Die Geschlechtlichkeit in der Erzählung "Eine kleine Frau" von Franz Kafka


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschlecht oder Gender?

3. Kontext der Erzählung „Eine kleine Frau“

4. Handlungszusammenfassung

5. Deutungsansätze zum Geschlechterverhältnis
5.1. Philosophisch-theologisch: Die Erbsünde
5.2. Sexuell: Die stete Angst vor Frauen
5.3. Biografisch: Die Vermieterin
5.4. Psychologisch: Berlin und Prag – irrationale Ängste

6. Parallelen zu anderen Werken Kafkas

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

9. Erklärung

1. Einleitung

Homosexuell, pervers, asexuell, masochistisch, gestört. All das sind Attribute, die schnell für Franz Kafka und sein Werk gefunden sind, wenn man das Augenmerk nur oberflächlich auf die Geschlechterverhältnisse und Sexualität der Charaktere richtet. Sicherlich war Kafkas gespanntes Verhältnis zur eigenen Sexualität und seine lebenslange Bindungsangst eine zentrale Problematik im realen Leben wie auch im literarischen Schaffen. Ein pauschales Urteil zu fällen wäre jedoch verfehlt, denn so wie es hinsichtlich anderer Schwerpunktthemen vielfältige Deutungsansätze gibt, so bieten sich auch für die Untersuchung der Geschlechtlichkeit in Kafkas Œuvre mannigfaltige Interpretationsmöglichkeiten an.

„Inhaltliche Eindeutigkeit ist kein Ziel gewesen, das Kafka anstrebte. Er war vielmehr überaus erfolgreich darum bemüht, seine Texte jeder einsinnigen Auslegungsmöglichkeit zu verschließen.“[1]

Diese Arbeit will an der Erzählung „Eine kleine Frau“ das intersexuelle Verhältnis der auftretenden Figuren nachzeichnen und dabei verschiedene Ansätze der Analyse verfolgen. Die Gender Studien werden hierbei speziell in ihrem interdisziplinären Ansatz besondere Berücksichtigung finden. Möglicherweise ist erst mit der Entstehung dieses neuen Forschungszweiges ein Instrumentarium gefunden, das Geschlechterverhältnis in Kafkas Erzählungen hinreichend aufzuschlüsseln. Diese Frage wird ebenso wie die zentrale Fragestellung der Arbeit: Wie wird Männlichkeit und Weiblichkeit im Kontext der Erzählung von Kafka eingesetzt und wie lassen sich daraus Interpretationsansätze ableiten? zu klären sein.

Beginnend mit einer begrifflichen Abgrenzung zwischen dem deutschen ‚Geschlecht’ und dem englischen ‚sex’ und ‚gender’ soll ein sinnvolles Instrumentarium der Bezeichnungen herausgearbeitet, sowie ein kurzer historischer Abriss über die Entwicklung der Gender Studien gegeben werden. Dem folgend stelle ich einen kurzen Überblick über die Handlung der Erzählung dar, bevor der entstehungskontextuelle Aspekt beleuchtet wird. Im Hauptteil der Arbeit werden vier mögliche Deutungsansätze angeboten, die jedoch keineswegs die Auslegungsmöglichkeiten erschöpfend darstellen können. Sie gehen von vier unterschiedlichen Ansätzen aus, um einmal einer einseitigen Interpretation von Kafkas Werk vorzubeugen und andererseits das Geschlechterverhältnis dem Anspruch der Gender Studien folgend, interdisziplinär zu beleuchten. Das letzte Kapitel will versuchen, Parallelen zu anderen Werken Kafkas herzustellen, die der Erzählung „Eine kleine Frau“ entweder in der Erzählstruktur, dem Handlungsaufbau oder in der Darstellung einzelner Charaktere ähneln.

2. Geschlecht oder Gender?

Spätestens seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist der Diskurs über ‚Geschlecht’ und ‚Gender’ auch im deutschsprachigen Raum präsent. Im Zuge einer Arbeit über das Verhältnis von Männer- und Frauenbildern in Kafkas Werk ist es deshalb angebracht, über die zu wählenden Begrifflichkeiten nachzudenken, sie in das zu analysierende Werk einzuordnen und gegebenenfalls anzupassen.

Historisch gesehen entwickelten sich die Gender Studien Mitte der 70er Jahre aus den Women´s Studies, die seit Ende der 60er Jahre ausschließlich Frauenforschung mit feministischem Hintergrund betrieben. Einen Bezug zwischen beiden Geschlechtern stellten erst die Gender Studien her, die auch erstmals die mögliche Trennung und das Verhältnis von biologischem und soziokulturellem Geschlecht im Forschungsdiskurs thematisierten.

Die englische Sprache ermöglicht eine stärkere Differenzierung zwischen biologischem und soziokulturellem Geschlecht, als es im deutschen Sprachgebrauch in dem Maße möglich ist[2]. Sex und gender sind zwei unterschiedliche Begriffe, für die es im Deutschen nur das Wort Geschlecht oder höchstens umständliche Umschreibungen gibt. Dass eine Unterscheidung jedoch wichtig ist, zeigt sich an der Problematik, dass eine Frau zwar biologisch weiblich sein kann, sich jedoch beispielsweise in der Rolle oder Identität eines Mannes bewegt. Wie soll hier mit dem deutschen Wort Geschlecht oder Geschlechtlichkeit eindeutig auseinander gehalten werden, ob die biologische oder soziale Funktion gemeint ist und dass es sich einmal um ein natürliches und das andere Mal um ein konstruiertes Geschlechterbild handelt? Durch die Einführung der Begriffe sex und gender in die Geschlechterforschung sind zwei hervorragend voneinander trennbare und deutlich differenzierbare Bereiche des menschlichen Geschlechtes nachvollziehbar geworden. Es soll im Zuge dieser Arbeit der Versuch unternommen werden, die Begriffe sex und gender auch differenzierend im Bereich der Literaturwissenschaft einzusetzen und festzustellen, ob diese Begriffspräzisierung im Hinblick auf das Männer- und Frauenbild in Kafkas Erzählung „Eine kleine Frau“ trägt.

Dass also eine Übereinstimmung von biologischem und kulturellem Geschlecht beim Menschen nicht zwangsläufig gegeben sein muss und dass Gender eine von der Gesellschaft konstruierte, soziokulturelle Eigenschaft ist, brachten erst die Gender Studien auf. Insofern erscheint es auch logisch, dass sich die Gender Studien als Kultur- und Sozialwissenschaft verstehen und interdisziplinär arbeiten. Gerade in der Literatur wird oftmals mit sex- und gender-Zuordnungen gespielt, wobei es Aufgabe der Literaturwissenschaft ist, diese zu analysieren und interpretieren.

Kafkas Erzählung „Eine kleine Frau“ scheint ebenso mit den Geschlechteridentitäten zu spielen. Da Franz Kafka die Gender Studien selbstverständlich nicht gekannt haben kann, da er gut 50 Jahre vor ihrer Entstehung verstarb, scheint es mir sinnvoll zu untersuchen, warum und inwiefern er das Geschlechterverhältnis thematisierte, und ob nicht die Gender Studien als interdisziplinäre Wissenschaft sein Werk noch einmal in einem neuen Licht erscheinen lassen können.

3. Kontext der Erzählung „Eine kleine Frau“

Franz Kafka befand sich zur Zeit der Niederschrift seiner Erzählung in Berlin Steglitz, wo er seit dem 24. September 1923 zusammen mit seiner Lebensgefährtin Dora Diamant lebte. Weit weg vom einengenden Prag fühlte er sich frei und gelöst, so dass er in einem Brief an seine Schwester Ottla schrieb:

„Du weißt, in welchem Tone man manchmal, offenbar unter dem Einfluß des Vaters, von meiner Angelegenheit spricht. Es ist nichts böses, aber es ist Prag, wie ich es nicht nur liebe, sondern auch fürchte. Eine derartige noch so gutmütige, noch so freundschaftliche Beurteilung unmittelbar zu sehen und zu hören, wäre mir wie ein Herüberlangen Prags hierher nach Berlin, würde mir leid tun und die Nächte stören.“[3]

Auch Besuche aus Prag wollte er nicht empfangen, einzig seiner Schwester war es erlaubt, ihn in Berlin zu sehen.

Die Erzählung „Eine kleine Frau“ wird auf Mitte Oktober bis Mitte November 1923 datiert[4], als sich Kafka noch in seiner ersten Wohnung Miquelstraße 8 befand. Aus dieser Steglitzer Zeit ist nur eine weitere Erzählung erhalten: „Der Bau“, die Kafka in einer einzigen Nacht niedergeschrieben haben soll[5]. Die Wohnung in der Miquelstraße war jedoch nicht lange das Domizil von Franz Kafka und Dora Diamant. Aufgrund von Streitigkeiten mit der Vermieterin, die wohl den „zweifelhaften Hausstand“[6] und das jüdische und unverheiratete Paar nicht mochte[7] und aufgrund von Geldsorgen der Inflation wegen, war ein Umzug am 15. November nötig geworden. Das Paar wohnte nun in der Grunewaldstr. 13, von wo Kafka im März 1924 aufgrund seines sich stetig verschlechternden Gesundheitszustandes wieder nach Prag aufbrach. „Eine kleine Frau“ erschien erstmalig 1924 im Sammelband „Der Hungerkünstler. Vier Geschichten“, in dem auch die drei Erzählungen „Erstes Leid“, „Ein Hungerkünstler“ und „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ enthalten waren.

4. Handlungszusammenfassung

Ein Ich-Erzähler berichtet von einer Frau aus seinem sozialen Umfeld. Zunächst beschreibt er ihr Äußeres, bevor er auf das eigentliche Problem zu sprechen kommt: Er bereitet der „kleinen Frau“ stetig in irgendeiner Form ungewollt Ärger. Sie grämt sich darüber so sehr, dass körperliche Anzeichen sichtbar werden und sich auch die Umwelt Gedanken zu machen beginnt. Der Erzähler beteuert, keinerlei Beziehung zu der Frau zu haben und sich deshalb eigentlich auf der sicheren Seite befinden zu können. Eine Liebesbeziehung schließt er kategorisch aus. Dennoch macht er sich Gedanken, wie sich seine Situation verändern könnte, würde die Öffentlichkeit ihn als den Urheber des Ärgers der Frau ausmachen. Eine Aussprache mit ihr war besonders unangenehm verlaufen, denn sie war so erregt, dass die Sache nicht beigelegt werden konnte. Ein Freund rät ihm daraufhin, zu verreisen, was der Protagonist jedoch vehement ablehnt, da es nichts brächte. Für ihn ist der Ärger der Frau völlig überflüssig, denn sie könne ihn ja einfach ignorieren, da keinerlei Beziehung zwischen ihnen bestünde. Da sie das jedoch scheinbar nicht vermag, versucht er, sich ihr zuliebe zu verändern, merkt jedoch bald, dass es alles an ihm sei, was sie störe. Ständig erwartet er, dass er sich vor der Welt für das rechtfertigen muss, was er der „kleinen Frau“ ungewollt antut. Doch erstens glaubt er, dass er als geachtetes Mitglied der Gesellschaft wohl nicht allzu viel zu befürchten habe, und zweitens merkt er über eine längere Zeit, in der diese Un-Beziehung besteht, dass er den Zustand ganz gut geheim halten kann und sie beide mit der Situation weiterleben können, wenn auch beiderseits mit kleineren Unannehmlichkeiten. Ein Ende ist jedoch nicht abzusehen.

5. Deutungsansätze zum Geschlechterverhältnis

Im Folgenden sollen vier verschiedene Deutungsmöglichkeiten und Analysen zum Geschlechterverhältnis in der Erzählung „Eine kleine Frau“ vorgestellt werden. Sie haben ihren Ansatzpunkt jeweils in verschiedenen Bereichen wie der Philosophie oder Psychologie, und werden so dem interdisziplinären Anspruch der Gender Studien gerecht.

5.1. Philosophisch-theologisch: Die Erbsünde

Kafka beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit der christlichen und jüdischen Religionslehre, sowie mit den Schriften der großen Philosophen. In Søren Kierkegaards „Der Begriff der Angst“ von 1844 entdeckte er eine Interpretation des Sündenfalls, die „die Gleichursprünglichkeit von Sünde und Geschlechtlichkeit behauptet“[8]. „Er bestätigt mich wie ein Freund“[9], schrieb Kafka im August 1913 in sein Tagebuch. Kierkegaard postuliert in seinem Werk, dass dem Menschen durch sein Handeln die Möglichkeit gegeben sei, Wirklichkeiten zu schaffen und er damit frei werde. Freiheit bedeute aber immer irrationale Angst, da das Unbekannte die Möglichkeit der Schuld in sich berge. Nur der handelnde Mensch könne also das Bewusstsein von Freiheit und Schuld entwickeln. Ursprung der Freiheit, der Angst und der Schuld ist nach Kierkegaard der Sündenfall, als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis aßen: Sie handelten eigenständig, befreiten sich aus ihrem gottnahen träumerischen Zustand und erlangten Freiheit und gleichzeitig die Erkenntnis über ihren Zustand. Sie lernten die Angst und die Schuld kennen.

Der Sündenfall ist traditionell an den christlichen Begriff der „Erbsünde“ gebunden, so dass Schuld, Angst und Freiheit gleichzeitig mit der Erkenntnis des sex von Adam und Eva einhergehen. Schuld haben also fortan alle Menschen, da sie sich von ihrem sex, also ihrer biologischen Geschlechtlichkeit und der daraus folgenden sexuellen Beziehung von Mann und Frau zueinander, nicht lösen können.

[...]


[1] Möbus, Frank: Sünden-Fälle. Die Geschlechtlichkeit in Erzählungen Franz Kafkas. Göttingen: Wallstein Verlag 1994, S. 156.

[2] Christina von Braun/Inge Stephan: Gender Studien. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler Verlag 2000, S. 9ff.

[3] Franz Kafka: Briefe an Ottla und die Familie. Hrsg. von Hartmut Binder und Klaus Wagenbach. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1974, S. 137.

[4] Hartmut Binder: Kafka-Kommentar zu sämtlichen Erzählungen. München: Winkler Verlag 1975, S. 300f.

[5] Ebd.

[6] Klaus Wagenbach: Franz Kafka. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1994, S. 134.

[7] Heike Faller/Mark Harmann: Die Suche. Wie ein amerikanischer Literaturprofessor versucht, die Briefe zu finden, die Kafka an ein kleines Mädchen geschrieben haben soll, als er in Berlin lebte. In: http://zeus.zeit.de/text/archiv/2001/02/200102_erinnern_kafkate.xml, 2001. (10.03. 2006)

[8] Gerhard Kurz (zit. nach Frank Möbus: Sünden-Fälle. S. 148)

[9] Ebd., S. 149

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Geschlechtlichkeit in der Erzählung "Eine kleine Frau" von Franz Kafka
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar Kafka
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V69883
ISBN (eBook)
9783638622776
ISBN (Buch)
9783638673815
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlechtlichkeit, Erzählung, Eine, Frau, Franz, Kafka, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Stefanie Manig (Autor), 2006, Die Geschlechtlichkeit in der Erzählung "Eine kleine Frau" von Franz Kafka, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69883

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