedlichkeit synonym verwendet.
Nach THEUNISSEN besteht diese Sachlage auf mindestens drei Ebenen:
1. Es sind zu wenig Begriffe zur Erfassung der Komplexität des Geschehens in der Behindertenhilfe verfügbar.
2. Die tatsächlich vorhandenen Begriffe sind in der Praxis teilweise unbekannt oder werden verwechselt.
3. Die inhaltliche Bestimmung der Begriffe ist partiell nur sehr unzureichend an einem fundierten Fachverständnis orientiert. Statt dessen dominiert vielfach ein Alltagsverständnis, verbunden mit subjektiven Interpretationen und lokalen Theorien sowie einer Vermischung von Beschreibung und Bewertung.
(vgl. Theunissen 2003; S. 2)
Bezogen auf die vorliegende Arbeit verdeutlichte sich diese Problematik an dem Begriff der „psychischen Störung“, da diese nicht unbedingt differenziert von der „psychischen Erkrankung“ verwendet wird. So betrachtet z. B. LINGG eine psychische Erkrankung als eine Störung im Dialog mit seiner Umwelt, und schlägt vor, Begriffe wie „Verhaltensstörung“, „psychische Störung“, „Persönlichkeitsstörung“ oder „seelische Behinderung“ infolge ihrer individuumszentrierten bzw. täterfixierten Betrachtungsweise durch „psychosoziale Auffälligkeit“ oder „Verhaltensauffälligkeit“ zu ersetzen, da der Begriff der „Auffälligkeit“ den Beobachter durch den Moment der „subjektiven Betroffenheit“, z. B. das durch die Veraltensauffälligkeit ausgelöste Gefühl der Hilflosigkeit, und den sozialen Kontext einbezieht (vgl. Lingg 1994; S. 22).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Ambivalenz in der ambulanten Wohnungsbetreuung von Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung sowie die Notwendigkeit, diese Doppeldiagnosen theoretisch und praktisch besser zu verstehen.
THEORETISCHER TEIL: Dieser Teil legt die wissenschaftlichen Grundlagen dar, von den Definitionen geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung bis hin zum Wohnen als Grundbedürfnis und dem Konzept der rehistorisierenden Diagnostik.
EMPIRISCHER TEIL: Im empirischen Teil werden qualitative Experteninterviews durchgeführt, um die theoretischen Erkenntnisse mit der praktischen Arbeit in der Wohnungsbetreuung abzugleichen und neue Perspektiven auf das Betreuungsverhältnis zu gewinnen.
Gesamtzusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht, dass die Betreuung von Menschen mit Doppeldiagnosen eine verstehende Diagnostik, eine tragende Beziehung und eine Abkehr von rein defizitorientierten Ansätzen erfordert.
Schlüsselwörter
Ambulante Wohnungsbetreuung, geistige Behinderung, psychische Erkrankung, Doppeldiagnosen, Normalisierung, Stigmatisierung, Lebensweltorientierung, rehistorisierende Diagnostik, Verhaltensauffälligkeiten, individuelle Biografiearbeit, psychiatrische Unterstützung, pädagogisches Handeln, Partizipation, Empowerment, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den besonderen Anforderungen an die ambulante Wohnungsbetreuung von Menschen, bei denen sowohl eine geistige Behinderung als auch eine psychische Erkrankung vorliegen, die sogenannten Doppeldiagnosen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Wohnen als Grundbedürfnis, die Schwierigkeiten der Begriffsbestimmung von psychischen Störungen bei geistiger Behinderung, institutionelle Rahmenbedingungen und die Bedeutung der Biografiearbeit.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Lebenswirklichkeit und den besonderen Unterstützungsbedarf von Klienten mit Doppeldiagnosen zu entwickeln, um die Betreuungspraxis zu optimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine explorative, fallbasierte Studie in Form von qualitativen Experteninterviews mit Betreuern und betroffenen Klienten genutzt, ergänzt durch eine Literaturanalyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Abschnitt, der Definitionen und Forschungskontexte klärt, und einen empirischen Teil, der durch Interviews Erkenntnisse aus der Praxis der Wohnungsbetreuung gewinnt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Doppeldiagnosen, ambulante Wohnungsbetreuung, geistige Behinderung, pädagogisches Handeln, Rehistorisierung und Stigmatisierung.
Warum wird im Kontext von geistiger Behinderung von "sozialer Konstruktion" gesprochen?
Es wird argumentiert, dass Behinderung nicht nur eine biologische Gegebenheit ist, sondern maßgeblich durch gesellschaftliche Zuschreibungen, Institutionen und die Art und Weise der sozialen Reaktion auf Abweichungen definiert wird.
Was ist das zentrale Ergebnis in Bezug auf die Arbeit der Betreuer?
Die Betreuer erleben die Betreuung als hochkomplex und fordernd; sie betonen, dass eine verlässliche Beziehungsarbeit und ein interdisziplinäres Verständnis wichtiger sind als rein medizinisch-diagnostische Kategorisierungen.
- Quote paper
- Diplom Pädagogin Wiebke Oetjen (Author), 2006, Ambulante Wohnungsbetreuung von Menschen mit einer geistigen Behinderung und einer psychischen Erkrankung (Doppeldiagnosen)., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69448