"Politische" Theorie des Krieges mag manchem als Widerspruch in sich erscheinen. So wird der Krieg heute auch in der Forschung gerade als das Scheitern aller politischen Bemühungen empfunden. Als etwas, das "nach" der Politik kommt. In Deutschland wird sich dem Thema Krieg daher meist von einem rechtstheoretischen oder einem ethisch-moralischen Standpunkt aus genähert. Ein rechtstheoretischer Ansatz kann jedoch nur darüber Auskunft geben, wann ein Krieg legal ist, der moraltheoretische, wann er legitim ist. Beides ist kaum geeignet, zu klären, welche Funktion der Krieg im politischen Prozess erfüllt. Die Grundlage dieser Arbeit ist die These, dass gerade derjenige, der Krieg nicht führen will, ihn stattdessen notwendigerweise denken muss: Um eine Vorstellung davon zu erhalten, warum Menschen Krieg führen und welchen Platz der Krieg in der Politik hat beziehungsweise welche Wechselwirkungen zwischen beiden existieren. In diesem Sinne hat niemand den Krieg so ausführlich gedacht wie Carl von Clausewitz (1770-1831). Bis heute bietet sein Werk "Vom Kriege" die einzige umfassende Theorie des Krieges. Ich bin der Ansicht, dass es für die Forschung ein lohnenswertes Unterfangen ist, zu prüfen, inwieweit Clausewitz' Ideen noch geeignet sind, die heutige Wirklichkeit des Krieges abzubilden und zu beschreiben; wo gegebenenfalls Anpassungen an die Gegenwart zwingend notwendig werden. Ich behaupte, dass künftige Ansätze zu einer politischen Theorie des Krieges adäquate Antworten auf die Grundfragen finden müssen, die bereits Clausewitz durch seine Ideen thematisiert hat. In diesem Sinne versuche ich in dieser Arbeit, wie Clausewitz den Krieg zu denken, um das diskursive Feld dieser Grundfragen vor dem Leser auszubreiten.
Inhaltsverzeichnis
1. Den Krieg denken
2. Zur politischen Theorie des Krieges
2.1 Vom „Kabinettskrieg“ zum „Volkskrieg“: Clausewitz und der Wandel des Krieges an der Schwelle zum 19. Jahrhundert
2.2 Der „Begriff“ des Krieges
2.3 Der Krieg als politisches Mittel
2.4 Thematische Ausgestaltung der Theorie
2.4.1 Existentielle und instrumentelle Kriegsauffassung
2.4.2 Angriff und Verteidigung
2.4.3 Entscheidungsschlacht und Volkskrieg
2.5 Die Clausewitz-Kritik
3. Kriegsdefinitionen
4. Krieg, Völkerrecht und Moral
4.1 Wie begründet man einen Krieg? Aktuelle Entwicklungen zu einer zwingenden Frage
4.2 Krieg zwischen Völkerrecht und Moral
4.2.1 Die Entwicklung des modernen Völkerrechts und der Einfluss der Moral
4.2.2 Zur moralischen Begründung von Kriegen
4.3 „Gerechter Krieg“ und „Gerechter Feind“
4.4 Vom Primat der Politik zum Primat der Moral?
5. Machtpolitik und kooperative Politik im Widerstreit
5.1 Offene Fragen zu Clausewitz' Theorie
5.2 Clausewitz und die Theorie rationaler Entscheidung
5.3 Kooperation und Konflikt in den internationalen Beziehungen
5.4 Rationalität in den internationalen Beziehungen – eine Bestandsaufnahme
6. Praktische Anwendungsmöglichkeit der Theorie am Beispiel der Kriegsentscheidungen der Bundesrepublik Deutschland
6.1 Entscheidung über einen Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan
6.2 Entscheidung über einen Auslandseinsatz der Bundeswehr im Irak
6.3 Trifft die Bundesrepublik Kriegsentscheidungen im Sinne Clausewitz' ?
7. Clausewitz und das 21. Jahrhundert
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz der politischen Theorie des Krieges von Carl von Clausewitz für die heutige Zeit. Das primäre Ziel ist es zu klären, inwieweit seine historischen Ideen für die moderne Politikwissenschaft fruchtbar gemacht werden können und ob sie bei aktuellen Kriegsentscheidungen weiterhin als analytisches Modell dienen.
- Analyse des Clausewitzschen Begriffs des Krieges und dessen politischer Funktionalität.
- Gegenüberstellung von existentieller und instrumenteller Kriegsauffassung.
- Diskussion des Spannungsfeldes zwischen Völkerrecht, Moral und machtpolitischen Interessen.
- Verknüpfung der klassischen Theorie mit modernen Ansätzen wie Rational Choice und Spieltheorie.
- Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse auf Fallbeispiele deutscher Außenpolitik (Afghanistan und Irak).
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Existentielle und instrumentelle Kriegsauffassung
Es gibt also eine Art von Krieg, die dem „reinen Begriff“ des Krieges sehr nahe kommt. Dieser trete dort auf, wo politischer Zweck und kriegerisches Ziel zusammenfallen: Was bislang als kriegerisches Ziel definiert wurde, den Gegner im Gefecht zu besiegen, wird durch nichts nach dem Krieg (politischer Zweck) abgelöst. Den Gegner zu schlagen, ist in dieser Art von Krieg der einzige Grund, ihn überhaupt zu führen. Den Ursprung dessen macht Clausewitz darin aus, dass die ursprünglichen Zwecke oder Motive des Krieges so „großartig“ waren, dass sie gleich das gesamte Dasein der Völker tangierten und im Endeffekt nur eine politische Entscheidung.
Auf der anderen Seite existierten auch Kriege, die sich sehr vom reinen Begriff des Krieges unterscheiden: In ihnen lässt sich ein politischer Zweck, also warum Krieg geführt wird, eindeutig von den kriegerischen Zielen im Krieg unterschieden. In Kapitel 2.3: Der Krieg als politisches Mittel wurde deutlich gemacht, dass sich die Anstrengungen in solchen Kriegen nach der Stärke des politischen Zweckes richten. Wenn der Zweck schwach ist und sich die Anstrengungen zum Erreichen des Zweckes mit dessen Wert nicht wenigstens die Waage halten, wird ein solcher Krieg der Regel nach durch einen Friedensschluss zu beenden versucht. Die starke Betonung des politischen Zweckes sorgt für die Einhegung dieser Kriege.
Es ist nun nicht so, dass man sagen könnte, der eine Krieg sei nicht politisch und der andere sei es; Clausewitz hat ja deutlich gemacht, dass in der Realität jeder Krieg durch äußere Einflüsse beeinflusst wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Den Krieg denken: Diese Einleitung führt in die historische Entwicklung der Kriegsauffassungen seit der Aufklärung ein und verortet Clausewitz' Werk in diesem Kontext.
2. Zur politischen Theorie des Krieges: Das Kapitel erläutert den Wandel vom Kabinetts- zum Volkskrieg und analysiert den zentralen Begriff sowie die politische Instrumentalität des Krieges bei Clausewitz.
3. Kriegsdefinitionen: Eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen wissenschaftlichen und juristischen Definitionen von Krieg im Vergleich zu Clausewitz.
4. Krieg, Völkerrecht und Moral: Untersucht das Spannungsfeld zwischen den normativen Anforderungen des modernen Völkerrechts und den tatsächlichen machtpolitischen Begründungen von Kriegen.
5. Machtpolitik und kooperative Politik im Widerstreit: Verknüpft Clausewitz' Theorie mit modernen wirtschaftswissenschaftlichen Modellen wie Rational Choice und der Spieltheorie.
6. Praktische Anwendungsmöglichkeit der Theorie am Beispiel der Kriegsentscheidungen der Bundesrepublik Deutschland: Analysiert die Einsätze der Bundeswehr in Afghanistan und im Irak anhand der erarbeiteten theoretischen Kriterien.
7. Clausewitz und das 21. Jahrhundert: Ein abschließendes Fazit, das die dauerhafte Relevanz der Clausewitzschen Denkkategorien für eine rationale Politikgestaltung unterstreicht.
Schlüsselwörter
Carl von Clausewitz, politischer Zweck, Kriegstheorie, Rational Choice, Spieltheorie, Völkerrecht, moralische Kriegsführung, Entscheidungsschlacht, Volkskrieg, Friedenssicherung, Machtpolitik, Realismus, Interdependenz, Bundeswehr, Kriegsentscheidung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die politische Theorie des Krieges nach Carl von Clausewitz und untersucht deren Anwendbarkeit und Relevanz für moderne politische Konflikte und Entscheidungsfindungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Kriegsdefinition, der Rolle der Moral und des Völkerrechts, der Anwendung spieltheoretischer Ansätze auf kriegerische Logik sowie der Analyse aktueller deutscher Auslandseinsätze.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, Clausewitz' theoretische Werkzeuge für die moderne Politikwissenschaft nutzbar zu machen und zu prüfen, ob sie bei aktuellen Kriegsentscheidungen zur analytischen Schärfung beitragen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit ist als empirisch-analytische Studie angelegt, die durch eine politiktheoretische Rekonstruktion nach dem Prinzip der Sinnhaftigkeit und der Konsistenz ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil deckt die theoretischen Grundlagen bei Clausewitz, die Definitionsproblematik, moralische Aspekte der Kriegsbegründung und die Integration von Rational-Choice-Modellen ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Clausewitz, politischer Zweck, Rationalität, Völkerrecht, Machtpolitik und strategische Interdependenz.
Warum wurde gerade die Bundeswehr als Fallbeispiel gewählt?
Die Bundeswehr-Einsätze dienen als aktuelle Praxisbeispiele, um die theoretischen Kategorien der Kriegsführung an realen, politisch kontrovers diskutierten Entscheidungen zu prüfen.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Moral in Kriegen?
Die Arbeit warnt vor einer Überhöhung moralischer Gründe, da diese oft als Instrument zur Eskalation dienen können, statt den Krieg im Sinne Clausewitz' rational zu begrenzen.
Kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass Clausewitz veraltet ist?
Nein, die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass Clausewitz' Kategorien auch heute noch analytisch wertvoll sind, um die Logik hinter kriegerischen Entscheidungen zu verstehen.
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- M. A. Tim Frodermann (Author), 2006, Krieg denken. Grundfragen zur politischen Theorie des Krieges im Anschluss an Carl von Clausewitz., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69531