Bildsamkeit wurde schon bei den klassischen Philosophen (Platon, Aristoteles) als Faktum und im Laufe der Jahrhunderte als unverzichtbares Phänomen der Menschenbildung vorausgesetzt.
Der Begriff der Bildsamkeit wurde mit wenigen Ausnahmen auch im Deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Hegel) sowie bei den klassischen, romantischen und aufklärerischen Dichtern (Goethe, Schiller, Wieland u.a.m.) als pädagogischer Terminus gehandelt, wie Bernhard Schwenk in seiner Publikation von 1967 nachwies.
Hingegen wurde der Begriff erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den ‚pädagogischen Klassikern’ (allerdings nicht alle, z. B. Pestalozzi) weitläufig verwendet. Schließlich war es dann Johann Friedrich Herbart, der dafür verantwortlich war, dass der Terminus Bildsamkeit zum Grundbegriff der Pädagogik ausgerufen wurde.
Da dieser Terminus mittlerweile als antiquiert zählt und in den meisten deutschen Wörterbüchern nicht mehr verwendet wird und auch in aktuellen Publikationen der ‚Allgemeinen Pädagogik’ mittlerweile sehr rar geworden ist, wurde die systematische Erforschung Herbarts Verständnis von der Bildsamkeit als Grundlage seiner pädagogischen Theorie bisweilen vernachlässigt. Somit liegt die Annahme nahe, dass sich dieses Defizit auch in den bisherigen Rezeptionen und Rekonstruktionen von Herbarts pädagogischer Theorie widerspiegelt.
Diese Arbeit versucht nun, Herbarts pädagogischen Ansatz mit neueren systemtheoretischen Forschungsansätzen zu vergleichen. Entscheidend ist die Bildsamkeit in den Mittelpunkt zu stellen und hierbei die ‚Erfahrung der Bildsamkeit’ als Aktivität, also als Operation zu betrachten. Abschließend werden dann der Begriff der Bildsamkeit nach Herbart und die Kontingenzformel von Luhmann auf Gemeinsamkeiten hin überprüft.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Biographie Herbarts
2 Systemtheorien
2.1 Systemtheoretische Ansätze
2.2 Ansprüche und Lösungsansätze
2.3 Die Einheit von System – Umwelt – Differenzen
2.3.1 Das System
2.3.2 Die Systemstruktur
2.3.3 Einheit eines Systems
2.3.4 Differenz zwischen System und Umwelt
3 Bildsamkeit als systemischer Ansatz nach Herbart
3.1 Der systematische Ansatz bei Herbart
3.2 Der Edukand als System von Operationen
3.3 Das ‚Gemüth’ als System
3.4 Das System der Selbsterhaltung
3.5 Das System der Lebenskräfte
3.6 Das Zusammenwirken von Selbsterhaltung und Lebenskraft
4 Folgen für die pädagogische Theorie
5 Herbarts Verständnis der Bildsamkeit im Vergleich mit der Kontingenzformel des Erziehungssystems von Luhmann
5.1 Humane Perfektion
5.2 Bildung
5.3 Lernfähigkeit
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den pädagogischen Begriff der "Bildsamkeit" bei Johann Friedrich Herbart durch eine systemtheoretische Brille. Ziel ist es, Herbarts Ansatz als Theorie der Selbstorganisation zu rekonstruieren und durch einen Vergleich mit Niklas Luhmanns Kontingenzformel des Erziehungssystems die zeitlose Relevanz und Komplexität dieses Konzepts für die moderne Pädagogik aufzuzeigen.
- Systemtheoretische Grundlagen der Selbstorganisation.
- Herbarts Verständnis des Edukanden als autopoietisches System.
- Die Rolle von Selbsterhaltung und Lebenskraft in der pädagogischen Entwicklung.
- Vergleichende Analyse zwischen Herbart und Luhmann.
- Die Bedeutung von Bildsamkeit als pädagogischer Grundbegriff.
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Edukand als System von Operationen
„ Das Kind, aus psychologischen Gründen rastlos bewegt, wenn es gesund ist, treibt sich umher in einfachen, kunstlosen Phantasien und Spielen; unaufgelegt, zusammenhängend zu denken, aber höchst empfänglich für alles Neue. Dabey vermag es nicht, sich aus augenblicklichen Gefühlen hervorzuarbeiten. Der Knabe, noch im hohen Grade weich, kann gleichwohl durch die Erziehung ohne Vorschnelligkeit, zu einem bedeutenden Grade wahrer Einsicht und Selbstbeherrschung gehoben werden. Der Jüngling bekommt einen Zuwachs an Kräften, aber auch an Unruhe. Der Mann, dem diese Kräfte nicht mehr neu, dem aber die Schwierigkeit des menschlichen Wirkens bekannt sind, gebraucht zweckmäßig, was er hat, wenn Kindheit und Jugend nicht verdorben wurden. – Das spätere Alter behält soviel Männlichkeit, als der Körper gestattet, mit großen individuellen Verschiedenheiten. Jedes Alter büßt die Schulden und leidet an dem Unglück aller vorhergegangenen.“
In diesem Zitat von Herbart wird deutlich, dass alle Operationen/ Aktivitäten des Edukanden zu Fähigkeiten führen, welche phasenweise aufeinander aufbauen. Das Kind wird in seiner Selbstorganisation zum größten Teil von augenblicklichen Gefühlen geprägt, da es noch nicht in der Lage ist zusammenhängend zu denken. Mit der Entwicklung wächst hingegen auch die Fähigkeit zur Einsicht und Selbstbeherrschung, welche dann letztendlich zu einer zweckmäßigen Gestaltung des eigenen Lebens beim Erwachsenen führen kann.
In diesem Zitat berücksichtigt Herbart ebenfalls, dass jede Genese zu einer individuellen Verschiedenheit führt. Die systemtheoretischen Ansätze erklären dies durch die Produzierung eigener Umweltgrenzen, welche jedes System individuell hervorbringt. Hier rückt also wieder die System – Umwelt – Differenz in den Vordergrund. Herbart verknüpft dieses allerdings noch mit der organischen Dimension der Entwicklung, wobei er eine Abhängigkeit der ‚Fähigkeit des Weiterkommens’ von dem Faktor Körper macht. Der Edukand kann sich nur soweit entwickeln, wie es ihm sein Körper gestattet.
Zusammenfassung der Kapitel
Biographie Herbarts: Skizziert den Lebensweg, die akademische Prägung und die frühen pädagogischen Schriften von Johann Friedrich Herbart.
Systemtheorien: Führt in die Grundlagen systemtheoretischer Ansätze ein und erläutert Begriffe wie System, Umwelt, Differenz und Selbstorganisation.
Bildsamkeit als systemischer Ansatz nach Herbart: Analysiert Herbarts Kernbegriffe der Bildsamkeit, des Gemüths und der Selbsterhaltung aus einer systemtheoretischen Perspektive.
Folgen für die pädagogische Theorie: Leitet aus der systemtheoretischen Rekonstruktion pädagogische Konsequenzen für das Erzieher-Edukand-Verhältnis ab.
Herbarts Verständnis der Bildsamkeit im Vergleich mit der Kontingenzformel des Erziehungssystems von Luhmann: Gegenüberstellung von Herbarts Bildsamkeitsbegriff mit den Stationen (Humane Perfektion, Bildung, Lernfähigkeit) bei Luhmann.
Fazit: Resümiert die Übereinstimmungen beider Theorien und plädiert für eine stärkere Berücksichtigung der Herbartschen Ansätze in modernen Erziehungsdiskursen.
Schlüsselwörter
Bildsamkeit, Systemtheorie, Johann Friedrich Herbart, Selbstorganisation, Erziehung, Niklas Luhmann, Lernfähigkeit, Selbsterhaltung, Pädagogische Theorie, Autopoiesis, Edukand, Organismus, System-Umwelt-Differenz, Bildungsphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das pädagogische Konzept der Bildsamkeit bei J.F. Herbart unter dem Aspekt der modernen Systemtheorie, insbesondere im Vergleich zu Niklas Luhmann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Selbstorganisation menschlicher Aktivitäten, dem System-Umwelt-Verhältnis im Lernprozess und der Rekonstruktion klassischer Pädagogik durch systemtheoretische Kategorien.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel besteht darin, zu beweisen, dass Herbarts "Bildsamkeit" als eine frühe Theorie der Selbstorganisation gelesen werden kann und signifikante Parallelen zur heutigen Erziehungstheorie aufweist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Es handelt sich um eine historisch-systematische Analyse, bei der Originaltexte Herbarts mit systemtheoretischen Ansätzen in Beziehung gesetzt und auf ihre Rekonstruierbarkeit geprüft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Darstellung systemtheoretischer Ansätze, eine detaillierte Analyse von Herbarts "System der Seele" und eine vergleichende Untersuchung der Kontingenzformeln bei Herbart und Luhmann.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Bildsamkeit, Systemtheorie, Selbstorganisation, Autopoiesis und Lernfähigkeit.
Wie unterscheidet sich die "Bildsamkeit" von der "Lernfähigkeit" bei Luhmann?
Während die Bildsamkeit bei Herbart eng an die organische Entwicklung des Individuums gebunden ist, fokussiert Luhmann bei der Lernfähigkeit auf den Funktionsprozess der Selbstreferenz innerhalb des Erziehungssystems.
Welche Rolle spielt der Körper in Herbarts pädagogischer Theorie?
Herbart betrachtet den Körper als organische Basis, die der Entwicklung Grenzen setzt; die Selbstorganisation ist daher untrennbar mit der organischen Weiterentwicklung des Individuums verknüpft.
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- Dennis Bockholt (Author), 2006, Historisch-systematische Auseinandersetzung mit Herbarts Begriff der Bildsamkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69832