Bei der Auswahl des Themas meiner Studienarbeit zur Lehrveranstaltung „Ethik“ war es mir wichtig, mit dieser Arbeit einen Bezug zu meiner bisherig erlebten Praxis in der Justizvollzugsanstalt darzustellen. Da ich in einer Frauenstrafanstalt tätig bin, war schnell entschieden, dass ich mich näher mit den Menschenrechten in deutschen Gefängnissen befassen möchte. Ich bin der Meinung, dass es zu diesem Thema viele unterschiedliche Meinungen gibt und ein Großteil der Gesellschaft die Ansicht hat, dass es in deutschen Gefängnissen zu Menschenrechtsverletzungen kommt, aufgrund der zahlreichen und oft auch falschen Darstellungen bezüglich der Behandlung von Gefangenen und ihren Rechten. Beispielsweise wird im Fernsehen wöchentlich die Serie „Hinter Gittern- Der Frauenknast“ ausgestrahlt, die meiner Ansicht nach keinen Bezug nimmt, wie es wirklich in einem deutschen Gefängnis abläuft, sondern sehr zu Übertreibungen neigt und die Realität in deutschen Gefängnissen so darstellt, als wenn es täglich im Umgang mit Inhaftierten zu massiven Verletzungen der Menschenrechte kommt. Bevor ich in der Vollzugsanstalt gearbeitet habe, hatte ich mich im gewissen Sinn an dieser Serie orientiert. Im Laufe meiner Praxisphasen habe ich schnell gemerkt, dass die Realität in einem Gefängnis ganz anders aussieht. Während meiner Tätigkeiten in der Vollzugsanstalt wird mir immer wieder vor Augen geführt, wie sehr die Gefangenen in ihrem Tun und Handeln durch Regeln eingeschränkt werden. Oft stelle ich mir die Frage, ob bei den Inhaftierten die Menschenrechte überhaupt berücksichtigt werden beziehungsweise welche Rechte die Gefangenen noch haben. Zu Beginn meiner Praxis habe ich jedoch immer wieder gedacht, dass die Betroffenen trotz ihrer Inhaftierung ein gutes Leben innerhalb der Anstalt führen. Sie haben einen geregelten Tagesablauf, bekommen ihr Abendessen und ihr Frühstück auf die Zelle und können bei allen auftretenden Fragen und Problemen Anträge schreiben oder direkt zu einer Vollzugsbeamtin oder einem Sozialarbeiter gehen. Doch mit der Zeit wurde mir immer bewusster, dass sie in ihren Rechten sehr stark eingeschränkt sind. Der gesamte Tagesablauf wird ihnen vorgeschrieben, so dass sie selbst nur wenig Freiraum haben zu entscheiden, welche Aktivitäten sie beispielsweise durchführen wollen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Menschenrechte
2.1. Die Definition der Menschenrechte
2.2. Die Menschenrechtsentwicklung
2.3. Schutz der Menschenrechte
3. Der Strafvollzug
3.1. Sinn und Zweck der Strafe
3.2. Strafanstalten als totale Institutionen
4. Die Gefangenen – ihre Unterbringung und ihre Rechte
4.1. Die Unterbringung der Inhaftierten
4.2. Die Grundrechte von Gefangenen und die Realität in Haftanstalten
4.3. Schutz der Menschenrechte im Strafvollzug
4.3.1. Menschenwürdiger Strafvollzug- humane Verwahrung statt Resozialisierung
4.3.2. Menschenunwürdige Behandlung von Gefangenen in Deutschland
4.4. Folgen einer Inhaftierung
5. Straffälligenhilfe und Menschenwürde
5.1. Die Einstellungen der Gefangenen zum Strafvollzug
5.2. Öffentliche Meinung über den Strafvollzug
6. Abschließende Bemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die aktuelle Menschenrechtslage in deutschen Gefängnissen vor dem Hintergrund der Praxis im Justizvollzug. Dabei wird analysiert, ob und inwieweit Widersprüchlichkeiten zwischen geltenden Menschenrechten und der Realität der Haftbedingungen bestehen und wie sich gesellschaftliche Vorurteile auf die Resozialisierung auswirken.
- Menschenrechte und ihre Bedeutung für die Haftbedingungen.
- Die Rolle des Strafvollzugs als "totale Institution" und deren Auswirkungen auf Inhaftierte.
- Rechtsgrundlagen und Grundrechte von Gefangenen in Deutschland.
- Kritische Auseinandersetzung mit Resozialisierungsmöglichkeiten und menschenwürdiger Behandlung.
- Der Einfluss öffentlicher Wahrnehmung auf den Strafvollzug.
Auszug aus dem Buch
3.2. Strafanstalten als totale Institutionen
Als totale Institutionen werden Einrichtungen bezeichnet, die das gesamte Leben der darin lebenden Menschen beherrschen. Dazu gehören nicht nur Haftanstalten, sondern auch psychiatrische Krankenhäuser und Erziehungsheime, um nur einige zu nennen. Die eben genannten Einrichtungen haben alle einige gemeinsame Merkmale, wie beispielsweise einen streng geregelten Tagesablauf, viele Schicksalsgenossen und ein in der Institution herrschendes autoritäres System, die darauf hinweisen, dass es sich um totale Institutionen handelt. In diesen Einrichtungen wird die sonst übliche Trennung zwischen Arbeits-, Wohn- und Freizeitbereich aufgehoben. Alle Tätigkeiten und Abläufe in solch einer Einrichtung sind exakt geplant und ihre Abfolge wird durch explizite Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben. „Das zentrale Merkmal der totalen Institutionen ist die Handhabung einer Reihe von menschlichen Bedürfnissen durch bürokratische Organisation ganzer Gruppen von Menschen, aus der automatisch eine Trennung zwischen Verwaltern (dem Personal) und Verwalteten (den Insassen) entsteht. Diese Trennung ist die Hauptquelle von sozialen Konflikten und Problemen innerhalb der Institution.“
Mit dem Eintritt in eine Haftanstalt beispielsweise wird eine Schranke zwischen den Insassen und der Welt außerhalb der Haftmauern errichtet, die gleichzeitig zu Rollenverlusten führt, wie zum Beispiel den Verlust der beruflichen Rolle. Die Gefangenen verlieren mit dem Tag ihrer Inhaftierung ihre gewohnten Lebensbezüge und sind plötzlich einer übermächtigen Institution ausgeliefert. Dadurch, dass die Betroffenen aufgrund von Erniedrigungen und Degradierungen durch regelmäßiges Wiegen, Messen, Aufnahme des Lebenslaufes und Erfassung der persönlichen Habseligkeiten, um nur einige zu nennen, gedemütigt werden, sind die Inhaftierten, aber auch alle anderen Personen, die in einer totalen Institution leben, einem sehr hohen psychischen Leidensdruck ausgesetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Autorin begründet ihre Themenwahl durch ihre Praxiserfahrung in einer Frauenstrafanstalt und stellt die Forschungsfrage nach der Vereinbarkeit von Menschenrechten und Haftbedingungen.
2. Die Menschenrechte: Dieses Kapitel definiert Menschenrechte, beleuchtet deren historische Entwicklung und erläutert die verschiedenen Schutzkonzepte.
3. Der Strafvollzug: Es werden der Sinn und Zweck von Strafe sowie das Konzept von Gefängnissen als totale Institutionen untersucht.
4. Die Gefangenen – ihre Unterbringung und ihre Rechte: Eine detaillierte Analyse der Haftbedingungen, der Grundrechte von Gefangenen und spezifischer Aspekte wie der Einzelunterbringung und menschenunwürdiger Behandlungen.
5. Straffälligenhilfe und Menschenwürde: Dieses Kapitel diskutiert die Herausforderungen der Straffälligenhilfe und wie sich die Einstellungen der Gefangenen sowie die öffentliche Meinung zum Strafvollzug verhalten.
6. Abschließende Bemerkung: Die Autorin fasst ihre Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, Inhaftierte als Menschen zu behandeln, um eine erfolgreiche Resozialisierung zu ermöglichen.
Schlüsselwörter
Menschenrechte, Strafvollzug, Menschenwürde, Resozialisierung, totale Institutionen, Haftbedingungen, Inhaftierte, Straffälligenhilfe, Grundrechte, Gefängnis, Strafgesetzbuch, psychische Belastung, Sozialarbeit, Rechtsanspruch, Wiedereingliederung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Menschenrechtslage in deutschen Gefängnissen und der Frage, inwieweit Gefangene trotz ihrer Inhaftierung Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition und Entwicklung von Menschenrechten, die Struktur des Strafvollzugs, die rechtliche Situation von Inhaftierten sowie die soziale Arbeit mit Straffälligen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, kritisch zu hinterfragen, ob die tatsächlichen Haftbedingungen in Deutschland mit den Menschenrechten vereinbar sind und wie die Resozialisierung als Vollzugsziel gelingen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Auseinandersetzung mit Fachliteratur und Gesetzestexten mit ihren eigenen Praxiserfahrungen in einer Frauenstrafanstalt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Unterbringungsbedingungen, die Rechte der Gefangenen, den Schutz vor menschenunwürdiger Behandlung und die Herausforderungen der Straffälligenhilfe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Menschenrechte, Strafvollzug, Resozialisierung, totale Institutionen, Menschenwürde und Grundrechte.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Medien?
Die Autorin kritisiert mediale Darstellungen wie Serien über das Gefängnisleben, da diese oft übertrieben seien und eine verzerrte Realität vermittelten, die mit dem tatsächlichen Vollzug kaum etwas zu tun habe.
Warum bezeichnet die Autorin Gefängnisse als totale Institutionen?
Gefängnisse werden so genannt, weil sie das gesamte Leben der Inhaftierten beherrschen, jeden Tagesablauf fremdsteuern und die Trennung zwischen Arbeits-, Wohn- und Freizeitbereich aufheben.
Wie wirkt sich die Inhaftierung auf die Psyche der Gefangenen aus?
Die Autorin beschreibt, dass Inhaftierte einem extrem hohen psychischen Leidensdruck ausgesetzt sind, ihre Privatsphäre verlieren und durch die fremdbestimmte Umgebung Gefahr laufen, ihren Realitätssinn zu verlieren.
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- Kathleen Rothe (Author), 2005, Die Menschenrechtslage in deutschen Gefängnissen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70282