Dass der Holodomor Millionen von Menschleben forderte, wird heute seitens der seriösen Geschichtswissenschaft in keiner Weise bestritten. Auch ist man sich darüber einig, dass das Ereignis keine fatalistischen Züge hatte und auf jeden Fall vermeidbar gewesen wäre. Ob hingegen die große ukrainische Hungersnot jedoch unter dem Begriff Genozid firmieren sollte, ist bis dato ein heftig umstrittenes Thema.
Da sich eines der grundlegenden Dokumente für die Definition eines Genozides, und zwar die „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ der Vereinten Nationen, in diesem Fall, sowohl analytisch als auch methodisch, als unbefriedigend erweist, wird in der vorliegenden Arbeit auf das Phasen Modell von Gregory Stanton zurückgegriffen.13Dieser Entwurf umfasst acht Stufen, die ein klassischer Genozid durchlaufen sollte:
1.Klassifikationzur Definierung eines potentiellen Genozidopfers 2.Symbolisierungder klassifizierten Gruppe 3.Dehumanisierung,also die Verleugnung menschlicher Züge des Opfers 4.Organisationdes Genozides 5.Polarisationder beteiligten Gruppen 6.Identifikationund offensichtliche Stigmatisierung der Opfer 7.Extermination,also der eigentliche Massenmord 8.Verleugnungdes Geschehenen
Anhand dieses Muster wird nun in Folge zu klären sein, ob der Holodomor die Kriterien für den Sachverhalt eines Genozides erfüllt, oder ob es sich hierbei „einfach“ um eine verbrecherische Wirtschaftspolitik respektive um eine Verkettung von traurigen Zufällen handelte.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
„Ein Mordfall ohne Leiche?“ – Auf der Suche nach den Opfern
Die Bauernschaft
Das ukrainische Volk
„Sozialismus um jeden Preis“ – Zwangskollektivierung und Dekulakisierung
„Verdammte dieser Erde“ – Die Hungerkatastrophe
„Die Welt schweigt“ – Die Verleugnung der Katastrophe
Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die große ukrainische Hungersnot der Jahre 1932 und 1933, bekannt als Holodomor, mit dem Ziel, die historische Tragödie auf ihre Eigenschaft als Genozid zu prüfen. Unter Anwendung des Phasenmodells von Gregory Stanton wird hinterfragt, ob die katastrophalen Ereignisse als gezielter Völkermord einzustufen sind oder als Resultat einer verbrecherischen Wirtschaftspolitik betrachtet werden müssen.
- Historische Aufarbeitung des Holodomor
- Analyse der sowjetischen Agrarpolitik (Kollektivierung und Dekulakisierung)
- Methodische Anwendung des Acht-Stufen-Modells von Gregory Stanton
- Untersuchung der Rolle von Bauernschaft und ukrainischer Identität
- Aufarbeitung der internationalen Verleugnung der Katastrophe
Auszug aus dem Buch
Die Bauernschaft
Wie die Geschichte alle europäischen Bauern, war auch jene der ukrainischen Landbevölkerung jahrhundertelang von Ausbeutung und Unterdrückung geprägt. Zwar entluden sich die erduldeten Pressionen in mehreren größeren Aufstände, wie beispielsweise 1648, und mit der Etablierung eines unabhängigen Kosakenstaates im 17. Jahrhundert erlangte die Bauernschaft auch einige positive Konzessionen, ein wirklicher Aufwärtstrend, für eine verbesserte Lebensgrundlage der agrarischen Bevölkerung, ist jedoch erst mit der Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 zu verzeichnen.
Gerade die Bauernfrage war ein großes ideologisches Problem der marxistischen Doktrin, welches fließend in die Praxis überging. Anders als der spätere Maoismus, der zumindest von der theoretischen Konzeption aus gesehen in den „Klassenkämpfen der Bauernschaft ... die wahren Triebkräfte der historischen Entwicklung“ sah, hatte der klassische Marxismus ein überaus ambivalentes Verhältnis zur agrarischen Bevölkerung. Karl Marx und Friedrich Engels bezeichneten die Bauernschaft beispielsweise als „konservativ“, wenn nicht sogar „reaktionär“. Der Landwirt war jedoch aus marxistisch – ideologischer Sicht nicht von großem Belangen, da man davon ausging, dass die Revolution in „zivilisierten Ländern“ mit einem hohen Industrialisierungsgrad, wie beispielsweise England, beginnen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Beleuchtet die mangelnde Auseinandersetzung mit der ukrainischen Geschichte im europäischen Kontext und stellt den Holodomor als eine der größten humanitären Katastrophen vor.
Einleitung: Führt in die Thematik des Holodomor ein und stellt die methodische Grundlage durch das Phasenmodell von Gregory Stanton vor.
„Ein Mordfall ohne Leiche?“ – Auf der Suche nach den Opfern: Analysiert die Kategorien der Opfer, insbesondere die Rolle der Bauernschaft und das ukrainische Volk im Kontext der Genozid-Definition.
„Sozialismus um jeden Preis“ – Zwangskollektivierung und Dekulakisierung: Beschreibt den Prozess der Zwangskollektivierung und die systematische Vernichtung der als Kulaken stigmatisierten Bauern.
„Verdammte dieser Erde“ – Die Hungerkatastrophe: Dokumentiert den Verlauf der Hungersnot, die Rolle des Ährengesetzes und die aktive politische Instrumentalisierung des Hungers.
„Die Welt schweigt“ – Die Verleugnung der Katastrophe: Erörtert die bewussten Vertuschungsstrategien des Sowjetregimes und das Schweigen der internationalen Gemeinschaft.
Schlussbetrachtung: Führt die Analyse zusammen und kommt zu dem Ergebnis, dass die Ereignisse aufgrund der methodischen Komplexität und Opferdefinition neue historische Begrifflichkeiten wie den Soziozid erfordern.
Schlüsselwörter
Holodomor, Ukraine, Genozid, Sowjetunion, Stalin, Zwangskollektivierung, Dekulakisierung, Kulaken, Hungerkatastrophe, Politische Unterdrückung, Phasenmodell, Gregory Stanton, Geschichte, Hunger als Waffe, Totalitarismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, ob die große ukrainische Hungersnot der Jahre 1932 und 1933 (Holodomor) historisch korrekt als Genozid klassifiziert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die stalinistische Agrarpolitik, die Liquidierung der Kulaken, die Verleugnung der Katastrophe durch die Sowjetunion und die wissenschaftliche Einordnung von Genoziden.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „War die große ukrainische Hungersnot der Jahre 1932 und 1933 ein Genozid?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt das Phasenmodell nach Gregory Stanton, um die Ereignisse in acht Stufen (u.a. Klassifikation, Dehumanisierung, Extermination) zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Opfergruppen, die Analyse der Kollektivierungsprozesse, die Beschreibung der Hungerkatastrophe selbst sowie die Darstellung der internationalen Vertuschungsversuche.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Holodomor, Kulaken, Zwangskollektivierung, Genozid-Kriterien und politisch instrumentalisierter Hunger.
Wie definiert das Buch den „Kulaken“?
Der Begriff wird als ein propagandistisches Konstrukt der Sowjetführung beschrieben, das vage blieb, um eine breite Masse an Bauern als „Klassenfeinde“ zu stigmatisieren und zu liquidieren.
Warum spielt die internationale Verleugnung eine so große Rolle?
Sie wird als letzte Phase der Genozid-Logik nach Stanton gewertet, da die aktive Verbergung der Fakten entscheidend dazu beitrug, dass die Katastrophe lange Zeit nicht als solche wahrgenommen oder anerkannt wurde.
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- Anonym (Author), 2006, Hunger als Waffe - War die große ukrainische Hungersnot der Jahre 1932 und 1933 ein Genozid?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70031