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"Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte Ideale!" Zur unorthodoxen Rhetorik des Massenführers in Heinrich Manns "Der Untertan"

Title: "Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte Ideale!" Zur unorthodoxen Rhetorik des Massenführers in Heinrich Manns "Der Untertan"

Term Paper , 2019 , 25 Pages , Grade: 1.0

Autor:in: Christian Schulz (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Die Angst vor Rechtspopulismus ist in den letzten Jahren der deutschen Politik wieder stärker in den Vordergrund gerückt. Nicht nur die politische Präsenz und Aktivität der AfD beobachtet man besorgt, auch gegen die Aussagen dieser Partei wird schnell vorgegangen, wenn Bundestagspräsident Schäuble die AfD-Fraktionsvorsitzende Weidel nach ihrem Ausfall zu "Kopftuchmädchen" und "alimentierte[n] Messermänner[n]" zur Ordnung ruft (Die Welt 2018). Neben dieser Angst hat die AfD im Bundestag seit ihrem Einzug auch ausgelöst, dass sich die "Debattenkultur […] verändert [hat]" (Saul 2018). Durch "ständige Wiederholungen", eingängige "Ausdrücke wie 'Staatsversagen' oder 'Messer-Männer'", und "Emotionalisierung" (ebd.) lässt sich die Ausdrucksweise dieser Partei in der Nähe der Massenrhetorik situieren. Wenn Schäuble die Rede von Weidel im Nachhinein verurteilt, probiert er die 'Ansteckung' ihrer Behauptungen einzudämmen. Trotz dieser auffälligen Ähnlichkeiten wurde scheinbar noch keine direkte Verbindung von der AfD- Rhetorik zur Massenpsychologie gezogen.

Die Brisanz dieser massentauglichen Redeweise bei politischen Aufsteigern hat Heinrich Mann bereits in seinem Roman "Der Untertan" deutlich vorgeführt. Der Figur Diederich Hessling gelingt es dort ohne irgendwelche militärischen, beruflichen oder schulischen Verdienste zu einem mächtigen Mann im Städtchen Netzig zu werden. Seine unorthodoxe Rhetorik kann als eine Voraussetzung für diesen Aufstieg gewertet werden. Es soll im Folgenden aufgezeigt werden, dass die Figur Diederich in Heinrich Manns Roman erfolgreich mit einer Redegewalt ähnlich der des Kaisers auftritt, die sich immer mehr von der antiken Vorbildrhetorik entfernt und auf massenpsychologische Hypnotisierungsmittel stützt.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die politisierte Gerichtsrede

2 Anklagen vor der Ekklesia

3 Augenblitzen als Überzeugungsmittel

4 Die Lobrede

Schluss

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Rhetorik des Massenführers in Heinrich Manns Roman "Der Untertan" und analysiert, wie die Figur Diederich Hessling durch die Abkehr von antiken rhetorischen Vorbildern hin zu massenpsychologischen Hypnotisierungsmitteln seinen sozialen Aufstieg sichert und festigt.

  • Analyse der rhetorischen Strategien in den drei zentralen Redeszenen (Gericht, Volksversammlung, Denkmalsenthüllung).
  • Gegenüberstellung von aristotelischer Rhetoriktheorie und massenpsychologischen Ansätzen nach Le Bon und Moscovici.
  • Untersuchung der Mimikry kaiserlicher Machtgesten (insbesondere des "Augenblitzens") als Überzeugungsmittel.
  • Aufzeigen der Parallelen zwischen der Romanhandlung und aktuellen rechtspopulistischen Phänomenen.

Auszug aus dem Buch

3 Augenblitzen als Überzeugungsmittel

Die Nähe, die Manns Werk zur Massenpsychologie sucht, wird durch die Beschreibung der Berliner Arbeiterdemonstrationen im Februar 1892 deutlich. Zuerst stellt sich die Masse der Arbeitslosen als passiv und ungefährlich dar, indem sie, "die Hände in den Taschen" und "stumm" vor dem Schloss stehen (U 59). Bald darauf wird jedoch das beunruhigendere "Bild des Wassers" (Bühler-Dietrich 2006, S. 108) eingeführt. So wird die Masse nun, "stumm und unaufhaltsam wie übergetretenes Wasser", zu einem "mißfarbene[n] Meer der Armen" (U 60). Mitten in diese Naturgewalt tritt schliesslich der Kaiser mit seinen "Herren" (U 61). Schlagartig findet das Chaos sein Ende:

Man sah ihn [den Kaiser] an und ging mit. Knäuel von Schreienden wurden aufgelöst und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe, ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darüber der junge Herr im Helm, der Kaiser (U 61).

Die Wirkung, die Wilhelm II. mit seiner blossen Präsenz auf die eben noch unbeherrschbaren, naturgewaltigen Massen ausübt, erinnert an Le Bons "Nimbus [...] eine Art Zauber, den eine Persönlichkeit, ein Werk oder eine Idee auf uns ausübt [...] unsre kritischen Fähigkeiten" lähmt und "unsre Seelen mit Staunen und Ehrfurcht" erfüllt (PM 93). Auf ähnliche Weise "erschauderte" Diederich, als er sich der Bedeutung dieses "historisch[en] Moment[s]" gewahr wird (U 61). Während Le Bon noch zwischen "Ideen" und "Menschen", die "in der Welt geherrscht [haben]" unterscheidet (PM 92), lässt sich Kaiser Wilhelm II. in seinem Auftritt nicht mehr deutlich von der von ihm verkörperten Idee der Macht trennen.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Rechtspopulismus ein und verknüpft aktuelle Debatten mit der Rhetorik des Massenführers in Heinrich Manns "Der Untertan".

1 Die politisierte Gerichtsrede: Das Kapitel analysiert Diederich Hesslings Zeugenaussage im Prozess, bei der er die Rolle des Zeugen mit der eines Anklägers und Beraters vermischt, um sich massenpsychologischer Wirkungsmittel zu bedienen.

2 Anklagen vor der Ekklesia: Hier wird untersucht, wie Diederich in der Volksversammlung durch den bewussten Rollenwechsel und die Übernahme kaiserlicher Rhetorik die liberale Gegenseite zu diskreditieren versucht.

3 Augenblitzen als Überzeugungsmittel: Dieses Kapitel widmet sich der Mimikry des kaiserlichen "Augenblitzens" als visuelles Überzeugungsmittel, das kritische Fähigkeiten lähmt und eine scheinbare Autorität erzeugt.

4 Die Lobrede: Abschließend wird Diederichs letzte Rede bei der Denkmalsenthüllung betrachtet, die zwar an aristotelische Formen anknüpft, jedoch inhaltlich durch massenpsychologische Manipulation und Feindbilder geprägt bleibt.

Schluss: Das Fazit fasst zusammen, wie Diederichs Erfolg auf der kontinuierlichen, unkonventionellen Vermischung von Redegattungen und der rücksichtslosen Instrumentalisierung populistischer Rhetorik gründet.

Schlüsselwörter

Diederich Hessling, Heinrich Mann, Der Untertan, Rhetorik, Massenpsychologie, Aristoteles, Gustav Le Bon, Kaiser Wilhelm II., Massenführer, Populismus, Augenblitzen, Politische Rede, Gerichtsrede, Lobrede, Volksversammlung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht die Rhetorik von Diederich Hessling in Heinrich Manns Roman "Der Untertan" und analysiert, wie dieser durch den Einsatz massenpsychologischer Mittel zur Macht gelangt.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die zentralen Themen sind das Verhältnis von klassischer aristotelischer Rhetorik zu modernen massenpsychologischen Überzeugungsmethoden sowie die Inszenierung von politischer Macht durch Mimikry.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?

Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Diederich erfolgreich Redegewalt ausübt, die sich von antiken Vorbildern entfernt und stattdessen auf suggestive, massenpsychologische Hypnotisierungsmittel stützt.

Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?

Die Arbeit verwendet eine rhetorische Analyse von drei ausgewählten Redeszenen des Protagonisten, kontrastiert mit aristotelischen Theorien sowie massenpsychologischen Konzepten von Le Bon und Moscovici.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Im Hauptteil werden nacheinander die Gerichtsrede, der Auftritt vor der Volksversammlung, die Funktion des "Augenblitzens" als rhetorische Geste und die abschließende Lobrede bei der Denkmalsenthüllung analysiert.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?

Schlüsselwörter sind unter anderem Diederich Hessling, Massenpsychologie, Rhetorik, Populismus, Kaiser Wilhelm II. und die literarische Analyse von Machtstrukturen.

Welche besondere Bedeutung hat das "Augenblitzen" in Diederichs Reden?

Das Augenblitzen ist eine Geste, die Diederich vom Kaiser übernimmt, um ohne logische Beweisführung oder vernünftige Argumentation seine Zuhörer zu bannen und seine vermeintliche Überlegenheit und Macht visuell zu demonstrieren.

Inwiefern unterscheidet sich Diederichs Lobrede von den anderen Reden?

Die Lobrede orientiert sich in ihrer Struktur stärker an der aristotelischen Vorgabe, wird aber dennoch durch massenpsychologische Elemente und eine "wir-gegen-die"-Rhetorik durchdrungen, die den Rahmen des klassischen Lobs sprengt.

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Details

Title
"Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte Ideale!" Zur unorthodoxen Rhetorik des Massenführers in Heinrich Manns "Der Untertan"
College
University of Zurich  (Deutsches Seminar)
Course
Das Ornament der Masse. Literatur und Theorie der Menschenmenge in der klassischen Moderne (1900-1930)
Grade
1.0
Author
Christian Schulz (Author)
Publication Year
2019
Pages
25
Catalog Number
V703367
ISBN (eBook)
9783346211217
ISBN (Book)
9783346211224
Language
German
Tags
blut untertan schimmernde rhetorik massenführers manns mannhafte ideale heinrich eisen wehr
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Christian Schulz (Author), 2019, "Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte Ideale!" Zur unorthodoxen Rhetorik des Massenführers in Heinrich Manns "Der Untertan", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/703367
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