Nach einer kurzen Definierung des Märchentypus, welcher den hier zu analysie-renden Märchen zu Grunde liegt, möchte ich ebenfalls einige Theorien zu der Herkunft des Inhalts vorstellen. Beide Kapitel sind nicht Thema dieser Arbeit, so dass sie nur kurz erläutert werden und somit keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben. Was den Märchenvergleich betrifft, so werden insgesamt vier sich im In-halt ähnelnde Märchenerzählung verwendet: Cendrillon ou la petite pantoufle de verre, Aschenputtel, La gatta cennerentola und La Cendrouse. Sie werden inhalt-lich getrennt voneinander vorgestellt und im Anschluss daran Abschnitt für Ab-schnitt auf einzelne Elemente untersucht, welche es uns ermöglichen, in der Schlussbetrachtung die Leitfrage zu beantworten. An welche Art von Publikum richtete sich Perrault mit diesem Märchen und wie veränderte er somit einzelne Schlüsselelemente?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeines
2.1 Theorien zur Entstehung
2.2 Charles Perrault und sein Zielpublikum
3. Varianten
3.1 « Cendrillon ou la petite pantoufle de verre » von Charles Perrault (A)
3.2 « Aschenputtel » von den Gebrüdern Grimm (B)
3.3 « La gatta cennerentola » von Basile (C)
3.4 « La Cendrouse » von C. Pineau (D)
4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede
4.1 Sozialer Abstieg in der Familie
4.2 Magische Hilfe
4.3 Treffen mit dem Königssohn
4.3.1 Bedingung
4.3.2 Anbandelung mit dem Königssohn
4.4 Schuhprobe und Vermählung
4.4.1 Rache oder Vergebung
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht vergleichend verschiedene Märchenvarianten der Cendrillon-Erzählung, um zu analysieren, wie sich Schlüsselelemente je nach Zielpublikum verändern und welche sozialen Implikationen Perraults Fassung für seine zeitgenössische Leserschaft birgt.
- Vergleichende Analyse von vier Cendrillon-Märchenvarianten (Perrault, Grimm, Basile, Pineau).
- Untersuchung der Motive sozialer Abstieg, magische Hilfe, Treffen mit dem Prinzen und Schuhprobe.
- Differenzierung der Zielgruppen für die jeweiligen Märchenversionen.
- Analyse der sozialen Funktion und Moralitäten in Perraults Erzählung.
Auszug aus dem Buch
4.2 Magische Hilfe
Alle vier Erzählungen können im zweiten Erzählabschnitt mindestens ein Element vorweisen, welches nicht der Realität entspricht. Dieses magische Element ist bis auf Erzählung A mit der Protagonistin und ihrem Vater verbunden, da er für die Beschaffung jenes magischen Objekts zuständig ist.
Erzählung A setzt an die Stelle des Vaters eine Patin der Protagonistin ein, welche eine Fee ist, was die Vorbereitungen auf das mögliche Treffen mit dem Königssohn jedoch inhaltlich nicht verändert. Mit Hilfe eines Kürbisses, Mäusen, Ratten, Eidechsen und eines Zauberstabes gelingt es der Fee Cendrillon „salonfähig“ zu machen, so dass dem Vorhaben, auf das Fest des Königssohns zu gehen, nichts im Wege steht. Perrault wählt im Vergleich zu den anderen Erzählungen (mit Ausnahme von D) die einfachste und am wenigsten ausgeschmückte Variante. Die Rolle der Fee könnte man aber auch mit der einer Gönnerin vergleichen, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, Cendrillon mit Hilfe von materiellen Dingen in die Gesellschaft zu reintegrieren, so dass diesem Element der magische Aspekt fast abgesprochen werden kann.
Erzählung B weist in seiner Geschichte keine Existenz einer Fee auf, bedient sich aber magischer Momente. Interessant hierbei ist, dass der Leser mit einem magischen Moment konfrontiert wird, ohne zu wissen, in welchem Zusammenhang dies mit dem Verlauf der Geschichte steht. Der von Cendrillons Vater mitgebrachte Ast, der durch die Tränen und Pflege der Protagonistin zu einem Baum auf dem Grab der Mutter heranwächst, wird zu einem Ort der Magie, wenn die Gebrüder Grimm auf melancholische Art und Weise schreiben „Cendrillon allait prier et pleurer sous son ombre trois fois par jour, et chaque fois voletait un petit oiseau qui lui jetait tout ce qu’elle demandait.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Zielsetzung, den Märchentypus Cendrillon zu definieren und dessen Varianten zu vergleichen, um Schlüsselelemente und Zielgruppen zu analysieren.
2. Allgemeines: Erläuterung theoretischer Entstehungsansätze und der Problematik, das Zielpublikum von Perraults Märchen im gesellschaftlichen Kontext des höfischen Frankreichs zu verorten.
3. Varianten: Inhaltliche Vorstellung der vier ausgewählten Märchenerzählungen von Perrault, den Gebrüdern Grimm, Basile und Pineau als Grundlage für den anschließenden Vergleich.
4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Analyse zentraler Narrativelemente wie dem sozialen Abstieg, der magischen Hilfe, dem Treffen mit dem Königssohn sowie der Schuhprobe und Rache- bzw. Vergebungsszenen.
5. Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse, wobei herausgearbeitet wird, dass Perrault das Märchen für ein gebildetes höfisches Publikum adaptierte, während andere Varianten eher für ein ungebildeteres, ländliches Publikum bestimmt waren.
Schlüsselwörter
Cendrillon, Aschenputtel, Märchenvergleich, Charles Perrault, Gebrüder Grimm, soziale Schichten, Moralität, Literaturwissenschaft, Märchenvarianten, Volksmärchen, Klassenaufstieg, magische Elemente, Erzählstruktur, Rezeption, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einem vergleichenden Literaturvergleich des Märchens "Cendrillon" von Charles Perrault und drei weiteren Märchenvarianten (Grimm, Basile, Pineau).
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Analyse der Erzählstruktur, die Darstellung sozialer Abstiege, die Funktion magischer Hilfsmittel und der Umgang mit Motiven wie der Schuhprobe.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, an welche Art von Publikum sich Perrault mit seinem Märchen richtete und wie er durch inhaltliche Anpassungen die Schlüsselelemente für dieses Publikum veränderte.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Analyse verwendet?
Es wird eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, bei der die Texte in vier Abschnitte unterteilt und hinsichtlich ihrer Symbole und narrativen Elemente untersucht werden.
Welche inhaltlichen Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die inhaltliche Vorstellung der Varianten sowie eine detaillierte Gegenüberstellung der Motive des sozialen Abstiegs, der Magie und des Treffens mit dem Königssohn.
Was charakterisiert die Arbeit in Bezug auf ihre Schlüsselwörter?
Die Arbeit zeichnet sich durch den Fokus auf die Adaptation von Stoffen für unterschiedliche Leserschichten, den Klassenaufstieg als zentrales Motiv und die moralische Dimension in Perraults Werk aus.
Warum spielt der Begriff "Klassenaufstieg" in der Arbeit eine so wichtige Rolle?
Der Klassenaufstieg fungiert als zentrales Motiv, das durch die Inszenierung von Kleidung, Mode und höfischem Benehmen besonders in Perraults Version als Abgrenzung zur ungebildeten ländlichen Leserschaft dient.
Welche Bedeutung haben die "Moralitäten" bei Perrault?
Die Moralitäten dienen bei Perrault als Instrument der Gesellschaftskritik an Zeitgeist, Eitelkeit und Ständeunterschieden und unterstreichen, dass sich der Autor an ein gebildetes Publikum wandte.
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- M. A. Christoph Hollergschwandner (Author), 2004, Cendrillon - Ein Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70173