Wîpheit im "Parzival". Das Versagen weiblicher Unabhängigkeit am Beispiel der Herzeloyde in Wolfram von Eschenbachs Roman


Seminararbeit, 2015

13 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretische Einbettung und Vorgehensweise

3 Wolframs unabhängige Herzeloyde
3.1 Herzeloydes Bräutigamwerbung
3.2 Einöde und Abhängigkeit
3.3 Frauenlob und Frauenschelte

4 Schluss

Bibliographie

1 Einleitung

Der höfische Roman des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts scheint nicht ohne aktive und passive Mitbeteiligung von Frauenfiguren auszukommen. Dies lässt sich beispielsweise an der Einbindung von weiblichen Charakteren in den Handlungsverlauf von Romanen wie Wolframs von Eschenbach Parzival er-kennen: Sowohl Parzival als auch Gawan finden sich in ihren Abenteuern des Öfteren in Auseinandersetzungen mit weiblichen Figuren oder über diese wieder. Mit der Rolle der Frau geht auch die Bedeutung der minne in Wolframs höfischen Roman einher. Nach Emmerling tritt neben dem Bild von "einer innigen personalen und [...] dauerhaften Bindung" zwischen Mann und Frau zudem noch das "Infragestellen des Systems der Minne" im Parzival auf.1 Sie führt fort, dass mehrere weibliche Figuren in Wolframs Roman sich aktiv und passiv gegen die "Leidmechanismen der höfischen Minne'" zu wehren versuchen.2 Darunter zählt Emmerling die Figuren Belakane, Herzeloyde, Sigune, Itonje und Orgeluse.3 Jeder dieser weiblichen Charaktere sucht seinen eigenen Weg, um den ritterlichen Lebensstil seiner Angehörigen zu verarbeiten oder zu umgehen. Dazu gehört, dass sich manche dieser Figuren in gewisser Weise vom Hof und den damit ver-bundenen Normen entfernen. Sigune verarbeitet den Tod ihres Schianatulanders indem sie sich auf einen "langen Passionsweg" begibt,4 und dadurch fern von der höfischen Welt ihr Dasein im Roman verbringt. Herzeloyde zieht mit ihrem Sohn nach Gahmurets Tod in die Wildnis von Soltane, "entsagt [...] der Herrschaft"5 und verbringt den Rest ihres Lebens in der nicht-höfischen Welt der Einöde. Orgeluse zieht sich zwar nicht zwingend körperlich vom Hof zurück, aber dass sich ihre Auffassung von minne und triuwe sich weit vom normativ-höfischen Verständnis entfernt hat, lässt sich in ihren Passagen deutlich erkennen.

Es soll nun im Folgenden aufgezeigt werden, dass in Wolframs Parzival der weiblichen Figur die Möglichkeit offensteht, sich auch durch den Bruch mit höfischen Traditionen durchaus unabhängig von männlichen Figuren und dem Hof zu bewegen. Der Text widerruft diese scheinbare Unabhängigkeit wieder und verhindert damit das Bild einer endgültig unabhängigen Frau im höfischen Roman. Als Beispiel dafür soll auf die Figur der Herzeloyde und auf Kommentare des Erzählers bezüglich der weiblichen Rolle in Wolframs Roman eingegangen werden.

Zuerst wird die Methodik und die theoretische Einbettung der Fragestellung erläutert. Im Anschluss daran wird Wolframs Herzeloyde mit der Frage-stellung behandelt sowie in Relation zu den Erzählerkommentaren gesetzt.

2 Theoretische Einbettung und Vorgehensweise

Die hier behandelte Fragestellung beschäftigt sich mit der weiblichen Perspektive auf eine patriarchalisch-organisierte Gesellschaftsordnung im höfischen Roman nach Wolfram. Emmerling zufolge hat sich der wissenschaftliche Fokus bei den Gawan-Büchern des Parzival im Laufe der letzten 60 Jahre von einer Gegenüber-stellung der Helden Parzival und Gawan über Detailfragen und Fragen zu den im Roman "skizzierten Gesellschaftsordnungen" auf den "Bereich der Geschlechter-beziehungen" verschoben.6

Zu den Bereich dieser Geschlechterbeziehungen gehört auch die Ent-stehung von "Entwürfe[n] von Weiblichkeit" im höfischen Roman.7 Emmerling legt weiter aus, dass die Bedeutung "unterschiedliche[r] Konzepte von Weiblichkeit" in Wolframs Parzival evident wird.8 Inwiefern sich ein Konzept von aktiver weiblicher Unabhängigkeit im Roman an der Figur Herzeloydes etabliert und wieder aufgehoben wird, soll an verschiedenen Passagen im Text gezeigt werden.

Der zu untersuchende Text ist die zweite Auflage der Studienausgabe des Parzival nach Karl Lachmanns sechster Ausgabe. In der Analyse wird auf aus-gewählte Passagen eingegangen, in denen die Figur Herzeloyde auftritt. Es wird gezeigt, wie sich die weibliche Figur von höfischen Normen distanzieren, eine Art Unabhängigkeit etabliert und dann schliesslich daran scheitert, diese Un-abhängigkeit aufrechtzuerhalten. Im Anschluss daran werden zwei Erzähler-bemerkungen zur Rolle der Frau im Vergleich zu den analysierten Figuren gestellt. Dazu gehören zum einen die "sogenannte Selbsterverteidigung"9 am Ende des II. Buches und zum anderen der Erzählerkommentar im Prolog zu Beginn des I. Buches.

3 Wolframs unabhängige Herzeloyde

Herzeloyde zeichnet sich als weiblicher Charakter durch ihre besondere Stellung im Text aus. Wolframs Herzeloyde wird im Gegensatz zur Chrétienschen "veve dame"10 als weitaus komplexere Figur dargestellt. Bei Chrétien fehlt "die Eltern-vorgeschichte" von Herzeloyde und Gahmuret11 und damit die Dimension des doppelten Witwentums und der Eigenständigkeit von Wolframs Figur. Im Weiteren soll Herzeloydes Unabhängigkeit bei ihrer Bräutigamssuche und während ihres Rückzugs in Wildnis von Soltane untersucht werden.

3.1 Herzeloydes Bräutigamwerbung

Die Figur der Herzeloyde tritt in Wolframs Roman erstmals zu Beginn des II. Buches auf. Sie wird nicht beim Namen genannt, sondern durch ihren Titel und ihre Situation beschrieben. Wir erfahren, dass die unbenannte künegîn von Wâleis (60, V. 9)12 ein Turnier veranstaltet, um einen Ehemann zu finden, denn si was ein maget, niht ein wîp (60, V. 15) und benötigt einen Mann "zur Machtsicherung und zum Schutz ihrer Länder".13 Auffällig erscheint, dass der Name der Königin für weitere 24 Abschnitte (84, V. 9) nicht bekanntgegeben wird. Dadurch, dass der Text den Namen von Herzeloyde vorenthält, muss der Leser sich an anderen Anhaltspunkten anstelle des Namens und der damit verbundenen Genealogie festhalten. Es führt so zu einer Betonung ihrer sozialen Stellung als Königin über zwei Länder. Herzeloyde ist in erster Linie Königin und nicht durch ihre (männliche) Abstammung definiert.

Herzeloyde ist sich ihrer prekären Situation bewusst und macht sich aktiv auf die Suche nach einem Ehemann. Die Tatsache, dass Herzeloyde ihr Werben selbst in die Hand nimmt und nicht von einem näheren Verwandten verheiratet wird, lässt bereits bei ihrer ersten Erscheinung auf einen eigenständig an-mutenden Charakter schliessen. Heckel bemerkt zwar, dass vor allem beim Turnier die "Passivität" Herzeloydes hervorgehoben wird,14 jedoch bleiben die Frage nach ihrem Namen und der Aspekt, dass Herzeloyde nicht auf fremde oder verwandtschaftliche Hilfe angewiesen ist, Indizien für eine gewisse Un-abhängigkeit.

Dem hinzugefügt entfernt sich Herzeloyde vom "objektiven Regelsystem"15 des Turniers, indem sie Gahmuret zum Sieger erklärt, bevor der Kampf zu Ende gekommen ist:

- doch wæne et Gahmuretes tât
- den hœsten prîs derworben hât.'
- Die andern tæten rîterschaft
- mit sô bewander zornes kraft, (84, V. 3-6)

Herzeloyde spricht Gahmuret den Preis zu, bevor die andern ihre Kämpfe beendet haben. Es finden sich keine Hinweise darauf, unter welchen Gesichtspunkten Gahmuret zum Sieger gekürt wird, ausser dass die Königin glaubt, dass er den Preis verdient habe. Erst später wird durch Kaylet berichtet, dass Gahmuret mit seinem Leib Herzeloyden unde ir lant (85, V. 14) im Kampf errungen hat. Hartmann zufolge lässt sich an dieser Stelle Herzeloydes "persönliches Interesse an dem Turniersieger" erkennen.16 Dadurch, dass sie sich selbst über das Regelsystem des Turniers stellt, vollzieht Herzeloyde einen Normbruch in der aktiven Bestimmung ihres zukünftigen Ehemannes und beweist ferner ihren unabhängigen Charakter.

- Im Anschluss an die Begrüssungsszene zwischen Gahmuret und Herzeloyde zieht die Königin ihren Sieger nah zu sich heran:
- er saz für si sô nâhe nidr,
- daz sin begreif und zôch in widr
- Anderhalp vast an ir lîp.
- si was ein maget und niht ein wîp,
- diu in sô nâhen sitzen liez. (84, V. 3-7).

Herzeloydes stürmische Geste bringt den Erzähler dazu, nochmal darauf hin-zuweisen, dass die Königin eine Jungfrau ist und noch keine Frau, die Gahmuret da so nah sitzen liess. Dieser Kommentar lässt darauf schliessen, dass der Erzähler entweder versucht, diese Geste zu entschärfen, indem er darauf aufmerksam macht, dass eine jungfräuliche Herzeloyde hier keine Hintergedanken verfolgt, während sie sich so nah an Gahmuret schmiegt, oder dass er vielmehr betont, dass sogar eine Jungfrau wie Herzeloyde sich bei Gahmuret nicht unter Kontrolle zu haben und jegliche mâze (3, V. 4) zu vergessen scheint. Hartmann zeigt auf, dass eine adelige Dame sich in der Öffentlichkeit zurückhaltend verhalten sollte17, was hier von Herzeloyde vernachlässigt wird. Ihr offengelegtes Verlangen nach Gahmuret wird nach der Messe wieder deutlich:

- als der benditz wart getân,
- dô kom frou Herzeloyde sân.
- an Gahmuretes lîp si sprach:
- si gerte als ir diu volge jach. (94, V. 1-4)

Kurz nachdem der benditz vollendet wurde, tritt Herzeloyde vor versammeltem Volk auf und verlangt nach Gahmurets lîp. Die Anzahl und der soziale Stand der Zeugen dieser Forderung hat sich im Gegensatz zu den gevangener künege viere (83, V. 8) und den etslîch fürste (83, V. 9) bei der zuvor genannten Szene stark verändert. Durch diesen Wechsel hat Herzeloyde nun implizit und explizit ihren Wunsch nach Gahmurets sowohl vor dem Adelsstand und dem niederen Volk zum Aus-druck gebracht. Gahmuret weigert sich nun zwar der Forderung Herzeloydes nachzukommen, diese aber weiss sich mit juristischer Autorität zu behelfen:

- 'swelch ritter helm hie ûf gebant,
- der her nâch rîterschaft ist komn,
- hât er den prîs hie genomn,
- den sol diu küneginne hân.' (96, V. 2-5)

Dieser Urteilsspruch markiert das Ende der Suche Herzeloydes nach einem Ehe-mann. Dass sie zur Erfüllung ihres Verlangens nach Gahmuret eine Gerichts-verhandlung in Gang setzt, stellt nach Hartmann einen "groteske[n] Vorgang im Licht der höfischen Gesellschaftskonventionen" dar.18 Herzeloyde setzt sich damit nicht nur über die Regeln des Turniers hinweg, sondern lässt diesen Bruch auch juristisch zu ihren Gunsten formulieren. Sie entfernt sich damit von der traditionellen Brautwerbung, die man bei verwitweten Königinnen erwarten könnte und wird damit wiederum als unabhängige Figur dargestellt, die sich über Konventionen dieser Art hinwegzusetzen vermag. Des Weiteren bricht sie nach Hartmann mit einer weiteren Norm, da sie als Frau "ihre Sache selbst" vor Gericht "vertritt".19 Hartmann erklärt es für "bemerkenswert", dass sich Herzeloyde, ent-gegen dem Einvernehmen, dass "Frauen [...] normalerweise vom Gericht aus-geschlossen" waren und "sich als Klägerinnen oder Beklagte durch einen Vormund vertreten" wurden, hier eigenständig vor Gericht erscheint und Gahmurets lîp einklagt.20

[...]


1 Sonja Emmerling: Geschlechterbeziehungen in den Gawan-Büchern des >Parzival<. Tübingen 2003, S. 139.

2 Ebd., S. 140.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Sonja Emmerling: Geschlechterbeziehungen in den Gawan-Büchern des >Parzival<. Tübingen 2003, S. 1f.

7 Ebd., S. 2.

8 Ebd.

9 Cornelia Schu: Vom erzählten Abenteuer zum Abenteuer des Erzählens. Überlegungen zur Romanhaftigkeit von Wolframs Parzival. Frankfurt am Main 2002, S. 144.

10 Susanne Heckel: "die wîbes missewende vlôch" (113, 12). Rezeption und Interpretation der Herzeloyde. In: Haas, Alois M./Kasten, Ingrid (Hg.): Schwierige Frauen - schwierige Männer in der Literatur des Mittelalters. Bern 1999, S. 35-52, hier S. 48.

11 Ebd.

12 Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe, 2. Aufl. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Mit Einführungen zum Text der Lachmannschen Ausgabe und in Probleme der 'Parzival'-Interpretation von Bernd Schirok. Berlin/New York 2003.

13 Susanne Heckel: "die wîbes missewende vlôch" (113, 12). Rezeption und Interpretation der Herzeloyde. In: Alois M. Haas/Ingrid Kasten (Hg.): Schwierige Frauen - schwierige Männer in der Literatur des Mittel-alters. Bern 1999, S. 35-52, hier S. 42.

14 Ebd., S. 40.

15 Ebd.

16 Heiko Hartmann: Gahmuret und Herzeloyde. Kommentar zum zweiten Buch des "Parzival" Wolframs von Eschenbach. Herne 2000, S. 192.

17 Ebd., S. 197.

18 Heiko Hartmann: Gahmuret und Herzeloyde. Kommentar zum zweiten Buch des "Parzival" Wolframs von Eschenbach. Herne 2000, S. 240.

19 Ebd.

20 Heiko Hartmann: Gahmuret und Herzeloyde. Kommentar zum zweiten Buch des "Parzival" Wolframs von Eschenbach. Herne 2000, S. 240.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Wîpheit im "Parzival". Das Versagen weiblicher Unabhängigkeit am Beispiel der Herzeloyde in Wolfram von Eschenbachs Roman
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Arthurisches Erzählen
Note
1.5
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V703384
ISBN (eBook)
9783346176813
ISBN (Buch)
9783346176820
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parzival, Wolfram von Eschenbach, Wîpheit
Arbeit zitieren
Christian Schulz (Autor), 2015, Wîpheit im "Parzival". Das Versagen weiblicher Unabhängigkeit am Beispiel der Herzeloyde in Wolfram von Eschenbachs Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/703384

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