Wie gelangten junge Menschen an Musik bzw. an neu aufkommende Musikstile? Als nicht minder wichtig stellte sich die Frage heraus, wie neue Musikrichtungen von der jeweiligen dominanten Elterngeneration aufgenommen wurden und inwiefern diese eine Gefährdung althergebrachter Werte und Normen bedeuteten. Anders formuliert: Wie wirkten sich die wechselnden politischen Verhältnisse auf die Hörgewohnheiten jugendlicher Musikliebhaber aus? Es war weiters von Interesse, ob Musik bereits in jenem frühen Stadium der Kommerzialisierung ihren Einfluss als Distinktionsmittel der Jugend zur Abgrenzung gegen konkurrierende Jugendgruppen, Eltern oder politische Systeme geltend machen konnte.
Ein ausgiebiger Rückblick auf die Entwicklungsgeschichte von Grammophon, Schallplatte und Radio soll verdeutlichen, wie bahnbrechend sich diese Erfindungen auf die Musikrezeption auswirkten. Plötzlich konnte zu jeder beliebigen Zeit und an jedem beliebigen Ort die bevorzugte Musik gehört werden. Erstmals etablierte sich ein Markt, der Musik zum Massenkonsumgut machte, das im Laufe der Zeit für immer breitere Bevölkerungsschichten zugänglich wurde. Dem Jazz und seiner Entwicklungsgeschichte wurde deshalb viel Platz eingeräumt, da es sich um die erste massenkompatible Unterhaltungsmusik der westlichen Welt handelte. Lange bevor Rock’n’Roll die Nachkriegsjugend „befreite“, sorgten jazzähnliche Klänge und dazugehörige Modetänze aus Amerika für Wertediskussionen.
Da Österreich Anteil an der technischen Entwicklung des Radios hatte, wurde versucht, nach einer kurzen historischen Einführung, anhand einer Darstellung des österreichischen Senderausbaus und der Teilnehmerzahlen die Breitenwirkung des neuen Mediums zu ermitteln. Kulturpolitische Maßnahmen der Nationalsozialisten waren von besonderem Interesse, da sie das Musikleben der Jugend außerordentlich prägten. Wie gezeigt werden wird, ließen sich Jazz und Swing auch unter der nationalsozialistischen Diktatur nicht auslöschen und entwickelten sich zum Kennzeichen des Protests der Swing-Jugend und Schlurfs. Sofort nach der Befreiung Österreichs durch die Alliierten Truppen begann sich eine österreichische Musikszene zu entfalten. Starken Einfluss übte auf Anhieb die amerikanische Besatzungsmacht aus, deren beispielloser Propaganda von den restlichen Besatzungsmächten nichts entgegenzusetzen war. Amerikanische Soldatensender in und um Österreich herum spielten jene Musik, die sieben Jahre lang zurückgedrängt wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Einleitung
2. 1. Rückblick - Entwicklungen am Ende des 19. Jahrhunderts
2. 1. 1. Aufzeichnungen
2. 1. 1. 1. Zugänglichkeit und Zäsur
3. Volksliedpflege
3. 1. Sozialdemokratische Jugendbewegung
3. 2. Katholische Jugendgruppen
3. 3. Deutschnationale Jugend
3. 4. Der Wandervogel
3. 5. Volksliedpflege in der Zwischenkriegszeit
4. Das „populäre“ Lied
4. 1. Jazz und Jazztänze – die Entwicklung
4. 1. 1. Minstrel Shows und Ragtime
4. 1. 1. 1. Der Cakewalk
4. 1. 2. Der Weg nach Europa
4. 1. 2. 1. Jazz – von New Orleans nach Europa
5. „Pop“ in der Zwischenkriegszeit
5. 1. Die Lage in Wien
5. 2. Schlager
5. 2. 1. Der Schlager im Film
5. 2. 1. 1. Der Wiener Film
5. 3. Wilde Tänze
5. 3. 1. Alles Shimmy
5. 3. 2. Charleston
5. 4. Amerikanisierung, Sittenverfall und „Negermusik“
5. 4. 1. Josephine
5. 4. 2. „Jonny spielt auf“
5. 5. Echter Jazz? – Boom in den 20ern
5. 5. 1. Swing
6. Die Rolle der RAVAG
6. 1. Vorgeschichte des Rundfunks
6. 1. 1. Technischer Fortschritt
6. 2. Der Weg zur Ravag
6. 3. Der Ausbau
6. 4. Teilnehmerentwicklung
6. 5. Das Programm der Ravag
6. 5. 1. Musikprogramm
6. 5. 2. Wortprogramm
6. 5. 3. Programm im Ständestaat
7. Musik im Nationalsozialismus
7. 1. Reichsmusikkammer und „Säuberung“
7. 1. 1. „Säuberung“ am Beispiel der Comedian Harmonists
7. 2. Entartete Musik
7. 3. Lenkung durch Musik
7. 3. 1. „Davon geht die Welt nicht unter“
7. 3. 2. Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel und Reichsarbeitsdienst
7. 4. Übernahme der RAVAG
7. 4. 1. Empfänger fürs Volk
7. 4. 2. Programmangebot
7. 5. Jazz im Nationalsozialismus
7. 5. 1. Jugendsubkulturen im NS-Regime
7. 5. 1. 1. Wiener Swings
7. 5. 1. 2. Schlurfs
8. Entwicklungen nach 1945
8. 1. Kulturmission
8. 1. 1. Radiosender der Alliierten
8. 1. 1. 1. Blue Danube Network
8. 1. 1. 2. Rot-Weiß-Rot
8. 1. 1. 3. Weitere Sender
9. Ausblick in die 50er
9. 1. Jazz etabliert sich
9. 2. „Wilde“ 50er
10. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht den Wandel des Musikgeschmacks und der Hörgewohnheiten der österreichischen Jugend im Zeitraum von 1900 bis 1950. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse, wie neue Musikstile (insbesondere Jazz und Swing) durch die Jugend aufgenommen wurden, wie sie zur Abgrenzung gegenüber der Elterngeneration dienten und wie politische Systeme sowie technische Neuerungen wie Grammophon und Radio die Musikrezeption prägten.
- Entwicklung und Einfluss von Tonträger-Technologien (Grammophon, Radio)
- Volksliedpflege als Kontrapunkt zur aufkommenden „Popindustrie“
- Rezeption von Jazz und populärer Unterhaltungsmusik in der Zwischenkriegszeit
- Musikpolitik und Instrumentalisierung der Jugend im Nationalsozialismus
- Subkulturelle Ausdrucksformen der Jugend (z.B. Swings, Schlurfs)
Auszug aus dem Buch
2. 1. 1. Aufzeichnungen
„Aber meine Herren, wir werden uns doch nicht von einem Bauchredner zum Besten halten lassen.“3 Das rief der Gelehrte Bouillaud skeptisch aus, als Edisons Phonograph das erste Mal in der Alten Welt an der Pariser Académie des Sciences vorgeführt wurde.
Der Aufstieg der populären Musik im 20. Jahrhundert zur Massenkultur ist fest mit der Erfindung des Phonographen verknüpft. Thomas Alva Edison präsentierte bereits 1877 seinen Phonographen, auch „Sprechmaschine“ genannt. Edison dachte bei seiner Erfindung weniger an die Aufzeichnung von Musik als an praktische Anwendungsmöglichkeiten wie einen Buchersatz für Blinde sowie an Hilfe in der Stenographie und der Sprecherziehung. Bei seinen Präsentationen demonstrierte Edison die Aufnahmeleistung seiner Maschine anhand live spielender und singender Musiker. Ohne dass es ihm bewusst war, nahm er somit die zukünftige Hauptanwendung seiner Maschine vorweg, obwohl er seinen Phonographen vorübergehend als Spielzeug ohne kommerziellen Wert betrachtete.4 Schallwellen wurden in dem von Edison entwickelten Verfahren von dem Phonographen auf mechanischem Weg in Staniolwalzen eingeschnitten. Das Problem bei Edisons Entwicklung stellte die Vervielfältigung der Walzenaufnahmen dar. Die Möglichkeit der Kopie war äußerst kompliziert und durch die Lebensdauer des Originalzylinders begrenzt: Etwa 25 Kopien ließen sich von der Originalaufnahme erstellen. Um der Nachfrage an „Schlagern“ gerecht werden zu können, mussten die Lieder mehrmals aufgenommen und danach von verschiedenen Walzen vervielfältigt werden. Europa geizte nicht, die neue technische Errungenschaft mit Satire zu überschütten. So schrieb Peter Rosegger 1885:
„Jetzt werden wir gar eine Sprechmaschine bekommen, durch die wir zu unseren Nachkommen reden können. Bei aller Hochachtung vor dem technischen Fortschritt, aber ein Gespräch mit den Vorfahren wäre notwendiger für unsere Zeit.“5
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einleitung in die Thematik der sich wandelnden Hörgewohnheiten der österreichischen Jugend zwischen 1900 und 1950 sowie deren Bedeutung als Distinktionsmittel.
2. Einleitung: Analyse der Industrialisierung als Basis für die moderne Populärkultur und deren Einfluss auf die Trennung von Arbeits- und Freizeitwelt.
3. Volksliedpflege: Untersuchung der Instrumentalisierung des Volksliedes durch diverse Jugendorganisationen zur Erziehung und als bewusste Abgrenzung zur populären Massenkultur.
4. Das „populäre“ Lied: Darstellung der Genese des Schlagers als neue Gattung und des Einflusses amerikanischer Musikstile in Europa.
5. „Pop“ in der Zwischenkriegszeit: Analyse der Wiener Musikszene, der Filmoperette und der gesellschaftlichen Kontroversen um neue Tänze und den Einfluss der Jazzmusik.
6. Die Rolle der RAVAG: Untersuchung der Entwicklung des Rundfunks in Österreich als zentrales Medium zur Verbreitung und Programmgestaltung.
7. Musik im Nationalsozialismus: Analyse der Gleichschaltung der Musik und des Rundfunks sowie der Verfolgung und instrumentellen Nutzung von Musik unter dem NS-Regime.
8. Entwicklungen nach 1945: Darstellung des Wiederaufbaus und des Einflusses der alliierten Besatzungsmächte auf die österreichische Musikszene.
9. Ausblick in die 50er: Zusammenfassung der Etablierung des Jazz und der aufkommenden Jugendkultur in den 1950er Jahren.
10. Resümee: Synthese der Untersuchungsergebnisse über den Einfluss von Technik, Ideologie und Jugendkultur auf den Musikgeschmack.
Schlüsselwörter
Musikgeschichte, österreichische Jugend, Musikgeschmack, Schlager, Jazz, Swing, Rundfunk, RAVAG, Nationalsozialismus, Volkslied, Jugendkultur, Schlurfs, Amerikanisierung, Massenkultur, Musikrezeption
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet den Wandel des Musikgeschmacks und der Hörgewohnheiten österreichischer Jugendlicher in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Kernpunkten zählen die Entwicklung technischer Medien, die Rolle von Jugendbewegungen, die Einflüsse politischer Umbrüche (Ständestaat, NS-Zeit) und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit amerikanischer Unterhaltungsmusik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie junge Österreicher mit neuen Musikstilen in Kontakt kamen, wie die Elterngeneration auf diese Moden reagierte und welche Rolle Musik zur Abgrenzung gegenüber konkurrierenden Gruppen oder Systemen spielte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer umfassenden Auswertung von Primärquellen (Tageszeitungen, Zeitschriften, Rundfunkprogrammen) und wissenschaftlicher Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Volksliedbewegungen, die Entwicklung des Schlagers, die Rolle des Rundfunks, die Musikpolitik im Nationalsozialismus und die Entwicklung der Jazzszene bis in die 1950er Jahre.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Musikrezeption, Massenkultur, Amerikanisierung, Jazz, Schlager, RAVAG, NS-Kulturpolitik und Jugendkultur.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Musikgeschmacks im Ständestaat von der im Nationalsozialismus?
Im Ständestaat wurde der Fokus verstärkt auf vaterländische Musik und das Volkslied als Gegengewicht zum „Internationalismus“ gelegt; unter dem Nationalsozialismus kam es zur radikalen Verfolgung „entarteter“ Musik und zur totalen Indienstnahme für Propagandazwecke.
Was unterscheidet „Swings“ von „Schlurfs“?
Swings waren oft bürgerlich geprägte Jugendliche, die sich über den Konsum amerikanischer Jazzmusik definierten, während Schlurfs meist aus der Arbeiterjugend stammten und ihren Widerstand oder ihre Abgrenzung durch eine spezifische, provokative Mode und ein lässiges Auftreten demonstrierten.
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- Mag. Andreas Merighi (Author), 2004, Wandel des Musikgeschmacks der österreichischen Jugend von 1900 bis 1950, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70336