Subjektive Gesundheitskonzepte von Jugendlichen – zur Argumentationsfigur „Gesundheit – Sport – Fitness“ im Sportverständnis Jugendlicher


Diplomarbeit, 2006
178 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Problemlage

3 Zum Stand der Forschung

4 Zwischenbilanz und leitende Fragestellung

5 Methode
5.1 Qualitative empirische Sozialforschung
5.2 Methoden der Datenerhebung, Aufbereitung und Auswertung
5.2.1 „Zum Sportverständnis von Jugendlichen“ – der Hintergrund der Studie
5.2.2 Datenerhebung
5.2.3 Datenaufbereitung
5.2.4 Datenauswertung
5.3 Die Rahmenbedingungen für das Teilprojekt „Gesundheit“
5.3.1 Datenerhebung und Aufbereitung
5.3.2 Datenauswertung: Die Auswertungsstrategie
5.4 Kritische Anmerkungen

6 Zum Bedeutungsumfang von „Gesundheit“ und „Fitness“ bei Jugendlichen
6.1 Gesundheit – was ist gemeint?
6.1.1 Gesundheit als Handlungsvoraussetzung
6.1.2 (Sportliche) Handlungseffekte
6.1.3 Unspezifische Definitionen
6.1.4 Äußeres Erscheinungsbild
6.1.5 Sonstige Bedeutungen
6.2 Die Assoziationsanalyse zu „Gesundheit“
6.3 Der Stellenwert von „Gesundheit“ bei Jugendlichen
6.4 Was verstehen die Jugendlichen unter „Fitness“?
6.4.1 Die innerbegriffliche Perspektive auf „Fitness“
6.4.1.1 Allgemeine (körperliche) Leistungsfähigkeit
6.4.1.2 (Figurbezogenes) Aussehen
6.4.1.3 Exkurs: Der Fitness-Begriff im Sprachgebrauch
6.4.2 Die kontextuelle Perspektive
6.4.2.1 Sportarten
6.4.2.2 Sportkontexte
6.4.2.3 Intensität
6.4.2.4 Geschlecht
6.4.2.5 Alter
6.5 Zwischenfazit

7 Die Argumentationsfigur „Gesundheit – Sport – Fitness“ im Sportverständnis Jugendlicher
7.1 „Gesundheit“ im Sport verständnis der Jugendlichen
7.1.1 Die Funktionsperspektive: „Gesundheit“ als Voraussetzung sportlicher Aktivität
7.1.2 Die Effektperspektive: negative gesundheitliche Folgen sportlicher Aktivität
7.1.3 Die Effektperspektive: Positive gesundheitliche Folgen des Sporttreibens
7.2 „Fitness“ im Sport verständnis der Jugendlichen
7.2.1 Die Funktionsperspektive: „Fitness“ als Voraussetzung sportlicher Aktivität
7.2.2 Die Effektperspektive: „Fitness“ als (erwartete) Konsequenz sportlicher Aktivität
7.3 Fazit: Die Zweck-Mittel-Relation „Gesundheit – Sport – Fitness“

8 Gruppierungen
8.1 „Gesundheit“ und „Fitness“ – eine Frage des Geschlechts?
8.2 Prägt die Sporterfahrung die Einstellungen zu „Gesundheit“ und „Fitness“?

9 Diskussion der Befunde
9.1 Die Ergebnisse vor dem Hintergrund aktueller Forschung
9.2 Inhaltliche Implikationen
9.3 Methodische Implikationen

10 Ausblick

11 Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Diese Arbeit entstand im Kontext eines Forschungsprojekts zum subjektiven Sportverständnis von Jugendlichen. Zwar ist der Gesundheitsaspekt vordergründig nicht das Thema der Sportverständnis-Studie. Dennoch ist zu vermuten, dass auch Gesundheitsaspekte artikuliert werden. Denn einerseits ist eine Assoziationsfrage zum Thema Gesundheit integriert. Andererseits legt es der derzeitige Forschungsstand (vgl. z.B. Sygusch, 2000) nahe, dass Gesundheit als ein Motiv, das zumindest von Erwachsenen im Zusammenhang mit Sport thematisiert wird und insofern auch von Jugendlichen als ein sozial geläufiger Stereotyp aufgenommen wird, im Sportkontext reproduziert wird. Erwartet werden kann also, dass in einer qualitativen Untersuchung zum Sportverständnis Jugendlicher auch Informationen zu subjektiven Vorstellungen von Gesundheit zum Ausdruck kommen.

Es bietet sich also an, auf der Grundlage des Datenmaterials der Sportverständnis-Studie, gleichzeitig ein (sport)wissenschaftlich ebenfalls wenig erforschtes Gebiet (vgl. dazu Sygusch, 2000, S. 49 f.; 2001, S. 382 f.) näher zu untersuchen: die subjektiven Gesundheitskonzepte Jugendlicher. Dabei vereint dieses Vorgehen die Vorteile einer qualitativen Untersuchung (z.B. das Abbilden von Tiefenstrukturen) mit der sportbezogenen Perspektive.

Der Schwerpunkt und das Ziel dieser Arbeit ist eine eingehende explorative Analyse des Datenmaterials hinsichtlich der subjektiven Gesundheitsvorstellungen von den befragten Jugendlichen. Dies schlägt sich auch in der Gewichtung der einzelnen Kapitel nieder. Zunächst werden die Problemlage und der Forschungsstand nachgezeichnet (Kapitel 2 und 3), um daraus die leitende Fragestellung (Kapitel 4) für den analytischen Teil (Kapitel 6 bis 8) abzuleiten. In Kapitel 5 wird dazu das genaue methodische Vorgehen ausführlich beschrieben. Die Befunde werden anschließend hinsichtlich ihrer inhaltlichen wie methodischen Implikationen diskutiert (Kapitel 9). Eine kurze Zusammenfassung (Kapitel 10) rundet diese Arbeit ab.

2 Problemlage

Subjektive Gesundheitskonzepte[1] rücken zunehmend in den Blick wissenschaftlicher Bemühungen um die Begründung und Gestaltung von Interventionsprogrammen zur Gesundheitsförderung[2]. Sie sind der Schlüssel zu gesundheitsrelevantem Verhalten bzw. zu dessen Veränderung (vgl. u.a. Brehm, 1990; Kolip, 2000; Sygusch, 2000, 2001). Dabei zeichnet sich das Jugendalter in Abgrenzung zum Erwachsenenalter offenbar durch eine Reihe von spezifischen Merkmalen aus, die es von anderen Lebensphasen unterscheidet. Für die Konzeption solcher jugendspezifischen Programme ist Folgendes von Bedeutung.[3]

(1) Die Erfüllung alterstypischer Entwicklungsaufgaben von jugendspezifischem Risikoverhalten (Franzkowiak, 1986) wie Rauchen und Alkoholkonsum sowie die Notwendigkeit, dafür „funktionale Äquivalente“ (Silbereisen & Kastner, 1985) zu finden. Risikoverhalten im Jugendalter dient – neben den „normalen“ erwachsenenorientierten Funktionen wie Entspannung, Ablenkung oder Betäubung etc. – auch beispielsweise der Integration in eine Peer-Group oder der Emanzipation gegenüber Eltern und anderen erwachsenen Bezugspersonen. Derartiges gesundheitsriskantes Verhalten wird dabei zu einer Handlung, mit dem Jugendliche den Statusübergang ins Erwachsenenalter symbolhaft darstellen (vgl. Kolip, 2000, S. 181). Bei der Gestaltung von gesundheitsorientierten Interventionsprogrammen müssen diese Funktionen berücksichtigt und ein entsprechender Ersatz bereitgestellt werden.
(2) Die Berücksichtigung des gegenwartsorientierten Lebensgefühls der Jugendlichen. Verweise auf langfristig zu erwartende Gesundheitsgefährdungen haben sich als wenig effektiv herausgestellt, weil sich subjektive Gesundheitskonzepte von Jugendlichen eher an der Gegenwart (z.B. aktuelles Wohlbefinden, Erleben und Verhalten) orientieren als an wissensbasierten mittel- und langfristigen Konsequenzerwartungen (vgl. Brehm, 1990, S. 125 f.; Kolip, 2000, S. 181; Sygusch, 2000, S. 38).
(3) Das selbstverständliche Vorhandensein von Gesundheit. Jugendliche können gemäß ihrer eigenen Wahrnehmung in der Regel auf einen guten oder sehr guten Gesundheitszustand zurückgreifen. Demnach haben sie – so die Argumentation – keine Veranlassung, etwas zur Veränderung ihres Gesundheitszustandes zu unternehmen (vgl. Bengel, Bucherer, Strittmatter & Buggle, 1995; Brehm, 1990, S. 126; Sygusch, 2000, S. 72).

Bemerkenswerterweise steht Letzteres in einem offensichtlichen Gegensatz zu der Tatsache, dass Gesundheit sowohl in repräsentativen Untersuchungen (vgl. u.a. Baur & Burrmann, 2000; Brettschneider & Bräutigam, 1990; Tietjens, Strauß & Kurz, 1998) als auch in qualitativen Studien (vgl. u.a. Brehm, 1990) von den Jugendlichen als gängiges Motiv zum Sporttreiben genannt wird. Diese (scheinbar) widersprüchlichen Ergebnisse zwischen dem von Jugendlichen oft genannten Gesundheitsmotiv und der bestenfalls mäßigen Handlungsrelevanz werden üblicherweise mit dem Argument eines sozial vermittelten Stereotyps erklärt (vgl. dazu schon Mrazek, 1987, neuerdings Sygusch, 2001).

3 Zum Stand der Forschung

Trotz der sozialen wie gesundheitspolitischen Bedeutung sind systematische qualitative Studien zum Thema subjektive Gesundheitskonzepte (in der Sportwissenschaft) bisher vergleichsweise selten (vgl. u.a. Kuhlmann, 2000, S. 21). Diese Situation verschärft sich noch deutlich, wenn weitere Spezifizierungen beispielsweise hinsichtlich der Bevölkerungsgruppe gemacht werden. Sygusch (2001) betont – und das ist nach wie vor gültig[4] –, „dass nur vereinzelt – und dann in einem sehr globalen Zugang – Befunde zur Selbsteinschätzung der Gesundheit und ihrer Dimensionen sowie zum Gesundheitsverständnis oder Selbst- und Körperkonzept jugendlicher Sportler vorliegen“ (S. 384; vgl. dazu auch Schmidt & Fröhling, 1998, S. 35). Da die vorliegende Studie das Sport verständnis von Jugendlichen untersucht, gilt die Sygusch’sche Einschätzung gleichermaßen für die vorliegende Untersuchung. Aus diesem Grund erscheint es entgegen des allgemein üblichen Vorgehens zweckmäßig, die wenigen relevanten Untersuchungen einzeln vorzustellen.

(1) Mrazek (1987) beschreibt das Gesundheitskonzept als „die Gesamtheit der gesundheitsbezogenen Kognitionen, Bewertungen und Handlungspläne eines Individuums“ (S. 83). Er hebt hervor, dass subjektive Konzepte „naive Theorien des Individuums über sich selbst“ (S. 85) sind, die sich durchaus variabel auf andere Konzepte wie z.B. dem Körperkonzept beziehen. Sie können einerseits relativ eigenständig existieren, Teilaspekt eines anderen Konzeptes sein oder in einer hierarchischen Struktur höher eingeordnet werden.

In der quantitativen Untersuchung von Mrazek wurden 1026 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 16 Jahren vermittels eines 240 Item umfassenden Fragebogens zu ihrem Körper- und Gesundheitskonzept befragt. Das Ergebnis belege, dass die Jugendlichen – unabhängig von Alter, Geschlecht und sozialer Schicht – mit ihrer Gesundheit sehr zufrieden sind und keine nennenswerten gesundheitlichen Probleme haben, dass sie also keine Veranlassung haben, ihrer Gesundheit viel Beachtung zu schenken (Mrazek, 1987, S. 99 f.). Das jugendliche Gesundheitskonzept wird von Mrazek als „privates“, von diffusen individuellen Wahrnehmungen bestimmtes Konzept interpretiert, zu deren Einordnung die Jugendlichen lediglich das globale soziale Stereotyp „Gesundheit ist wichtig“ zur Verfügung hätten (vgl. Mrazek, 1987, S. 83). Interessanterweise unterscheidet er auch noch zwei weitere „Teilkonzepte“ des Körperkonzepts: die körperliche Leistungsfähigkeit und das eigene Aussehen. Diese seien im Gegensatz zum Gesundheits konzept der Jugendlichen „öffentliche“ Konzepte, die in weit stärkerem Maße individuell differenziert wahrgenommen werden könnten und für die weitaus differenziertere soziale Kategoriensysteme verfügbar seien. Das sei auch die Begründung dafür, dass sich bei diesen Konzepten – im Gegensatz zum Gesundheitskonzept – alters- und geschlechtsspezifische Entwicklungen zeigen (Mrazek, 1987, S. 101).

Als Ableitung formuliert Mrazek (1987, S. 101 f.), dass ein nicht vorhandenes Problembewusstsein geweckt, ein diffuser Gesundheitsbegriff präzisiert, die individuelle Wahrnehmung für gesundheitsrelevantes Verhalten verbessert und vom sozialen Stereotyp gelöst werden müsse, um effektive Gesundheitsförderung (für Jugendliche) betreiben zu können.

(2) In einer grundlegenden Arbeit hat Fuchs (1990) – auf Basis einer zweijährigen quantitativen Längsschnittstudie (5 Erhebungen) an über 1000 Schülerinnen und Schüler von Hauptschulen und Gymnasien zwischen der 7. und der 10. Klasse – u.a. die sozial-kognitiven Determinanten der sportlichen Aktivität bei Jugendlichen genauer untersucht. Hierzu entwirft er ein umfassendes integratives Modell aus bewältigungs-, einstellungs-, motivations- und emotionstheoretischen Aspekten.

Bezogen auf die sozial-kognitiven Determinanten sportlicher Aktivität kommt Fuchs (1990, S. 219) zu dem Ergebnis, dass die drei konstantesten, d.h. über alle Gruppierungen hinweg bestehenden Prädiktoren für die eigene sportliche Aktivität (a) das sportliche Vorbildverhalten der Peer-Group, (b) das Körper-Selbstwert-Gefühl und (3) körperbezogene sozio-emotionale Erwartungen ans Sporttreiben sind. Herauszuheben ist, dass gesundheitsbezogene Erwartungen an das Sporttreiben keine Rolle für die Entwicklung der sportlichen Aktivität bei Jugendlichen habe: „Das Gesundheitsverhalten ‚Sporttreiben’ ist zumindest bei Jugendlichen in erster Linie Sozialverhalten, die gesundheitliche Funktion des Sports spielt in dieser Altersgruppe noch kaum eine motivierende Rolle. Vom gesundheitlichen ist der körperliche Aspekt des Sporttreibens zu unterscheiden. Dieser scheint fast genauso wichtig zu sein wie die soziale Bedeutung der sportlichen Aktivität“ (Fuchs, 1990, S. 219) und deshalb habe er erheblichen Einfluss auf das Sport- und Bewegungsverhalten der Jugendlichen. Dieser „körperliche Aspekt“ ließe sich auch mit „Fitness“ im Sinne von „physical fitness“ beschreiben (vgl. dazu Kent, 1998).

(3) Brehm (1990) ist der erste – und bisher einzige – der subjektive Gesundheitskonzepte bei Jugendlichen im (Schul)Sportkontext mit einer mündlichen Befragung (an 16 Gesamtschülern im Alter von 13 bis 16 Jahren) analysiert. Ausgehend von der Annahme, dass „die Ausbildung von verhaltensrelevanten Kognitionen und Motivationen bei jenem Verständnis ansetzen müsste, das Jugendliche über Gesundheit haben“ (S. 125) bestätigt er die Einschätzung, dass die Jugendlichen zwar angeben, Gesundheit sei für sie wichtig und dass sie sich Gedanken und Sorgen um diese machen würden. Jedoch würden sie ihr nur wenig Beachtung schenken, da sie mit ihrer Gesundheit zufrieden seien und Gesundheit ein „verfügbares Gut, das in ihrem Alter noch keiner bewussten Förderung bedarf“ (S. 126) sei. Er unterscheidet dabei zwei Typen: einen „Sport-Typ“, der – überwiegend intrinsisch motiviert – sportliche Aktivität (außerhalb der Schule) als sinnvoll und als Medium zur Beeinflussung von Fitness und Wohlbefinden ansieht; und einen – eher extrinsisch motivierten – „Verzichts-Typ“, der eine gesundheitsorientierte Lebensweise eher als Verzicht und Sport als (gesundheitlich) unwichtig, bestenfalls als „Spassbringer“ wahrnimmt (vgl. Brehm, 1990, S. 130).

Grundtenor seiner zahlreichen Anregungen für den (Schul)Sport ist, dass eine Orientierung an kurzfristig, an sich selbst Nachvollziehbarem und vor allem an positiven Effekten vielversprechender bzw. handlungswirksamer sei als der Verweis auf langfristige Gesundheitseffekte (vgl. Brehm, 1990, S. 127).

(4) Basierend auf dem Jugendgesundheitssurvey 1993 hat Kolip (1998, 2000) in ihrer Untersuchung 2.330 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 16 Jahren mittels einer offenen Frage innerhalb einer quantitativen Fragebogenerhebung nach „ihren“ Gesundheitsdefinitionen befragt. Sie sieht im subjektiven Wohlbefinden die zentrale Komponente im subjektiven Gesundheitskonzept von Jugendlichen. Das Ergebnis belege mit 17 induktiv entwickelten Kategorien zudem die „Vielgestaltigkeit der Gesundheitsdefinitionen Jugendlicher“ (Kolip, 2000, S. 187; vgl. auch Tabelle 4). Sie hebt außerdem hervor, dass der Zusammenhang zwischen subjektiven Gesundheitsdefinitionen und gesundheitsrelevantem Verhalten kaum ausgeprägt ist und „dass dem gesundheitlichen Risikoverhalten eine subjektive Logik innewohnt, die es in der Konzeption von Interventionsprogrammen stärker zu berücksichtigen gilt“ (Kolip, 2000, S. 180).

(5) In einer Sekundäranalyse auf Basis der Daten der Jugendsportstudie NRW (Kurz, Sack & Brinkhoff, 1996) legt Sygusch (2000, 2001) einen zusammenfassenden Überblick über die Dimensionen subjektiver Gesundheitskonzepte vor.[5] Er differenziert dabei zwischen dem Stellenwert von Gesundheit, der Elaboriertheit des Gesundheitsverständnisse und der Real-Ideal-Diskrepanz.

- Mit dem Stellenwert von Gesundheit beschreibt Sygusch (2000) die Stellung des Gesundheitskonzeptes innerhalb des globalen Selbstkonzepts. Die Annahme ist, dass es genau dann zu einer (gesundheitsbezogenen) Verhaltensänderung kommen wird, wenn diese Stellung vergleichsweise hoch bzw. zentral ist. Der Stellenwert von Gesundheit generell (vgl. zusammenfassend Sygusch, 2000, S. 72 f.) ebenso wie in Bezug zu sportlicher Aktivität besitzt für Jugendliche einen eher nebensächlichen Charakter (Sygusch, 2001; vgl. auch Brehm, 1990). Die Gesundheit werde nur dann verhaltensrelevant, wenn die körperliche (und somit auch die sportliche) Funktionalität als gefährdet eingestuft wird; auch als ein Hinweis auf unterschiedliche Konzepte von (allgemeiner) „Gesundheit“ und „Fitness“ zu werten.
- Die Elaboriertheit des Gesundheitsschemas beschreibt die unterschiedliche Gewichtung physischer, psychischer und sozialer Aspekte innerhalb des Gesundheitskonzepts. Diese Gewichtung gibt Aufschluss darüber, wie gezielt das gesundheitsrelevante Verhalten einer Person auf diesen Bereich ist oder sein kann (vgl. Sygusch, 2000, S. 43 f.). Jugendliche besitzen bereits ein mehrdimensionales Verständnis von Gesundheit, welches sich am Übergang zur Adoleszenz weitgehend ausdifferenziert hat (vgl. dazu Nordlohne & Kolip, 1994, S. 127 ff.; Schmidt & Fröhling, 1998).
- Die Real-Ideal-Diskrepanz bezeichnet dagegen die Annahme, dass es dann zu einer gesundheitsbezogenen Motivation und Verhaltensänderung kommt, wenn – bezogen auf das individuelle Selbstkonzept, mitsamt der Differenzierungen und Gewichtungen – subjektiv eine Gefährdung der eigenen Gesundheit befürchtet wird, wenn also der (subjektive) Ist-Zustand nicht dem (subjektiven) Soll-Zustand entspricht (vgl. Sygusch, 2000, 2001). Sygusch (2000) stellt fest, dass eine solche Diskrepanz auf Basis der vorliegenden Untersuchungen (vgl. u.a. Bengel et al., 1995; Kolip, Nordlohne & Hurrelmann, 1995) nicht zu erkennen ist. Gesundheit scheint „für Jugendliche offenbar kein Problem und damit auch kein zentrales Thema ihres Alltags“ zu sein (Sygusch, 2001, S. 384).

Die Ergebnisse der Sekundäranalyse zeigen neben der Feststellung von Differenzen in den subjektiven Gesundheitskonzepten hinsichtlich Geschlecht und Sporterfahrung bei den untersuchten Sportlern auch, dass die Real-Ideal-Bilanzierung insgesamt als positiv eingeschätzt würde und es deshalb nur wenig Anlass zum gesundheitsmotivierten Handeln gäbe (Sygusch, 2001, S. 397 f.).

4 Zwischenbilanz und leitende Fragestellung

Betrachtet man die dargestellten Untersuchungsergebnisse im Überblick, so fällt auf, dass es zu diesem Thema bisher – mit Ausnahme von Brehm (1990) – keine explizit qualitative Annäherung gibt. Und das erscheint in Anbetracht des Themas – subjektive Gesundheitskonzepte – als bemerkenswert. Alleine deswegen lohnt sich eine genauere Betrachtung von gesundheitlichen Aspekten im Zusammenhang einer qualitativen Untersuchung zum subjektiven Sportverständnis.

Es kann außerdem festgestellt werden, dass die subjektiven Gesundheitskonzepte in ihrem Sportbezug bei Jugendlichen bisher noch unzureichend genau beschrieben sind. Denn insgesamt bleibt einigermaßen offen, in welchem Verhältnis Sport und Gesundheit diese Konzepte stehen. Zwar wird immer wieder auf einen sozialen Stereotyp als eine weit verbreitete enge Verkoppelung von Gesundheit und Sport abgehoben, was auch von den Jugendlichen – beispielsweise durch invariant positive Bewertungen in empirischen Untersuchungen – reproduziert werde (vgl. bereits Mrazek, 1987, S. 99). Jedoch fällt auch auf, dass die gängigen sportbezogenen Fragebogenkonstruktionen einen „blinden Fleck“ aufweisen, denn die spezifische Zweck-Mittel-Relation „Sporttreiben, um gesund zu bleiben/werden“ wird unterstellt und die genauen Zusammenhänge werden nicht weiter nachgefragt. Es wird in den einschlägigen Untersuchungen eine umgekehrte Zweck-Mittel-Relation („Gesundheit wird benötigt, um Sport zu machen“) gar nicht erst als Option eingebaut, so dass sie für das subjektive Gesundheitskonzept im Sportkontext nicht erhoben wird und somit auch nicht eingeschätzt werden kann. Festgemacht werden kann dieses Defizit z.B. an den bisher verwendeten Item-Konstruktionen repräsentativer (quantitativer) Untersuchungen (wie z.B. bei Brettschneider & Bräutigam, 1990; Kurz, Sack & Brinkhoff, 1996; Sack, 1980).

Ein weiterer Kritikpunkt an Fragebogen-Erhebungen ist, dass es nicht auszuschließen ist, dass Antworten deswegen angekreuzt werden, weil sie bereits vorgegeben sind, obwohl diese Antwortkategorien nicht eigenständig im Bewusstsein existieren – und dies geschieht vermutlich umso wahrscheinlicher, je größer die soziale Erwünschtheit einzuschätzen ist wie dies z.B. bei Gesundheit der Fall sein dürfte.

Auffällig ist weiterhin, dass sowohl von den Jugendlichen als auch in der wissenschaftlichen Literatur immer wieder auf körperliche Dimensionen – die im Allgemeinen unter „Fitness“ subsummiert werden – zurückgegriffen wird. Da für diese Aspekte die Relation zu Gesundheit und Sport im subjektiven Verständnis von Jugendlichen noch weniger eindeutig ist, die Bedeutung für diese Altersgruppe aber als hoch einzuschätzen ist, sollen im weiteren Verlauf der Untersuchung zusätzlich zu „Gesundheit“ die „Fitness“-Aspekte betrachtet werden.

Verdichtet man die offenen Fragen zu einer für die vorliegende Arbeit leitenden Fragestellungen, so können diese wie folgt formuliert werden:

Welche subjektiven Varianten von „Gesundheit“ und „Fitness“ werden von den Jugendlichen artikuliert, und welche Bedeutungsabweichungen kennzeichnen diese beiden subjektiven Konzepte?

Welche Bedeutung wird den subjektiven Konzepten „Gesundheit“ und „Fitness“ im Zusammenhang mit Sportaktivitäten zugeschrieben, und welche Beziehungen werden hergestellt zwischen Gesundheit, Fitness und Sport?

Weiterhin legt es die beschriebene Forschungslage nahe, mit geschlechtertypischen Unterschieden in den Auslegungen von „Gesundheit“ und „Fitness“ zu rechnen. Aus diesem Grunde wurde bei der Auswertung des Datenmaterials auch eine Geschlechter-Differenzierung vorgenommen. Es erscheint außerdem als zweckmäßig, eine sportbezogene Differenzierung – nach wettkampf- bzw. breitensportlichen Erfahrungen – vorzunehmen, denn es ist zu vermuten, dass sich die eigenen Sporterfahrungen der Jugendlichen auch in den subjektiven Konzepten von „Gesundheit“ und „Fitness“ niederschlagen. Also: Zeigen sich Unterschiede in den subjektiven Vorstellungen von Gesundheit und Fitness hinsichtlich des Geschlechts und/oder der Sporterfahrung? Und wenn ja, wie sehen diese Unterschiede aus?

5 Methode

Die Darstellung der relevanten methodischen Aspekte dieser Arbeit verfolgt zwei Ziele. Zuerst wird der theoretische Hintergrund qualitativer Forschung im Allgemeinen in den Blick genommen, um anschließend durch eine ausführliche Methodenexplikation der speziellen Vorgehensweise ergänzt zu werden.

5.1 Qualitative empirische Sozialforschung

Zwar kann ob der Vielgestaltigkeit und des Selbstverständnisses nicht von der qualitativen Forschung gesprochen werden (vgl. u.a. Lamnek, 1995; Lüders & Reichertz, 1986; Steger, 2003). Aber dennoch lassen sich einige Grundmerkmale fixieren, die zumindest den Großteil der in qualitativer Forschungstradition stehenden Forschungsbemühungen kennzeichnen. Steger (2003, S. 4 f.) fasst diese Grundmerkmale in sechs „zentralen Prinzipien“ zusammen,[6] die – gewachsen in kritischer Reaktion auf die traditionelle quantitative Sozialforschung (vgl. z.B. Flick, 1995; Lamnek, 1995) – besonders als notwenige Erweiterung des klassischen Methodenspektrums Bedeutung gewinnen. Die wesentlichen Kritikpunkte an der quantitativen Sozialforschung lassen sich in einigen Punkten bündeln, ohne dabei ihre Vorteile aus dem Blick zu verlieren (vgl. Steger, 2003):

- Ein stark eingeschränkter Blickwinkel, der „latente Sinnstrukturen“ (Guba & Lincoln, 1994) weitgehend ignoriert.
- Eine naturwissenschaftlich orientierte Methodologie, die kaum auf den Bereich der Sozialwissenschaften übertragbar ist.
- Eine unsensible Methodenwahl und ein problematisches Verhältnis zwischen Forscher und Forschungsobjekt. Ersteres bezeichnet den häufig unreflektierten und (dem Untersuchungsgegenstand) unangemessen Einsatz standardisierter Verfahren; Letzteres hingegen bezieht sich auf die stark reduzierte „kommunikative Beziehung“ (vgl. Guba & Lincoln, 1994, S. 107) zwischen Forscher und Forschungsgegenstand (in der Sozialwissenschaft ist dies der Mensch), was letztendlich zu einer Degradierung desselben zum Datenlieferanten und zur Aufoktroyierung der Forscherperspektive führt.
- Die zu starke Fokussierung auf objektive Tatbestände führt dazu, dass eine kritische Differenzierung zwischen (erhobenem) Phänomen und der Sache an sich deutlich erschwert wird.

Der darin implizite Anspruch und die Vorteile qualitativer Erhebungsmethoden liegen also – im Gegensatz zu quantitativen Repräsentativuntersuchungen – in der „Möglichkeit, Situationsdeutungen oder Handlungsmotive in offener Form zu erfragen, Alltagstheorien oder Selbstinterpretationen differenziert und offen zu erheben“ (Hopf, 2000, S. 350; vgl. auch Thiele, 1999).

Gütekriterien in der qualitativen Forschung

Nicht zuletzt muss auch die qualitative Sozialforschung nach ihrer „Güte“ bewertet bzw. kritisch überprüft werden. Im Gegensatz zu den differenziert ausgearbeiteten Gütekriterien der quantitativen Sozialforschung (Objektivität, Reliabilität und Validität; vgl. z.B. Bortz & Döring, 2003), ist die Qualität bzw. die Qualitätssicherung von qualitativen Studien ein eher offenes und vergleichsweise junges Thema, deren Ansätze bisher eher skizzenhaft sind (Lüders, 2003, S. 635). Steinke (2005, vgl. auch 2003) diskutiert die Möglichkeiten der Anwendung der klassischen quantitativen Bewertungskriterien auf qualitative Untersuchungen und kommt insgesamt zu dem Schluss, dass sie durchaus „in einigen grundsätzlichen Ideen und Ansätzen [...] übertragbar [seien]. Für die Anwendung dieser übergreifenden Ansätze in der qualitativen Forschung muss jedoch deren Operationalisierung in Übereinstimmung mit den Charakteristika qualitativer Forschung erfolgen“ (S. 8).[7]

Für qualitative Sozialforschung gelten im Wesentlichen vier Gütekriterien, die im Folgenden kurz beschrieben werden (vgl. Steinke, 2005):

(1) Indikation der Methoden. Hierbei handelt es sich um die Angemessenheit der Methodenwahl mit diversen Unter-Kriterien wie beispielsweise der Frage nach dem Zustandekommen des Arbeitsbündnisses zwischen Forscher und Informant (geringes Machtgefälle), um so sicherstellen zu können, dass vertrauensbasierte Antworten gegeben und Effekte sozialer Erwünschtheit minimiert werden. Weiterhin: Sind die gewählten Erhebungs- und Auswertungsmethoden, Samling-Strategien und Transkiptionsregeln indiziert und passen diese zusammen?
(2) Empirische Verankerung. Dieses Bewertungskriterium beschreibt die Forderung nach durch die erhobenen Daten belegbaren Ergebnissen. Und dies sowohl anhand von Textbelegen, als auch hinsichtlich einer Negativ-Perspektive (Gegenbeispiele, Falsifikation) und deren Dokumentation.
(3) Verallgemeinerbarkeit. Die Transferierbarkeit der gewonnenen Erkenntnisse und Theorien auf andere Kontexte ist ein Indikator für die Repräsentativität der Analyseergebnisse. Die Grenzen der Gültigkeit der abgeleiteten Theorien müssen ausreichend deutlich dargestellt werden, besonders da die üblichen Methoden häufig mit vergleichsweise geringen Probandenzahlen einhergehen. Um die Verallgemeinerbarkeit zu erhöhen bzw. so weit wie möglich abzusichern, können methodische Konzepte (z.B. „dichte Beschreibungen“; Geertz, 1983, 1988) und Techniken (z.B. Triangulation; vgl. Flick, 2004; Schründer-Lenzen, 1997) eingesetzt werden.
(4) Intersubjektive Nachvollziehbarkeit. Eine ausführliche Dokumentation des methodischen Vorgehens (Erhebung und Auswertung, Sampling und Transkription, ebenso wie das theoretische Vorverständnis) schafft die Voraussetzungen für die Bewertung der Studie durch Dritte.

Um den Bewertungskanon zu komplettieren, sollte für eine vollständige Beurteilung der Ergebnisgüte noch Aspekte (5) der Kohärenz, (6) der Relevanz und (7) der reflektierten Subjektivität berücksichtigt werden (Steinke, 2003, S. 330 f.).

5.2 Methoden der Datenerhebung, Aufbereitung und Auswertung

Die vorliegende Arbeit ist eine Art „Teilprojekt“. Auf der Basis eines aktuell durchgeführten Forschungsvorhabens zum Sportverständnis von Jugendlichen und der in diesem Kontext erhobenen Daten konnte der Themenschwerpunkt „Gesundheit“ extrahiert und in einer vergleichsweise intensiven Analyse bearbeitet werden. Damit geht einher, dass einzelne methodische Aspekte des Teilprojekts „Gesundheit“ im Vorwege durch das Untersuchungsdesign vorbestimmt waren; sie wurden als vorhandene Rahmenbedingungen übernommen. Damit die methodische Anlage trotzdem nachvollziehbar bleibt (vgl. dazu die Forderung nach detaillierter Methodenexplikation bei Kuhlmann, 2000, S. 20, 31; vgl. auch Steger, 2003; Steinke, 1999, 2005), werden zunächst diese Ausgangsbedingungen beschrieben, um dann auf dieser Grundlage das eigene Vorgehen zu beschreiben und zu begründen. Die Deskription des Analysevorgangs folgt jeweils dem „methodischen Dreiklang“ aus Datenerhebung, aus Datenaufbereitung und aus Datenauswertung (vgl. Kuhlmann, 2000).

5.2.1 „Zum Sportverständnis von Jugendlichen“ – der Hintergrund der Studie

Die Sportverständnis-Studie greift die in der Sportwissenschaft – im Spannungsfeld zweier sich scheinbar widersprechenden Thesen – kontrovers diskutierten Veränderungen in der Lebens- und Bewegungswelt von Jugendlichen auf. Diese Veränderungen werden entweder im Lichte der „Versportlichungsthese“, oder der „Bewegungsmangel-These“ betrachtet (vgl. dazu ausführlich Burrmann & Baur, 2003). Im Zentrum der Sportverständnis-Studie steht die Annahme, dass – im Zuge der Expansion und Pluralisierung des Sports (vgl. u.a. Baur & Burrmann, 2003) – das subjektive Sportverständnis (der Jugendlichen) ebenfalls einen Wandlungsprozess vollzogen hat (und weiterhin vollzieht). Da außerdem, wie Burrmann & Baur (2003) weiterhin feststellen, in den vorliegenden Jugend(sport)studien das subjektive Sportverständnis nicht eigens erhoben wurde, sondern immer ein homogener Sportbegriff unterstellt wurde, ist derzeit weitgehend unklar, was Jugendliche im Einzelnen unter Sport verstehen. Sie verdichten ihre Argumentation zu der nachfolgenden, bislang offenen Fragestellung: „Welches subjektive Sportverständnis liegt dem Antwortverhalten Heranwachsender zugrunde, wenn diese mittels standardisierter Fragebogenerhebungen nach der Sportbeteiligung und nach spezifischen Sportengagements in bestimmten sozialen Kontexten gefragt werden“ (S. 3).

Unter methodischen Gesichtspunkten fiel die Wahl auf ein systematisches qualitatives Vorgehen, denn dieses ist „sicher eher zur Durchleuchtung von Tiefenschichten geeignet [...] als großflächig angelegte Repräsentativuntersuchungen“ (Thiele, 1999, S. 148). Ziele der Untersuchung sind (1) die Exploration des subjektiven Sportverständnisses und des Sportselbstkonzepts der Jugendlichen – also Grundlagenforschung – und (2) eine Validitätsstudie und Indikatorenentwicklung für zukünftige Forschungsvorhaben (vgl. Burrmann & Baur, 2003; Polchow, 2005).

5.2.2 Datenerhebung

Dem in den Jahren 2004 bis 2006 durch den Arbeitsbereich Sportsoziologie/Sportanthropologie der Universität Potsdam durchgeführten und vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) geförderten Forschungsprojekt wurde, bedingt durch die Verkoppelung quantitativer und qualitativer Methoden, eine Zwei-Phasen-Struktur zugrunde gelegt. Den Einzelinterviews in der zweiten Projektphase wurde eine Fragebogenerhebung an 250 Brandenburger Schülern und Schülerinnen vorgeschaltet,[8] u.a. um Hinweise für den Interviewleitfaden zu generieren (vgl. Stahl, 2006, S. 2). Bedeutsam für die vorliegende Untersuchung sind jedoch die methodischen Aspekte der Interviewstichprobe. Beim Sampling der 50 Interviews wurde ein mehrstufiges, theoriegeleitetes und aus Primär- und Sekundärkriterien bestehendes Verfahren angewandt (vgl. dazu Stahl, 2006,

S. 11). Primärkriterien waren das Geschlecht, die Sportbeteiligung, die Sportvereinsmitgliedschaft und der Schultyp, während beispielsweise der Ort der Schule oder die ausgeübten Sportarten (Sekundärkriterien) in zweiter Linie berücksichtigt wurden. Durch dieses Verfahren sollte sichergestellt werden, dass innerhalb der einzelnen Zellen möglichst unterschiedliche Fälle einbezogen werden und keine zu ähnlichen Fälle ausgewählt würden (vgl. Polchow, 2005,

S. 72 f.). Es wurden sowohl sportlich aktive, als auch (außerhalb des Schulsports) nicht aktive Jugendliche befragt. Dabei wurde bei den Sportaktiven einerseits zwischen Sportvereinsmitgliedern und Nichtmitgliedern und andererseits jeweils zwischen Sportbeteiligung mit bzw. ohne Wettkampfteilnahme unterschieden. Um die inhaltliche Breite möglichst vollständig zu gestalten, wurden außerdem Schüler und Schülerinnen von sportbetonten Schulen zu ihrem Sportverständnis interviewt. Mit dem resultierenden Sampling und den zugeordneten Interviews konnten typische Fälle ebenso wie Extremfälle berücksichtigt werden (Tabelle 1, unter methodologischer Perspektive vgl. Flick, 2000; Merkens, 2003, S. 291; Patton, 1990, S. 169 ff.).

Tabelle 1: Gesamt-Sampling der Interviewstichprobe, differenziert nach Geschlecht und Sporterfahrung, Realbesatz mit Aliasnamen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung: Ursprünglich gab es noch die Zellen 13 und 14 (Schüler aus sportbetonten Schulen ohne Wettkampfbeteiligung), die jedoch ohne Besatz blieben und insofern hier nicht dargestellt werden.

Den mündlichen Befragungen als rekonstruktives Datenerhebungs-Verfahren (Kuhlmann, 2000) wurde – gemäß dem Gütekriterium der Gegenstandsangemessenheit[9] – ein Leitfaden zugrunde gelegt, um der theoriegeleiteten Vorgehensweise zu entsprechen. Dieser Interviewleitfaden – eine ausführliche Version für die Vorbereitung der Gespräche, eine Kurzversion für die Befragungssituation (vgl. Anhang A1) – diente der Vorab-Strukturierung auf Basis der theoretischen Annahmen und Zielebenen (vgl. dazu auch Polchow, 2005,

S. 72). Er setzt sich zielgerichtet aus Elementen unterschiedlicher Techniken zusammen wie beispielsweise des Brainstormings, das im speziellen Anwendungsfall als „eigenständiges, in sich geschlossenes und stark standardisiertes Befragungsinstrument“ (Stahl, 2006, S. 21) der Assoziationsabfrage zugrunde liegt. Dadurch sollte u.a. ein Längsschnitt-Vergleich mit einer bereits vorhandenen Studie (Sack, 1989) möglich werden. Weitere Interviewmodis waren das problemorientierte Interview, das Konstruktivinterview und das Episodeninterview. Die Interviews fanden außerhalb der Unterrichtszeit als Face-to-face-Einzelinterviews statt, zu deren Ergänzung von den Interviewern Protokolle angefertigt wurden.

5.2.3 Datenaufbereitung

Die aufgezeichneten Interviews wurden anschließend in Textform transkribiert, um „sie als empirisches Material interpretativen Prozeduren zugänglich“ zu machen (Flick, 1995, S. 195). Die Verschriftung erfolgte nach projektspezifischen Transkriptionsregeln mittlerer Schärfe. Außerdem wurden die Probanden durch Aliasnamen anonymisiert (vgl. Stahl, 2006).[10] Nach der Transkription wurden die Texte in das computergestützte Textanalyseprogramm MAXqda2 importiert, so dass unter Verwendung der vielfältigen Funktionen gearbeitet werden konnte.

5.2.4 Datenauswertung

Die Codierung des Interviewmaterials erfolgte auf Basis eines einesteils theoretisch entwickelten, anderenteils am Material ergänzten Codesystems[11], welches sich in fünf Abschnitte untergliedert (vgl. Anhang A2). Anhand dieses hierarchisch strukturierten Codesystems wurde jedes der Interviews von mindestens zwei Projektmitarbeitern – insgesamt waren es drei „Codierer“, die auch als Interviewer fungiert hatten – analysiert, und zwar nach folgendem Verfahren: Um Zuordnungsfehler zu vermeiden und das subjektive Element zu minimieren erfolgte die Erstcodierung durch einen Mitarbeiter, der das betreffende Interview nicht selbst durchgeführt hat, dem der Proband also nicht bekannt gewesen ist. Die Zweitcodierung wurde anschließend vom jeweiligen Interviewer durchgeführt, um die Texte auch auf Transkribtionsfehler kontrollieren zu können. MAXqda2 ermöglichte es weiterhin, den Interviews „Memos“ (individuelle Gedanken und Überlegungen) anzuhängen, um sie so den anderen Projektmitarbeitern zur Verfügung zu stellen (vgl. ausführlich Polchow, 2005; Stahl, 2006)

5.3 Die Rahmenbedingungen für das Teilprojekt „Gesundheit“

Trotz der organisatorischen Einbindung in das Gesamtprojekt konnte das Teilprojekt „Gesundheit“ zunächst ausgegliedert und inhaltlich mit den entsprechenden Vorgaben eigenständig bearbeitet werden. Im Folgenden sollen die einzelnen Schritte im Teilprojekt „Gesundheit“ nachgezeichnet und begründet werden.

5.3.1 Datenerhebung und Datenaufbereitung: Die Untersuchungsgruppen

Die Auswahl der Untersuchungsgruppen erfolgte unter zwei Gesichtspunkten. Einerseits lagen forschungsökonomische Argumente zugrunde, andererseits sollte die Auswahl das mögliche Spektrum der subjektiven Gesundheitsvorstellungen (im Sportverständnis) der Jugendlichen abdecken. Außerdem sollte die Auswahl eine spätere Gruppierung im Hinblick auf die unterschiedlichen Sporterfahrungen ermöglichen[12].

Ausgewählt wurden dazu insgesamt drei Gruppen (zu je zwei Zellen) mit zusammen 25 Interviewpersonen (vgl. Tabelle 2). Zu diesen Gruppen gehören die Schülerinnen und Schüler sportbetonter Schulen, als Vertreter des Wettkampfsports,[13] die informellen Breitensportler, die den Sport in alternativen Kontexten repräsentieren, und die Nicht- bzw. Gelegenheitssportler, bei denen (neben dem obligatorischen Schulsport) höchstens sporadische Sportaktivität den sportlichen Erfahrungshintergrund prägt.

Die Auswahl bewegt sich hinsichtlich der Sporterfahrung also zwischen den Polen (vereinsorganisierter) Wettkampfsport und gelegentlicher Sportbeteiligung bzw. Sportabstinenz. Aus diesem Grund kann angenommen werden, dass die Auswahl das Spektrum subjektiver Gesundheitsvorstellungen im Sportverständnis hinreichend abbildet. Die Entscheidung für die Zellen 11 und 12 (Nicht- oder Gelegenheitssportler) begründet sich außerdem in der Zielgruppe von (gesundheits)sportlichen Interventionsprogrammen für Jugendliche, deren primäres Ziel es sein muss, bisher nicht oder nur sporadisch sportaktive Jugendliche zu „aktivieren“.

Tabelle 2: Ausgewählte Untersuchungsgruppen und -personen aus dem Gesamtsample.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5.3.2 Datenauswertung: Die Auswertungsstrategie

Die nachfolgenden Beschreibungen orientieren sich an dem, am forschungspraktischen Ablauf orientierten Vorschlag zur systematischen Darstellung des Auswertungsverfahrens von Schmidt (2003), wenngleich die hier gewählte Auswertungsstrategie – durchaus gewollt – in einigen Aspekten von dieser Systematik abweicht (vgl. dazu auch Mayring, 2003, S. 471 f.)[14].

Zuvor muss noch darauf verwiesen werden, dass es mit der Anlage der Untersuchung zusammenhängt, dass – mit Ausnahme einer Assoziationsfrage –„Gesundheit“ nur situativ explizit nachgefragt wurde und nicht genereller Bestandteil des Interviewleitfadens gewesen ist (vgl. Anhang A1). Aus diesem Grunde war es prinzipiell zweckmäßig, auch alle im weiteren Sinne gesundheitlich relevanten Aspekte wie z.B. „Fitness“ bei der Codierung zu berücksichtigen. Die Berücksichtigung von „Fitness“-Aspekten lässt sich außerdem mit dem Forschungsstand (vgl. Kapitel 3 und 4) begründen.

Die Bildung von Auswertungskategorien und Zusammenstellung des Codierleitfadens

Die erste, intensive Kontaktaufnahme mit dem ausgewählten Material diente zunächst der Bildung der Auswertungskategorien für die Codierung, die unter zwei Perspektiven erfolgte: (1) Zunächst wurde ein grobes, dem Forschungsziel entsprechendes Codesystem entworfen. Diesem Codesystem wurden die an Sygusch (2000) angelehnten Dimensionen subjektiver Gesundheitskonzepte zugrunde gelegt. (2) Anschließend wurden diese „am Material“ ergänzt und modifiziert, so dass der Codierleitfaden am Ende des ersten Sichtungsdurchlaufs seine nahezu endgültige Form erreicht hatte (vgl. Anhang A2). Die begleitende, zunächst nur handschriftliche Codierung erfolgte unter der Prämisse „im Zweifel für den Code“, um Informationsverlusten vorzubeugen.[15]

Die Codierung der Interviews

Mit der Fixierung des Codierleitfadens „Gesundheit“ konnten alle ausgewählten Interviews im zweiten Durchgang einheitlich nach dem gleichen Codierschema bearbeitet werden. Die „Auswertungskategorien, die im vorangegangenen Auswertungsschritt aus dem Material heraus gebildet worden sind, werden jetzt also auf das Material angewendet. Um die Fälle auf dominante Tendenzen vergleichen zu können, soll in diesem Auswertungsschritt die Informationsfülle reduziert werden“ (Schmidt, 2003, S. 452 f.).

Vertiefende Fallinterpretationen: Die Kurzportraits[16]

Um die besonderen Nuancen einzelner Interviews herauszuarbeiten, wurde nach der Codierung ein weiterer Bearbeitungsschritt unternommen, der – wie sich herausstellte – sehr wichtige Hinweise zur Beantwortung der offenen Fragestellung geben konnte. Dazu wurde ein entsprechender Leitfaden entwickelt, der die Kurzportraits einheitlich strukturiert und somit untereinander vergleichbar macht (vgl. Anhang A4).[17] Wesentliche Eckpunkte sind der jeweilige (Sport)Sozialisationshintergrund, die Einschätzung des Reflexionsniveaus und der Glaubwürdigkeit der Aussagen, ebenso wie unter inhaltlicher Perspektive die Ausprägung subjektiver Gesundheitskonzepte anhand der Dimensionierung von Sygusch (2000). Berücksichtigt wurden neben den verschrifteten Interviews auch die Beobachtungsprotokolle.

(1) Das Reflexionsniveau fasst die kognitiven, „personeninternen“ Aspekte zusammen. Dabei können (a) die thematische Reflexionsfähigkeit im jeweiligen Kontextbezug und (b) eine generelle oder situative Selbst reflexion (z.B. als Hinweis auf interviewinduzierte Reflexions- und Lernprozesse) differenziert werden.
(2) Demgegenüber bezieht sich die Glaubwürdigkeit der Aussagen auf motivationale, „interaktionale“ Aspekte: (a) Die „situative Glaubwürdigkeit“ setzt an einzelnen Aussagen an und überprüft sie auf ihren (vermeintlichen) Wahrheitsgehalt. Es wird also nachgefragt, ob bei der konkreten Frage (vor dem Hintergrund des gesamten Interviews) sozial erwünscht oder der subjektiven „Wahrheit“ entsprechend geantwortet wurde. (b) Die „generelle individuelle Glaubwürdigkeit“ versucht die grundsätzliche Einstellung der Interviewperson zur Interviewsituation einzuschätzen (zum Thema „Arbeitsbündnis“ vgl. Steinke, 2003, S. 320).

Zusammenfassend können die Interviews insgesamt als glaubwürdig eingeschätzt werden. Sie liegen in einer vermutlich alterstypischen Schwankungsbreite.

Die quantifizierende Assoziationsanalyse[18]

Ähnlich den quantifizierenden Materialübersichten (vgl. Schmidt, 2003), jedoch nicht auf die Codes bezogen wurde eine eher quantitativ orientierte Assoziationsanalyse durchgeführt, die – so die Annahme – zusätzliche Anhaltspunkte für die Analyse der subjektiven Bedeutung im Sprachgebrauch der Jugendlichen ergeben sollte. Für diese Assoziationsanalyse konnten die Assoziationsabfragen aller 50 Interviews herangezogen werden.

Als Folie für die Kategorisierung der Assoziationsanalyse dient das Kategoriensystem von Kolip (2000), welches auf induktive Weise entwickelt wurde und vermutlich den Anforderungen subjektiver Vorstellungen am ehesten entsprechen kann (S. 182). Durch die abweichenden Themenschwerpunkte – bei Kolip (2000) waren es Verhaltensaspekte, in der Sportverständnis-Studie ist es der Sportkontext – wurde eine (geringfügige) ebenfalls auf induktiver Vorgehensweise beruhende Modifikation notwendig, um das Spektrum der genannten (Teil-)Aspekte abbilden zu können (vgl. dazu auch ausführlich Anhang A3).

5.4 Kritische Anmerkungen

So gewissenhaft das methodische Vorgehen beschrieben worden ist, so wichtig ist es, auch auf einige Probleme hinzuweisen.

- Problematisch ist beispielsweise, dass die inhaltliche Tiefe der Interviews in eine andere Richtung geht, dass sie das Sport- und nicht das Gesundheitsverständnis fokussieren. Das Thema „Gesundheit“ war nicht bzw. nur ganz am Rande Planungsbestandteil, so dass mit einer nicht immer durchgängigen Datengrundlage und inhaltlichen Unschärfen zu rechnen war. In der Konsequenz könnten die Tiefenstrukturen nur bedingt freigelegt worden sein. Um dem entgegenzuwirken wurden beispielsweise die arbeitsaufwendigen Kurzportraits erstellt.

Dass Gesundheit innerhalb der Sportverständnis-Studie nur am Rande thematisiert worden ist, könnte unter einer anderen Perspektive jedoch als Vorteil gewertet werden, da möglicherweise – relativ ungefiltert von Erwünschtheitseffekten –„wahre“ Motive und Strukturen zum Vorschein kommen können.

- Zwar: Die eingeschränkte Reichweite der qualitativ generierten Hypothesen lässt nur bedingt verallgemeinerbare Aussagen oder Annahmen zu.

Aber: Stahl (2006) hat die Frage nach der Validität der erhobenen Daten ausführlich beschieben und die Fokussierung auf 17- bis 19-jährige Gymnasialschüler aus Groß- und Mittelstädten des Landes Brandenburg und die damit einhergehenden Einschränkungen in der Reichweite der Ergebnisse vielfach mit methodischen (Sicherstellung der Qualität der Informanten, vgl. hierzu die Charakterisierung „potenter“ Informanten bei Morse, 1994, S. 228; vgl. konkret auch Stahl, 2006, S. 18) und forschungsökonomischen Erwägungen begründet. Letztere basieren u.a. auf bereits vorhandenen Kontakten durch, sog. gatekeepers (vgl. Merkens, 2003, S. 288; für die Beschreibung bzgl. der Sportverständnis-Studie vgl. wiederum Stahl, 2006, S. 4, 18 f.). Da die Untersuchung jedoch nicht auf organisationsstrukturelle Fragen (hier der Schulkontext), sondern auf personen(gruppen)interne Einstellungen abstellt, kann man von einer insgesamt zielführenden Datenqualität ausgehen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich die Sportverständnis-Studie als ein weiterer Baustein für zukünftige empirische und eben auch repräsentative Untersuchungen versteht (vgl. auch Merkens, 2003, S. 296).

- Bei der Einteilung der Interviewpersonen in das Gesamt-Sampling der Interviewstichprobe wurde zwar auch nach der aktuellen Sporterfahrung differenziert (vgl. dazu ausführlich Stahl, 2006, S. 11-16), dabei wurde jedoch die Bedeutung und Veränderungsresistenz vergangener Sportbeteiligungsformen zu wenig berücksichtigt. Beispielsweise weisen ehemalige Leistungssportler, die aktuell als Breitensportler (ohne Wettkampfbeteiligung) einzuschätzen sind, je nach Dauer der leistungssportlichen Karriere noch stark leistungssportliche Einstellungen auf. Dies macht sich besonders bei Gruppierungsversuchen bemerkbar, die nur unter Berücksichtigung der lebenszeitlichen Perspektive unverfälschte Ergebnisse erzeugen können.

6 Zum Bedeutungsumfang von „Gesundheit“ und „Fitness“ bei Jugendlichen

6.1 Gesundheit – was ist gemeint?

Es konnten – nach gründlichem Durcharbeiten des Interviewmaterials – mehrere Bedeutungsebenen des Gesundheits-Begriffes in der individuellen Verwendung der befragten Jugendlichen herauskristallisiert werden (vgl. dazu Tabelle 3).[19]

Tabelle 3: Verwendung des Gesundheits-Begriffs: Kategorisierungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung: Die Reihenfolge spiegelt tendenziell die Häufigkeitsverteilung wieder, beginnend mit den Häufigsten. Auf die beiden ersten Kategorien entfallen dabei die weitaus meisten, anteilig etwa gleich viele Nennungen.

Die meisten gesundheitsbezogenen Aussagen können entweder einer Kategorie „funktionelle Gesundheit“ oder einer Kategorie „Effekte des Handelns auf die Gesundheit“ zugeordnet werden. Die funktionsorientierten Aussagen beschreiben Gesundheit als Grundlage zur Leistungserbringung, als Handlungsvoraussetzung: entweder müsse man „gesund sein, um etwas zu tun“, oder gesundheitliche Einschränkungen verhinderten (Sport)Aktivitäten. Effektorientierte Aussagen hingegen beziehen sich auf Auswirkungen des (sportlichen) Handelns. Alle weiteren Aussagen lassen sich in die Kategorien „Unspezifische Definitionen“ und „Äußeres Erscheinungsbild“, sowie in eine offene Restkategorie einordnen.

6.1.1 Gesundheit als Handlungsvoraussetzung

Im Verständnis der befragten Jugendlichen stellt sich Gesundheit deutlich als Voraussetzung für Handlungsfähigkeit dar. Alle hier zuzuordnenden Aussagen, beschreiben Gesundheit im Sinne funktioneller (sportlicher) Leistungsvoraussetzungen, wobei die Jugendlichen häufig Bedingungen nennen, die die Teilnahme am Sport ermöglichen oder verhindern.

Die Jugendlichen tun dies einerseits in positiver Argumentationsrichtung: Ein „guter“ Gesundheitszustand werde benötigt, um (sportlich) handlungsfähig zu sein. Nach Maja beispielsweise müsse man „ [...] als Sportler sehr auf seine Gesundheit achten“. Jana meint: „Ja, wenn man nicht gesund ist, kann man nicht richtig trainieren.“ Und für Nadine ist der Verein dazu da, „dass man zu Turnieren fahren kann, dass der Trainer gut ist, dass man ordentliche Voraussetzungen hat, dass man gesundheitlich vom Verein unterstützt wird, dass die Ärzte haben und so“.

Andererseits argumentieren die Jugendlichen mit negativem Vorzeichen: Ein unzureichender gesundheitlicher Status verhindere (sportliche) Aktivitäten. Dies wird von einigen mit allgemeinen Formulierungen artikuliert (Silke, Daniel und Fiona), während andere – wie z.B. Patrick und Boris – von eigenen, teils sportinduzierten Verletzungen berichten, die zu Einschränkungen des Sportengagements führen.

Silke: [...] wenn man nicht gesund ist, kann man ja keinen Sport treiben.

Daniel: [...] wenn man querschnittsgelähmt ist, dann kann man ja weniger gut Sport machen [...].

Fiona: Wenn man krank ist, dann sagt [ein Freizeitsportler], ich kann nicht mitmachen und dann ist gut, [...]. [Ein Nichtsportler] das ist auf jeden Fall einer, der faul ist oder natürlich gesundheitsbedingt keinen Sport machen kann, [...]. Also einer der keinen Sport macht, der faul ist oder halt nicht dazu in der Lage ist, [...].

Patrick skatet u.a. deswegen nicht mehr, weil zwar „ die Verletzung weg ist. Aber die Gefahr ist groß, wenn ich jetzt noch mal stürze, dass sie dann schlimmer wird. Und das will ich noch nicht riskieren []“.

Boris: [] ich kann nur noch freizeitmäßig ein bisschen Fußball und Basketball spielen. Das liegt an Verletzungen usw. Früher habe ich Fußball relativ professionell im Verein gespielt, war dann auch regelmäßig beim Training. Da habe ich dann auch die ganze Woche Leistungssport betrieben. Mittlerweile ist es nicht mehr als Freizeitsport.

Bei Anna und Katja stehen ebenfalls persönliche Erfahrungen im Vordergrund des eingeschränkten Sportengagements, da beide mit Asthma zu kämpfen haben. Anna könne „ auch nicht viel machen, [denn wenn man] [...] durch Asthma nicht so viel Lust hat wie andere oder auch im Schwimmen, wenn man einfach nicht so viel Kraft hat wie andere, dass man es deswegen nicht mag“. Katja hat Schwierigkeiten mit beim Schwimmen: „[...] das geht bei mir nicht, weil ich hatte mal Belastungsasthma, auch wenn das teilweise weg ist, habe ich das, meiner Meinung nach, noch ein bisschen. Wenn man zu lange schwimmen muss, acht Bahnen in drei Minuten, ist man fertig und mir tut dann immer alles weh.“

6.1.2 (Sportliche) Handlungseffekte

Negative Effekte

Die überwiegende Zahl der Aussagen mit Effekt-Charakter bezieht sich – mehr oder weniger allgemein – auf physische und psychische Verletzungserfahrungen und auf gesundheitliche Risiken des Sporttreibens. Max hatte „[...] dann auch beim Judo mehrere Verletzungen gehabt. Weil, das geht mehr auf die Knochen und überhaupt auf alles [...]“. Daniel hat mit dem Skateboardfahren aufgehört, da „ich gestürzt bin. Und jetzt sind meine Knochen ein bisschen kaputt. Deswegen kann ich das nicht mehr so machen“. Und auch Boris „ [...] kann nur noch freizeitmäßig ein bisschen Fußball und Basketball spielen. Das liegt an Verletzungen usw. [...]“. Mark habe mit dem Kanufahren aufgehört, „weil ich dadurch krank geworden bin. Ich habe eine Lungenentzündung gekriegt“. Besonders eindruckvoll sind die Erfahrungen von Daniel, dem eine grobe Unsportlichkeit eine langwierige Verletzung eintrug, die schließlich zur Aufgabe, des (Leistungs-)Sports führte, und von Nadine, die wegen einer Essverhaltensstörung bereits einen mehrmonatigen Klinikaufenthalt hatte.

I: Und warum hast du da aufgehört? – Daniel: Weil es mir irgendwann keinen Spaß mehr gemacht hat. Ich hatte in der 7. Klasse einen Unfall, mehr oder weniger. Mir ist einer beim Wettkampf von hinten mit Spikes in die Wade gesprungen, weil er sich geärgert hat, dass ich ihn überholt habe oder so. Ich weiß es nicht. Da musste ich ein dreiviertel Jahr aussetzen. Und dann habe ich den Anschluss nicht mehr gefunden. Dann hat es auch keinen Spaß mehr gemacht, weil man nicht mehr das machen konnte, was man früher gemacht hat. [Ich] musste dann auch

über ein Jahr lang aufpassen. Na ja, dann macht es irgendwann keinen Spaß mehr. Und umstellen auf eine neue leichtathletische Sportart [Disziplin] wollte ich jetzt nicht. – I: Du hast gesagt, es hat keinen Spaß mehr gemacht. Hat es keinen Spaß mehr gemacht, weil du Probleme mit der Verletzung hattest oder weil du nicht mehr so leistungsstark gewesen bist? – Daniel: Beides eigentlich. Hauptsächlich, weil ich Probleme mit der Verletzung hatte. Weil, immer wenn ich mich ein bisschen mehr angestrengt habe, musste ich gleich wieder ein viertel Jahr aussetzen. Also beides eigentlich.

I: Und die Essstörungen kamen daher, weil du dich dann zu dick gefühlt hast oder? – Nadine: Na ja, selbst weil ich mich unwohl gefühlt habe, dann war ich verletzt, ich hatte Kreuzbandriss, da war ich lange verletzt, dann habe ich wieder angefangen, dann hieß es vom Trainer, dass ich ein bisschen abnehmen könnte, das war sicherlich nicht böse gemeint. Er hat es auch nicht zu mir gesagt. Aber in der Pubertät hat mich das sehr verletzt. Und dann kam eins zum anderen.

Mark sieht generell die Gesundheit „gefährdet beim Sport, bei den Sportarten, die ich gut finde“. Und Lena weiß, „dass Leistungssport schädlich ist. Man sagt, Leistungssport ist gar nicht so gesund für die Gelenke und so alles“. Fionas Vorstellungen erscheinen dagegen eher ungewöhnlich.

Fiona: [Joggen] soll aber auch gesundheitsschädigend sein, habe ich auch schon gehört, da das Gehirn z.B. ja ständig an die Gehirndecke klatscht, also an die Schädeldecke klatscht, wenn man ja joggt, deswegen ist ja auch ungesund [...].

Normative Einstellungen

In einigen Fällen werden jene Erfahrungen und Einstellungen sozusagen ins Normative gewendet: Weil durch den Sport verursachte körperliche Beeinträchtigungen erwartet und vor allem als Verletzungsrisiken gesehen werden, empfehlen die befragten Jugendlichen von vorneherein ein protektives Verhalten bei sportlichen Aktivitäten und entsprechende prophylaktische Maßnahmen. Nadine meint, „ Gesundheit ist schwer zu erhalten, man sollte schon sehr darauf achten gesund zu leben, gerade wenn man Sportler ist [...]“. Während Lena zu Gesundheit u.a. „[...] sich warm anziehen, Verletzungen vorbeugen, [...]“ assoziiert. Einen ähnlichen Tenor findet man bei Mark, Heike und Maja.

Mark: [...] da [auf die Gesundheit] sollte man auch drauf achten. Haben wir auch beim Boxen und beim Biken gehabt. Wir hatten alle Schutzkleidung an. Nicht nur diese normalen Fahrradhelme. Wir hatten auch teilweise Motorradhelme auf, Knieschoner und auch dickere Sachen. Beim Boxen hatten wir Boxhelme [...].

Heike: Na, dass man natürlich beim Sport nicht übertreiben sollte. Dass man da an seine Grenzen geht, aber die nicht unbedingt überschreitet.

Maja: Gesundheit, man muss als Sportler sehr auf seine Gesundheit achten, als Schwimmer wird man leicht krank [...].

I: Ski fahren? – Tim: Ski fahren? Ja, das ist auch ein schöner Sport. Bin ich zwar nicht oft gefahren, aber habe auch meine Erfahrungen mit gemacht. Das macht Spaß. Muss man ein bisschen vorsichtig sein. Ein Freund von mir hat sich überschätzt, Hügel mitgenommen und dann sich relativ schlimm verletzt gehabt. Aber es ist auf jeden Fall auch ein schöner Sport.

Positive Folgen

Insgesamt weit seltener werden positive Handlungseffekte für die Gesundheit in den Interviews artikuliert. Die Jugendlichen rekurrieren dann in erster Linie auf die allgemein kommunizierte Formel „Sport fördert die Gesundheit“. Man müsse – so Katja – „aus gesundheitlichen Gründen Sport machen“ (ähnlich auch Fiona und Max).

Fiona: [...] weil natürlich gesundheitsmäßig. Sagen ja die Ärzte immer alle, ja Sport ist ganz toll, muss man ja dann alles machen. Aber für mich ist halt Sport eigentlich mehr Spaß [...] und da sagen ja die Meisten, dass es halt durch Sport gefördert, natürlich neben den Medikamenten und was weiß ich alles. Aber es wird halt viel gesagt, dass Sport halt alles Mögliche begünstigt oder so, weiß ich Kreislauf, Herz, kommt alles so in Schwung und so [...].

Max: „[Sport ist] der Gesundheit ist auch zugute gekommen. Ich habe in der Schule kaum gefehlt. Ich habe zwar jetzt einen Schnupfen, aber der geht bei mir ganz schnell wieder weg. Also Sport kommt der Gesundheit zugute auch, für den ganzen Stoffwechsel und mein ganzes Immunsystem, deswegen auch.“

Ansonsten werden positive Aspekte nur im direkten Sportartenbezug erwähnt: Walking sei gesünder als Joggen, „weil es halt die Gelenke nicht so belastet“ (Fiona, ebenso Nadine und Patrick).

6.1.3 Unspezifische Definitionen

Die wenigen positiv-unspezifischen Definitionen beschreiben momentane (subjektive) Zustände wie „ich bin gesund“ (Betty, ähnlich auch Michael und Patrick). Die überwiegende Zahl von unspezifischen Definitionen sind negativer Natur. Nadine „[...] war schon oft nicht gesund, [...]“. Gesundheit ist für Tim „Na ja, dass man nicht krank ist.“ (ähnlich auch Lena und Max). Patrick und Tobias werden da schon etwas konkreter.

Patrick: Gesundheit? Im Moment geht der Grippevirus um, ich bin auch so ein bisschen verschnupft [...].

Tobias: Gesundheit, fällt mir nur meine Angina ein, die ich öfter mal habe im Winter, [...].

6.1.4 Äußeres Erscheinungsbild

Einige Jugendliche verkoppeln die äußerliche körperliche Erscheinung direkt mit der Einschätzung des Gesundheitszustandes (Nadine und Tobias).

Nadine: Ja, mit gesund meinte ich z.B. schlank, was ich dann sein will, gesund, na ich weiß, dass meine Sportart gefährlich ist, gerade für die Knochen, ich hatte schon eine Verletzung, aber das meinte ich nicht mit gesund, [...].

Tobias: [...] Sport ist es dann, wenn man sich denke ich mal jetzt Wettkämpfe oder ich halte mich gesund, bisschen Sport machen und sich gesund halten will, wenn man abnehmen will, // (ähnlich auch Sebastian)

6.1.5 Sonstige Bedeutungen

Eine eher unerwartete Bedeutung bekommt Gesundheit als Bezeichnung für eine geringere Intensität bei der Ausübung von Bewegungsaktivitäten in Abgrenzung zu Sportarten, wenngleich die Jugendlichen bei der Einschätzung einer Sportart durchaus unterschiedlicher Meinung sind (Jana, Heike und Tamara).

Jana: Nordic Walking oder so, das machen ja auch viele ältere Leute. Das würde ich auch nur so einstufen, dass die das nur für ihre Gesundheit machen. Das ist nicht Sport.

Heike: [Inlineskaten] ist für mich auch kein Sport so richtig. Na ja, ich mach‘ das mit meiner Cousine so ein bisschen, aber ich würde das eher so einordnen unter Gesundheit. Dass man mal was für die Gesundheit macht, einfach mal rauskommt so. Aber so als Sport, nee.

I: Okay. Wie ist mit Walken? Ist das ein Sport? – Tamara: Ja, auf jeden Fall. Habe ich schon im Fernsehen als Disziplin gesehen. Habe ich schon mal versucht, aber es geht wirklich auf die Gelenke. Sehr anstrengend.

Patrick eröffnet zudem eine psychische Sichtweise auf Gesundheit: „Dass alles gut läuft, das ist wichtig. Wenn es einem seelisch schlecht geht, dann schlägt sich das auch auf die körperliche Gesundheit um.“

Und schließlich versteht Tamara unter Gesundheit etwas Machbares, etwas, für das man auch mitverantwortlich ist. Man könne „[sich] nicht immer entscheiden, ob man gesund ist oder nicht. Man kann aber einiges dafür tun, [...].“

6.2 Die Assoziationsanalyse zu „Gesundheit“

Der Interviewleitfaden gab im Rahmen der Assoziationsabfragen eine direkte Frage zum Begriff „Gesundheit“ vor. Diese wird im Folgenden gesondert in den Blick genommen,[21] wobei als Grundlage für den systematischen Vergleich die Untersuchung von Kolip (2000) dienen soll, in der sie bereits ein umfassendes Kategoriensystem für die Dimensionierung von Gesundheit bei Jugendlichen vorgelegt hat. Die Kolip’sche Untersuchung stellt durch das induktive Vorgehen eine besondere „methodische Nähe“ zu subjektiven Vorstellungen her und ist dabei ausreichend verallgemeinerbar (vgl. dazu Kolip, 2000, S. 182). Zusammengefasst kann Folgendes festgestellt werden (vgl. Tabelle 4).

- Die von den Jugendlichen in der Sportverständnis-Studie zum Gesundheits-Begriff assoziierten Inhalte lassen sich im Wesentlichen in das von Kolip (2000) entwickelte Kategoriensystem integrieren. Die subjektiven Gesundheitskonzepte der Jugendlichen bewegen sich demnach in der inhaltlichen Breite auch für die Interviewstichprobe in dem von Kolip (2000) beschriebenen Rahmen.[22]

Tabelle 4: Kategoriensystem zur Erfassung der Gesundheitsdefinitionen im Jugendalter (modifiziert nach Kolip, 2000, 184 f.). Anzahl der Nennungen für jeweilige Kategorie. Prozentangaben in Klammern. Rundungsfehler.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung: * ergänzte Kategorien.

- Selbst die durchaus erheblichen Häufigkeitsabweichungen erscheinen plausibel, wenn man unterstellt, dass die thematische Schwerpunktsetzung einer Studie, die Wahl des Erhebungsinstruments und Zuordnungsabweichungen einen moderierenden Effekt auf das Antwortverhalten (vgl. auch Kolip, 2000, S. 188) haben können.

So hat der unterschiedliche thematische Kontext – hier das Sportverständnis, bei Kolip (2000) waren es Verhaltensaspekte – wahrscheinlich für die Häufigkeitsunterschiede bei den Dimensionen Sport/Bewegung (F) und Rollenerfüllung/Funktionalität (B) gesorgt. (2) Die direkte Gegenüberstellung mit einem Interviewer könnte – aufgrund der dadurch stärker ausgeprägten „sozialen Kontrolle“ als bei der schriftlichen Beantwortung eines Fragebogens – in der Sportverständnis-Studie zu vermehrten Effekten sozialer Erwünschtheit geführt haben, was sich besonders in der Restkategorie (I-2, I-4) z.B. in Form von normativen Aussagen niedergeschlagen hat. (3) Möglicherweise haben Unterschiede bei der Zuordnung zu den Kategorien Wohlbefinden (A) und positiv-unspezifische Definitionen (D-1) für die Abweichungen der Ergebnisse beider Untersuchungen gesorgt, nicht zuletzt aufgrund der wesentlich geringeren Anzahl von Nennungen in der Sportverständnis-Studie.

- Unter Berücksichtigung der erwähnten (vermutlich methodisch induzierten) Abweichungen kann insgesamt von einer relativ breiten, quantitativen und qualitativen Übereinstimmung der Ergebnisse beider Studien gesprochen werden. In der Tendenz stimmen die Ergebnisse für die Kategorien negativ-unspezifische Definitionen (C), Ernährung (E), Sport/Bewegung (F), Drogenabstinenz (G) und das Sammelbecken sonstige Gesundheitsverhalten (H) überein.

Auffällig bleibt allerdings, dass im direkten Vergleich der beiden Untersuchungen in der Sportverständnis-Studie positive Assoziationen fast gar nicht vorkommen (A und D).

- Betrachtet man die Kategorie Sport/Bewegung (F) genauer, so fällt auf, dass sowohl in der Kolip-Studie als auch in der Sportverständnis-Studie die Unterkategorie Fitness (F-2) jeweils nur etwa 5 % aller Nennungen ausmacht, während Sporttreiben (allgemein) zwei- bzw. dreimal so häufig genannt wird. Scheinbar sind die Bedeutungshorizonte von „Gesundheit“ und „Fitness“ nicht sehr eng miteinander verkoppelt und werden in erster Linie über den Sport aufeinander bezogen.
- Innerhalb der Sportverständnis-Studie unterscheiden sich die Gesamt- und die Teilgruppe nur unwesentlich voneinander. Dies lässt vermuten, dass auch der Rest der zum Gesundheits-Thema nicht weiter untersuchten Interviews ähnliche Ergebnisse zeigt wie die hier analysierten.

6.3 Der Stellenwert von „Gesundheit“ bei Jugendlichen

Der Stellenwert von Gesundheit wird – das Thema der Studie legt dies nahe – beispielhaft im Sportkontext bzw. als Sportmotiv betrachtet. Festgestellt werden kann, dass sich die Bedeutung von „Gesundheit“ bei den Jugendlichen hauptsächlich auf (funktionelle) Voraussetzungen zur sportlichen Aktivität bezieht. Und zu diesem Zweck ist „Gesundheit“ tatsächlich wichtig, weil damit andere Bedürfnisse wie beispielsweise Spaß, Geselligkeit oder Leistungs- bzw. Erfolgserleben befriedigt werden. Ein hoher Stellenwert von „Gesundheit“ als eigenständiger Lebenswert – und damit Zieldimension für Sport – wird jedoch nur bei bestenfalls zwei der insgesamt 25 Interviewpersonen glaubhaft (vgl. ausführlich die Kurzportraits im Anhang A5). Anders formuliert: „Gesundheit“ spielt für die Jugendlichen als Motiv zum Sporttreiben keine Rolle. Sie treiben also nicht aus gesundheitlichen Gründen Sport. Und vermutlich lässt sich diese Feststellung auch für andere Lebensbereiche übertragen, in denen die Verkoppelung mit Gesundheit vordergründig nicht so stark ausgeprägt ist.

Die stereotype Phrase „Gesundheit ist wichtig“

Die meisten der befragten Jugendlichen artikulieren – erwartungsgemäß – einen hohen Stellenwert von Gesundheit. Mit Beschreibungen wie „Gesundheit ist das Wichtigste“ (Tim und Nadine, ähnlich auch Mark, Daniel, Silke, Betty, Melanie, Ina und Tamara) oder „ Gesundheit, [ist] das höchste Gut, kann man natürlich nicht alles mit Geld kaufen, [...]“ (Fiona) bzw. „Gesundheit ist mehr Wert als Geld“ (Nadine) wird dies deutlich dargestellt.

Die gründliche Einzelfallprüfung durch die Kurzportraits ergab, dass mit relativer Sicherheit nur bei zwei der hier untersuchten 25 Interviewpersonen ein hoher artikulierter Stellenwert von Gesundheit auch tatsächlich als Motiv für das Sportengagement Gültigkeit besitzt. Denn nur bei Daniel und Tamara kann glaubhaft ein hoher genereller Stellenwert von Gesundheit belegt werden, der auch für das individuelle Sporttreiben (mit)verantwortlich ist. Auffällig ist, dass sowohl Daniel, als auch Tamara bereits über ein sehr differenziertes Gesundheitsverständnis und über eine vergleichsweise hohe Reflexionsfähigkeit verfügen (vgl. Anhänge A5-4 und A5-23). Bei Katja und Heike gibt es lediglich Hinweise darauf, dass „Gesundheit“ auch Handlungsrelevanz besitzt.

- Daniel assoziiert zum Gesundheits-Begriff als Erstes die bekannte alltagsstereotype Formel „Ja, Gesundheit ist wichtig []“. Er ergänzt dies jedoch gleich im Anschluss durch Erfahrungsberichte, nach denen er es „eine Zeit lang [] mit der Gesundheit nicht so gehabt [hat]. Also, ich habe schon früher mal geraucht. Das habe ich jetzt eigentlich alles wieder abgestellt. Ich probiere, mich schon gesund zu ernähren und mich fit zu halten, irgendwie“. Und das nimmt man Daniel auch ab, denn er ist darum bemüht, seine Lebensweise gesundheitsbewusst zu gestalten. Er versucht beispielsweise, Stresssituationen „immer aus dem Weg zu gehen. Wenn ich Hausaufgaben oder so was habe, dann versuche ich immer die so einzuteilen, dass ich nicht irgendwie unter Druck arbeiten muss. Weil Stress [] macht den Körper kaputt []. Erhärtet wird diese Einschätzung auch dadurch, dass Daniel sich nach überstandener Verletzung noch schonen will, wenngleich er als zusätzliches Argument dafür, dass er nicht Skaten geht, auch schlechtes Wetter angibt: „Na, die Verletzung ist weg, aber die Gefahr ist groß, wenn ich jetzt noch mal stürze, dass sie dann schlimmer wird. Und das will ich noch nicht riskieren [].“
- Tamara gibt wiederholt und nachdrücklich einen hohen Stellenwert von Gesundheit (sogar als wichtigstes Motiv zum Sporttreiben) an, wobei auch Sport hierzu eine „sehr wichtige“ Rolle zu spielen scheint:

I: Wenn du sagst, gesunde Ernährung ist wichtig und frische Luft. Ist das für dich persönlich so wichtig oder würdest du sagen, allgemein sagt man das? – Tamara: Nee, das ist für mich auch so. Nur weil ich dem Sport nicht so oft nachgehe oder nachgehen kann, finde ich das trotzdem wichtig.

Tamara: [...] allein schon der Gesundheitseffekt, dass man sich dadurch besser fühlt. Das habe ich schon mal gemerkt, das reicht mir schon.

Dass sie außerhalb des Schulsports keinen weiteren regelmäßigen Sport treibt und erhebliche Schwierigkeiten hat, sich dazu ausreichend zu motivieren, kann auch darin begründet sein, dass sie sich selbst als gesund einschätzt (vgl. dazu auch Sygusch, 2001, S. 382).

- Für Katja hat Gesundheit vermutlich schon eine große Bedeutung, aber dem Sport (um den es im Interview hauptsächlich geht) zur Erreichung und zur Erhaltung weist sie keine große Rolle zu (Einschränkungen durch ihr Belastungsasthma und Verletzungserfahrungen ihrer Mutter). Sie nimmt ihre Möglichkeiten zur Gesundheitsförderung eher auf anderen Gebieten (Ernährung, Stressregulation) wahr (vgl. Anhang A5-10).
- Für Heike steht das seelische Gleichgewicht als Motiv im Vordergrund für ihr aktuelles Sportengagement: „Wenn ich halt bei meiner Tante bin, dann kommt es dann auch vor, dass ich mir die Seele vom Leib laufe und mit jogge“. Und an anderen Stellen: „[...] weil das hauptsächlich einfach nur so eine Art weg rennen (schmunzelt), einfach nur die Seele freilaufen“ oder sie geht Joggen, „wenn mir einfach mal die Decke auf den Kopf fällt, dann einfach mal, ja, wenn mir was auf der Seele brennt“. Der Grund hierfür sind psychische Befindlichkeitsstörungen aufgrund einer sozialen „Schieflage“, wobei diese Störungen durchaus zeitnah (u.a. durch Sport) behoben werden können. Allerdings ist die Verknüpfung mit dem Gesundheits-Begriff in diesem Fall eher schwach ausgeprägt.
- Für alle anderen spielt das „wichtige“ Gesundheits-Motiv keine (sport)relevante Rolle. Sport wird dann entweder gar nicht (z.B. Ina), oder aus anderen Gründen betrieben. Ein paar Beispiele sollen dies belegen.

Max: Na ja, auf den Gesundheitseffekt schaue ich gar nicht, ich mache einfach nur Sport, weil es mir Spaß macht, ich fühle mich da einfach gut dann, deswegen denke ich kaum an Gesundheit [...].

Katja: „Eigentlich ist mir der Spaß am Wichtigsten [...]“.

Bei Maja stehen ganz eindeutig psychische Dimensionen wie Anerkennung und Glücksgefühle im Vordergrund: „[...] und es war schon was ganz Besonderes. Was einfach so kribblig ist, dass man sich total freut und man merkt förmlich, wie die Glückshormone in einem hochkommen. Und dass man natürlich auch von den Trainern, von den Bundestrainern gelobt wird.“ Für Maja liegt der Reiz an Leistungssport darin, „sich auszutesten, mit anderen zu konkurrieren. Dann die Glücksgefühle, wenn man sein Ziel erreicht und irgendwo auch die Erfolge, die man damit erreicht [...]. Und auch wenn man Misserfolge dabei hat, die sind viel leichter zu vergessen, als die Glücksgefühle, die man dabei hat, wenn man sein Ziel erreicht hat oder wenn man gut geschwommen ist.“

Für Freizeitsportlerin Fiona ist die eigentliche Motivation zum Sporttreiben der Spaß („Sport muss Spaß machen“). Das Besondere am Freizeitsport sei, „dass der Spaß im Vordergrund; dass mir am allerwichtigsten [...] ist einfach der Spaß und so das gute Gefühl, was für seinen Körper getan zu haben [...]. Und den Spaß hat sie auch am liebsten in Gesellschaft: „was mir halt sehr wichtig ist, dass man mit anderen Menschen in Kontakt kommt“. Und „aufs Schwimmen [freut sie sich] immer mehr [als aufs Joggen], dadurch dass ich es nicht alleine mache, sondern dass ich da noch eine Freundin mit bei habe, weil, das ist eine sehr gute Freundin, mit der verstehe ich mich gut, und dann das mit ihr zu teilen und so, oder auch mit ihr was zusammen zu machen, dass finde ich schöner, als wenn ich abends joggen gehe“.

6.4 Was verstehen die Jugendlichen unter„Fitness“?

Wie bereits erwähnt, zeigen die Vorstellungen der jugendlichen ebenso wie die wissenschaftlichen Reflektionen zu diesem Thema, dass – unter der Gesundheitsperspektive – körperliche Aspekte durchaus differenziert wahrgenommen und in den subjektiven Konzepten selbstständig verortet werden (vgl. Kapitel 4). Mit dem Ziel, weitere empirische Hinweise zu dieser Einschätzung zu finden, sollen diese Aspekte im Folgenden gesondert untersucht werden.

Die Vorstellungen der Jugendlichen zum Fitness-Begriff lassen sich unter zwei Perspektiven voneinander abgrenzen (vgl. Tabelle 5): einerseits Aussagen, die „Fitness“ genauer beschreiben; andererseits Aussagen, die mit dem Kontext zusammenhängen, in dem „Fitness“ für die Jugendlichen steht.

Tabelle 5: Verwendung des Fitness-Begriffs: Kategorisierungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung: Die Kategorien sind perspektivischer Natur, d.h. sie schließen sich gegenseitig nicht aus. Es kann demzufolge sein, dass die gleiche Aussage – unter der jeweils anderen Perspektive – in beide Kategorien eingeordnet wird.

6.4.1 Die innerbegriffliche Perspektive auf „Fitness“

Innerhalb des Fitness-Begriffes bestimmen zwei Dimensionen den Bedeutungsgehalt, wenngleich sie im individuellen Gebrauch unterschiedlich stark akzentuiert sind. Dies sind einesteils Vorstellungen, die sich auf die allgemeine (körperliche) Leistungsfähigkeit beziehen. Anderenteils werden mit „Fitness“ solche Inhalte beschrieben, die das (figurbezogene) Aussehen betreffen.

6.4.1.1 Allgemeine (körperliche) Leistungsfähigkeit

Fitness wird sehr häufig mit konditionellen Aspekten in Verbindung gebracht. Daniel beispielsweise meint „ [...] man verbessert seine Ausdauer, man wird selber fitter [...]“. Auch Kai verknüpft „ so ein bisschen fit sein“ mit „weil es ja ausdauermäßig so ist, man muss ja irgendwie eine große Strecke dann überwinden im gleichen Tempo, [...]“. Einen ähnlichen Tenor finden auch Melanie, Peter und Betty sowie Tamara und Sebastian.

Melanie: Sich fit zu halten, Muskeln aufzubauen, mehr Ausdauer zu haben, hm, die eigene Leistung zu verbessern [...].

Peter: Ja, Fithalten. Auf jeden Fall, dass man fit ist, dass man sportlich ist, ein paar Muskeln hat vielleicht. Und dass man nicht, wenn man in den fünften Stock hochläuft, gleich schwitzt und aus der Puste ist, und so.

Betty: Ja, wenn ich Sport betreibe möchte ich eigentlich immer noch ein bisschen fit sein und nicht gleich z.B. beim 100 Meter Lauf gleich zusammenklappen, total außer Atem sein, d.h. die, jetzt fehlt mir das Wort [Kondition]. [...] Wenn man jetzt anfängt morgens oder abends mal ein paar Liegestütze zu machen oder Situps und wollen dadurch Muskelbau haben, Kondition stärken und fitter werden [...].

Tamara: Na wenn ich jetzt z.B. so ein Joggingtraining mache in der Schule, im Sportunterricht, dann merke ich, dass ich ganz schön schnell aus der Puste komme. Und das heißt, dass ich nicht so fit bin, das ich nicht so richtig sportlich bin [...].

Sebastian: Ach Fit. Ja, um konditionell auf der Höhe zu sein einfach, sportlich ein bisschen fit zu sein.

Die Vorstellungen von Fitness als (körperliche) Leistungsfähigkeit sind intraindividuell facettenreich und interindividuell unterschiedlich eingefärbt, wie folgende Beispiele dies illustrieren:

Maja interpretiert Fitness einerseits im Sinne von Leistungs erleben, denn sie weist wiederholt darauf hin, dass es „auch so das Irre [ist], dass man sich einfach mal auspowern kann, dass man an seine Grenzen geht. Ich finde durch den Sport weiß man auch besser, wie man mit seinem Körper umzugehen hat, weil man auch weiß, dass er seine Grenzen hat, wo es eben nicht mehr weiter geht.“ Andererseits meint sie für den Breitensport mit Fitness so etwas wie besonders gute „immunologische“ Abwehrleistung.

Maja: [...] einfach die körperliche Bewegung, dass man fit bleibt, die Abwehrkräfte stärkt.

Für Boris spielt sogar mentale Fitness eine Rolle, wenngleich er andererseits Fitness als Leistungsvoraussetzung im Sport beschreibt.

I: Computerspiele Fithalten? – Boris: Computerspiele Fithalten in der Beziehung, dass man z.B. taktisches und strategisches Denken damit sehr trainiert, und sich damit eigentlich auf eine Art fit hält.

Boris: [Fußball] wird professionell auch betrieben, man versucht Ziele zu erreichen, man muss fit sein dafür. [...]

Und für Tim besteht die Leistungsvoraussetzung Fitness in der methodischen Vorbereitung. Vor einem Wettkampf „läuft [man] sich ein, erwärmt sich, macht sich fit, macht sich heiß für den Start [...]“. Ähnlich argumentiert auch Betty, die aber weiterhin Fitness im Sinne des Erhaltes eines bereits erreichten Leistungsniveaus versteht.

Betty: Die Leute, die wirklich in der Region sind, wo Ski im Winter ist und das eine ganze Zeit lang machen, dann ist es Sport. Wenn ich jetzt an die Biathleten denke, die machen das ja auch im Sommer mit den Rollen an den Füßen und halten sich fit.

6.4.1.2 (Figurbezogenes) Aussehen

Die zweite Dimension des Fitness-Begriffs in der individuellen Verwendung der befragten Jugendlichen ist – wenngleich unter „Fitness“ nicht so stark ausgeprägt wie körperliche Leistungsfähigkeit – klar umrissen. Tim beispielsweise unterstellt Breitensportlern, dass „viele [Joggen] eigentlich nur zum Fettverbrauch machen, um sich fit zu halten [...] “. Michael möchte gar nicht erst „fett“ werden, und auch Anna macht es „für die Figur“.

Michael: Na, weil ich nicht möchte, dass ich irgendwie fett werde oder so was in der Art. Eigentlich müsste die Antwort ja heißen, weil ich mich fit halten will oder so. Ich will ja nichts für meine Figur tun in dem Sinne, dass ich mein Fett abtrainieren will, sondern ich will es gar nicht erst dazu kommen lassen.

I: Warum glaubst du, ist es gut, wenn man [Ausdauerlauf] macht? – Anna: Um fit zu bleiben, für die Figur schon alleine. [...] – I: Wo kommt das her, dass du sagst, du musst was für deine Figur tun? – Anna: Das sehe ich auch, wenn ich manchmal vor dem Spiegel stehe, das sehe ich ja, bin ja dick geworden, jetzt muss ich aber mal langsam was tun sagt mir dann die innere Stimme aber was ich dann mache, das ist auch nichts. – I: Ist es wirklich ein Motiv was du selber in dir drin hast oder kommt es eher von Außen, durch Medien oder andere? – Anna: Nee, also von anderen lasse ich mich nicht beeinflussen, das ist mir egal was die denken. – I: Aber du glaubst für dich selber, du müsstest was für deine Figur tun? – Anna: Ja.

Fiona geht „[...] ja jetzt abends immer Joggen. Und wenn ich dann abends denn mich so hinsetze und mir überlege was habe ich am Tag gemacht, ja du hast heute Sport gemacht, du hast was Gutes für deinen Körper getan, du bist fit und so alles“. Dabei verbindet sie grundsätzlich mit Fitness figurbezogene Aspekte der Gewichtsreduktion. Bei Fiona steht dahingehend eher das „Fit fühlen“ im Sinne von Schlankfühlen im Vordergrund, denn die rein äußerliche Figur (vgl. Anhang A5-5).

Wird der Blickwinkel nur etwas erweitert und von der expliziten Verwendung des Begriffes gelöst, dann können die Aussagen zu Fitness-Studios das bislang gezeichnete Bild deutlich untermalen, denn diese Aussagen sind – wenngleich der Begriff selber nicht genannt wird – vermutlich mit Fitness assoziiert. Viele der befragten Jugendlichen äußern die gleichen bereits beschriebenen Vorstellungen – „sichtbare“ körperliche Leistungsfähigkeit (Muskulatur) und figürliche Aspekte zum Körpergewicht. Und das tun sie vergleichsweise direkt (Silke, Nadine, Anna, Katja und Patrick). Lediglich Fiona rekurriert in diesem Zusammenhang explizit auf den Fitness-Begriff und verbindet diesen „[...] nicht mit Ausdauer, sondern eher Muskeln, dass man schön und ästhetisch aussieht“, während

Silke: Muskelaufbau, also vielleicht auch abnehmen, ja.

Nadine: Fitness-Studio, die meisten gehen ja nur dahin, um ihren Körper in Form zu bringen [...].

Anna: Im Fitness-Studio denke ich mal da wollen sie was erreichen, muskulöser werden oder abnehmen[...].

Katja: Na manche wollen im Fitness-Studio vielleicht erreichen, dass man da mehr abnimmt, dass man Muskeln aufbaut, dass man einen schöneren Körper hat [...].

I: Was wäre dann dein Ziel im Fitness-Studio? – Patrick: Na ja, gut aussehen, einen guten Körperbau haben oder so, dass mein Bierbauch weggeht oder so.

6.4.1.3 Exkurs: Der Fitness-Begriff im Sprachgebrauch

Der individuelle Gebrauch von Fitness ist jeweils unterschiedlich akzentuiert. Der Fitness-Begriff ist dabei von nicht unerheblichen Unschärfen bzw. individuellen Facetten gekennzeichnet und unterliegt scheinbar auch einem kontextabhängigen Gebrauch. Einesteils werden beide Dimensionen unter Fitness subsummiert (z.B. Mark), anderenteils lediglich ein Aspekt (z.B. Betty).

Mark: [...] dann gibt es welche, die hingehen, um ein bisschen fitter zu werden, um Winterspeck abzutrainieren. Oder einfach mal so regelmäßig hingehen, nur um sich fit zu halten.

Betty: [...] beim Fitness-Studio ist das nicht so, da trainiert man nur für sein Aussehen, zwar auch um fit zu bleiben, aber die Leute, die ich kenne die ins Fitness-Studio gehen, die wollen immer nur Muckis haben und besser aussehen, [...].

Ein Beispiel für inkonsistenten Gebrauch des Fitness-Begriffes liefert Maja. Neben der für sie eher „geringfügigen“ Verbindung von Fitness und Figur glaubt Maja, „die Mädels sehen noch mehr die Fitness und die Jungs eben mehr nur die Leistung [...]. Ja, nee, aber Mädels legen glaube ich mehr Wert auf ihre Figur als Jungs.“

Festzustellen bleibt dennoch, dass sich alle individuellen Vorstellungen zum Fitness-Begriff – mehr oder weniger weit und schwerpunktmäßig auf der (körperlichen) Leistungsfähigkeit bezogen – innerhalb der beiden beschriebenen Dimensionen befinden.

[...]


[1] In der vorliegenden Arbeit wird die Sprachregelung getroffen, dass – sofern es sich nicht um direkte Zitate handelt – „subjektive Gesundheitskonzepte“ alle diejenigen in der Literatur verwendeten Begriffe ersetzt, die Ähnliches oder Gleiches besagen, wie z.B. Laientheorien, naive Theorien, subjektive Theorien etc. (vgl. z.B. Bengel & Belz-Merk, 1997; Sygusch, 2000). Inhaltlich beschreiben sie übereinstimmend „relativ überdauernde, im Langzeitgedächtnis gespeicherte mentale Strukturen, bzw. Wissensbestände aufzufassen. Dabei wird vorausgesetzt, dass einzelne Begriffe als Elemente subjektiver Theorien durch bestimmte Relationen derart verknüpft sind, dass eine Argumentationsstruktur impliziert ist“ (Brehm, 1990, S. 125).

[2] Dabei geht eine systematische Förderung der allgemeinen Gesundheit noch über die bereits spezieller ausgerichtete primäre Prävention hinaus (vgl. Schmidt & Fröhling, 1998). Becker (1997) verwendet auch den Begriff „primordiale Prävention“, um den grundsätzlichen Unterschied – Gesundheitsförderung soll Risikofaktoren verhüten, Primärprävention die akute Erkrankung – zu kennzeichnen.

[3] Es soll in diesem Beitrag nicht die Frage erörtert werden, ob Sport in der von den Jugendlichen betriebenen Form überhaupt der Gesundheit förderlich sein kann.

[4] Zur Überprüfung wurde folgendes Vorgehen gewählt: In den Datenbanken des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (SpoLit, SpoFor und SpoMedia) und im gemeinsamen Verbundkatalog des GBV (Gemeinsamer Bibliotheksverbund) wurde zuletzt im Oktober 2006 nach themenverwandten Schlagworten (z.B. subjektive Gesundheitskonzepte, subjektive Theorien, subjektive Vorstellungen etc.) gesucht. Es konnten dabei auch z.T. neuere Veröffentlichungen gefunden werden, die jedoch nach Analyse der verfügbaren Kurzreferate inhaltlich von der Themenstellung differierend ausgerichtet sind (vgl. z.B. Allmer & Kleinert, 1999; Schwier & Köppe, 2005).

[5] Da (1) diese Zusammenfassung den aktuellen Forschungsstand widerspiegelt und (2) diese Dimensionierung u.a. aus diesem Grund als Anhaltspunkt für das explorative Vorgehen bei der Analyse des Interviewmaterials dienten (vgl. die Anhänge A2 und A4), soll hierauf etwas ausführlicher eingegangen werden.

[6] (1) Das Prinzip der Offenheit (des Forschers), womit der hypothesengenerierende Explorationscharakter bezeichnet wird; (2) das Kommunikationsprinzip, welches den Verzicht des Forschers auf „seine herkömmliche Definitionsmacht“ und die Akzeptanz von Wirklichkeitskonzeptionen (vgl. dazu auch Flick, 1992) beschreibt; (3) das Prinzip der Prozessualität versteht soziales Verhalten als „prozesshafte Ausschnitte der Reproduktion und Konstitution von sozialen Realitäten“ (Lamnek, 1995, S. 25); (4) der Kontextbezug jeder Handlung und Äußerung wird als Reflexivprinzip benannt; (5) das Prinzip der Explikation fordert die detaillierte Darstellung der einzelnen Untersuchungsschritte; während (6) das Prinzip der Flexibilität auf Notwendigkeit variabler Anpassung hinweist (vgl. im Einzelnen Steger, 2003, S. 4 f.).

[7] Diese „allgemeingültigen“ Kriterien sind der Nutzen der Studie, die Angemessenheit der Methodenwahl, die Dokumentation des methodischen Vorgehens, die kritischen Überprüfung der im Forschungsprozess generierten Theorie mittels Falsifikation, die Absicherung der (externen) Falsifikation und das ethische Vorgehen. Letzteres beispielsweise wird für die Sportverständnis-Studie ausführlich bei Stahl (2006) thematisiert.

[8] Diese Fragebogenerhebung dient primär der Validierung (vgl. Stahl, 2006). Da in der vorliegenden Untersuchung einerseits der Fokus auf der Grundlagenforschung liegt und andererseits durch die Itemkonstruktionen des Fragebogens inhaltlich kein wesentlicher Erkenntnisgewinn erwartet werden konnte, wurde der Fragebogen im weiteren Verlauf der „Gesundheitsanalyse“ vernachlässigt. Aus diesem Grunde wird an dieser Stelle nicht weiter auf den Fragebogen eingegangen.

[9] Zur Rekonstruktion Subjektiver Theorien sind halbstandardisierte Interviews das „gegen
standsangemessene“ Verfahren (Bude, 2003).

[10] Diese finden auch unverändert in dieser Untersuchung Anwendung.

[11] „In der Sprache der empirischen Sozialforschung handelt es sich bei einem Code um eine Inhaltliche Kategorie, ein analytisches Instrument zur systematischen Auswertung von Daten“ (VERBI Software, 2004, S. 23).

[12] Die Schritte der Datenerhebung und -aufbereitung sind bereits beschrieben worden. Lediglich die Auswahl der Untersuchungsgruppen bedarf noch einer Erläuterung.

[13] Die allesamt auch im Sportverein organisiert sind.

[14] Da, wie sich herausstellte, dem Fragebogen zur hier diskutierten Forschungsfrage kaum Informationen zu entnehmen sind, wurde er bei den nachfolgenden Analyseschritten nicht weiter berücksichtigt.

[15] Die ersten drei Interviews wurden – zum Abgleich mit der „Vorcodierung Gesundheit/Fitness“ – mit bereits versehener Codierung gelesen. Da sich jedoch sehr schnell zeigte, dass die Vorcodierung dem Thema kaum gerecht werden konnte (es wurden viel weniger Textstellen codiert als unter der spezifisch gesundheitsbezogenen Fragestellung) und dass außerdem eine unterschwellige Beeinflussung nicht auszuschließen war, wurden bei allen anderen Interviews die Vorcodierungen ausgeblendet.

[16] Auf einzelne Fallbeispiele wurde bewusst verzichtet, weil die Kurzportraits einen ähnlichen Charakter besitzen und für alle erstellt wurden, so dass eine gewisse Vergleichbarkeit erzeugt wurde.

[17] Dabei ist eine Einschätzung lediglich im individuellen Vergleich der Interviewpersonen möglich, denn es fehlen alterspezifische Vergleichsnormen.

[18] In der Sportverständnis-Studie wurde keine Assoziationsanalyse zu „Fitness“ durchgeführt.

[19] Die thematische Ausrichtung der Studie auf das Sport verständnis der Jugendlichen hat offensichtlich entsprechende Bahnungseffekte verursacht hat. Dies äußert sich vor allem darin, dass die meisten genannten Gesundheitsaspekte in irgendeiner Weise in sportlichem Bezug stehen. Es entspricht jedoch dem explorativen Charakter dieser Untersuchung und einer sachlogischen Vorgehensweise, wenn die Konzepte zu „Gesundheit“ und „Fitness“ zunächst einzeln untersucht werden. Um unnötige Wiederholungen mit weiteren Untersuchungsschritten zu vermeiden, werden im Folgenden nicht immer alle existierenden Textbelege herangezogen, wobei sehr genau darauf geachtet wurde, dass dadurch keine inhaltlichen Verzerrungen entstehen.

[20] In Anlehnung an Kolip (2000).

[21] Dies hat (1) den Vorteil, dass ohne großen Mehraufwand alle 50 Interviews berücksichtigt werden konnten. Zum Vergleich wurden zusätzlich die Ergebnisse für die ausgewählten Interviews neben das Gesamtergebnis gestellt. (2) Der Charakter einer solchen Assoziationsfrage ist jenem der offenen Frage bei Kolip (2000) relativ ähnlich und deshalb für einen ein Vergleich mit den Kolip’schen Ergebnissen besonders gut geeignet.

[22] Die beiden Ergänzungen, die für diese Analyse vorgenommen wurden (Kategorien F-3 und I-4), können mit den unterschiedlichen Themenschwerpunkten erklärt werden.

Ende der Leseprobe aus 178 Seiten

Details

Titel
Subjektive Gesundheitskonzepte von Jugendlichen – zur Argumentationsfigur „Gesundheit – Sport – Fitness“ im Sportverständnis Jugendlicher
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Sportwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
178
Katalognummer
V69934
ISBN (eBook)
9783638608008
ISBN (Buch)
9783638677912
Dateigröße
1260 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Prof. Dr. B.: "...eine sehr überzeigende Arbeit...bis in Details hinein ausgesprochen kompetent geschrieben...inhaltlich übersichtlich strukuriert...souveräne Darstellung der Untersuchungsanlage..." PD D. B.: "...Die Stärken der Arbeit liegen v.a. in der sprachlich und inhaltlich sehr gut strukturierten Argumentationsführung, in der sorgfältig und auf hohem methodischem Niveau analysierten und (selbst)kritisch reflektierten Auswertung und -interpretation der Interviews." 77-seitiger Anhang
Schlagworte
Subjektive, Gesundheitskonzepte, Jugendlichen, Argumentationsfigur, Sport, Fitness“, Sportverständnis, Jugendlicher
Arbeit zitieren
Sebastian Rosenkranz (Autor), 2006, Subjektive Gesundheitskonzepte von Jugendlichen – zur Argumentationsfigur „Gesundheit – Sport – Fitness“ im Sportverständnis Jugendlicher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69934

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Subjektive Gesundheitskonzepte von Jugendlichen – zur Argumentationsfigur „Gesundheit – Sport – Fitness“ im Sportverständnis Jugendlicher


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden