Um das Thema, nämlich die Frage nach einem Umbruch in der Teilhabe behinderter Menschen an der Behindertenpolitik, beantworten zu können, ist es zunächst einmal notwendig, etwas über die Geschichte der von der Armutspolitik abgekoppelten Behindertenpolitik zu erfahren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Geschichte der Behindertenpolitik
2.1 Von den Anfängen bis zur Weimarer Republik
2.2 Der Nationalsozialismus
2.3 Die Behindertenpolitik in der Bundesrepublik bis 1998
3. Das Erreichte in der Behindertenpolitik bis 1998 - Soziale Absicherung und offene gesellschaftliche Fragen
3.1 Zum gesellschaftlichen Umgang mit geistig Behinderten
3.2 Würdigung und Kritik
4. Das Verhalten der großen Behindertenverbände – Eine Untersuchung
4.1 Begründung und Methoden der Untersuchung
4.2 Sind Behinderte Median – oder Stammwähler?
4.3 Organisations – und Konfliktfähigkeit
4.4 Ursachen der staatsloyalen Haltung der Behindertenverbände nach dem Zweiten Weltkrieg
4.5 Konsequenzen aus dieser Politik
5. Perspektivwechsel – Der erste Umbruch
5.1 Neue Entwicklungen
5.2 Die Vereinigten Staaten als Vorbild
5.3 Der Kampf um ein deutsches Gleichstellungsgesetz
5.3.1 Die Anfänge
5.3.2 Die Änderung des Grundgesetzes
5.3.3 Juristische Argumente für ein Gleichstellungsgesetz
5.3.4 Neue politische Verhältnisse
5.3.5 Engagement behinderter Menschen in Parteien mit emanzipatorischem Ansatz
5.3.6 Der Gesetzesvorschlag im Kampf der Interessengruppen
6. (Behindertengleichstellungsgesetz – BGG)
6.1 Inhalt
6.2 Reaktionen
6.3 Auf der Strecke geblieben – Das Antidiskriminierungsgesetz
7. Zwölf Jahre zwischen „Disabilities Act“ und Gleichstellungsgesetz – Kulturhistorische Erklärungsversuche
8. Exkurs – Gleichstellungsgesetze weltweit
9. Die Frage des Umbruchs aus Expertensicht
9.1 Methodisches Vorgehen
9.2 Expertenansichten im Vergleich
10. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob mit der Verabschiedung des Gleichstellungsgesetzes für behinderte Menschen im Jahr 2002 ein tatsächlicher Umbruch in der Teilhabe behinderter Menschen an der Behindertenpolitik in Deutschland stattgefunden hat.
- Entwicklung der Behindertenpolitik von der Nachkriegszeit bis 1998.
- Analyse der Rolle und Strategien der traditionellen Behindertenverbände.
- Entstehung und Forderungen der neuen, emanzipatorischen Behindertenbewegung.
- Bedeutung von internationalen Vorbildern wie dem amerikanischen "Americans with Disabilities Act".
- Politischer Prozess und Interessenkonflikte bei der Gestaltung des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG).
Auszug aus dem Buch
4.1 Begründung und Methoden der Untersuchung
Warum also agierten die großen Behindertenverbände so, dass sie ihr Augenmerk fast ausschließlich auf sozialpolitische Interessen richteten und sie in ihren Aktivitäten niemals konfrontativ, sondern immer staatsloyal auftraten. Markus Hammerschmidt, Dr. rer pol. und wissenschaftlicher Mitarbeiter im „Zentrum für Arbeit und Soziales“ an der Universität Trier hat 1992 mit seinem Buch „Behindertenverbände im sozialpolitischen Entscheidungsprozeß“ eine der wenigen ausführlichen Untersuchungen zu diesem Thema veröffentlicht. Seine Begründung zur Durchführung einer solchen Untersuchung war folgende: Frage man nach Bestimmungsgründen für das Entstehen bzw. die Ausgestaltung der Behindertenpolitik, so würden in der Literatur ethische, ökonomische und politische Einflussfaktoren diskutiert. Versuche man diese Bestimmungsgründe jedoch wissenschaftlich zu begründen, so würde sehr schnell deutlich, dass altruistische, also uneigennützige Beweggründe und gesamtwirtschaftliche Überlegungen für den Bereich der Behindertenpolitik eine untergeordnete Rolle spielten würden.
Letztlich seien es politische Prozesse, speziell der Wahlprozess und der darüber hinaus gehende Einfluss betroffener Interessengruppen, die sozialpolitische Entscheidungen bestimmten. Aus diesem Grunde habe er die politisch- ökonomischen Bestimmungsfaktoren (Wahlen, Verbandseinfluss), die den Bereich der Behindertengesetzgebung beeinflusst hätten, untersucht. Über die Rolle der Behindertenverbände sei in der Öffentlichkeit recht wenig bekannt. Dies hänge damit zusammen, dass sie im Vergleich zu Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden eine eher unbedeutende Rolle spielten. Eine umfassende historische, soziologische und wirtschaftswissenschaftliche Untersuchung der Behindertenverbände stehe für den deutschen Raum noch aus.
Seine Untersuchung über den politische Prozess für den Bereich der Behindertenpolitik basiere vorwiegend auf den Verhaltenshypothesen und analytischen Instrumenten der „Ökonomischen Theorie der Politik“. Im weiten Spektrum dieser vorhandenen Ansätze habe sich besonders ein Grundthese herausgeschält, wonach Individuen auch bei ihrer Tätigkeit im politischen Bereich rationalen, eigennutzorientierten Kalkülen folgen würden. Hieraus eröffne sich die Möglichkeit, auch soziale Prozesse daraufhin zu untersuchen, ob und in welchem Maße sie ähnlichen Bestimmungsgründen unterlägen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel erläutert die demografische Relevanz von behinderten Menschen und stellt die Frage, ob durch das Gleichstellungsgesetz von 2002 ein Paradigmenwechsel von der Fürsorge hin zur Teilhabe eingeleitet wurde.
2. Geschichte der Behindertenpolitik: Der historische Abriss skizziert den Weg von der Armenpolitik über die Zeit des Nationalsozialismus bis hin zur sozialpolitisch geprägten Behindertenpolitik der Bundesrepublik.
3. Das Erreichte in der Behindertenpolitik bis 1998 - Soziale Absicherung und offene gesellschaftliche Fragen: Dieses Kapitel kritisiert das "Leistungsträgerchaos" und die mangelnde gesellschaftliche Inklusion geistig behinderter Menschen bis zur Machtwende 1998.
4. Das Verhalten der großen Behindertenverbände – Eine Untersuchung: Es wird analysiert, warum traditionelle Verbände eine staatsloyale, sozialpolitische Strategie verfolgten und warum sie der neuen Bewegung zur Selbstbestimmung fremd gegenüberstanden.
5. Perspektivwechsel – Der erste Umbruch: Hier wird die Entstehung der emanzipatorischen Behindertenbewegung ("Krüppelbewegung") und der Einfluss internationaler Vorbilder wie dem amerikanischen "Disability Act" beschrieben.
6. (Behindertengleichstellungsgesetz – BGG): Das Kapitel behandelt den Inhalt und die Reaktionen auf das BGG sowie das Scheitern des ergänzenden Antidiskriminierungsgesetzes in der Legislaturperiode.
7. Zwölf Jahre zwischen „Disabilities Act“ und Gleichstellungsgesetz – Kulturhistorische Erklärungsversuche: Es werden die Unterschiede der gesellschaftlichen Aufarbeitung von Behinderung zwischen den USA und Deutschland dargelegt.
8. Exkurs – Gleichstellungsgesetze weltweit: Ein globaler Überblick verdeutlicht, dass Deutschland in Bezug auf strukturelle Gleichberechtigung im Vergleich zu anderen Nationen lange Zeit Rückstände hatte.
9. Die Frage des Umbruchs aus Expertensicht: Zwei Experten der Behindertenbewegung reflektieren in Interviews über den innerparteilichen Einfluss und den tatsächlichen Stellenwert der neuen Gesetzgebung.
10. Fazit und Ausblick: Das Fazit bewertet das BGG als einen wichtigen, wenn auch unvollständigen Schritt in Richtung Bürgerrechtsorientierung und betont die Notwendigkeit zukünftiger Verbesserungen.
Schlüsselwörter
Behindertenpolitik, Gleichstellungsgesetz, BGG, Selbstbestimmung, Teilhabe, Behindertenverbände, Emanzipation, Antidiskriminierung, Bürgerrechte, Behindertenbewegung, Inklusion, Paradigmenwechsel, Sozialpolitik, Barrierefreiheit, Selbstvertretung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Wandel in der Behindertenpolitik der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere den Übergang von einer fürsorgeorientierten Sozialpolitik hin zu einer gesellschaftspolitisch geforderten Teilhabe und Bürgerrechtsgleichstellung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Verbändepolitik, die Entstehung der autonomen Behindertenbewegung, der Kampf um das Gleichstellungsgesetz und die Einflüsse internationaler Vorbilder.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob das Behindertengleichstellungsgesetz von 2002 einen tatsächlichen, qualitativen Umbruch in der Teilhabe behinderter Menschen an der Behindertenpolitik in Deutschland markiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, der Untersuchung historischer Dokumente und Gesetzestexte sowie auf qualitativen Interviews mit Experten der Behindertenbewegung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Verhalten der großen Behindertenverbände, den Einfluss der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, den parlamentarischen Kampf um Grundgesetzänderungen und die inhaltliche Gestaltung des BGG.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Behindertenpolitik, Selbstbestimmung, Teilhabe, Emanzipation und Antidiskriminierung charakterisiert.
Was war der Hauptkritikpunkt der Experten am Gleichstellungsgesetz?
Die Experten bemängeln vor allem, dass das Gesetz inhaltlich zu "dünn" sei, der zivilrechtliche Bereich für den Schutz vor Diskriminierung durch Private fehle und die Definition von Behinderung nicht dem neuesten Stand entspreche.
Warum war der Rückgriff auf das "Forum behinderter Juristinnen und Juristen" so bedeutsam?
Dies markiert einen Paradigmenwechsel, da erstmals Betroffene direkt an der Ausarbeitung eines Gesetzesentwurfs beteiligt waren, anstatt nur als "Objekte der Fürsorge" von der Politik verwaltet zu werden.
Wie bewerten die Experten die Arbeit außerhalb der Parlamente?
Während ein Experte die außerparlamentarische Arbeit als notwendiges Gegengewicht und "Einstieg in den Ausstieg aus der Diskriminierung" sieht, mahnt der andere, dass die Schlagkraft bei den derzeitigen politischen Rahmenbedingungen nachgelassen habe.
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- Thomas Jost (Author), 2002, Umbruch in der Teilhabe von behinderten Menschen an der Behindertenpolitik?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70274