„Auf einer der Regionalkonferenzen im März des Jahres 2000 […] stand ein distinguierter Herr auf und fragte seine Generalsekretärin mit investigativem Vibrato in der Stimme, warum ihre Mutter in den fünfziger Jahren mit dem Vater aus Hamburg in die Sowjetisch Besetzte Zone übergesiedelt sei und nicht umgekehrt, wie es sich gehört hätte für die Eltern einer CDU- Generalsekretärin. ‚Aus Liebe’ hat Angela Merkel da geantwortet.“
Auch 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es erstaunlich wie viele Interaktionen der Wirtschaft, Politik und Migration nach Westen gerichtet sind. Allerdings finden wir im Verlauf der Fünfziger und Sechziger Jahre ein ausgedehntes Migrationsphänomen das genau die entgegengesetzte Richtung aufweist: Die West- Ost-Migration. In den zwei Dekaden verließen bis zu 650.000 Menschen die Bundesrepublik, um in der Sowjetisch Besetzten Zone ihr Glück zu versuchen. Diese Hausarbeit wird sich unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt mit diesem Phänomen befassen:Die Sicherheitspolitik und die resultierenden Restriktionen gegenüber der West- Ost- Migration.
Die Sicherheitspolitik der DDR hatte in der Phase vor dem Mauerbau ein Augenmerk auf die Migrationsbewegung. Dabei agierte sie nicht im Hintergrund, sondern zeigte sich auch öffentlich restriktiv. Durch die verstärkte Überwachung kam es zur Aufdeckung von Auffälligkeiten, diese wurden versucht durch Einschränkungen zu begrenzen und bremsten somit den Migrationsstrom.
Um dieses Thema adäquat zu bearbeiten werde ich zuerst die Ausmaße der West- Ost-Migration beurteilen, im Folgenden die restriktive Politik untersuchen und abschließend verdeutlichen wie der Überwachungsapparat die Immigranten kontrolliert und überprüft hat. Meine Informationen stützen sich zum größten Teil auf die Untersuchungen von Andrea Schmelz. Speziell für den Überwachungsapparat werde ich zusätzlich Informationen aus dem Wörterbuch der Stasi und über das Buch „Was war die Stasi“ der Konrad- Adenauer- Stiftung einholen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Soziographie der West- Ost- Migration
2.1. Quellenanalyse und -kritik
2.2. Geschlecht, Alter und Berufsstruktur der Migranten
3. Restriktive Zuzugspolitik
3.1. Regulierung des Zuzugs bis 1952
3.2. Kriminalität als restriktives Moment
4. Überwachung der West- Ost- Migranten
4.1. Überwachungsapparat und die Methoden
4.2. Die Überwachung
4.2.1. Reorganisation des Aufnahmeverfahrens
4.2.2. Gezielte Überwachung der West- Ost- Migranten
4.2.3. Einführung des Kerblochkarteisystems
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Sicherheitspolitik der DDR in der Zeit vor dem Mauerbau und deren Auswirkungen auf die sogenannte West-Ost-Migration, bei der bis zu 650.000 Menschen aus der Bundesrepublik in die DDR übersiedelten. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie der Staat durch restriktive Maßnahmen und einen umfassenden Überwachungsapparat versuchte, diesen Migrationsstrom zu kontrollieren, Auffälligkeiten zu unterbinden und eine mögliche Gruppenidentität der Migranten zu verhindern.
- Analyse der soziographischen Daten und Migrationsmotive
- Untersuchung der restriktiven staatlichen Zuzugspolitik
- Zusammenhang zwischen Migration und staatlich wahrgenommener Kriminalität
- Struktur und Methoden des Überwachungsapparates (MfS)
- Einfluss von Kontrollmechanismen wie dem Kerblochkarteisystem
Auszug aus dem Buch
3.2. Kriminalität als restriktives Moment
Als ein weiteres Bedrohungsmoment für die sozialistische Regierung wurde die Kriminalität und Asozialität angesehen. Der Fokus der Behörden richtete sich zusehends immer stärker auf das kriminelle Potential das von den West- Ost- Migranten, ganz gleich ob Zuziehender oder Rückkehrer, ausging. Und tatsächlich zeigte sich eine erhöhte Kriminalitätsrate in der spezifischen Gruppe ‚Migrant’. Obwohl nur ungefähr 1,3% der ostdeutschen Gesamtbevölkerung Migranten waren, hatten sie an der Gesamtkriminalität einen überproportionalen Anteil von 11,5% (durchschnittliche Kriminalität der Jahre 1959- 1965).
Wie die Untersuchungen von Andrea Schmelz zeigen konnten, hatten die Immigranten einen spezifischen Anteil an der Gesamtdeliktsrate. Dabei zeigt sich deutlich das Phänomen der migrantenspezifischen Kriminalität. Dies beinhaltete Staatsverbrechen (23,2%), Spionage und Sammlung von Nachrichten (48,2%), Abwerbung (29,2%) und andere. Auffällig ist hierbei das es sich zum größten Teil um politische Verbrechen handelt. Ihr Anteil ist viermal so hoch gegenüber den Gewaltstraftaten.
Als weiterer großer Strafkomplex galt der Missbrauch von Krediten und Sozialinvestitionen. Im Zuge der Politik des Neuen Kurses vom 9. Juni 1953 wurde ehemaligen Republikflüchtigen die Rückgabe ihres konfiszierten Gutes oder die Genehmigung eines Kredites gewährt. So kam es aber auch gehäuft zu Missbräuchen. So konnte bei 16 Überprüfungen im Dezember 1954 6 Fälle von Kreditbetrug, d.h. dass die betroffenen Personen nicht mehr auffindbar waren, festgestellt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Phänomen der West-Ost-Migration in den 1950er und 60er Jahren ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich der sicherheitspolitischen Restriktionen der DDR.
2. Soziographie der West- Ost- Migration: Dieses Kapitel analysiert quantitativ und qualitativ die Migrantengruppe hinsichtlich Herkunft, Geschlecht, Alter und beruflicher Qualifikation unter kritischer Betrachtung der vorliegenden Quellen.
3. Restriktive Zuzugspolitik: Hier werden die Gründe und Instrumente der DDR-Zuzugspolitik untersucht, wobei insbesondere die Kriminalisierung der Migranten als Mittel zur Einschränkung beleuchtet wird.
4. Überwachung der West- Ost- Migranten: Dieses Kapitel erläutert den Aufbau und die Methoden des MfS zur Überwachung, einschließlich der Reorganisation des Aufnahmeverfahrens und der Einführung technischer Hilfsmittel zur Kontrolle.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie die Sicherheitspolitik in einen Teufelskreis aus Überwachung und verstärkter staatlicher Kontrolle mündete, um die Migration und die Bildung von Gruppenidentitäten zu unterbinden.
Schlüsselwörter
West-Ost-Migration, DDR, Sicherheitspolitik, Ministerium für Staatssicherheit, MfS, Überwachung, Aufnahmeverfahren, Kriminalität, Kerblochkarteisystem, SED, Republikflucht, Restriktionen, Sozialismus, Grenzsicherung, Kontrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der West-Ost-Migration in die DDR während der 1950er und 1960er Jahre und untersucht, wie der Staat mit sicherheitspolitischen Mitteln auf diese Zuwanderung reagierte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Soziographie der Migranten, der staatlichen Zuzugspolitik, der Kriminalisierung der Zuwanderer sowie den Strukturen und Methoden der MfS-Überwachung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen der Migration aus der Bundesrepublik in die DDR und den resultierenden sicherheitspolitischen Restriktionen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Analyse von Sekundärliteratur, statistischen Auswertungen und zeitgenössischen Quellen, insbesondere Dokumenten des Ministeriums für Staatssicherheit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die demografischen Merkmale der Migranten, die restriktive Politik der Behörden, die Einstufung von Migranten als Sicherheitsrisiko sowie die operativen Überwachungsmethoden des MfS.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Migration, DDR-Sicherheitspolitik, Stasi-Überwachung, Kriminalitätsrate, Kerblochkartei und soziale Kontrolle.
Warum galten West-Ost-Migranten in der DDR als Sicherheitsrisiko?
Der DDR-Staat misstraute den Zuwanderern, da er befürchtete, es könnten sich Agenten oder politisch unerwünschte Personen unter ihnen befinden, was zu einer hohen Überwachungsdichte führte.
Was war die Funktion des Kerblochkarteisystems?
Es diente als effizientes Werkzeug des MfS zur schnellen Erfassung und Kategorisierung von Migranten anhand spezifischer Merkmale, um Ballungszentren zu identifizieren und Gruppenidentitäten zu unterdrücken.
Welche Rolle spielten die Aufnahmeheime für die Überwachung?
Die Aufnahmeheime wandelten sich von Hilfseinrichtungen zu zentralen Orten der staatlichen Personenkontrolle, in denen Migranten erfasst und ihre weiteren Schritte restriktiv gesteuert wurden.
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- Thomas Kuhn (Author), 2005, West- Ost- Migranten und die Sicherheitspolitik der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69793