In einer pluralen Gesellschaft, die durch das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, religiösen und weltanschaulichen Norm- und Wert-vorstellungen geprägt ist, 1 stellt sich die Frage: Wie ist dieses Zusammenleben zu optimieren, d.h. wie können Wege der Verständigung und des Vorurteilsabbaus gefunden werden, um ein friedliches Miteinander zu garantieren? Mit diesen Aufgaben befaßt sich die Pädagogik intensiv seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts, angefangen bei der „Ausländerpädagogik“ bis hin zu aktuellen Konzepten interkultureller Erziehung. Letztere lassen sich zwei Grundrichtungen zuordnen: der Konfliktpädagogik und der Begegnungspädagogik. In der Ausei-nandersetzung mit diesen beiden Positionen stößt man schnell auf die immer wieder aktuelle Relativismus-Universalismus-Debatte, in der Kulturen entweder als einzigartig und somit unvergleichbar angesehen werden, oder allen Kulturen universalistische Gemeinsamkeiten unterstellt werden, die es hervorzubringen gilt. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma? Ich werde in Anlehnung an Wimmer (1997) und Schaller (1978) bzw. Ostertag (2001) einen Vorschlag wagen und auf die Wichtigkeit interkultureller Kommunikation bzw. des interkulturellen Dialogs aufmerksam machen. Da ich mich berufsbedingt seit längerem mit theaterpädagogischen Methoden und Projekten befasse, möchte ich in der vorliegenden Arbeit untersuchen, ob das Theater als Kommunikations- und Erfahrungsmedium einen Beitrag zum interkulturellen Lernen bzw. zum interkulturellen Dialog zu leisten vermag und wo seine Grenzen diesbezüglich liegen. Mit „Dialog“ ist in diesem Zusammenhang nicht allein der verbale Austausch von Zeichen zwischen zwei Kommunikationspartnern gemeint, sondern auch - bzw. besonders - der Austausch über (gemeinsame) emotionale, sinnliche und ästhetische Erfahrungen auf einer nonverbalen Ebene. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. BEGRIFFSKLÄRUNG
2.1 KULTUR
2.2 KULTURELLE IDENTITÄT
2.3 MULTIKULTURELLE GESELLSCHAFT
3. INTERKULTURELLES LERNEN
3.1 INTERKULTURELLES LERNEN ALS TEIL SOZIALEN LERNENS
3.2 DIE ENTSTEHUNG DER KONZEPTIONEN
3.3 ZWEI GRUNDRICHTUNGEN: BEGEGNUNGSPÄDAGOGIK UND KONFLIKTPÄDAGOGIK
3.3.1 UNIVERSALISMUS VS. RELATIVISMUS
3.3.2 ZUR ANNÄHERUNG AN EINE LÖSUNG DER UNIVERSALISUM-RELATIVISMUS-DEBATTE
3.4 DIE ZIELE INTERKULTURELLEN LERNENS
3.4.1 ENTDECKEN DES FREMDEN IM EIGENEN UND DES EIGENEN IM FREMDEN
3.4.1.1 DAS FREMDE
3.4.1.2 SELBSTBILD UND FREMDBILD
3.4.1.3 UMGANG MIT DEM FREMDEN
3.4.2 AUFGEKLÄRTER ETHNOZENTRISMUS
3.4.3 ERKENNEN VON VORURTEILEN UND STEREOTYPEN
3.4.3.1 WAS SIND VORURTEILE?
3.4.3.2 ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR DIE ENTSTEHUNG VON VORURTEILEN
3.4.4 (INTERKULTURELLE) KOMMUNIKATIONSFÄHIGKEIT
3.4.4.1 KOMMUNIKATION ALS SOZIALE SITUATION
3.4.4.2 NONVERBALE KOMMUNIKATION
3.4.4.3 VERSTÄNDNISPROBLEME
3.4.4.4 METAKOMMUNIKATION
3.4.5 KONFLIKTFÄHIGKEIT
3.5 DIE GRENZEN INTERKULTURELLEN LERNENS
4. THEATER ALS INTERKULTURELLER LERNORT
4.1 THEATER
4.1.1 SPIEL UND REALITÄT
4.1.2 DER SYMBOLCHARAKTER DES THEATERS
4.2 THEATERPÄDAGOGIK IM SPANNUNGSFELD VON PÄDAGOGIK UND KUNST
4.2.1 THEATER UND PÄDAGOGIK: EINE POSITIVE DIALEKTIK?
4.2.2 THEATERPÄDAGOGIK ALS TEIL DER KULTURARBEIT
4.3 ERFAHRUNGSMÖGLICHKEITEN IN DER (INTERKULTURELLEN) THEATERARBEIT
4.3.1 THEATER ALS ÄSTHETISCHES ERFAHRUNGSFELD
4.3.1.1 ZUR BESTIMMUNG EINER „ÄSTHETISCHEN BILDUNG“
4.3.1.2 THEATERSPIEL ALS ÄSTHETISCHE PRAXIS
4.3.2 THEATER ALS (PSYCHO-)SOZIALES ERFAHRUNGSFELD
4.3.2.1 ERFAHRUNG DES SUBJEKTS MIT SICH SELBST
4.3.2.2 ERFAHRUNGEN DES SUBJEKTS MIT DER GRUPPE
4.3.2.3 ERFAHRUNGEN DES SUBJEKTS MIT SEINER LEBENSWELT
4.3.3 ZUSAMMENSPIEL DER DIMENSIONEN
4.4 ZUSAMMENFASSENDES: ÄSTHETISCHE ERFAHRUNGEN, (PSYCHO-)SOZIALE ERFAHRUNGEN UND INTERKULTURELLE LERNPROZESSE DURCH THEATERARBEIT
5. SCHLUßBEMERKUNGEN: ÜBERLEGUNG ZU EINER ÜBERTRAGBARKEIT DER ERGEBNISSE IN DIE THEATERPÄDAGOGISCHE PRAXIS
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht, ob das Theater als Kommunikations- und Erfahrungsmedium einen Beitrag zum interkulturellen Lernen leisten kann. Dabei steht die pädagogische Arbeit mit LaienschauspielerInnen im Mittelpunkt, wobei insbesondere erforscht wird, wie ästhetische und (psycho-)soziale Erfahrungsprozesse interkulturelle Lernprozesse ermöglichen können.
- Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff und interkulturellem Lernen.
- Die Analyse theaterpädagogischer Prozesse als Lernarrangements.
- Das Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und pädagogischen Zielsetzungen.
- Die Untersuchung der Erfahrungsebenen von LaiendarstellerInnen in interkulturellen Gruppen.
Auszug aus dem Buch
3.4.1.1 Das Fremde
Janz (2001a) betont, daß Fremdsein ein Konstrukt der jeweiligen Gesellschaften und Epochen ist, in denen jemand / etwas als fremd angesehen wird (vgl. ders., S. 9). Fremd ist also immer das, was die Mehrheit als nicht zugehörig definiert. „Und es entsteht, soziologisch gesehen, durch Einschließung und Ausschließung“ (ebda.).
Was macht Fremdsein aus? Kurzenberger (1994) stellt fest, „daß das Fremdsein sich durch den Raum und die soziale Umgebung bestimmt und nicht durch sich selbst, daß Fremdsein also keine Eigenschaft, sondern eine Zuschreibung ist, die die am Konflikt Beteiligten wechselseitig vornehmen, vor allem aber, daß Fremdsein jeweils unterschiedlichen geographischen, sozialen und historischen Ort hat“ (S. 49f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der interkulturellen Gesellschaft und Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich des Beitrags des Theaters zum interkulturellen Lernen.
2. BEGRIFFSKLÄRUNG: Definition zentraler Begriffe wie Kultur, kulturelle Identität und die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der multikulturellen Gesellschaft.
3. INTERKULTURELLES LERNEN: Untersuchung der Grundlagen, Ziele und Konzepte interkulturellen Lernens sowie dessen Einordnung in das Soziale Lernen.
4. THEATER ALS INTERKULTURELLER LERNORT: Analyse des Theaters als spezifisches Medium, das durch ästhetische und psychosoziale Erfahrungsprozesse interkulturelle Lernziele unterstützen kann.
5. SCHLUßBEMERKUNGEN: ÜBERLEGUNG ZU EINER ÜBERTRAGBARKEIT DER ERGEBNISSE IN DIE THEATERPÄDAGOGISCHE PRAXIS: Reflexion über die Bedingungen und Grenzen der Übertragung der theoretischen Ergebnisse in die konkrete theaterpädagogische Arbeit.
Schlüsselwörter
Theaterpädagogik, Interkulturelles Lernen, Soziales Lernen, Kulturelle Identität, Multikulturelle Gesellschaft, Ästhetische Bildung, Kommunikation, Vorurteile, Stereotype, Ethnozentrismus, Rollenarbeit, LaienschauspielerInnen, Erfahrungsraum, Konfliktfähigkeit, Partizipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Potenzial von Theaterprojekten als Lernort für interkulturelle Erfahrungen und Dialoge in einer pluralistischen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit verknüpft interkulturelle Erziehungstheorien mit theaterpädagogischen Ansätzen, wobei insbesondere ästhetische und (psycho-)soziale Lernprozesse im Mittelpunkt stehen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Hauptziel ist es, zu prüfen, ob und wie LaiendarstellerInnen durch die ästhetische Beschäftigung mit theatralem Material psychosoziale Lernprozesse durchlaufen, die interkulturelle Kompetenzen fördern können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es handelt sich um eine theoretische Reflexion, die verschiedene erziehungswissenschaftliche und theaterpädagogische Ansätze (z.B. nach Nieke, Weintz, Boal) synthetisiert und mit praktischen Erfahrungen der Verfasserin untermauert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsklärung, eine ausführliche Darlegung interkultureller Lernziele und eine tiefgehende Analyse von Theaterprojekten als ästhetische und psychosoziale Erfahrungsfelder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird wesentlich geprägt durch Begriffe wie Interkulturalität, ästhetische Praxis, soziale Identität, Rollenarbeit, Kommunikation und Konfliktbewältigung.
Wie unterscheidet sich das Theaterspielen laut dieser Arbeit von der Alltagskommunikation?
Das Theater bietet einen geschützten „Als-ob-Raum“, in dem gesellschaftliche Konventionen temporär außer Kraft gesetzt werden können, was neue Perspektiven und ein angstfreieres Experimentieren ermöglicht.
Welche Rolle spielt die „Leitung“ in der interkulturellen Theaterarbeit?
Die Leitung ist entscheidend dafür, Konflikte und Differenzen als Lernchancen zu identifizieren und einen Raum für metakommunikative Prozesse zu schaffen, anstatt diese zu unterdrücken.
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- Dipl.-Päd. Cornelia Rössler (Author), 2005, Theater als interkultureller Lernort: Ästhetische, (psycho-) soziale und interkulturelle Erfahrungsmöglichkeiten in theaterpädagogischen Prozessen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70155