Identität und Emotionalität im Königinnenstreit - Die 14 Aventiure des Nibelungenliedes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
24 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1. Identität
2.2. Emotionalität
2.3. Geschlecht
2.4. Performativität

3. Forschungsstand

4. Der Analysegegenstand: Die 14. Aventiure in ihrem Kontext

5. Textanalyse: Der Königinnenstreit

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In mittelalterlichen Epen und Romanen tauchen höfische Damen, Könige und Ritter auf, die vielfach erscheinen, als seien sie schablonenhaft gezeichnet; in ihrem Verhalten streng an Ritualen orientiert, in den Dichter-Beschreibungen mehr typenhaft denn individualistisch gezeichnet. Dennoch ist es nach heutigem mediävistischem Forschungsstand ungenügend, bloße Typen auszumachen oder – das andere Extrem – psychologisierend die Handlungsmotivationen einzelner Figuren zu untersuchen. Statt dessen können wir moderne Identitätstheorien aus heuristischem Interesse an mittelalterliche Literatur herantragen, um zu untersuchen, wie die Identitätsbildung der Figuren beschrieben wird, welche Gender-Konflikte zu Tage treten und wie Emotionen beschrieben werden, welche Funktionen sie erfüllen und wie auch sie evtl. Ausdruck von Identitäten und Gesellschaftssystemen sind. Eine solche Untersuchung soll diese Arbeit leisten; exemplarisch an einer der im Hinblick auf diese Kategorien auffälligsten und umstrittensten Szenen der deutschen mittelalterlichen Literatur: dem Königinnenstreit des Nibelungenlieds (NL)[1]. Dieses Epos[2] liefert uns zwei nur schwer durch Typisierungen erfassbare Frauengestalten, die in der 14. Aventiure um Rangfragen streiten und damit aus dem modernen Blickwinkel die Frage nach ihren sozialen Identitäten aufwerfen. Der Textanalyse voraus gehen drei notwendige Kapitel zum Theorierahmen (2), zum Forschungsstand der hier skizzierten Themen (3) und zum inhaltlichen Kontext der 14. Aventiure (4). In der Textanalyse (5) wird dann chronologisch dem Text gefolgt und stetig gefragt, welche identitätsbildenden Aspekte der Dichter[3] den Frauen zugeschrieben hat, wie ihre Äußerungen auf ihre Selbstbilder schließen lassen, welche geschlechtsspezifischen Probleme, oder zumindest Aspekte, deutlich werden und wie auch Emotionen und die Performanz von Emotionen von den Figuren ausgehen und auf sie wirken sowie die Handlung vorantreiben.

2. Theoretischer Rahmen

Um die Textanalyse mit klaren Begriffen begehen zu können, lege ich kurz dar, welche soziologischen und literaturwissenschaftlichen Theorien zu Identität, Emotionalität, Geschlecht und Performativität ich bemühe und wie ich deren Annahmen verwende.[4]

2.1. Identität

Zwar gibt es immer noch Untersuchungen, die Identitäten im Mittelalter als eher statisch, gruppen- und nicht individuumsbezogen und vor allem als von ‚Außen’ wie ein Modell einseitig zugeschrieben auffassen[5], aber ich beziehe mich ausschließlich auf sozialkonstruktivistische Herangehensweisen. Im Gegensatz zu Theorien wie der erstgenannten weichen diese Lehren die Unterscheidung von ‚innen’ und ‚außen’ tendenziell auf und betonen den dialogischen und interaktiven Charakter von Identitätsbildung.[6] Dabei identifiziere ich drei ‚Arten’ von Konzepten, die sich vor allem durch Beschaffenheit und Grad des Umwelteinflusses unterscheiden. Die soziale Umwelt kann in dieser Hinsicht begriffen werden als (1) Lieferant für Gruppenzugehörigkeiten (Hahn), als (2) Spiegel für das Individuum (Hahn, Mead) oder – im weitestgehenden Verständnis - als (3) Interaktionspartner (Soeffner, Taylor).

(1) Hahns erste Identitätstheorie grenzt sich ab von bewussteinsphilosophischen Auffassungen, nach denen der Einzelne fast sozial isoliert seine ihm eigentümlichen Eigenschaften erkennen kann. Vielmehr finde die Selbstbeschreibung statt mittels angenommener Gruppenzugehörigkeiten auf der Basis von Gemeinsamkeiten und Unterschieden mit anderen (Jemand ist Mann und nicht Frau, demnach der Gruppe der Männer zugehörig). Über Inklusion betrachtet man sich als zugehörig, gleichzeitig werden Nicht-Merkmalsträger exkludiert. Weiter unterscheidet Hahn zwischen funktionalen und segmentären Differenzierungen.[7] Aber niemals besitze eine Person nur ein Merkmal: „Identifikation über eine Reihe von Identitäten impliziert .. stets eine Pluralität von in Anspruch genommenen Selbsten.“[8] Ein Einzelner kann sowohl Mann als auch Schneider als auch Deutscher sein, gleichwohl er sich in der Dimension der Nationalität auch mit deutschen weiblichen Nicht-Schneiderinnen trifft. Dieser Ansatz Hahns wird mir bei der Analyse helfen, die Identitätsdimensionen der Figuren zu fassen.

(2) In der Sozialisationstheorie erweitern Mead und später Hahn diese Vorstellung um die Reaktionsfähigkeit des sozialen Gegenübers. „Das, was der einzelne ist, erfährt er wie in einem Spiegel zuerst durch die Reaktionen des sozialen Gegenübers auf sein Handeln.“[9] Erst, wenn einem Individuum Handlungen als seine eigenen zugeschrieben werden, könne er sie auch als solche für sich anerkennen und identitätsbildend benutzen.[10] Selbstwerdung ist demnach ein durch solche Zuschreibungen angeregter kognitiver Prozess, in dem die gesellschaftliche Haltung zu einer Person als das ‚Generalisierte Andere’ aufgenommen wird und sich Schritt für Schritt in deren ‚Generalisiertes Ich’ transformiert. Die gesellschaftliche Haltung wird in einem dialogischen Prozess aber auch immer wieder hinterfragt.[11] Die Kenntnis dieser Sozialisationstheorien fließt in meinen Begriff von Identität ein, indem sie mich ‚ermahnt’, immer wieder zu prüfen, zu welchem Grad und in welcher Weise ‚das Andere’ in einer Situation für die Figur zugegen ist und welche Zuschreibungen es ihr ermöglicht.

(3) Die interaktionistische Theorie steht nicht im Gegensatz zu den Sozialisationstheorien, sondern stellt im Grunde eine Erweiterung dar, indem sie die Aspekte der Interaktion besonders betont und damit über die noch eher passive Spiegelfunktion der sozialen Umwelt hinausgeht. „We define [our identity] always in dialogue with .. the identities our significant others want to recognize in us.“[12] Damit einher geht die Annahme, dass das Subjekt zur Selbstobjektivierung fähig ist und durch den Dialog mit der Gesellschaft seine eigene Stellung in ihr identifizieren kann. „[Interaktion] definiert das Verhältnis eines einzelnen zu anderen einzelnen [und] zu einer Gemeinschaft.“[13] Für mich erweitert diese Annahme das Konzept der Sozialisation um die sichtbaren oder geschilderten Reaktionen der Gesellschaft und deren Wirkung auf die Person.

Ich benutze diese Konzepte der Identitätsbildung also, um die Situationen, in der sich Figuren (hier: die beiden Königinnen) befinden, stets daraufhin zu befragen, welche Identitätsdimensionen im jeweiligen Kontext relevant sind und wie die Frauen innerhalb und mit ihrer sozialen Umwelt agieren bzw. wie diese reagiert und welche Folgen das im Einzelnen für Selbst- und Fremdbilder der Figuren zu scheinen hat.

2.2. Emotionalität

‚Emotion’ dient in der literaturwissenschaftlichen Analyse zur Beschreibung von Gefühlszuständen, Affekten, Stimmungen und Leidenschaften als ein umfassender Hilfsbegriff, der über das individuell Erfahrene hinausreichen und die sozialen und kulturellen Dispositionen mitmeinen soll. Diese sind immer konstruiert und ihr Bedeutungsspielraum kann sowohl mithilfe der historischen Semantik als auch der Diskursanalyse erschlossen werden, denn: „Auch das Reden und das Wissen über Emotionen waren [im Mittelalter] nicht uniform, sondern von einer Vielzahl von Diskursen geprägt. Hierzu zählen [z.B.] die Seelenlehre der christlichen Theologie und Philosophie [sowie die] Wertung von Emotionen in der Medizin [u.a.].“[14] Die spezifischen Codierungen von Emotionen in literarischen Texten müssen gedeutet werden, um daraus auf evtl. identitätsbildende (oder erzähltechnische) Funktionen zu schließen. Z.B. kann die Abweichung einer Figur von Trauerritualen – wie sie im Mittelalter als verbreitet nachgewiesen sind – auf eine spezifische Eigenschaft der Figur bzw. Wirkungsabsicht des Erzählers erlauben . Ich begehe die Textanalyse auf diesem Hintergrund des Begriffs der Emotionsäußerungen ( oder –performanzen –s.2.4.) und betrachte sie im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Figur und die Reaktionen der Umwelt.

2.3. Geschlecht

Spätestens seit Aufkommen der Gender-Forschung[15] müssen bei einer Suche nach Identitäten auch geschlechtsspezifische Aspekte im Blickfeld sein. Prämisse ist dabei, sozial konstruierte Geschlechterrollen (gender) statt des biologischen Geschlechts (sex) zu fokussieren. Benutzt man den Begriff ‚Gender’, so geht es laut Klinger einerseits um die Analyse von (weiblicher oder männlicher) Identitätsbildung, andererseits sei aber immer auch die Analyse von Machtverhältnissen und deren Konstituierung mitgemeint. Besonders relevant ist m.E., dass man mit einer solchen Untersuchung des Zusammenhangs von Macht und Gender „die strikte Trennung der angeblich geschlechtsneutralen Sphäre des Politischen und der geschlechtsverhafteten Sphäre des Privaten“[16] aufhebe. Judith Klinger beschreibt die Anwendung der Gender-Theorie[17] in der Mediävistik: „Hinsichtlich der Geschlechterordnung [im Mittelalter] muss sich .. die Frage stellen, welche Positionen sie in den unterschiedlichen .. Wahrnehmungs- und Ordnungsmustern einnimmt .. und welche Spielräume sich für ihre performative Produktion in den .. sozialen Interaktionen eröffnen.“[18] Für bedeutsam (vgl. Identitätsdimensionen) halte ich außerdem die Annahme, dass „nicht in jedem Kontext ‚Frau’ als oppositioneller Term zu ‚Mann’ fungieren muss, da sich die Geschlechterhierarchie in einer ständischen Gesellschaft mit anderen, ebenso identitätskonstitutiven Hierarchien überlagert.“[19] Geschlechtskonstitutiva und Geschlechterhierarchien werden also bei der Suche nach identitätsbildenden Momenten im Königinnenstreit berücksichtigt.[20]

2.4. Performativität

In der Literaturwissenschaft ist der Begriff mit einem zweifachen Sinn belegt: Performanz bezeichnet einerseits die Aufführung (eines Theaterstücks, aber auch den mündlichen Vortrag eines Liedes oder Epos’ sowie – weit gefasst – die verschriftlichte Form eines solchen Aufführungsgegenstandes), andererseits den Vollzug einer Handlung durch Sprache (Sprechakttheorie). Für den hier relevanten textanalytischen Zweck „bezeichnet Performanz im allgemeinsten Sinne einen von der Sprachphilosophie her kommenden Handlungscharakter von Sprache (und von Texten).“[21] Freilich geht es dabei um den performativen Charakter z.B. eines Epos’, aber m.E. können auch die sprachlichen Äußerungen der Figuren auf ihre performativen Elemente untersucht werden. Ebenso können Emotionen einer Figur Handlungscharakter annehmen und damit performativ werden; Z.B. ist königlicher Zorn ein Handlungsinstrument der Machtausübung. In der Analyse achte ich folglich darauf, welche Performanzen von den Figuren ausgehen und welche Folgen das für Figuren und Handlung hat.

[...]


[1] Alle Zitate und Versverweise aus dem Nibelungenlied beziehen sich auf die folgende Ausgabe: Das Nibelungenlied, I. Teil, Mittelhochdeutscher Text und Übertragung. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Anhang versehen von Helmut Brackert, Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1997. (Im Folgenden: Nibelungenlied, nach Brackert). Lediglich zum Vergleich, z.B. von Übersetzungsvorschlägen, wird herangezogen: Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt von SIEGFRIED GROSSE, Stuttgart 2002, Str. 814-876. (im Folgenden: Nibelungenlied, nach Grosse).

[2] Ohne den Begriff ‚Epos’ (im. Vgl. zu etwa ‚Roman’) hier zu definieren, benutze ich ihn für diese Arbeit und verweise für reflektierte Ausführungen dazu auf Schulze 1997: 106f.

[3] Es ist nicht unstrittig, von dem Nibelungendichter zu sprechen. Um nicht die eigentliche Fragestellung aus dem Blick zu verlieren, problematisiere ich diese Auffassung hier nicht und verweise in dieser Frage auf Schulze 1997: 20ff.

[4] Wissenschaftstheoretische Vorüberlegung: Noch in den 1970ern herrschte für das Mittelalter das Paradigma der kollektiven Mentalitäten und Strukturen. Auch die Theorien, die nach Luhmann den Gegensatz von Inklusionsidentitäten in der Vormoderne und Exklusionsidentitäten in der Moderne annahmen, erfreuten sich langer Beliebtheit. Vor allem nach der Einführung der Sozialisationstheorie und Öffnungsprozessen in der Mediävistik kann man heute aber auch identitätsbildende Prozesse an mittelalterlichen (v.a. natürlich literarischen) Figuren untersuchen und das Mittelalter nicht mehr so vereinfacht als statisches Schichtensystem betrachten, in dem der Einzelne keinen Handlungsspielraum hatte – damit ist selbstredend nicht impliziert, dass diese Figuren selbst in ihrer Zeit sich auf ähnlich abstrakter Weise Gedanken über Identitäten, Gender o.ä. gemacht hätten. „Schon die elementare Frage, was ein Individuum von der Gesellschaft und anderen Individuen unterscheidet und wie dieser Unterschied fremd- und selbstreferentiell beschrieben wird, ist unter dem Aspekt der Relevanz eine moderne, keine mittelalterliche Frage. Dennoch kann sie historisch sinnvoll auch für Epochen gestellt werden, in denen sie als sekundär oder belanglos gegolten hätte, sofern sie sich auf ein Modell universeller Grundbedingungen menschlicher Interaktion beziehen lässt.“ (von Moos 2004, S. 3.).

[5] z.B. Müller 2004.

[6] Einige Theorien, die sich auf mittelalterliche Identitätskonstruktionen konzentrieren, beschreiben außerdem die Möglichkeit der Identitätsfindung aufgrund von Imagination, Körper- oder Berufsbildern oder bestimmten (Tugend- und Geblüts-)Adelkonzeptionen. Aus der Vorüberlegung heraus, dass sie zum Verständnis des Königinnenstreits nicht viel beitragen können, resultiert die Entscheidung, sie hier nicht darzustellen, um den Überblick über das Relevante wahren zu können.

[7] Die genaue Definition dieser Begriffe ist strittig, ich deute sie vereinfacht bzw. pragmatisch als funktional = wählbare Zugehörigkeiten umfassend (z.B. Berufsgruppen) und segmentär = nicht wählbare Zugehörigkeiten umfassende Differenzierungen (z.B. nach Geschlecht).

[8] Hahn 2000, S. 13.

[9] Hahn, zit. n. von Moos 2004, S. 4.

[10] Die Verknüpfung von Handlung und Autor ist aber keine unmittelbare, d.h. nicht in allen Gesellschaften werden die gleichen Handlungen einer einzelnen Person zugeschrieben.

[11] Gänzlich von den sozialen Beeinflussungen lossagen kann sich eine Person aber nicht, sodass damit das moderne emphatische Moment der ‚Selbstbestimmung’ obsolet gemacht wird.

[12] Taylor, zit. n. von Moos 2004, S.4.

[13] Soeffner 1983, S. 16.

[14] Kasten 2003, S. XVII.

[15] Laut Judith Klinger ist Gender-Forschung seit den 1980er Jahren in der Mediävistik verbreitet, s. Klinger 2002, S. 267.

[16] Klinger 2002, S. 268.

[17] Grundlegend vor allem Judith Butler, ‚Das Unbehagen der Geschlechter’ und Michel Foucault, ‚Sexualität und Wahrheit’.

[18] Klinger 2002, S. 273.

[19] Ebda., S. 278.

[20] Erwähnt sei noch, dass ich das Wort ‚Geschlecht’ gebrauche, dabei aber das gesamte Spektrum des ‚gender’ meine.

[21] Velten 2002, S. 221.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Identität und Emotionalität im Königinnenstreit - Die 14 Aventiure des Nibelungenliedes
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V69719
ISBN (eBook)
9783638620178
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Emotionalität, Königinnenstreit, Aventiure, Nibelungenliedes
Arbeit zitieren
Anonym, 2006, Identität und Emotionalität im Königinnenstreit - Die 14 Aventiure des Nibelungenliedes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69719

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