Das Thema der vorliegenden Arbeit hat eine geistesgeschichtliche Tradition, die sich auf zweieinhalb Jahrtausende beläuft. Das Begriffspaar, verstanden als qualitative Unterscheidung zwischen einander ausschließenden und sich doch komplementär ergänzenden Lebensentwürfen, beinhaltet weitere begriffliche Dualismen, so etwa die Gegenüberstellung von Einsamkeit und Gesellschaft, von Arbeit und Muße, von Denken und Handeln und von Theorie und Praxis.
Ein Standardthema der humanistischen Literatur des 16. Jahrhunderts bildet die Fragestellung, ob die neue Bildungselite der Humanisten ihre Gelehrsamkeit in den Dienst eines Fürsten stellen sollte. Diese Frage behandelt auch der englische Humanist Thomas Morus mit seinem "Dialogue of Counsel" im ersten Buch seiner Utopia (1516). Von besonderem Interesse ist sein Beitrag deshalb, weil es ihm gelingt, das Problem vita activa/vita contemplativa differenziert und in seiner ganzen Bandbreite zu diskutieren, ohne je in eine gemeinplätzliche Behandlung des Themas zu verfallen. Den Konflikt zwischen politischer Aktion und gelehrter Kontemplation dramatisiert Morus dabei anhand der Morus-Persona und der Figur Raphael Hythlodaeus.
Ausgehend von der Hypothese, dass Morus im ersten Buch der Utopia den zeitlosen Widerstreit zwischen vita activa und vita contemplativa problematisiert, ergibt sich die zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit: Zu welchem Schluss gelangt Morus mit seinem Dialogue of Counsel hinsichtlich der Frage, ob und warum Philosophen in den Staatsdienst treten bzw. aus welchen Gründen sie dies unterlassen sollten? Von besonderem Interesse ist hierbei auch, welches Bild vom Philosophen im ersten Buch der Utopia vermittelt wird. Dabei wird die These vertreten, dass Morus angesichts der Unvereinbarkeit von Philosophie und Realpolitik die Dialogpartner bewusst keine Einigung erlangen lässt und im Dialogue of Counsel keine endgültige Stellung bezieht, sondern vielmehr ein moralisches Dilemma konstatiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Thomas Morus und der englische Humanismus
2.1 Zum Begriff des Humanismus: Schwierigkeiten einer Definition
2.2 Der englische Humanismus im europäischen Kontext
2.3 Thomas Morus: „The king’s good servant, but God’s first”
3. Zur Geistesgeschichte von vita activa und vita contemplativa
3.1 Platon: Die Untrennbarkeit von Theorie und Praxis
3.2 Aristoteles: Das Primat der Kontemplation
3.3 Cicero: Philosophie als Bildungsgut
3.4 Augustinus: Handeln als Notwendigkeit
4. Vita activa und vita contemplativa im ersten Buch von Thomas Morus’ Utopia
4.1 Die Utopie der Neuzeit: Kritik und Gegenbild
4.2 Die Figuren Thomas Morus und Petrus Aegidius
4.3 Die Figur Raphael Hythlodaeus
4.4 Der Dialogue of Counsel als Problematisierung des Konflikts zwischen vita activa und vita contemplativa
4.4.1 Im Dienste des Königs: These und Antithese
4.4.2 Die Morton-Episode: Ein zweifelhaftes Exemplum
4.4.3 Der Philosoph als Staatsmann: Platon versus Platon
4.4.4 Die rhetorische Strategie der Dialogpartner
4.4.5 Die Fremdheit des Philosophen in der Welt
4.4.6 Die Unvereinbarkeit von vita activa und vita contemplativa
5. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den zeitlosen Widerstreit zwischen vita activa und vita contemplativa im ersten Buch von Thomas Morus’ Utopia. Zentral ist dabei die Forschungsfrage, zu welchem Ergebnis Morus in seinem Dialogue of Counsel hinsichtlich der Frage gelangt, ob und warum Philosophen in den Staatsdienst treten oder diesen meiden sollten, und welche Lebensform dabei als höherwertig dargestellt wird.
- Die geistesgeschichtliche Tradition des Dualismus von Theorie und Praxis.
- Die humanistische Debatte zur politischen Beratung von Herrschern.
- Die Analyse der Figurenkonstellation Morus, Aegidius und Hythlodaeus.
- Die Rolle der rhetorischen Strategien in Morus’ literarischem Werk.
- Das Dilemma der Unvereinbarkeit von philosophischer Integrität und Realpolitik.
Auszug aus dem Buch
Die Unvereinbarkeit von vita activa und vita contemplativa
Mit der Wahl der literarischen Form des Dialogs trägt Morus der prinzipiellen Unvereinbarkeit von vita activa und vita contemplativa Rechnung. Wie bereits erwähnt, ermöglicht die Dialogform dem Autor, ein moralisches Problem zu diskutieren, ohne die eigene Sichtweise offen legen zu müssen. Sie setzt den Leser einem beständigen Zweifel hinsichtlich der „wahren” Auffassung des Verfassers aus.
Morus bedient sich ausgiebig der Freiheit, die die Dialogform bietet: Das Problem der politischen Beratung wird mehrfach angegangen und wieder fallen gelassen und die Vor- und Nachteile einer politischen vita activa werden aus mehreren Perspektiven beleuchtet, ohne dass jedoch eine Lösung aufgezeigt würde. Dies attestiert auch Damian Grace; als Fazit seiner Untersuchung schreibt Grace jedoch: „And the problem of counsel is resolvable: both parties are right. Christ’s words must be adhered to, but it cannot be imparted by dogmatics and it cannot be practised by formulae.” Zwar sieht Grace richtig, dass beide Dialogpartner Recht haben, er verkennt aber, dass gerade weil beide Parteien Recht (und Unrecht) haben, Morus keine Lösung für das Problem der politischen Beratung anbietet. Gerade darin liegt das Dilemma des Dialogue of Counsel.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die geistesgeschichtliche Tradition des Konflikts zwischen vita activa und vita contemplativa und Formulierung der zentralen Fragestellung der Arbeit.
2. Thomas Morus und der englische Humanismus: Kontextualisierung von Morus innerhalb des englischen Humanismus und dessen Fokus auf utilitaristische sowie christliche Aspekte.
3. Zur Geistesgeschichte von vita activa und vita contemplativa: Überblick über die antike und christliche Tradition des Begriffspaares, von Platon und Aristoteles bis hin zu Cicero und Augustinus.
4. Vita activa und vita contemplativa im ersten Buch von Thomas Morus’ Utopia: Tiefenanalyse des Dialogue of Counsel und Untersuchung der Figurenkonstellation als Dramatisierung des zentralen Konflikts.
5. Schlussfolgerungen: Synthese der Ergebnisse, wobei die prinzipielle Unlösbarkeit des moralischen Dilemmas der politischen Beratung bei Morus betont wird.
Schlüsselwörter
Thomas Morus, Utopia, Humanismus, vita activa, vita contemplativa, politische Beratung, Dialogue of Counsel, Theorie und Praxis, Raphael Hythlodaeus, Renaissance, Politische Philosophie, Idealstaat, Geistesgeschichte, Staatsdienst, Dilemma.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Spannungsfeld zwischen einem Leben in politischer Aktion (vita activa) und philosophischer Kontemplation (vita contemplativa) im ersten Buch von Thomas Morus' Utopia.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Es geht um die geistesgeschichtliche Einordnung des Theorie-Praxis-Konflikts, die Rolle des humanistischen Gelehrten im Staatsdienst und die literarische Inszenierung dieser Problematik durch Morus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu ergründen, ob Morus eine abschließende Bewertung der politischen Beratung vornimmt und welche Rolle dabei die Unvereinbarkeit der zwei Lebensmodelle spielt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine geistesgeschichtliche und literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text von Morus im Kontext seiner zeitgenössischen Rezeption und antiker Vorbilder interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der antiken Tradition (Platon, Aristoteles, Cicero, Augustinus) und deren Transformation bei Thomas Morus, insbesondere durch die Figuren Hythlodaeus, Morus und Aegidius.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren das Werk?
Neben den zentralen Begriffen vita activa und vita contemplativa sind dies vor allem das Dilemma der Beratung, der humanistische Bildungsbegriff und die Rolle des Philosophen in der Welt.
Warum spielt die Figur des Raphael Hythlodaeus eine so zentrale Rolle?
Raphael verkörpert den kompromisslosen Philosophen, dessen Radikalität den notwendigen Kontrast zu den pragmatisch orientierten Dialogpartnern bildet und das moralische Dilemma verdeutlicht.
Welche Bedeutung hat das Morton-Exemplum für das Verständnis der Arbeit?
Die Episode zeigt ironisch, dass theoretische Ratschläge in einer korrupten Realpolitik scheitern, auch wenn der Staatsmann (Morton) an sich tugendhaft erscheint.
Gelangt der Autor zu einer eindeutigen Schlussfolgerung?
Nein, der Autor verweigert eine finale Aussage, da er das Thema als unlösbares moralisches Dilemma begreift, das dem Leser zur eigenen Reflexion überlassen bleibt.
- Quote paper
- Ingrun Wenge (Author), 2005, Der Philosoph als Staatsmann? Vita activa und vita contemplativa im ersten Buch von Thomas Morus' "Utopia", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70271