In mittelalterlichen Epen und Romanen tauchen höfische Damen, Könige und Ritter auf, die vielfach erscheinen, als seien sie schablonenhaft gezeichnet; in ihrem Verhalten streng an Ritualen orientiert, in den Dichter-Beschreibungen mehr typenhaft denn individualistisch gezeichnet. Dennoch ist es nach heutigem mediävistischem Forschungsstand ungenügend, bloße Typen auszumachen oder - das andere Extrem - psychologisierend die Handlungsmotivationen einzelner Figuren zu untersuchen. Statt dessen können wir moderne Identitätstheorien aus heuristischem Interesse an mittelalterliche Literatur herantragen, um zu untersuchen, wie die Identitätsbildung der Figuren beschrieben wird, welche Gender-Konflikte zu Tage treten und wie Emotionen beschrieben werden, welche Funktionen sie erfüllen und wie auch sie evtl. Ausdruck von Identitäten und Gesellschaftssystemen sind. Eine solche Untersuchung soll diese Arbeit leisten; exemplarisch an einer der im Hinblick auf diese Kategorien auffälligsten und umstrittensten Szenen der deutschen mittelalterlichen Literatur: dem Königinnenstreit des Nibelungenlieds (NL). Dieses Epos liefert uns zwei nur schwer durch Typisierungen erfassbare Frauengestalten, die in der 14. Aventiure um Rangfragen streiten und damit aus dem modernen Blickwinkel die Frage nach ihren sozialen Identitäten aufwerfen. Der Textanalyse voraus gehen drei notwendige Kapitel zum Theorierahmen (2), zum Forschungsstand der hier skizzierten Themen (3) und zum inhaltlichen Kontext der 14. Aventiure (4). In der Textanalyse (5) wird dann chronologisch dem Text gefolgt und stetig gefragt, welche identitätsbildenden Aspekte der Dichter den Frauen zugeschrieben hat, wie ihre Äußerungen auf ihre Selbstbilder schließen lassen, welche geschlechtsspezifischen Probleme, oder zumindest Aspekte, deutlich werden und wie auch Emotionen und die Performanz von Emotionen von den Figuren ausgehen und auf sie wirken sowie die Handlung vorantreiben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1. Identität.
2.2. Emotionalität.
2.3. Geschlecht.
2.4. Performativität.
3. Forschungsstand.
4. Der Analysegegenstand: Die 14. Aventiure in ihrem Kontext
5. Textanalyse: Der Königinnenstreit
6. Fazit.
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand des Königinnenstreits in der 14. Aventiure des Nibelungenliedes die Identitätsbildung mittelalterlicher literarischer Figuren. Ziel ist es, unter Einbeziehung moderner Identitäts-, Geschlechter- und Performativitätstheorien aufzuzeigen, wie soziale Rollen und Machtverhältnisse durch Sprache, Gestik und Emotionen konstruiert, ausgehandelt und in der Öffentlichkeit wirksam werden.
- Analyse der Identitätsdimensionen von Kriemhild und Brünhild in ihrem sozialen Kontext.
- Untersuchung der performativen Funktion von Emotionen, insbesondere des Weinens und des Zorns.
- Deutung geschlechtsspezifischer Machtverhältnisse und der Konstruktion von Weiblichkeit.
- Reflektion der Bedeutung visueller und handlungsrelevanter Zeichen wie Kleidung, Ring und Gürtel.
Auszug aus dem Buch
5. Textanalyse: Der Königinnenstreit
Am elften Tag des Besuchs (813: ir freude nie gelac .. unz an den einleften tac) findet der Königinnen- oder Frauenstreit statt. Die Aventiure lässt sich in mehrere Teile gliedern: Inhaltlich in 1. Rahmenschilderung, 2. Streit, 3. Gericht, 4. Folgen des Streits oder, fokussiert auf die Frauen: 1. Dialog der Frauen unter vier Augen beim Ritterspiel, 2. Öffentlicher Streit vor dem Münster, 3. Eskalation nach dem Gottesdienst. Der Rahmen für den Beginn des Streits bilden Ritterspiele, die sie zusammen anschauen. Der Dichter betont die noch zur Schau getragene Ebenbürtigkeit: Sie saßen zesamene (815). Die Übersetzung ‚friedlich beieinander’ ist sicherlich eine Erweiterung des Wortlauts, aber sie trifft den momentanen Zustand. Sie schauen ihren Ehemännern zu und Kriemhild lobt Siegfried, den tapferen Kämpfer; allerdings in einer Formulierung, die – ob nun Redewendung zum Ausdruck des Lobes oder tatsächlicher Machtanspruch – für Brünhild eine völlig unvermittelte Provokation darstellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung begründet das heuristische Interesse, moderne Identitätstheorien auf das Nibelungenlied anzuwenden, um Identitätsbildung, Gender-Konflikte und die Funktion von Emotionen in der 14. Aventiure zu untersuchen.
2. Theoretischer Rahmen: Dieses Kapitel legt die sozialkonstruktivistischen, interaktionistischen und performativitätstheoretischen Grundlagen dar, die für die Analyse der Figurenidentitäten und der Bedeutung von Emotionen sowie Geschlechterrollen unerlässlich sind.
3. Forschungsstand: Hier werden die wesentlichen Forschungspositionen zu Identität, Emotionalität, Genderentwürfen und Performativität im Nibelungenlied skizziert und kritisch eingeordnet.
4. Der Analysegegenstand: Die 14. Aventiure in ihrem Kontext: Dieses Kapitel beleuchtet das für die Analyse relevante Vorwissen, insbesondere das Machtverhältnis zwischen Gunther und Siegfried sowie die Rolle der Standeslüge.
5. Textanalyse: Der Königinnenstreit: Dies ist der Hauptteil der Arbeit, in dem die 14. Aventiure chronologisch analysiert wird, wobei die identitätsbildenden Aspekte, die Performanz von Emotionen und die Machtdynamik zwischen den beiden Königinnen im Vordergrund stehen.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass sich die theoretischen Ansätze als sehr gewinnbringend für das Verständnis der Handlungsstränge und der geschlechtsspezifischen Zuschreibungen in der Szene erwiesen haben.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, 14. Aventiure, Königinnenstreit, Identitätsbildung, Sozialkonstruktivismus, Geschlecht, Gender, Performativität, Emotionalität, Machtverhältnisse, Standeslüge, Memorialzeichen, Literaturwissenschaft, Mediävistik, Identitätsdimensionen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die 14. Aventiure des Nibelungenliedes, den sogenannten Königinnenstreit, unter medienwissenschaftlichen und soziologischen Aspekten, um Identitätskonstruktionen zu analysieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Identitätsbildung von Kriemhild und Brünhild, die Rolle von Geschlechterrollen (Gender), die performative Wirkung von Emotionen und die Machtverhältnisse zwischen den Figuren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, wie soziale Identitäten der Königinnen beschrieben werden, welche Gender-Konflikte auftreten und welche Rolle Emotionen bei der Handlungsgestaltung spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine sozialkonstruktivistische und literaturwissenschaftliche Textanalyse durchgeführt, ergänzt durch Theorien zur Performativität und Sozialisationstheorien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine chronologische Analyse der 14. Aventiure: vom Dialog beim Ritterspiel über den öffentlichen Streit am Münster bis hin zur Eskalation und dem Mordplan Hagens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Identitätsbildung, Performativität, Gender, Nibelungenlied und Königinnenstreit charakterisiert.
Welche Bedeutung haben die Emotionen im Königinnenstreit?
Emotionen wie Zorn und Weinen werden nicht nur als psychologische Zustände, sondern als handlungsantreibende, performative Akte analysiert, die die soziale Ordnung stören und den Konflikt eskalieren lassen.
Inwieweit sind die Zeichen (Ring, Gürtel) für die Analyse relevant?
Die Zeichen fungieren als Memorialzeichen und visuelle Beweise im Rechtsstreit, die jedoch aufgrund der zugrundeliegenden Standeslüge der Männer an Bedeutung und Wirksamkeit verloren haben.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2006, Identität und Emotionalität im Königinnenstreit - Die 14 Aventiure des Nibelungenliedes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69719