Die olympischen Spiele 1936 in Berlin. Außenwirkung. Weltereignis oder Propagandaveranstaltung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I.) Von der Ablehnung der olympischen Idee bis zur Erklärung zur Reichsangelegenheit
durch das NS-Regime

II.) Bewusste und organisierte propagandistische Massendemonstration des NS-Regimes
a) Ziele der Propaganda
b) Propaganda im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele

III.) Das Scheitern der Boykottbewegung und die Rolle des IOC

IV.) Die Olympischen Sommerspiele als Weltereignis und Höhepunkt der Propaganda

V.) Der Mythos der Berliner Spiele

VI.) Folgen der Olympischen Spiele von 1936

Schluss

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Die Olympischen Spiele 1936 werden für das nationalsozialistische Deutschland von geradezu ungeheurer Bedeutung sein! Diese Behauptung wird jedem sofort einleuchten,der nur einen Augenblick darüber nachdenkt, daß durch die Olympiade 1936 unserVaterland wochenlang in den Mittelpunkt des Weltgeschehens gerückt wird. Mit diesen Spielen ist uns ein unschätzbares Propagandamittel in die Hand gegeben worden.“[1]

Mit den XI. Olympischen Spielen 1936 fand zum ersten Mal eine Olympiade in einem diktatorisch regierten Land statt. Berlin hatte den Zuschlag für die Ausrichtung der Spiele noch zur Zeit der Weimarer Republik erhalten, durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten änderten sich die politischen Verhältnisse in Deutschland im Januar 1933 allerdings grundlegend. Den Nationalsozialisten war mit den Olympischen Spielen ein Weltereignis in die Hände gelegt worden, das bald als einmalige Gelegenheit zur Selbstdarstellung des Regimes erkannt wurde.

Ziel war es, eine Olympiade zu organisieren, an die sich die Welt noch lange erinnern und deren Organisation sich positiv auf das Ansehen Deutschlands und des nationalsozialistischen Regimes auswirken sollte. Dieses Ziel wurde erreicht; die beeindruckende Show, die Atmosphäre im Stadion, die sportlichen Höchstleistungen blieben vielen der Zuschauer, Teilnehmer und Journalisten in Erinnerung. Nicht zuletzt durch den Olympiafilm von Leni Riefenstahl wurden die Berliner Spiele als Spiele der Rekorde zu einem Mythos. Die nationalsozialistische Propaganda im Umfeld der Olympischen Spiele schaffte es, die Weltöffentlichkeit über die wahre Natur des NS-Regimes zu täuschen bzw. dazu zu bewegen, über die tatsächlichen Verhältnisse in Deutschland hinwegzusehen, zumindest solange bis die Spielen vorüber waren. Um zu zeigen, wie das Weltereignis der Olympischen Spiele 1936 als Propagandaveranstaltung genutzt wurde, beschäftigt sich diese Arbeit damit, welche Ziele die nationalsozialistische Propaganda in der Vorbereitungsphase und bei den Olympischen Sommerspielen an sich verfolgte, welche Mittel sie dazu einsetzte und wie erfolgreich sie damit war.

Das Interesse deutscher Historiker an den Spielen von 1936 entwickelte sich vor allem im Zusammenhang mit der 1972 in München stattfindenden Olympiade und der gescheiterten Olympiabewerbung Berlins für das Jahr 2000. In zeitlicher Nähe zu Ersterem entstanden die Werke von Hajo Bernett und Arnd Krüger, die sich vor allem durch ihre quellengestützte Arbeit auszeichnen. Zu erwähnen sind außerdem die Arbeiten von Hans Joachim Teichler zur Sportpolitik des Dritten Reiches. Den derzeit aktuellsten Forschungsstand und eine Fülle von Bild- und Dokumentenmaterial bietet die von Reinhard Rürup 1996 herausgegebene Dokumentation 1936. Die Olympischen Spiele und der Nationalsozialismus. Sie entstand in Anlehnung an eine Ausstellung, die in der ehemaligen Staatlichen Kunsthalle in Berlin (Mai – August 1996) und im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn (November 1996 – Januar 1997) gezeigt wurde.

Aus dem angelsächsischen Bereich sind vor allem die chronistischen Darstellungen von Richard D. Mandell und Duff Hart-Davis The Nazi Olympics und Hitler’s Games, beide Mitte der 1980er erschienen, bekannt.

Als Quellen dienten dieser Arbeit vor allem der Amtliche Bericht des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele, die Berichte Otto Mayers über die Sitzungen des Internationalen Olympischen Komitees und Reden und Aufsätze Carl Diems. Die archivalischen Quellen wie die Akten der Reichskanzlei, Berichte im Völkischen Beobachter oder im Reichssportblatt und Äußerungen Hitlers werden aus zweiter Hand zitiert, da der Aufwand für den Zugang zu den Originalen im Rahmen dieser Arbeit nicht gerechtfertigt gewesen wäre.

I.) Von der Ablehnung der olympischen Idee bis zur Erklärung zur Reichsangelegenheit durch das NS-Regime

Als das Internationale Olympische Komitee (IOC) am 13. Mai 1931 die XI. Olympischen Sommerspiele an Berlin vergab, bedeutete dies einen besonderen Vertrauensbeweis für Deutschland, das noch 1920 und 1924 wegen seiner Rolle im 1. Weltkrieg von der Teilnahme ausgeschlossen gewesen war. Die Zusage Ausrichter und Gastgeber der Spiele sein zu dürfen, weckte vor allem bei Carl Diem und Theodor Lewald, die sich als Mitglieder des Deutschen Olympischen Komitees für die Bewerbung Berlins intensiv eingesetzt hatten, den Ehrgeiz diese Olympiade zu ganz besonderen Spielen zu machen, an die man sich noch lange erinnern sollte; sie begannen bereits 1932 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles mit den Vorbereitungen[2]. Carl Diem war überzeugt, „daß die Spiele 1936 an internationalen Zuspruch alle Vorgänge weit in den Schatten stellen“ würden und dass es Aufgabe wäre „mit ihrer Durchführung das deutsche Ansehen zu mehren und mittles ihrer Durchführung den Ausländern Deutschland zu zeigen“.[3]

In dem besonderen Engagement Carl Diems und Theodor Lewalds liegt auch der Grund dafür, dass die Olympischen Spiele letztendlich überhaupt stattfanden. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 war die Abhaltung der Spiele zunächst überaus fraglich, da die olympische Idee der Völkerverständigung und des Weltfriedens sich nicht mit der NS-Ideologie vereinbaren lässt. Die nationalsozialistische Propaganda tat die olympische Idee kategorisch als „geistige Verirrung“ ab, die ein Ende haben müsse.[4] Hitler selber bezeichnete die Olympischen Spiele 1932 als „Erfindung von Juden und Freimaurern“, wobei sich eine Teilnahme und erst recht die Ausrichtung der Spiele selbstredend verbot.[5] Theodor Lewald war es, der die Zustimmung Hitlers zur Abhaltung der Olympiade in Berlin in einer persönlichen Audienz beim Reichskanzler am 16. März 1933 sicherte. Im Anschluss an diese mündliche Zusage versuchte Lewald, in seiner Funktion als Präsident des Organisationskomitees, die Ausrichtung der Olympischen Spiele weiter abzusichern. „In seinem Schreiben an den Chef der Reichskanzlei Hans Heinrich Lammers biederte sich Lewald regelrecht an: ‚Was ich heute nicht mehr erwähnen konnte, ist die ungeheure Propagandawirkung für Deutschland [...] Damit komme ich zu der Bitte, daß das Propagandaministerium das Organisationskomitee für die XI. Olympiade Berlin 1936 bei der Propaganda im In- und Ausland nach jeder Richtung hin unterstützt’.“[6]

Mit solchen gezielten Hinweisen auf das propagandistische Potenzial der Olympischen Spiele, bewirkte Lewald einen Wandel in der Einstellung des nationalsozialistischen Regimes gegenüber dem Projekt der Berliner Olympiade.[7] Die Spiele wurden nun als außergewöhnliche Chance für außen- und innenpolitischen Prestigegewinn des Regimes erkannt. Hitler selber begeisterte sich erst nach Überzeugungsarbeit durch den Reichssportkommissar Hans von Tschammer und Osten und Dr. Joseph Goebbels für die Ausrichtung der Spiele in Berlin. Deutlich wird dieses neue besondere Interesse Adolf Hitlers an den Spielen bei einer Besichtigung des geplanten Olympiageländes am 5. Oktober 1933. Ihm erschienen die bisherigen Pläne als unzulänglich und er forderte statt des geplanten Umbaus des Grunewald-Stadions einen kompletten Neubau. „Mit dem heutigen Tage habe ich meine endgültige Genehmigung zum Beginn und zur Durchführung der Bauten auf dem Stadiongelände gegeben. Deutschland erhält damit eine Sportstätte, die ihresgleichen in der Welt sucht.“[8]

Mit Entwürfen des Architekten Werner March sollte das Reichssportfeld entstehen, bestehend aus Olympischem Platz, Olympia-Stadion mit einem Fassungsvermögen von 100 000 Zuschauern und einem Aufmarschgelände, dem Maifeld.[9] Das olympische Bauvorhaben war damit das erste von Hitlers architektonischen Großprojekten. Durch die Verwirklichung der neuen Pläne stiegen die Ausgaben von den ursprünglich kalkulierten 5,5 Millionen Reichsmark auf 42 Millionen Reichsmark.[10] Begründet wurden diese Ausgaben und das Bauprojekt mit der benötigten Arbeiterzahl, die sich positiv auf die Arbeitslosenzahlen auswirken sollte; Hitler sagte: „Wenn man vier Millionen Arbeitslose hat, muss man für Arbeit sorgen“.[11] Die Ausrichtung der XI. Olympischen Sommerspiele in Berlin wurde nun als Reichsangelegenheit aufgefasst.[12]

Am 13. November 1934 wurde Hitler nach dem Tod des Reichspräsidenten von Hindenburg offizieller Schirmherr der Spiele[13] und das Propagandaministerium bildete am 16. Januar 1934 einen Olympia-Propagandaausschuss, der für die Öffentlichkeitsarbeit der Spiele zuständig war.[14] Im Organisationskomitee saßen nun neben den drei deutschen IOC-Mitgliedern, Theodor Lewald, Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg und Karl Ritter von Halt, und den Fachamtsleitern der olympischen Sportarten auch 20 Vertreter der Reichsbehörden, davon allein 8 aus dem Propagandaminsterium, 11 Militärs, 3 Angehörige der Polizei, 5 höhere Kommunalbeamte, 6 Vertreter der verschiedenen Parteigliederungen, 4 Funktionäre der Reichssportführung und Reichssportkommissar von Tschammer und Osten.[15] An dieser Besetzung des Komitees wird die Einflussnahme des NS-Regimes, bzw. seiner Ministerien und Behörden offensichtlich. Das Organisationskomitee war damit sowohl dem Propaganda- als auch dem Innenministerium unterstellt, dem Ersteren durch die Zuständigkeit für die Öffentlichkeitsarbeit und dem Letzteren durch das Ressort des Sports. Diese faktische Abhängigkeit des Komitees stellte einen Verstoß gegen IOC-Statute dar, in denen dessen Unabhängigkeit gefordert wird; dieser Verstoß wurde aber nach außen hin verschleiert.[16]

Von 1934 – 1936 folgte nun eine „ganz bewusste und organisierte propagandistische Massendemonstration des NS-Staates“; das Weltereignis der Olympischen Spiele wurde zu Werbezwecken genutzt.[17]

[...]


[1] F. Angermeyer: Hymne an Berlin. In: „Reichssportblatt“ 2 (1935) 21, 583, zitiert nach Hans Joachim Teichler: Internationale Sportpolitik im Dritten Reich, Schorndorf 1991, S. 64.

[2] Carl Diem: Der Olympische Gedanke. Reden und Aufsätze, hrsg. vom Carl-Diem-Institut an der Deutschen Sporthochschule Köln, Schorndorf 1967, S.74f.

[3] Diem, S. 68; 69.

[4] Andrea von Hegel: Die Stunde der Propagandisten. Propaganda zu den Olympischen Spielen 1936, In: http://www.dhm.de/~jarmer/olympiaheft/olympia4.htm »01/11/2004«.

[5] Hitler zitiert bei Duff Hart-Davis: Hitler’s Games. The 1936 Olympics, New York 1986, S. 45.

[6] Hilmar Hoffmann: Mythos Olympia. Autonomie und Unterwerfung von Sport und Kultur. Weimar 1993, S. 12.

[7] Hajo Bernett: Sportpolitik im Dritten Reich. Aus den Akten der Reichskanzlei, Schorndorf 1971, S. 41.

[8] Adolf Hitler, zitiert nach: Völkischer Beobachter, 15.12.1933; übernommen aus: Hoffmann, S. 17.

[9] Detaillierte Darstellung der Pläne für die Bauten in: XI. Olympische Spiele Berlin 1936. Amtlicher Bericht, hrsg. vom Organisationskomitee der XI. Olympiade Berlin 1936 e.V., unter Leitung von Carl Diem, Bd. 1, Berlin 1937, S. 129- 165.

[10] Hoffmann, S. 17.

[11] Zitat Hitlers nach Aufzeichnungen Lewalds, übernommen aus: Arnd Krüger: Die Olympischen Spiele 1936 und die Weltmeinung. Ihre außenpolitische Bedeutung unter besonderer Berücksichtigung der USA. Berlin u.a. 1972, S. 63.

[12] Amtlicher Bericht, Bd. 1, S. 135.

[13] Akzeptanzschreiben Hitlers an Lewald in: Amtlicher Bericht, Bd. 1, S. 49; Reinhard Rürup: 1936. Die Olympischen Spiele und der Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Berlin 1996, S. 44.

[14] Ders., S. 79.

[15] Hans Joachim Teichler: 1936 – ein olympisches Trauma. Als die Spiele ihre Unschuld verloren, In: Manfred Blödorn (Hg.): Sport und Olympische Spiele, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 47 – 76, hier S. 54.

[16] Ders., S. 55; Krüger, S. 76.

[17] Jean-Marie Brohm: Zum Verhältnis von Olympismus und Nationalismus. In: Alkemeyer/ Gebauer u.a. (Hg.): Olympia – Berlin. Gewalt und Mythos in den Olympischen Spielen von Berlin 1936, S. 190 – 198, hier S. 190.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die olympischen Spiele 1936 in Berlin. Außenwirkung. Weltereignis oder Propagandaveranstaltung?
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V69946
ISBN (eBook)
9783638623919
ISBN (Buch)
9783638673877
Dateigröße
2122 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berliner, Olympiade, Außenwirkung, Weltereignis, Propagandaveranstaltung
Arbeit zitieren
M.A. Stephanie Günther (Autor:in), 2005, Die olympischen Spiele 1936 in Berlin. Außenwirkung. Weltereignis oder Propagandaveranstaltung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69946

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