Wandervogel und Wilde Cliquen


Hausarbeit, 2000

31 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Historischer Überblick als Einstieg zur Entstehung des Wandervogels und der Wilden Cliquen

2. Entstehungsgeschichte der Wandervögel

3. Die soziale Herkunft der Wandervögel

4. Ziele und Ideale der Wandervögel

5. Der Wandervogel und seine Gruppen
5.1 Aufbau der Organisation
5.2 Der Wandervogel „auf Fahrt“
5.3 Die Wandervogelführer

6. Der Lebensstil der Wandervögel
6.1 Das Wandern, Singen und Musizieren
6.2 Lebensreform – Abstinenz von Alkohol und Nikotin

7. Jungen und Mädchen im Wandervogel
7.1 Charakteristik der Jungen und Mädchen
7.1.2 Der Wandervogel – Junge
7.1.2 Das Wandervogel – Mädchen
7.2 Die Gleichberechtigung der Geschlechter im Wandervogel

8. Wilde Cliquen

9. Aktueller Bezug

Literaturverzeichnis

1. Historischer Überblick als Einstieg zur Entstehung des Wandervogels und der Wilden Cliquen

1871 : Reichsgründung[1]

Das Deutsche Reich war aufgrund eines Staatsvertrags zwischen dem Norddeutschen Bund und den süddeutschen Fürsten entstanden und noch während des Krieges, am 18. Januar 1871, wurde der preußische König Wilhelm I. von den deutschen Fürsten zum deutschen Kaiser proklamiert.

Der vom Kaiser zum Reichskanzler ernannte Otto von Bismarck prägte in den nächsten zwei Jahrzehnten durch seine Bündnispolitik das politische Bild Europas.

1878 : Der Berliner Kongress

Der drohende europäische Krieg wurde auf dem Berliner Kongress durch die „Vermittlerfunktion“ Deutschlands und damit Bismarcks noch einmal verhindert und das europäische Gleichgewicht wiederhergestellt (das Ansehen des deutschen Reiches war damit stark gewachsen).

Um dieses Gleichgewicht beibehalten zu können, baute Bismarck im Laufe der 80er Jahre ein kompliziertes europäisches Bündnissystem auf.

Da die Kolonialpolitik zum Konflikt mit den Interessen anderer Mächte führen musste, wollte Bismarck für das Deutsche Reich keine Kolonien erwerben. Einmischung in die Weltpolitik konnte die europäische Sicherung des Reiches gefährden. Erst nach 1890, nach Bismarcks Entlassung, sah die offizielle deutsche Politik der Kolonialbesitz als wünschenswert an.

1878 - 1890: Das Sozialistengesetz

Nachdem 1878 zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I. verübt worden waren, benutzte Bismarck diese Gelegenheit, um gegen die Sozialdemokraten vorzugehen und der neugewählte Reichstag nahm 1878 ein „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ an.

Dieses Gesetz verbot alle „sozialdemokratischen, sozialistischen oder kommunistischen“ Ver-sammlungen und Vereinigungen, auch die Gewerkschaften. Sie durften sich jedoch weiter an den Reichstagswahlen beteiligen und gewannen immer mehr Wähler, das Sozialistengesetz hatte sich als totaler Fehlschlag erwiesen und 1890 wurde das Gesetz wieder aufgehoben.

1883 - 1889: Die soziale Gesetzgebung

Diese Gesetzgebung der 80er Jahre gab den Arbeitern eine vom Staat gewährleistete Sicherheit für Alter, Krankheit und Invalidität. Bismarck hoffte, sie dadurch (trotz der Sozialistengesetze) besser an den Staat binden zu können.

Bismarcks Innenpolitik ermöglichte den Bürgern keine verantwortliche Mitarbeit am Staat.

Am 20. März 1890 wurde Bismarck von Kaiser Wilhelm II. (seit 1888) entlassen. Schon einige Jahre später war die Bündnispolitik Bismarcks durch den „neuen Kurs“ hinfällig und das Deutsche Reich sah sich einer Zweifrontenbedrohung (Russland - Frankreich) gegenüber.

1890 - 1918: Der Imperialismus[2]

Ausbeutung der Beherrschten, militärische Macht und Prestige, Erfolge im politischen und wirtschaftlichen Konkurrenzkampf der großen Mächte galten als Ausdruck nationaler Größe, der Gedanke des Nationalstaates hatte sich in allen europäischen Völkern durchgesetzt.

Der Nationalismus steigerte sich zum nationalistischen Imperialismus; Völker ohne großen Kolonialbesitz fürchteten, für immer aus dem Kreis der „Weltmächte“ ausgeschlossen zu bleiben, wenn sie nicht rasch ihren Fuß auf die „letzten weissen Flecken“ der Weltkarte setzten.

Es breitete sich die Überzeugung aus, das eigene Volk habe eine besondere Sendung in der Welt zu übernehmen, weil es moralisch höherstehend sei als andere Völker. Man begann andere Völker zu verachten. Die Politik des nationalistischen Imperialismus minderte die Kompromissbereitschaft und gewöhnte die Völker an den Gedanken, dass nur ein Krieg die Gegensätze beseitigen könne.

Weite Kreise waren zu der Auffassung gekommen, dass wie im Tierreich auch in Wirtschaft und Politik der „Kampf ums Dasein“ (Sozialdarwinismus) herrschen würde und nur die stärksten Nationen überleben könnten. Wer vom „Recht des Stärkeren“ sprach, musste die Macht verherrlichen, für ihn lag es nahe, den Stärkeren als den Besseren anzusehen, die Menschen in höhere und niedere Rassen einzuteilen.

Überall in der Welt entstanden neue Reibungsflächen, europäische Probleme waren nicht mehr allein entscheidend; wirtschaftliche Fragen gewannen zunehmenden Einfluss auf die Politik.

Die europäische Industriegesellschaft

Industrialisierung und Bevölkerungsvermehrung führten zu einem umfassenden Wandel in der Gesellschaft. Das Leben in den großen Städten bot den Menschen mehr Freiheiten, führte aber auch zur Verhaltensunsicherheit.

Während der Adel in den meisten Industrieländern seine führende Rolle aufgeben musste, ge-wann zunächst das Großbürgertum beherrschenden Einfluss. Das Aufkommen neuer Schichten, der Arbeiter und Angestellten, schränkte diese Stellung allmählich wieder etwas ein.

Große Interessenverbände entstanden. Dem gesellschaftlichen Wandel entsprach im politischen Bereich die Entwicklung zur parlamentarischen Demokratie.

Im Antisemitismus zeigte sich die verhängnisvolle Neigung der Gesellschaft, Minderheiten zu missachten und zu verfolgen.

Am Ende des Jahrhunderts regte sich in vielen Menschen das Gefühl eines Überdrusses an der Zivilisation.

Der Weg in den Krieg (1894 - 1914)

Stärker als vorher verflochten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die weltpolitischen Gegensätze mir dem Kräftespiel in Europa. Die ständigen Krisen zeigten die zunehmende Gefahr eines kriegerischen Zusammenstoßes an und steigerten das Wettrüsten der Großmächte.

Da die Bündnisse festgelegt zu sein schienen, konnte nur ein hoher Rüstungsstand die für einen Kriegserfolg notwendige Überlegenheit gewährleisten.

Die Entwicklung von einzelnen Fürstentümern zu einem geschlossenen deutschen Kaiserreich bedeutete nicht nur politisch eine tiefgreifende Veränderung, auch für die einzelnen Menschen und ihr Gesellschaftsverständnis bedeutete dies eine Umorientierung. Nach wie vor lebte der Einzelne als Untertan innerhalb einer Monarchie, jedoch eingebettet in einen strengen (ehemals preußischen) Verwaltungsapparat, welcher unbedingte Anpassung und Unterordnung verlangte.

Der durch die Reichsgründung und den Imperialismus geweckte Nationalismus führte zu einer positiven Einstellung in Bezug auf kriegerische Auseinandersetzungen zur Durchsetzung des „eigenen moralischen Verständnisses“, durch die vorherrschende Kriegsbegeisterung und dem Gefühl, besser, stärker und moralisch im Recht zu sein, wurde das Wettrüsten vor dem 1. Weltkrieg zu einer „nationalen Aufgabe“.

Für die Jugend entwickelte sich eine starke Diskrepanz zwischen den vermittelten Werten und Normen und der vorherrschenden preußischen Obrigkeitsordnung.[3]

2. Entstehungsgeschichte der Wandervögel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schülergruppen des Gymnasiums Steglitz bei Berlin, die freiwilligen Stenographieunterricht nahmen, begannen, unter nur wenig älteren „Führern“ (ausgehend von Hermann Hoffmann) zu wandern, woraus sich innerhalb weniger Jahre regelmäßige Wanderfahrten bis zu vier Wochen (Sommer 1898) entwickelten.

Hermann Hoffmann übergab 1900 bei seinem Weggang aus Berlin dem Schüler Karl Fischer seine Gruppe mit der Bitte, diese weiterzuführen und auszuweiten. Um nicht der Willkür von Schule, Behörden oder Eltern ausgeliefert zu sein, gründete Fischer (inzwischen selber Student) im November 1901 den Verein „ Wandervogel - Ausschuß für Schülerfahrten “ (ein paar Eltern und Ältere sind rechtlich verantwortlich, sorgen für Geld und anderes, aber in das eigentliche Bundesleben haben sie sich wenig, besser gar nicht, einzumischen)

Man übernahm romantische Vorstellungen vom mittelalterlichen Scholarentum (Vagententum, 12.-13. Jh.), eine Landstreicherromantik mit Versatzstücken aus einem idealisierten Mittelalter wurde in den ersten Jahren zum Markenzeichen der Jugendbewegung. Das Vereinsregister wurde zum „Scholarenbuch“, Karl Fischer als Bundesführer führte den Titel „Oberbachant“, die Neulinge begannen als Füchse, wurden dann zu Scholaren und bekamen als Gruppenleiter den Titel Bachant.

Mädchen waren in ihren Reihen anfangs nicht zu finden und fast alle Wandervögel waren Gymnasiasten und stammten aus bürgerlichen Verhältnissen („bürgerliche Jugendbewegung“).

Aufgrund mehrerer Meinungsverschiedenheiten und der Unzufriedenheit mit dem autoritären Führungsstil Karl Fischers kam es im Juni 1904 zur ersten Spaltung des Wandervogels und zur Auflösung des AfS (Ausschuss für Schülerfahrten):

Die Bachanten Richard Weber, Bruno Thiede und Siegfried Copalle (WTC) gründeten mit 15 Gleichgesinnten den „Steglitzer Wandervogel e.V.“; anstatt des Oberbachanten wurde ein Führergremium eingesetzt, der Einflussbereich beschränkte sich auf den Berliner Raum (hier zählte die Qualität statt Quantität, im Gegensatz zur Vorliebe Fischers für die „Massenfahrten“ und die „Kilometerfresserei“), 1905 erschien das erste eigene Liederbuch.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karl Fischer gründete dann im Oktober 1904 seinen eigenen Bund, den „Altwandervogel“[6] (mit dem Anspruch, er wäre der eigentliche Traditionsbund), er blieb zünftig auf das Bachanten- und Scholarentum konzentriert und breitete sich missionseifrig schnell über die Stadtgrenzen hinweg aus. Ab Herbst 1904 studierte Fischer in Halle und versuchte von dort, als Großbachant, seine Stellung zu behaupten. Doch schon 1906 musste er zurücktreten, er hatte alle durch seine autoritäre Art verprellt, der Bund formierte sich neu nach „republikanischem Muster“ (ein fünfköpfiges Kollegium trat an die Stelle des Großbachanten).

Die Abgrenzung zu Zeitgenössischen Wander- und Touristenvereinen war den Wandervögeln besonders wichtig, man übernachtete in Bauernhäusern und Scheunen, kochte im Freien, baute Burgruinen, Stadttürme und verlassene Hütten zu „Nestern“ aus.

Parallel dazu entstanden anderswo, ähnlich wie in Steglitz, ebenfalls erste Vereinigungen. Im Norden Deutschlands zum Beispiel gründete der Student Knud Ahlborn 1905 den „Hamburger Wanderverein“ (später „Bund deutscher Wanderer“).

Seit in der Jugendbewegung die Spaltung als ein Mittel zur Konfliktlösung entdeckt worden war, erfreute sie sich einer stets zunehmenden Beliebtheit, wobei die Themen Mädchen und Alkohol im Mittelpunkt standen.

1907 stellte eine Gruppe unter der Führung von Hans Breuer einen Antrag auf Aufnahme von Mädchen und den Verbot von Alkohol beim Wandervogel und gründete dann nach Ablehnung den „Wandervogel Deutscher Bund für Jugendwandern“ (WVDB). Sie versuchten den Eintritt von Volksschülern (war kaum durchführbar aufgrund der völlig verschiedenen Lebensverläufe) und die größere Selbstbestimmung einzelner Ortsgruppen zu fördern. Ihr Ziel war eine erneute Einheit der Bewegung und sie gaben der Jugendbewegung sowohl in Bezug auf das Mädchenwandern als auch kulturell wichtige Impulse („Zupfgeigenhansl“).

Nach Gründung des ersten Mädchenbundes der Jugendbewegung, des Bundes der Wanderschwestern, klingen von Marie Luise Becker, der Frau des Wandervogel-Bundesbeirates die Aufrufe: „Warum wandern die Mädchen nicht auch: Und in der Tat, alle die erworbenen Kenntnisse, alle die hier freigewordenen Kräfte gönnte wohl jeder unseren Mädchen auch! [...] Ich hoffe auch, daß unsere Mädchen dabei so manches alte verklungene Reigenlied, so manche schöne alte Volksweise singen und – tanzen lernen werden. Wie unsere schönen Stammmütter – draußen im Freien.“[7]

Als wohl radikalster Flügel der Jugendbewegung steht der „Jungwandervogel“[8] (JWV), welcher 1910 von Willie Jansen und Willie Jahn als Protest gegen das sich ausbreitende „Oberlehrertum“, die Einmischung von Eltern, den Massenbetrieb, den Antisemitismus und die „Schwulenhatz“ im Altwandervogel gegründet wurde. Er kümmerte sich wenig um die anderen. Durch strenge „Auslese“ wurde die Mitglieder- und Führerzahl klein gehalten. Die jugendliche Autonomie wurde durch eine Altersgrenze für Führer auf 25 Jahre sichergestellt und als einziger deutscher Wandervogelbund nahm er auch offiziell an der Meißner-Feier teil.

Es entstand eine kaum noch zu überblickende Anzahl meist kleiner Gemeinschaften: Wandervogelgruppen in zahlreichen Städten, abstinente Freischaren und sonstige reformpädagogische und lebensreformerische Bünde. Gemeinsam hatten diese Zirkel die mehr oder weniger bewusste Antihaltung gegen die Starrheit der wilhelminischen Gesellschaft, gegen „Bürger- und Verbindungsmief“, gegen die Erziehungsnormen der Welt der „Alten“. Doch man war sich einig, dass diese Zersplitterung nach außen hin beendet werden musste.

Pfingsten 1910 lud Walter Illgen alle Wandervögel zu einem großen allgemeinen Kundenkonvent auf die Sachsenburg im Unstruttal ein: Über 500 folgten der Einladung und bereits im Januar 1911 gründeten der Altwandervogel und der Wandervogel DB als eine Art Dachorganisation den „Verband deutscher Wandervögel“. Im Januar 1913 kam es dann zur Vereinigung zum „Wandervogel e.V. - Bund für deutsches Jugendwandern“, welcher sich (trotz der Beitrittsweigerung einiger kleinerer Bünde und des JWV) sehr schnell festigen konnte und als Höhepunkt der Bundesgeschichte das erste Bundeslager an Ostern 1914 in Frankfurt an der Oder veranstaltete.

[...]


[1] Angaben aus: Bertelsmann Lexikon Geschichte, hrsg. vom Lexikon-Institut Bertelsmann, Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Gütersloh 1991, S. 104

[2] vgl. Hermann Kinder u. Werner Hilgermann: dtv-Atlas Weltgeschichte, Band 2, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1998, S. 377; Bertelsmann Lexikon Geschichte, a.a.O., S. 355

[3] Vgl. Franz Josef Krafeld: Geschichte der Jugendarbeit: von den Anfängen bis zur Gegenwart, Weinheim und

Basel 1984, S. 23 f.

[4] Foto u. Informationen: Korth, George: Wandervogel 1896-1906, dipla-Verlag, Frankfurt a. Main 1978, S.41-54

[5] Foto: Korth, George: a.a.O., S. 73

[6] Vgl. Kneip, Rudolf: Wandervögel – Bündische Jugend 1905-1943, dipa-Verlag, Frankfurt a. Main 1976, S.89 ff.

[7] Blüher, Hans: Wandervogel 1-3 Geschichte einr Jugendbewegung, dipa-Verlag, Frankfurt a. Main, 1976

[8] Aufmuth, Ulrich: Die deutsche Wandervogelbewegung unter soziologischem Aspekt, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1979, S. 40 f.

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Details

Titel
Wandervogel und Wilde Cliquen
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Veranstaltung
Jugendkulturen seit der Jahrhundertwende
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
31
Katalognummer
V69578
ISBN (eBook)
9783638629959
Dateigröße
5032 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandervogel, Wilde, Cliquen, Jugendkulturen, Jahrhundertwende
Arbeit zitieren
Marco Oster (Autor:in), 2000, Wandervogel und Wilde Cliquen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69578

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