Der »Iwein« Hartmanns von Aue gehört sicherlich zu den meist untersuchten und interpretierten Romanen der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Es erweist sich aufgrund der vielschichtigen Problemstellungen im Text mitunter als schwierig, sich lediglich auf die gewählte Ausgangsthematik zu beschränken. Hier sei besonders auf das Thema der Schuld Iweins hingewiesen, welches bewusst außer Acht gelassen wird, da es zum einen den Rahmen dieser Arbeit gesprengt hätte, zum anderen weil schon zahlreiche Publikationen hierzu veröffentlicht worden sind. Vor dem Hintergrund des im Prolog (V. 1-30) vorgestellten Idealbildes der höfischen Gesellschaft erschien es interessant, die Verfehlungen einzelner Figuren als Kontraste dazu vorzustellen. Denn erst ihre Scham und ihre Schande lassen die Figuren menschlich erscheinen.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es also, die Bedeutung von Scham und Schande im Iwein näher zu untersuchen. Dabei werden einige Figuren herausgegriffen, indem sie im vierten Kapitel in der Reihenfolge ihres Auftretens im Textgeschehen vorgestellt werden. Diese chronologische Vorgehensweise umgeht bewusst eine Wertung der Figuren im Hinblick auf ihre Bedeutung für den Roman. Natürlich wäre an einigen Stellen eine tiefer greifende Analyse wünschenswert gewesen, aber im Rahmen einer Proseminararbeit konnte das Thema nur ansatzweise dargestellt werden.
Im zweiten Kapitel wird kurz auf die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Iwein eingegangen, um zu erläutern, welche Wirkung der Roman auf die Zuhörer und Leser der damaligen Zeit gehabt haben könnte. Dabei wird kurz auf den Zweck dieser Literaturgattung im Mittelalter einzugehen sein.
Die Definition des Ritterbegriffs in Kapitel drei ist notwendig, um das Verhalten der Figuren im zwölften Jahrhundert nachvollziehen zu können. Gerade das Verständnis eines ritterlichen Ehrenkodexes ist für das richtige Einordnen (vor allem vor dem Hintergrund heutiger Maßstäbe) der Handlungs- wie auch der Denkweise im »Iwein« nötig.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Iwein
3. Definition des Ritterbegriffs
4. Darstellung von Scham und Schande an ausgewählten Figuren im Iwein
4.1. Keie
4.2. Kalogrenant
4.3. Askalon
4.4. Lunete
4.5. Laudine
4.6. Iwein
5. Resümee
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und Darstellung von Scham und Schande bei ausgewählten Figuren in Hartmanns von Aues Artusroman "Iwein", um deren menschliche Facetten im Kontrast zum höfischen Idealbild herauszuarbeiten.
- Analyse des ritterlichen Ehrenkodex und des Ritterbegriffs
- Untersuchung der Scham- und Schandemomente bei zentralen Figuren (Keie, Kalogrenant, Askalon, Lunete, Laudine, Iwein)
- Chronologische Betrachtung der Figuren im Handlungsverlauf
- Kontrastierung von individuellem menschlichem Versagen mit dem höfischen Ideal des Prologs
- Bedeutung der Läuterung durch Abenteuer und Sühne
Auszug aus dem Buch
4.1. Keie
Keies Funktion im Textgeschehen ist die des spottenden Kommentators und diese Rolle übernimmt er von Beginn an, als er während des Pfingstfestes an König Artus’ Hof nicht nur Kalogrenants höfisches Verhalten kritisiert (V. 108-135), sondern auch der Königin gegenüber unhöflich ist (V. 159-188). Zuvor jedoch legt er sich zwischen den Gästen zum Schlafen nieder (V. 74 ff.). Keies Spott, sein Sarkasmus und ein Großteil seines Verhaltens stehen dem Ideal eines Ritters entgegen. Hartmann setzt ihn regelmäßig als Gegenpol zu den ehrenhaften, nach Ruhm strebenden Figuren.
Dadurch, dass Keie sich selbst zu dem Kreis der ehrenhaften Ritter an Artus’ Hof zählt, wird dieser Kontrast umso deutlicher. So fasst er die Zurechtweisung der Königin auch als Kränkung des Ritterstandes auf, bezieht ihre Worte also nicht nur auf seine Person: »ich enpfâhe gerne, als ich sol, iuwer zuht und iuwer meisterschaft: doch hât sî alze grôze kraft. ir sprechet alze sêre den rittern an ir êre.« (V. 164-168). Aber nicht die Königin kränkt die Allgemeinheit der Ritter, sondern Keie mindert deren Stand, wenn er sich mit ihnen gleichsetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Fragestellung zur Bedeutung von Scham und Schande im "Iwein" und erläutert die methodische, chronologische Herangehensweise bei der Figurenanalyse.
2. Zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Iwein: Dieses Kapitel behandelt die mittelalterliche Rezeption und den Stellenwert des Werkes als Bildungsliteratur sowie als "Bestseller" der damaligen Zeit.
3. Definition des Ritterbegriffs: Hier wird der ritterliche Ehrenkodex anhand verschiedener Definitionen, insbesondere nach Bumke, erläutert, um das Verhalten der Figuren historisch einordnen zu können.
4. Darstellung von Scham und Schande an ausgewählten Figuren im Iwein: Das Hauptkapitel analysiert das Verhalten der Figuren Keie, Kalogrenant, Askalon, Lunete, Laudine und Iwein hinsichtlich ihrer individuellen Scham- und Schandemomente.
4.1. Keie: Untersuchung der spottenden Rolle von Keie und dessen mangelnder Selbstkritik als Gegenpol zum ritterlichen Ideal.
4.2. Kalogrenant: Betrachtung der Niederlage beim Zauberbrunnen als Verletzung ritterlicher Ehre und die daraus resultierende Schande.
4.3. Askalon: Analyse von Askalons Flucht als Abweichung von der Erwartungshaltung ritterlichen Handelns.
4.4. Lunete: Untersuchung der Rolle von Lunete und der Frage, ob ihr diplomatisches Handeln und ihre Listen als schändlich oder als notwendiges Handeln zum Schutz ihrer Herrin zu werten sind.
4.5. Laudine: Analyse des opportunistischen, aber politisch motivierten Verhaltens Laudines und der ihr drohenden Schande durch Schutzlosigkeit.
4.6. Iwein: Interpretation der zentralen Schandemomente Iweins, von seinem heimlichen Fortreiten bis hin zum verhängnisvollen Versäumnis der Jahresfrist und der Sühne seiner Vergehen.
5. Resümee: Das Schlusswort bilanziert, dass die menschliche Fehlbarkeit der Figuren den Roman trotz seiner idealistischen Ritterthematik erst realistisch und glaubwürdig macht.
6. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Sekundärliteratur zur Arbeit.
Schlüsselwörter
Iwein, Hartmann von Aue, Scham, Schande, Ritterbegriff, Artusroman, höfisches Ideal, Minne, Schuld, Aventiure, Ehre, Mittelalter, Keie, Laudine, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Thematik von Scham und Schande in Hartmanns von Aues Artusroman "Iwein" und betrachtet dabei das menschliche Versagen einzelner Figuren im Kontrast zu den höfischen Idealen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind der ritterliche Ehrenkodex, die Definition des Ritterbegriffs im 12. Jahrhundert sowie die moralische Einordnung des Verhaltens von Schlüsselcharakteren wie Iwein und Laudine.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Bedeutung von Scham und Schande näher zu untersuchen und aufzuzeigen, wie diese Verfehlungen die Figuren erst als menschlich erscheinen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autor wählt eine chronologische Vorgehensweise, bei der ausgewählte Figuren in der Reihenfolge ihres Auftretens im Textgeschehen interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden nacheinander die Figuren Keie, Kalogrenant, Askalon, Lunete, Laudine und Iwein analysiert, um spezifische Momente ihrer Scham oder Schande aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Iwein, Ritterbegriff, Scham, Schande, höfisches Ideal, Aventiure, Ehre und menschliche Fehlbarkeit.
Wie bewertet der Autor die Figur des Keie?
Keie wird als spottender Gegenpol zu den ehrenhaften Rittern charakterisiert, dessen Schande in seiner Unhöflichkeit und seinem Mangel an Selbstkritik liegt.
Welche Rolle spielt die Zeitspanne bei Laudine?
Die sehr kurze Zeitspanne zwischen Askalons Tod und der Hochzeit mit dessen Mörder Iwein wird als ungewöhnlich kurz für mittelalterliche Verhältnisse diskutiert, aber als politisch notwendiges Handeln verteidigt.
- Quote paper
- Dirk Bessell (Author), 1996, Scham und Schande in Hartmanns "Iwein", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69757