Nahezu die Hälfte seines Lebens hat Joseph Goebbels in Tagebüchern festgehalten. Die Eintragungen zwischen 1923 und 1945 umfassen seine politische Karriere in der NSDAP vom Gauleiter in Berlin (1926) und Reichstagsabgeordneten (1928) zum Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda (1933) und schließlich Generalbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz (1944). Welche Bedeutung die Tagebücher für Goebbels hatten, belegen nicht nur Zeitspanne und Umfang der Eintragungen, welche der Nationalsozialist bis zum Angriff gegen Russland 1941 handschriftlich verfasst und anschließend bis April 1945 diktiert hatte, sondern auch, dass der Reichsminister sämtliche Eintragungen auf Glasplatten sichern ließ, damit diese über das Kriegsende hinaus erhalten bleiben.
Entdeckt wurden die Kopien 1992 im Sonderarchiv in Moskau, das Institut für Zeitgeschichte in München veröffentlichte die Goebbels-Tagebücher. Die bisher 27-bändige Edition ist Grundlage dieser Analyse, welche Goebbels persönliche Sicht auf den Sport und dessen propagandistische Nutzung untersuchen soll. Es werden nur die Tagebuch-Eintragungen zwischen Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 berücksichtigt, weil im Krieg die sportlichen Wettbewerbe zunehmend ausgesetzt wurden und Goebbels dem Sport aufgrund des Kriegsgeschehens und seiner eigentlichen Betätigungsfelder Kunst und Medien vermutlich kaum Beachtung geschenkt haben dürfte.
In der Friedensphase des Nationalsozialismus sind die olympischen Spiele in Garmisch und Berlin sowie zahlreiche Boxkämpfe von Max Schmeling angesiedelt. Die Analyse beschränkt sich auf diese beiden Themen, um die Anzahl der Eintragungen zu begrenzen. In Goebbels Tagebücher finden sich zwar zahlreiche Nennungen von Wettkämpfen und Sportlern, denen aber nur ein bis zwei Zeilen gewidmet sind, welche selten über eine faktische Darstellung mit Ort, Sportart und Ergebnis hinausgehen und somit wenig aussagekräftig sind.
Olympia und die Boxkämpfe von Schmeling sind die einzigen Sportereignisse, die von Goebbels in seinen Tagebüchern über einen längeren Zeitraum erwähnt werden und umfangreicher ausfallen. Nicht zuletzt ist die Wahl so ausgefallen, weil die sportlichen Wettkämpfe durch den Nationalsozialismus politisch vereinnahmt und Goebbels Ministerium instrumentalisiert wurden. Wie sich die propagandistische Nutzung des Sports in den Tagebuch-Eintragungen widerspiegelt soll ebenfalls Teil dieser Analyse sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Boxkämpfe von Max Schmeling
2.1. Schmeling privat
3. Olympische Spiele 1936
3.1. Sommerspiele in Berlin
3.2. Winterspiele in Garmisch
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Tagebücher von Joseph Goebbels im Zeitraum vom 30. Januar 1933 bis zum 1. September 1939, um die persönliche Sicht des NS-Propagandaministers auf den Sport und dessen propagandistische Instrumentalisierung zu untersuchen.
- Rolle des Sports in der nationalsozialistischen Propaganda
- Analyse der Tagebuch-Einträge zu Max Schmeling
- Untersuchung der olympischen Spiele 1936 als Inszenierung
- Vergleich zwischen den Sommer- und Winterspielen
- Bewertung der propagandistischen Vereinnahmung sportlicher Erfolge
Auszug aus dem Buch
3. Olympische Spiele 1936
Für das Jahr 1936 wurden die olympischen Winter- und Sommerspiele nach Deutschland vergeben, welche sich als sportliche Veranstaltung stark von Schmelings Boxkämpfen unterscheiden. Die olympischen Spiele sind eine kompakte und internationale Veranstaltung mit verschiedenen Sportarten, welche sich oftmals nicht auf einen klaren Gegner beschränken, und nicht zuletzt wird die Weltöffentlichkeit erreicht. So setzen auch Goebbels Tagebuch-Eintragungen zu Olympia zeitlich weit vor dem Ereignis ein und steigern sich in ihrer Häufigkeit bis zu täglichen Bemerkungen während der Spiele. Zum ersten Mal werden die olympischen Spiele vom Goebbels im Januar 1935 erwähnt als er nach Garmisch fährt, das Eisstadion besichtigt, Skilaufen sowie Skispringen verfolgt und selbst eine Fahrt durch die Bobbahn wagt. In den folgenden Tagebuch-Eintragungen bis zu den Winterspielen im Februar 1936 wird nicht ohne Weiteres deutlich, ob sich die Bemerkungen von Goebbels auf die Spiele in Garmisch oder in Berlin beziehen.
Hier werden alle nicht zuordenbaren Eintragungen den Sommerspielen zugeschrieben, weil Goebbels den Spielen in der Hauptstadt, wo er auch überwiegend seine Arbeit erledigte, eine größere Bedeutung beigemessen haben dürfte. Auch im Allgemeinen wird den Sommerspielen die wichtigere Stellung zugestanden, aufgrund ihres Ursprungs im antiken Griechenland und der höheren Anzahl von Sportarten und Teilnehmern, während olympische Winterspiele erst seit 1924 ausgetragen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Bedeutung der Goebbels-Tagebücher als Quelle und definiert den Untersuchungszeitraum sowie die Beschränkung der Analyse auf die Themen Olympia und Max Schmeling.
2. Boxkämpfe von Max Schmeling: Dieses Kapitel beleuchtet, wie Goebbels Boxkämpfe ausschließlich als propagandistisches Mittel zur Demonstration nationaler Überlegenheit nutzte und den Sportler dabei jeglicher Individualität beraubte.
2.1. Schmeling privat: Hier werden die wenigen persönlichen Begegnungen zwischen Goebbels und Schmeling sowie der Umgang mit Schmelings Ehefrau Anny Ondra behandelt.
3. Olympische Spiele 1936: Der Abschnitt untersucht, wie Goebbels Olympia als große Propagandabühne für das NS-Regime wahrnahm und sich primär in die organisatorische und ästhetische Gestaltung einmischte.
3.1. Sommerspiele in Berlin: Es wird analysiert, wie die Sommerspiele von Goebbels als Werkzeug für eine perfekte Außenwirkung genutzt wurden, wobei der sportliche Wettkampf selbst kaum Interesse fand.
3.2. Winterspiele in Garmisch: Dieses Kapitel stellt fest, dass Goebbels den Winterspielen etwas mehr sportliches Interesse entgegenbrachte und weniger Kritik an der Gestaltung äußerte als bei den Sommerspielen.
4. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass Sport in den Tagebüchern keine bedeutende Rolle spielt und Goebbels die Ereignisse lediglich zur Stilisierung deutscher Siege im Sinne seiner Propaganda instrumentalisierte.
Schlüsselwörter
Joseph Goebbels, Tagebücher, Nationalsozialismus, Sportpropaganda, Max Schmeling, Olympische Spiele 1936, Ideologie, Instrumentalisierung, Antisemitismus, Rassenwahn, Außenwirkung, NS-Regime, Berlin, Garmisch, Sportpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie Joseph Goebbels in seinen Tagebüchern den Sport wahrgenommen und propagandistisch genutzt hat.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen die Boxkämpfe von Max Schmeling sowie die olympischen Sommer- und Winterspiele 1936.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll analysiert werden, inwieweit der Sport ein integraler Bestandteil der NS-Propaganda in den Goebbels-Tagebüchern war und wie er für die Außendarstellung des Regimes instrumentalisiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine quellenkritische Analyse der 27-bändigen Edition der Goebbels-Tagebücher unter Berücksichtigung des spezifischen Untersuchungszeitraums.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Untersuchung der Boxkämpfe von Max Schmeling, inklusive privater Aspekte, sowie eine differenzierte Betrachtung der olympischen Sommer- und Winterspiele.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Propaganda, Sportinstrumentalisierung, Rasseideologie, öffentliche Inszenierung und Nationalsozialismus geprägt.
Wie bewertet Goebbels sportliche Leistungen in seinen Aufzeichnungen?
Goebbels bewertet sportliche Leistungen fast ausschließlich nach ihrem propagandistischen Wert für Deutschland; eine sportliche Begeisterung oder Wertschätzung der Athleten ist kaum erkennbar.
Warum widmet Goebbels den Winterspielen in Garmisch mehr Aufmerksamkeit als den Sommerspielen?
Die Arbeit legt nahe, dass Goebbels während der Winterspiele erstmals Erfahrungen mit der propagandistischen Wirkung solcher Großereignisse sammelte, was zu einer leicht positiveren Wahrnehmung führte.
- Quote paper
- Christina Quast (Author), 2006, Joseph Goebbels und der Sport, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69527