Zur literarischen Darstellung weiblicher Adoleszenz in Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete"


Hausarbeit, 2018

30 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Adoleszenz
2.1 Definition
2.2 Psychologische Aspekte
2.4 krisenhafte Faktoren
2.5 weibliche Adoleszenz

3. Aspekte der Adoleszenz im Roman
3.1 Typische Aspekte der Adoleszenz
3.2 abweichende Aspekte von Adoleszenz

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Seminar "Adoleszenzromane der Gegenwart und ihre Verfilmungen" beschäftigten wir uns mit den Romanen "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche und "Knallhart" von Gregor Tessnow. Zunächst befassten wir uns mit der Adoleszenz im Allgemeinen und betrachteten diese daraufhin anhand der Romane näher. Den Grundlagentext für das Seminar bildete, neben anderen Texten, Remschmidts Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter. Das Werk stellt gleichzeitig die Basis für die vorliegende Hausarbeit dar . Remschmidt geht in seinem Buch auf verschiedene Aspekte der Adoleszenz ein und stellt die Entwicklung der Heranwachsenden ausführlich und in verschiedene Themenbereiche unterteilt dar.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Thematik der Adoleszenz und im Besonderen der weiblichen Adoleszenz in Charlotte Roches Roman Feuchtgebiete. In dieser Arbeit soll untersucht werden, welche Dimensionen der Adoleszenz in dem Buch zu entdecken sind. Zudem soll untersucht werden, ob in dem Werk von Charlotte Roche mehr zu finden ist als drastische und provokant formulierte Darstellungen der weiblichen Sexualität. Hinzu soll aufgezeigt werden, inwiefern der Roman typische aber auch abweichende Aspekte der Adoleszenz beinhaltet.

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Beginnend mit der Einleitung geht es über zu einem Grundlagenteil, in dem die verschiedenen Aspekte und Themen der Adoleszenz genauer durchleuchtet werden. Diese sind von großer Wichtigkeit für die später folgende Analyse und stellen die Grundlage für den Leser dar. Daraufhin folgt die Analyse des Romans hinsichtlich typischer und abweichender Aspekte der Adoleszenz und ein anschließendes Fazit beendet schließlich die Arbeit.

Der erste Teil widmet sich der terminologischen Klärung von Adoleszenz. Zunächst wird die Adoleszenz als solches definiert, um diese genau einzugrenzen und um zu erläutern welche Phase man darunter versteht. Im weiteren Verlauf werden die Grundlagen der Adoleszenz genauer durchleuchtet und erörtert. Um später den Roman hinsichtlich typischer und abweichender Aspekte der Adoleszenz gut analysieren zu können, ist es von Bedeutung, die Phasen der Adoleszenz sowie die beeinflussenden Faktoren zu kennen. Der Unterpunkt der physiologischen Aspekte der Adoleszenz beinhaltet all diejenigen Prozesse und Aufgaben, welche die Heranwachsenden während der Lebensphase der Adoleszenz zu bewältigen haben. Die daran anknüpfenden krisenhaften Faktoren der Adoleszenz verdeutlichen, welche Krisen und Ereignisse in der Adoleszenz auftreten können und wie sich diese im Leben der Heranwachsenden manifestieren. Während die psychologischen Aspekte und krisenhaften Faktoren der Adoleszenz einen allgemeinen Überblick über die Probleme und Bewältigungsaufgaben der Heranwachsenden geben, folgt abschließend im Grundlagenteil die Präzisierung der genannten Faktoren auf die weibliche Adoleszenz. In Anbetracht dessen, dass die Protagonistin, auf die sich die Analyse später überwiegend bezieht, ein Mädchen ist, kommt der Klärung der weiblichen Adoleszenz eine besondere Bedeutung zu. Es sollen vor allem die sozialen, psychischen und physischen Prozesse, die für die Adoleszenz von jungen Frauen charakteristisch sind, näher beschrieben werden. Wodurch unterscheidet sich die weibliche von der männlichen Adoleszenz? Warum ist die weibliche Adoleszenz so besonders? An den theoretischen Teil anschließend erfolgt die Analyse des Romans sowie die Übertragung der erarbeiteten Grundlagen auf den Text. Es wird herausgearbeitet, inwiefern typische und abweichende Aspekte der weiblichen Adoleszenz im Roman auftauchen. Mein Interesse richtet sich hier vornehmlich auf die Frage, welche Aspekte der weiblichen Adoleszenz in dem Roman verarbeitet werden und ob diese als abweichend oder typisch zu kennzeichnen sind.

2. Die Adoleszenz

Im vorliegenden Abschnitt wird die Adoleszenz hinsichtlich ihrer verschiedenen Facetten analysiert. Diese vorangestellten Informationen sollen dem Leser als Verständnisgrundlage des in der Arbeit behandelten Themas dienen und liefern eine Einbettung und einen Überblick über das Hintergrundwissen für diese Hausarbeit.

2.1 Definition

Der Adoleszenz Begriff beschreibt laut Gansel diejenigen Phasen, welche das Ende der Kindheit und damit einhergehend den Wechsel zum Erwachsenenalter meint.1 Auch Remschmidt stellt die Adoleszenz als eine Lebensphase dar, welche den Übertritt von der Kindheit ins Erwachsenenalter beschreibt.2 Dieser Übergang geht mit „[…]tiefgreifender körperlicher Veränderungen einher, er bringt zahlreiche psychische Wandlungen mit sich, führt manchmal zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft und ihren Institutionen […]“3

Remschmidt grenzt den Begriff der Adoleszenz von dem der Pubertät klar ab.4 Pubertät ist für ihn ein primär biologischer Begriff, welcher eher „[…] die biologischen und physiologischen Veränderungen, die mit der körperlichen und sexuellen Reifung verbunden sind […]“5 meint, während die Adoleszenz sich im Gegensatz dazu mehr auf die „[…] psychologische Bewältigung der körperlichen und sexuellen Reifung […]“6 bezieht. Gemäß Bohleber stellt die Adoleszenz eine zunehmende Anpassungsleistung der Heranwachsenden an die "inneren und äußeren Zustände der Pubertät"7 dar. Während die Pubertät folglich mehr den körperlichen Reifungsprozess meint, umfasst die Adoleszenz eher den psychischen Entwicklungsaspekt. Hier sei wieder auf Gansel hingewiesen, der in seinem Forschungsbericht Bezug auf Charlotte Bühler nimmt, die die Pubertät als die Zeit während der Geschlechtsreife bezeichnet, während die Adoleszenz die darauffolgende Phase meint.8 Dies deckt sich mit Remschmidts Aussage, dass die Adoleszenz sich primär mit der Anpassung an die körperlichen Veränderungen befasst.9 Remschmidt geht von einem "umfassenden Adoleszenzbegriff" aus, der die Altersgruppe 12- bzw. 14- bis zum 25. Lebensjahr darstellt. Er nennt verschiedene Aspekte des Adoleszenzbegriffs, die diesen näher differenzieren.10 Biologisch stellt die Adoleszenz alle „somatischen Veränderungen“ dar, die sich an der körperlichen Entwicklung und der sexuellen Reifung erkennen lassen. Auf der psychologischen Ebene meint sie, wie oben bereits beschrieben, die individuellen Vorgänge „[…] die mit dem Erleben, der Auseinandersetzung und der Bewältigung der somatischen Wandlungen sowie den sozialen Reaktionen auf diese verbunden sind“.11 Darüber hinaus betrachtet er es als sinnvoll, die Adoleszenz in zwei Phasen zu unterteilen. Während die erste Phase durch vielfältige Veränderungen „[...] im somatischen, psychischen und psychosozialen Bereich“12 markiert ist und es zu einem „mehr oder weniger plötzlichen Verlust des Status der Kindheit kommt“, ist die zweite Phase gekennzeichnet durch eine „Phase der Reorganisation“.13 Die in dieser Phase befindlichen Jugendlichen finden sich nun besser zurecht, haben mitunter Kontakt zu Gleichaltrigen aufgebaut und haben den „Status der Kindheit“ fast vollständig abgelegt.14 Die Adoleszenten zeigen in diesem Zeitraum „phasenspezifische Verhaltensweisen, Normen, Einstellungen, Gesellungsformen, Rollenverhalten und Konflikte“.15

2.2 Psychologische Aspekte

Die Adoleszenten müssen in dieser, für sie neuen, Lebensphase mit vielfältigen Veränderungen zurechtkommen. Anfangs kommt es bei den Heranwachsenden zu einer „[…] stärkeren Hinwendung zum Körper und seinen Funktionen“.16 Darüber hinaus werden sie der „Endgültigkeit“ ihrer körperlichen Entwicklung gegenübergestellt, die in wenigen Jahren beendet sein wird. Aufgrund ihres zunehmenden Drangs, sich mit Anderen zu vergleichen, kommt es zur verstärkten Wahrnehmung und Beobachtung des eigenen Körpers und demzufolge oft zu „Sorgen und Befürchtungen, die Entwicklung verlaufe nicht normal“.17 Daher zeigt sich bei den Adoleszenten häufig eine Überbewertung von wirklichen oder vermeintlichen Normabweichungen ihres Körpers. Eine der bedeutsamsten Aufgaben der Lebensphase der Adoleszenz stellt die Verarbeitung der „somatischen Veränderungen“ und gleichzeitig ihre Integration in das „Körperschema“ dar. Hierbei wirken verschiedene innere Variablen („[…] erhöhte erotische und sexuelle Ansprechbarkeit, Regulation von Stimmungen, Triebe, psychische Verarbeitungsmechanismen […]“) und kontextuelle Variablen („gesellschaftlich definierte Interpretationen und Bewertungen der körperlichen Veränderungen, Normen und Idealvorstellungen über Aussehen und Verhalten […]“) zusammen.18 Aber nicht nur die Heranwachsenden selbst, sondern auch ihre soziale Umwelt vollzieht eine „Einstellungsänderung“ zu dem nun geschlechtsreifen Individuum. Diese Reaktionen der Umwelt auf die körperlichen Veränderungen der Heranwachsenden werden von ihnen registriert und in ihr Selbstbild integriert. Dies können zum Beispiel „[…] Anerkennung, Bewunderung oder Ablehnung, Spott oder Missachtung“ sein.19 Viele Pubertäts- und Adoleszenzkrisen entstehen beispielsweise durch ungeschicktes oder auch verletzendes Verhalten von erwachsenen Bezugspersonen gegenüber den Jugendlichen. Siegler et al. zufolge nehmen in der Adoleszenz die Gedanken der Heranwachsenden über ihre „soziale Kompetenz“ und „soziale Akzeptanz“ besonders zu.20 Weiterhin ist es wichtig, die Persönlichkeitsentwicklung in Bezug auf die psychologischen Aspekte der Adoleszenz zu betrachten. Laut Remschmidt gibt es viele verschiedene Einflüsse, die auf die Persönlichkeitsentwicklung der Heranwachsenden einwirken.21 Während die genetischen Voraussetzungen die Grundlage für die biologischen Wandlungsprozesse während der Adoleszenz vorgeben, geht er davon aus, dass die Persönlichkeitsstruktur stärker durch die Umwelteinflüsse geprägt wird als durch die genetischen und konstitutionellen Grundlagen.

Darüber hinaus sind auch die soziale Situation und die Bezugsgruppe, sogenannte Peer-Groups, von Bedeutung, besonders in Bezug auf die Festigung und Vertiefung von stabilen emotionalen und sozialen Gemeinsamkeiten, welche mit Familienmitgliedern während der Adoleszenz nur schwer Zustandekommen.22 Im Hinblick auf ihre Macht und den sozialen Status sind Jugendliche im Kontakt mit ihren Peers verhältnismäßig gleichberechtigt.23 Aus diesem Grund sind diese Beziehungen für die Heranwachsenden von großer Relevanz. Ein weiterer Punkt auf den eingegangen werden soll, sind die Grundbedürfnisse der Jugendlichen in der Lebensphase der Adoleszenz. Aufgrund der vielfältigen „biologischen und kognitiven“ Veränderungen in der Adoleszenz, ergeben sich für die Heranwachsenden viele Bedürfnisse zum ersten Mal. Das Verlangen nach sexueller Befriedigung kann zum Beispiel erst dann auftreten, wenn die biologischen Grundlagen dafür bereits vorhanden sind .Remschmidt greift in seinem Buch auf Garrison und Garrison (1975) zurück, die verschiedene Auftretensweisen der Bedürfnisse in der Adoleszenz beschreiben.24 Zu den physiologischen Bedürfnissen zählt das Bedürfnis nach „körperlicher und sexueller Betätigung“ genauso wie das Bedürfnis der Anerkennung bezüglich der eigenen Körperlichkeit. Darüber hinaus zählt auch das Sicherheitsbedürfnis zu den Grundbedürfnissen der Jugendlichen. Die vielfältigen „biologischen und physiologischen Veränderungen“ verstärken das Bedürfnis nach Sicherheit. Allerdings wird diese weniger in der Familie selbst, als vielmehr in den bereits erwähnten Peer-Groups: „[…] deren Einfluß zeitweise größer ist als derjenige familiärer und außerfamiliärer Bezugsgruppen von Erwachsenen“25 gesucht. Hinzu kommt das Unabhängigkeitsbedürfnis. Die „[…] typischen Reibungsabläufe und gesellschaftlichen Erwartungen […]“26 in der Adoleszenz erzeugen einen immer stärker werdenden Drang nach Unabhängigkeit. Es kommt vermehrt zu intrafamiliären Konflikten zwischen den Adoleszenten und den Eltern, begünstigt durch die Zunahme der kognitiven Möglichkeiten auf Seiten der Heranwachsenden und die gleichzeitigen „Restriktionen und Erwartungen“ der Eltern.27 Zugleich begünstigt der Drang nach Unabhängigkeit von Seiten der Adoleszenten „[…] den Widerstand gegen alles Herkömmliche und die Autorität sowie das Infragestellen von Normen, Regeln und Gewohnheiten.“28 Auch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit (Liebesbedürftigkeit) stellt einen wichtigen Aspekt der Grundbedürfnisse in der Adoleszenz dar. Durch die Distanzierung vom Elternhaus, dem Gefühl unverstanden zu sein und dem Drang nach Unabhängigkeit kommt es zu einer zunehmenden Isolierung der Jugendlichen, woraufhin wiederum das Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung resultiert.29 Abschließend wird unter dem Punkt der psychologischen Aspekte noch auf die Rolle der Familie in der Adoleszenz eingegangen. Ein zentraler Prozess in der Entwicklung der Jugendlichen ist unter anderem, zunehmend unabhängiger vom Elternhaus zu werden.30 Laut Hurrelmann et al. ist die Loslösung in Verbindung mit „Distanzierung und Eigenständigkeit“ die Basis für den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung in der Adoleszenzphase.31 Der Ablösungsprozess erfolgt auf verschiedenen Ebenen, vor allem die psychische und emotionale und intime Ebene sind hier von Bedeutung. Auf der psychischen Ebene geht es insbesondere darum, dass sich die Heranwachsenden nicht mehr primär an den Eltern orientieren, sondern vielmehr an Gleichaltrigen, sogenannten Peers, wie weiter oben bereits beschrieben. Obgleich der Einfluss der Familie in der Adoleszenzphase abnimmt, „[…] bleibt die Familie die wesentlichste Bezugsgruppe für die Adoleszenten.“32

2.4 krisenhafte Faktoren

Im Laufe der adoleszenten Entwicklung ist primär die Spätadoleszenz eine Zeit der Krise, da sie einen wichtigen Wendepunkt darstellt. Hier werden „[…] hohe seelische Integrationsanforderungen an den Jugendlichen gestellt“33 und das Individuum muss sich auf einem neuen „[…] nun erwachsenen Niveau konsolidieren.“34 Im Allgemeinen betrachtet sind Krisen, gemäß King Situationen, in denen „[…] je nach Ressourcen und Umständen […]“35 etwas Neues entstehen kann, oder sich aber „[…] in ein von der Krise erschüttertes […] System […]“ etwas Negatives verfestigt.36 Im Jugendalter ist besonders die Suche nach einer eigenen Identität von großer Bedeutung. Da sich heranwachsende Jugendliche durch die natürlichen Veränderungen der Pubertät selber in einer körperlichen und psychischen Extremsituation befinden, fällt es ihnen besonders schwer, einen eigenen, in der Gesellschaft akzeptierten Platz in dieser zu finden.37 Im Fokus der Identitätssuche stehen hierbei die Fragen Wer bin ich?, Wie möchte ich sein? und Für wen hält man mich?38 Diese Fragen können nicht beantwortet werden, ohne sich an familiären und außerfamiliären Vorbildern zu orientieren, die jedoch in dieser Lebensspanne fragwürdig geworden sind. Remschmidt bezeichnet diese Identitätsdiffusion als eine „[…] vorübergehende oder dauernde Unfähigkeit des Ichs zur Bildung einer Identität.“39 Aufgrund der fulminanten körperlichen Entwicklung stellen sich die Adoleszenten immer häufiger die Frage nach ihrer Identität. Um zu einer Antwort zu gelangen, müssen die Adoleszenten ihre Erfahrungen im Bestehen von Krisen nutzen, um diese zu einer Ich-Identität zu formen. Je mehr positive Erfahrungen gesammelt werden, desto besser gelingt dieses notwendige Unterfangen, da der Adoleszent ein größeres Selbstvertrauen ausbildet. Ohne positive Erfahrungen und dem damit verknüpften Selbstvertrauen ist eine Identitätsdiffusion äußerst wahrscheinlich. In der Phase der Adoleszenz steht ein „[…] veränderter oder sich verändert habender Körper […]“40, dem noch in vielerlei Hinsicht kindlichen Körper befremdlich gegenüber. Für die Adoleszenten scheint ihr neuer, veränderter Körper nicht mehr der Eigene zu sein, denn er fühlt sich fremd an und die psychische Entwicklung kann nicht Schritt halten. King beschreibt diesen Prozess als Aufdringlichkeit des Körpers und benennt die damit verbundenen Emotionen, die unweigerlich auftreten, wenn der Leib zum aufdringlichen „Körper-Ding“ wird, „[…] das dem Ich entfremdet erscheint."41 Auch Göppel geht auf die körperlichen Veränderungen und die damit einhergehenden psychischen Anpassungsschwierigkeiten der Jugendlichen ein.42 Im Zuge dieser Veränderungen gehen folglich eine intensive „[…] Bewusstwerdung der eigenen Geschlechterrolle […]“43 und gleichzeitig auch eine „[…] definitive Festlegung auf dieselbe einher.“44 Der adoleszente Körper hat sich nun zu einem Frauen - bzw. Männerkörper entwickelt, mit dem sich die Jugendlichen zurechtfinden müssen .Auf der einen Seite führt dieser Körper in gewisser Weise ein Eigenleben und es passieren Dinge mit ihm, die nicht beeinflusst werden können (z.B. Brustwachstum) und auf der anderen Seite „[…] ermöglicht dieser Körper neue Empfindungen, neue interessante Spannungs- und Lustqualitäten, die ertastet und erprobt sein wollen.“45 Der heranwachsende Körper stellt „[…] die Verheißungen des Größerwerdens, die Expansion und die potenzielle Fruchtbarkeit des erwachsenen Lebens […]“46 dar und damit sind wiederum „[…] in einer weiteren Steigerung der Ambivalenz, auch Begrenzung, Endlichkeit und nicht zuletzt die herrschende Geschlechterordnung verbunden."47 Wie unter dem Punkt der psychologischen Aspekte bereits erwähnt, hat die familiale Struktur eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Heranwachsenden. Während sie im besten Fall „[…] Abgrenzung, Ablösung und Neukonstruktion […]“48 ermöglicht, stellt sie gleichzeitig auch einen „[…] sicheren Hafen für phasenweise Rückkehr dar.“49 Laut Grob et al. ist die Familie einer der primären Sozialisationskontexte für die Heranwachsenden, innerhalb derer sie lernen, was und wie soziale Beziehungen gestaltet werden können und auch was es meint, Verantwortung zu übernehmen.50 Wie bereits weiter oben aufgeführt besteht eine Entwicklungsaufgabe der Jugendlichen darin, sich auf emotionaler Ebene von ihren Eltern zu lösen.51 Da Heranwachsende „[…] zuverlässige, stabile und „berechenbare“ soziale Beziehungen […]“52 als Vorbild und Stütze für die eigene Entwicklung benötigen, sind sie von veränderten Familienstrukturen im besonderen Maße betroffen. Wenn die Eltern geschieden sind, bedeutet dies stets Veränderung und steigert darüber hinaus die Belastungen für alle Beteiligten. Abschließend wird auf den Begriff des Traumas eingegangen, der im Hinblick auf die spätere Analyse des Romans eine entscheidende Rolle spielt. Traumatisierungen in der Kindheit werden oft durch Bindungspersonen ausgelöst. Diese Traumata können mitunter dazu führen, dass „[…] weitere Schritte durch das Leben nicht oder nur mühsam gelingen.“53 Je früher diese eintreten, desto tiefgreifender prägen sie „[…] das Wachstum des neuronalen Systems.“54 Ein traumatisches Erlebnis kann ein Leben von Grund auf ändern und nichts ist mehr so, wie es vorher war. Garbe bezieht sich in ihrem Buch unter anderem auf Streeck-Fischer (2006), die die kindlichen traumatischen Erfahrungen als Entwicklungstraumatisierungen bezeichnen.55 Traumatische Belastungen treten insbesondere in Phasen, in denen fundamentale Entwicklungsschritte bewältigt werden müssen, auf. Diese Entwicklungsschritte sind prägend für das weitere Leben. Die beschriebenen Traumatisierungen werden häufig durch Bindungspersonen ausgelöst, die für das Kind essenziell sind. Peter Blos greift in seinem Buch „Adoleszenz“ ebenfalls auf den Begriff des Traumas zurück. Er betont vor allem den Umstand, dass das Verarbeiten eines Traumas eine „[…] nie endende Lebensaufgabe ist […]“56, die auch darin besteht, eine Wiederkehr des Traumas zu verhindern. Sich von diesem äußeren Einfluss des Traumas zu befreien, welches sich bereits im Inneren manifestiert hat, stellt über die gesamte Lebenszeit hinweg eine psychische Aufgabe dar. Ein Großteil davon wird während der Adoleszenz bewältigt.57

2.5 weibliche Adoleszenz

Wie bereits beschrieben, bedeuten die mannigfaltigen körperlichen Veränderungen in der Adoleszenz das Ende der Kindheit und zeigen gleichzeitig die Entwicklung einer „erwachsenen Geschlechtsidentität“.58 Diese körperlichen Veränderungen sind eingebettet in kulturelle und gesellschaftlich vorherrschende Auffassungen von Weiblichkeit, leitendende Schönheitsideale der westlich-industriellen Ländern und „[…] normative Vorstellungen von Sexualität […]“59, wobei eine heterosexuelle Beziehung dabei zentral ist. Bestehende Schönheitsideale sind massiv geprägt durch das Verhältnis zum jeweils anderen Geschlecht und charakteristisch hierfür ist „[…] daß sie prinzipiell nie ganz erfüllbar sind […]“60, da die Maßstäbe stark idealisiert und damit unerreichbar sind. Hierdurch wird die Unsicherheit junger Frauen bezüglich des eigenen Körpers noch verstärkt. Daraus resultiert eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, was bei der Mehrheit der Mädchen statt zur Akzeptanz der weiblichen Körperlichkeit, vielmehr zur Abwertung führt.61 In der Phase der Adoleszenz kommt der Körperlichkeit eine neue Bedeutung zu. Die Entwicklung zur Frau ist markiert durch vielfältige körperliche Veränderungen – Wachstum der Brüste, Veränderung der Genitalien und das Auftreten der Periode.62 Genauso wie die körperlichen Veränderungen der Heranwachsenden sind auch die stärkeren sexuellen Wünsche und Phantasien der Adoleszenten als Prozess der Aneignung und des Austestens mit Adoleszenten zu sehen.63 Die Heranwachsenden können ihren Körper nun auf eine neue Art erleben und zudem als erotisch erregend erfahren. Besonders die vermehrte Produktion von Schleim bei sexueller Erregung trägt zu der neuen Ebene des sexuellen Empfindens bei. Hierüber müssen sich die jungen Frauen bewusst werden und sich damit verstärkt auseinandersetzen, bestenfalls haben sie dafür einen „[…] geschützten Raum und genügend Zeit […]“64, um sich eigenständig damit vertraut zu machen und mit diesen neuartigen Gefühlen und Impulsen umgehen zu lernen. Gemäß Flaake et al. steht jedoch nicht „[…] die aktive Aneignung des eigenen Körpers und die Entdeckung sexueller Wünsche und Vorlieben […]“65 im Vordergrund, sondern das Verlangen von einem Mann begehrt zu werden. Darüber hinaus spielt nach Flaake et al. die Beziehung zu einer (gleichaltrigen) Freundin eine zentrale Rolle. Zum einen als Repräsentantin des Ich-Ideals und zum anderen als „bestätigende Gleiche“, mit der sie Phantasien entfaltet, Geheimnisse teilt und „[…] sich selbst in und mit der der anderen entdecken kann.“66 Durch die gleichgeschlechtliche Bindung kann der eigene Körper entdeckt, erforscht und angeeignet werden.

[...]


1 Vgl. Gansel, Carsten: Adoleszenz und Adoleszenzroman als Gegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung. In: Zeitschrift für Germanisitk. H1 (2004), S. 130-149.

2 Vgl. Remschmidt, Helmut: Adoleszenz. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter. Stuttgart: Georg Thieme Verlag 1992, S. 2.

3 Ebd., 1.

4 Ebd., S.2.

5 Ebd., S.2

6 Remschmidt, Helmut: Adoleszenz.. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter, S. 2.

7 Bohleber, Werner (Hrsg.): Adoleszenz und Identität. Stuttgart: Verlag Internationale Psychoanalyse, S. 15.

8 Gansel, Carsten: Adoleszenz und Adoleszenzroman als Gegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung, S.2.

9 Remschmidt, Helmut: Adoleszenz. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter, S.2.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Ebd., S.4.

13 Ebd.

14 Ebd., S.6.

15 Ebd.

16 Remschmidt,Helmut: Adoleszenz. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter, S.86.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Ebd., S.87.

20 Siegler, Robert; Eisenberg, Judy Deloache; Saffran, Jenny. Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Berlin: Springer Verlag 2016 , S.216.

21 Vgl. Remschmid, Helmut: Adolezenz. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter, S.100.

22 Remschmidt,Helmut: Adolezenz. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter, S. 100.

23 Siegler et. al: Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalter, s. 485.

24 Remschmidt,Helmut: Adolezenz. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter, S.100.

25 Ebd., S.101.

26 Ebd.

27 Ebd., S. 101f.

28 Ebd., S. 102.

29 Ebd.

30 Remschmidt, Helmut: Adoleszenz. Entwicklung und Entwicklungskrisen, S. 127.

31 Hurrelmann, Klaus; Engel, Uwe: Psychosoziale Belastung im Jugendalter. Empirische Befunde zum Einfluß von Familie, Schule und Gleichaltrigengruppe. Berlin/New York: de Gruyter 1989, S.154.

32 Remschmidt, Helmut: Adoleszenz. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter, S. 129.

33 Bohleber, Werner (Hrsg.): Adoleszenz und Identität, S.23.

34 Ebd.

35 King, Vera: Die Entstehung des neuen in der Adoleszenz. Individuation, Generativität und Geschlecht in modernisierten Gesellschaften. Wiesbaden: Springer Verlag 2013, S.193.

36 Ebd.

37 Vgl. Remschmidt, Helmut: Adoleszenz. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter, S. 114.

38 Ebd., S.115.

39 Remschmidt,Helmut: Adolezenz. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter, S. 115.

40 King, Vera: Die Entstehung des neuen in der Adoleszenz, S. 193.

41 Ebd., S. 195.

42 Vgl. Göppel, Rolf: Das Jugendalter. Entwicklungsaufgaben – Entwicklungskrisen – Bewältigungsformen. Stuttgart: Kohlhammer Verlag 2005, S. 84.

43 Ebd.

44 Ebd.

45 Ebd.

46 King, Vera: Die Entstehung des neuen in der Adoleszenz, S. 203 f.

47 Ebd.

48 King, Vera: Die Entstehung des neuen in der Adoleszenz, S. 138.

49 Ebd.

50 Vgl. Grob, Alexander et. al; Erwachsen werden. Entwicklungspsychologie des Jugendalters, S. 55.

51 Vgl. Ebd.

52 Ebd., S. 58.

53 Garbe, Elke: Das kindliche Entwicklungstrauma. Verstehen und bewältigen.Stuttgart: Klett – Cotta 2015, S. 18.

54 Ebd.

55 Vgl. Ebd., S.22.

56 Blos, Peter: Adoleszenz. Stuttgart: Klett – Cotta 2001, S. 153.

57 Vgl. Ebd., S.154.

58 Vgl. Flaake, Karin: Körper, Sexualität und Geschlecht. Studien zur Adoleszenz junger Frauen. Gießen: Psychosozial – Verlag 2001, S. 8.

59 Ebd., S. 113.

60 Ebd., S. 114.

61 Vgl. Ebd.

62 Vgl. Ebd., S.199.

63 Vgl. Ebd., S. 136.

64 Ebd.

65 Flaake, Karin; John, Claudia: Räume zur Aneignung des Körpers. Zur Bedeutung von Mädchenfreundschaften in der Adoleszenz, S.200.

66 Flaake, Karin; John, Claudia: Räume zur Aneignung des Körpers. Zur Bedeutung von Mädchenfreundschaften in der Adoleszenz, S. 206.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Zur literarischen Darstellung weiblicher Adoleszenz in Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Germanistik)
Note
1,7
Jahr
2018
Seiten
30
Katalognummer
V703408
ISBN (eBook)
9783346191915
ISBN (Buch)
9783346191922
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adoleszenz
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Zur literarischen Darstellung weiblicher Adoleszenz in Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/703408

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