Das Mosaik als Erzählstruktur im Film "Cloud Atlas". Plot, Stil sowie Verbindungsmethoden der Fragmente


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beschreibung des narrativen Experiments
2.1. Die Story
2.2. Plot und Stil
2.2.1. Zeitstruktur und Chronologie
2.2.2. Schauspielereinsatz
2.2.3. Episoden- und Mind-Game Film

3. Das Filmische Mosaik
3.1. Verbindungsmethoden der Fragmente
3.2. Das Zusammenwirken von Narrativ und Narration

4. Fazit

5. Anhang

6. Abbilungsverzeichnis

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Roger Ebert, der zu den bedeutendsten Filmkritikern der USA gehört, schrieb nach dem Kinobesuch von Cloud Atlas (2012) in seinem Blog, die Regisseure des Films hätten sich von den Ketten der narrativen Kontinuität gelöst, indem sie im Film ein komplexes Konstrukt des episodischen Erzählens verwenden.1 Aber »ich [glaube] doch, dass Sie, verehrter Leser, mit ein wenig Geduld erkennen werden, dass der Wahnsinn in dieser Erzählung Methode hat.«2

Cloud Altas’ Erzählstruktur ist fragmentarisch aufgebaut und schließt an die in den 90ern aufgekommenen narrativen Experimente der Darstellung paradoxer Zeitschemata, multipler Universen und verworrener Figurenkonstellationen an.3 Filme wie Pulp Fiction (1994) experimentieren erfolgreich mit episodischen Erzählstrukturen, wobei es gerade das abrupte Abbrechen der Handlung ist, das den Zuschauer herausfordert und zum Weiterschauen anregt. Im Gegensatz dazu führt Cloud Atlas den Zuschauer trotz der fragmentarischen Erzählweise kontinuierlich durch das Geschehen. Wie der Film ebendieses Paradoxon auflöst und welche Wirkungen daraus erzielt werden, soll die vorliegende Hausarbeit untersuchen.

Dafür wird das narrative Experiment des Films zunächst hinsichtlich der vorliegenden fragmentarischen Erzählstruktur auf seine erzähltheoretischen Eigenschaften untersucht. Anschließend soll durch eine genaue Analyse mit Schwerpunkt auf die Narrationsstruktur des Films gezeigt werden, wie sich der Zuschauer in Cloud Atlas zurechtfindet und welche Mittel dem Film Kontinuität verleihen. Dabei soll gezeigt werden, dass die Anordnung der Fragmente den Zuschauer dazu anreizt, aus ihnen eine übergeordnete Geschichte zu bilden und die Figur eines fragmentarischen Mosaiks als Metapher für Cloud Atlas zutreffend ist. Vergleichbare Filme werden zur Verdeutlichung hinzugezogen. Ziel der Hausarbeit ist es, die Methodik des episodischen Erzählens in Cloud Atlas zu entschlüsseln, um das Zusammenspiel von Narrativ und Narration und deren Wirkung aufzeigen zu können.

Das Mosaik als Erzählstruktur geht unter anderem zurück auf einen Aufsatz von Jo Alyson Parker, der sich mit der Gestaltung des Films Cloud Atlas aus der Buchvorlage befasst und dabei das Erzählgerüst mit impressionistischer Malkunst vergleicht.4 Da dies eine sehr spezifische Form eines Mosaiks darstellt, bezieht sich die Hausarbeit nicht auf den Mosaikbegriff nach Parker, sondern fasst das Mosaik als (künstlerisches) Konstrukt auf, das aus vielen kleinteiligen Bruchstücken besteht, aber nicht gemalt sein muss.

2. Beschreibung des narrativen Experiments

Cloud Atlas entstand 2012 aus der Zusammenarbeit des deutschen Regisseurs Tom Tykwer mit den US-amerikanischen Regisseuren Lana und Andy Wachowski.5 Es handelt sich um die Literaturverfilmung des gleichnamigen Romans von David Mitchell aus dem Jahr 2004, der bereits selbst mit narrativen Konventionen experimentiert.6 Film und Roman erzählen sechs zeitlich und räumlich in sich geschlossene Handlungsstränge, deren jeweilige Diegese in unterschiedlichen Epochen stattfindet. Daher handelt es sich um voneinander getrennte diegetische Räume und Kausalketten, die zu keiner unmittelbaren gegenseitigen Beeinflussung führen. Die einzelnen Diegesen können wie Kurzfilme für sich alleine stehen, sind aber durch ein übergeordnetes Thema des Films miteinander verbunden.

Um die Handlungsanordnung und deren ästhetische Materialisierung näher betrachten zu können, wird Bordwells systematische Unterscheidung von Story, Plot und Stil verwendet.7 Das Narrativ, die Story, ist eine chronologische Kausalkette, die innerhalb einer räumlichen und zeitlichen Begrenzung stattfindet. Sie meint das, was passiert. Die Narration äußert sich im Film in Plot und Stil, welche die dramaturgische und ästhetische Materialisierung der Story sind. Der Plot besagt, wie die Geschehnisse im Film arrangiert werden. Der Stil ist die Art und Weise, wie der Plot inszeniert wird, wozu auch die systematische Nutzung medienspezifischer Ausdrucksmittel, wie beispielsweise die Montage, gehört.8 Der Rezipient als aktiver Teilnehmer der Konstruktion der Filmerzählung muss die Geschehnisse des Plots mental so zurechtlegen, dass sich die Story ergibt. Daher ist das Narrativ im Prozess des Filmbetrachtens konstant im Wandel.9

2.1. Die Story

Der Notar Adam Ewing bereist 1849 den Pazifik und wird aufgrund einer angeblichen Infektion mit dem polynesischen Wurm vom Arzt Henry Goose behandelt. Während seiner Rückreise nach Amerika trifft Adam an Bord des Schiffes auf den blinden Passagier und entflohenen Sklaven Autua. Dieser rettet Adam vor Dr. Goose, der ihn in Wahrheit heimlich vergiftet hat, um sein Geld zu stehlen. In Amerika angekommen trifft Adam seine Frau Tilda wieder und schließt sich der Sklavenbefreiung an. Seine Erfahrungen hält er in einem Reisetagebuch fest, das später veröffentlicht wird.

Als Assistent des bekannten Komponisten Vyvyan Ayrs teilt der junge Pianist Robert Frobisher im Jahr 1936 seinem Liebhaber Rufus Sixsmith in mehreren Briefen seine Erlebnisse und Gedanken mit. Während dieser Zusammenarbeit stößt Frobisher auf das Reisetagebuch von Adam Ewing und komponiert das ›Wolkenatlas-Sextett‹. Ayrs beansprucht das Stück als das seine und erpresst Frobisher mit der Bekanntmachung seiner Homosexualität. Frobisher beendet das Arbeitsverhältnis dennoch. In Einsamkeit vollendet er sein Werk in Edinburgh und nimmt sich anschließend das Leben.

1973 trifft die junge Journalistin Luisa Rey in San Francisco auf den Kernphysiker Rufus Sixsmith, der Beweise für einen drohenden Nuklearunfall hat. Bevor er Luisa davon berichten kann, wird er erschossen und seine Unterlagen werden gestohlen. Statt ihrer findet Luisa Frobishers Briefe und nimmt sie an sich. Sie recherchiert an Sixsmiths ehemaligen Arbeitsplatz, wo ihr der Mitarbeiter Isaac Sachs von einem bewusst defekt betriebenen Kernreaktor erzählt. Auch Isaac wird getötet, bevor er Luisa Beweise liefern kann. Es gelingt ihr zusammen mit dem Polizisten Joe Napier den Auftragsmörder, der es nun auch auf ihr Leben abgesehen hat, zu überlisten und sie erhält schlussendlich von Sixsmiths Nichte die fehlenden Unterlagen, um den Energiebranchenskandal aufzudecken. Luisas Freund Javier Gomez schreibt später ein Buch über ihren Kriminalfall.

Timothy Cavendish ist ein verarmter Verleger, dem 2012 mit der Veröffentlichung eines Buchs endlich der Durchbruch gelingt. Doch die Familie des Autors verlangt von Cavendish eine enorm hohe Geldsumme als Anteil an dem Erfolg. Er bittet seinen vermögenden Bruder um Hilfe, der ihm ein Versteck anbietet. Auf dem Weg dorthin liest Cavendish das Manuskript ›Half Lives – A Luisa Rey Mystery‹ von Javier Gomez und erinnert sich an seine Jugendliebe Ursula. Das Versteck, das Cavendish anfangs für ein Hotel hält, entpuppt sich allerdings als geschlossenes Altersheim. Gemeinsam mit Gleichgesinnten gelingt ihm nach einigen Hindernissen die Flucht. Am Ende finden Ursula und Cavendish wieder zueinander und der Verleger schreibt seine Memoiren.

Der weibliche Klon Sonmi-451 arbeitet im Jahr 2144 mit anderen Klonen in einem Fast-Food Restaurant in Neo Seoul als Bedienung. Die Klone haben weitaus weniger Privilegien als die sogenannten ›Reinblüter‹ und erst nach zwölf Jahren bedingungsloser Arbeitstreue wird ihnen der Übergang ins Elysium (angeblich eine Art Paradies) gewährt. Eines Nachts zeigt ihr der Klon Yoona-939 für Nicht-Reinblüter verbotenes Filmmaterial, bei dem es sich um die Verfilmung von Cavendishs Memoiren handelt. Aufgrund von rebellischem Verhalten wird Yoona im laufenden Restaurantbetrieb getötet. Dem Rebell Hae-Joo Chan gelingt es, Sonmi aus dem Restaurant zu befreien. Er offenbart ihr, dass das Elysium eine industrielle Tötungsmaschinerie ist, mit der Klone zur Nahrung für weitere Klone gemacht werden. Sonmi appelliert daraufhin an die Menschlichkeit und sendet ihre Botschaft von Hawaii aus in die Welt. Noch während sie spricht, fallen Regierungstruppen in die Sendestation ein und töten die Rebellen. Sonmi wird dem Archivar übergeben, der sie zum Geschehenen befragt, bevor sie hingerichtet wird.

Im 106. Winter nach dem Untergang freundet sich der einfache Ziegenhirte Zachry auf Hawaii mit Meronym an, die dem technisierten Volk der Prescients angehört. Diese wollen eine alte Sendestation nutzen, um nach extraterrestrischer Hilfe zu rufen, da die hohe Strahlung das Leben auf der Erde für sie unmöglich macht. Die Station befindet sich jedoch auf einem Berg, der dem Glauben des Inselvolkes nach vom Teufel Old Georgie bewohnt wird. Zachry und Meronym wagen den Aufstieg und Zachry erfährt, wer Sonmi, die von seinem Volk verehrte Gottheit, tatsächlich gewesen ist. Das Senden von Meronyms Botschaft gelingt, doch als sie zurück ins Dorf kommen, wurde dieses von Kannibalen überfallen und die Einwohner getötet. Zachry und seine Nichte, die den Angriff als Einzige überlebt hat, verlassen mit Meronym und den Prescients die Insel. Der Film beginnt und schließt mit Zachry als alter Mann, der seinen und Meronyms gemeinsamen Enkeln von seiner ersten Begegnung mit Old Georgie erzählt. Sie befinden sich auf einem fernen Planeten und die Erde ist als blauer Stern am Himmel zu sehen. Es bleibt unklar, ob Zachry seinen Enkeln alle sechs Geschichten oder nur seine eigene erzählt.

Cloud Atlas arbeitet mit Dichotomien und Gegensätzen, sodass jeder Handlungsstrang den Kampf gegen mindestens eine Unterdrückungsmacht thematisiert. Auf der einen Seite finden sich beispielsweise die unterdrückten Sklaven, Klone und Homosexuellen, und auf der anderen Sklavenhändler, Nicht-Klone und Heterosexuelle. Der Film zeigt wie sich Machtkonstellationen und das Aufbegehren gegen ebendiese in unterschiedlichen Epochen gestalten und fortschreiben. Wiederkehrende Gegenstände, Motive und Figuren-konstellationen stellen ein Verbunden-Sein über die Zeit hinweg als das Thema des Films aus. Aus diesen Ähnlichkeiten lässt sich eine übergeordnete Geschichte ableiten, sodass es letztlich nicht mehr um den Kampf der einen Randgruppe in einer spezifischen Epoche geht, sondern um das allgemeine Ringen nach Gleichheit und um die Überwindung von Konventionen. Dabei stellt Cloud Atlas selbst den Tod als letzten Gleichmacher in Aussicht.10

Die Verwendung derselben Schauspieler in allen Handlungssträngen stellt den Reinkarnations-gedanken aus, der sich auch in einem immer wiederkehrenden, besonders geformten Muttermal auf den Körpern der jeweiligen Protagonisten materialisiert. Da Dr. Goose und der Ziegenhirte Zachry beide durch den Schauspieler Tom Hanks verkörpert werden, zeigt der Film in einer weiteren Lesart die Wandlung des Bösewichts Dr. Goose über die Jahrhunderte hinweg zum Retter einer ganzen Zivilisation. Auch diese Lesart bildet wieder eine übergeordnete Geschichte, rückt aber den Reinkarnationsgedanken in den Vordergrund.11

2.2. Plot und Stil

2.2.1. Zeitstruktur und Chronologie

Cloud Atlas’ Plot ist anachronisch und zeichnet sich durch zahlreiche Rekursionsphänomene aus. Er steigt mit der Rahmenhandlung Zachrys ein, welche die anderen wie eine Klammer umschließt und sie damit dieser Erzählung unterordnet. Nach Zachrys einführenden Worten beginnen nacheinander die anderen fünf Handlungsstränge in medias res. Der ausgewählte Erzählzeitpunkt der Handlungsstränge ist dabei nicht einheitlich: Adams Geschichte beginnt chronologisch mit seinem ersten Treffen mit Dr. Goose. Sonmis Handlungsstrang beginnt mit dem Anfang ihres Verhörs, wobei der Zuschauer sogleich erfährt, dass es eine Vorgeschichte gibt, die zur derzeitigen Situation geführt hat. Auch Cavendishs Erzählung setzt an ihrem eigentlichen Ende ein mit dem Schreiben seiner Memoiren und Frobishers gar mit dem wahrscheinlichen Tod ihres Protagonisten. Luisa hingegen wird mitten in ihren Ermittlungen zum Fall Sixsmith gezeigt.12 Bis auf Adams Erzählung handelt es sich daher in diesem Vorspann um interne Prolepsen und die Frage, wie es zu den vorgeführten Situationen kommen konnte, wird aufgeworfen.

Anschließend werden die Handlungsstränge in ihrer chronologischen Reihenfolge gezeigt. Es handelt sich bei diesen ersten Fragmenten um die längsten des Films, die eine Dauer von vier bis sieben Minuten haben.13 Die anschließende Reihenfolge der Sequenzen richtet sich nach der Gestaltung einer handlungsübergreifenden Gesamterzählung und ist nicht nach einem statischen Schema ABCDEF aufgebaut (vgl. Tabelle, S. III-V). Stattdessen werden sie nach bildsprachlichen, narratologischen und thematischen Resonanzen zwischen den Sequenzen angeordnet.14 Verschiedene Erzählabschnitte werden so zusammengeführt, beispielsweise die Reisen und Fluchtversuche der Protagonisten von TC: 01:27:44 bis TC: 01:40:54. Ebenso wird der entscheidende Kampf gegen die Unterdrückungsmächte in zwei aufeinanderfolgende Abschnitte mit jeweils drei parallel montierten Erzählungen zusammengefasst, wodurch sich hier eine Gesamtperipetie des Films von TC: 02:01:28 bis TC: 02:24:24 ergibt.

Innerhalb der einzelnen Handlungsstränge springt der Film zwischen den Zeiten umher. Die Geschehnisse in Neo Seoul werden von Sonmi als Erzählung in der Erzählung wiedergegeben und sind im Film mittels Rückblenden dargestellt. Dadurch wird der Zuschauer über das zuvor Geschehene informiert, die Handlung der Verhörsituation aber immer wieder aufgenommen. Die Metadiegese macht dabei den Großteil von Sonmis Geschichte aus. Optische Effekte der plötzlichen Unschärfe oder des Verschwimmens fehlen, sodass in Sonmis Handlungsstrang »[Gegenwärtiges und Vergangenes] den gleichen gemeinsamen Bildraum [bewohnen]«.15 Es ist dem Film somit möglich, das innerfiktional Erinnerte »als ebenso präsent scheinen zu lassen Engell, Lorenz: „Michel Gondry: Eternal Sunshine of the Spotless Mind“. in: Engell, Lorenz: Playtime: Muenchener Film-Vorlesungen, Konstanz, 2010. S. 288. Im Folgenden zitiert als: Engell, 2010. wie das Gegenwärtige.«16 Auch Cavendishs Rückblende an seine große Liebe Ursula wird visuell nicht gekennzeichnet, wenngleich eine Überlagerung von Gegenwart und Vergangenheit stattfindet, als Cavendish eine scheinbar jüngere Version seiner selbst beim Verlassen des Zuges beobachtet.17 Vergangenheit und Gegenwart werden in dieser Filmszene nicht nur parallel dargestellt, sondern als untrennbar gekennzeichnet (vgl. Kapitel 3.2, S. 16). Erst später markieren Manipulationen der Filmzeit, wie die Zeitraffer, eine Rückblende in seiner Erzählung.18 Deutlich als Rückblenden ausgestellt sind hingegen die Erinnerungen Zachrys, die durch einen höheren Grauanteil im Filmbild und veränderte Tonalität markiert sind.19 Zachrys Einführung legt ebenfalls nahe, den gesamten Film oder zumindest seinen Erzählstrang als eine lange Rückblende zu lesen.

Die innerhalb der Handlungssträngen verwendeten Prolepsen haben die Funktion den Zuschauer über weitere Zusammenhänge in Kenntnis zu setzten. Die Prolepse von Frobishers Gespräch mit Vyvian über das einzige Verhältnis seiner Frau mit einem anderen Mann ist beispielsweise in eine Dinnerszene hineingeschnitten und optisch nicht markiert. Ohne Frobishers Erklärung, dass es sich um ein späteres Gespräch handelt, wäre die Szene zeitlich nicht eindeutig in die Geschichte einzuordnen.20 Durch diese Rekursionsphänomene findet sich Zeitlichkeit als übergeordnete Thematik des Films auch in der dramaturgischen Gestaltung wieder.

2.2.2. Schauspielereinsatz

Der Schauspielereinsatz, der den Reinkarnationsgedanken vermittelt und die Erzählstränge zusammenhält, erinnert an ein Theaterensemble: Es finden sich in allen Handlungssträngen dieselben Schauspieler in unterschiedlichen Rollen. Der Film ist das einzige Medium, in dem Schauspieler typischerweise nur eine Rolle spielen.21 Indem Cloud Atlas mit dieser Konvention bricht, stellt er seine Figuren als Schauspieler aus und macht auf seine eigene Konstruiertheit aufmerksam. Zudem steigert die Verwendung derselben Schauspieler die Komplexität des Films und regt den Rezipienten zum erneuten Sehen mittels DVD Technik an.22 Im Film selbst wird bereits durch die Videoaufnahme von Cavendishs Memoiren auf ebendiese Sehpraktik hingewiesen.23

2.2.3. Episoden- und Mind-Game Film

Hinsichtlich des beschriebenen Handlungsaufbaus und seiner dramaturgischen Anordnung ist Cloud Atlas den Episodenfilmen zuzuordnen, die 1916 mit Intolerance ihren ersten Vertreter finden. Dieser Stummfilm zeigt vier Handlungsstränge, die räumlich und zeitlich weit voneinander entfernt liegen und doch durch das übergeordnete Thema menschlicher Intoleranz miteinander verknüpft werden. Typisch für Episodenfilme ist der fragmentierte Erzählfluss. Er besteht in Cloud Atlas aus 200 Sequenzen, die jeweils nur wenige Sekunden bis maximal sieben Minuten lang sind (vgl. Tabelle, S. III-V).24 Andere zeitgenössische Episodenfilme sind beispielsweise Paris je t’aime (2006), 21 Gramm (2003) oder Love Actually (2003).

Die dramaturgische Anordnung lässt sich mit dem Puzzle-Plot nach Buckland beschreiben. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht nur komplex und verworren ist, sondern auch verblüffende Wendungen nimmt und die Handlung zunehmend unvorhersehbar ist.25 Das gilt sowohl für die Ebene der Narration als auch für das Narrativ.26 Da in Cloud Atlas die Handlungen stetig unterbrochen und wiederaufgenommen werden, ist es für den Zuschauer schwierig die Geschehnisse des Films zu verfolgen und vorauszusagen. Die Anordnung der sechs Handlungsstränge ergibt ein komplexes Erzählgerüst, das durch den reduzierten Einsatz von Schauspielern zusätzlich verstrickt dargestellt wird. Der Zuschauer muss wie bei einem Puzzlespiel die Handlungsstränge mental synthetisieren, sodass sie schließlich zu einer übergeordneten Geschichte verschmelzen. Deswegen und weil dem Zuschauer im Fortschreiten des Films unterschiedliche Hinweise auf verschiedenste mögliche Verbindungen zwischen den einzelnen Handlungssträngen gegeben werden (wie beispielsweise das wiederkehrende Muttermal der Protagonisten), kann Cloud Atlas auch den Mind-Game Filmen nach Elsaesser zugeordnet werden. Wie bei einem Rätselspiel unternimmt der Zuschauer den Versuch, mithilfe der gegebenen Hinweise die Ereignissen in einen kohärenten Zusammenhang zu bringen, woraus wiederum die verschiedenen Lesarten des Films entstehen. Das Spiel als ein Hauptmotiv der Mind-Game Filme findet sich hier wieder.27 Mind-Game Filme bezeichnen dabei kein Genre, sondern ein auf verschiedene Genre anwendbares Phänomen.28

Elsaesser beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Narratologie, sondern ordnet den Mind-Game Filmen auch die Infragestellung epistemologischer und ontologischer Gegebenheiten zu.29 Die Darstellung des Geschichtenerzählers Zachry, der als einziger in der diegetischen Welt Old Georgie wahrzunehmen scheint, weist ihn als unzuverlässige Erzählinstanz aus. Es bleibt unklar, ob Old Gerogie tatsächlich als dämonischer Geist existiert oder Zachrys Fantasie entspringt. Die dem Filmmedium anhaftende Annahme, dass die Bilder nicht lügen, zerbricht durch die Unbestimmbarkeit von Realität und Fiktion in der Wahrnehmungsfähigkeit der Figur Zachry.30 Cloud Atlas thematisiert somit nicht nur inwiefern Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander in Relation stehen und ob Reinkarnation möglich ist, sondern fragt auch danach, wo die Grenzen von Wahrheit und Fiktion verlaufen.

[...]


1 Vgl.: Ebert, Roger: “Cloud Atlas”, 2012. in: Rogerebert.com. http:www.rogerebert.com/reviews/cloud-atlas-2012. Letzter Zugriff: 09.09.2016.

2 Vgl.: Bordwell, David: The way Hollywood tells it, Los Angeles / Berkeley, 2006. S.73. Im Folgenden zitiert als: Bordwell, 2006.

3 Vgl.: Bordwell, 1985, S. 49. Keutzer u.a., 2014. S. 196.

4 Vgl.: Cloud Atlas, 2012. TC: 00:01:44 – 00:04:50.

5 Vgl.: Cloud Atlas, 2012. TC: 00:04:59 – 00:36:45.

6 Vgl.: Parker, 2015. S.126ff.

7 Tykwer / Wachowski: Cloud Atlas, 2012. TC: 00:02:37 – 00:02:56. Abgespielt durch den VLC Media Player, wenn nicht anders vermerkt. Im Folgenden zitiert als: Cloud Atlas, 2012.

8 Vgl.: Parker, Jo Alyson: “From Time’s Boomerang to Pointillist Mosaic: Translating Cloud Atlas into Film” in: Substance #136, Vol. 44, Nr. 1, 2015. S.123. Im Folgenden zitiert als: Parker, 2015.

9 Andy Wachowski ist inzwischen unter dem Namen Lilly Wachowski bekannt. Da der Film noch unter dem Geburtsnamen publiziert wurde, wird dieser auch in der Hausarbeit verwendet.

10 Mitchells Roman beginnt nacheinander mit fünf Erzählungen, die in der Mitte abbrechen. Erst nach der sechsten Erzählung werden diese fünf wieder aufgenommen und nacheinander abgeschlossen. Mitchell verwendet in seinem Buch je Erzählung verschiedene literarische Gattungen wie ein Reisejournal, Liebesbriefe oder ein Interview.

11 Bordwell nennt Story, Plot und Stil in Anlehnung an die russischen Formalisten Fabula, Syuzhet und Style. Vgl.: Bordwell, David: Narration in the Fiction Film, London, 1985. S. 49-53. Im Folgenden zitiert als: Bordwell 1985.

12 Vgl.: Keutzer, Oliver / Lauritz, Sebastian / Mehlinger, Claudia / Moormann, Peter: Filmanalyse, Wiesbaden, 2014. S. 195. Im Folgenden zitiert als: Keutzer u. a., 2014.

Dies zeigt sich insbesondere in dem Handlungsstrang Frobishers, der mit dem Tod des Protagonisten endet.

13 Parker beruft sich auf ein Interview mit Tykwer und beschreibt die Schauspielersituation mit den Worten »[the actors are] playing souls, not characters […]«. Parker, 2015. S. 129.

14 Engell, 2010. S. 288.

15 Engell, 2010. S. 288.

16 Engell, 2010. S. 288.

17 Vgl.: Cloud Atlas, 2012. TC: 00:50:38 – 00:51:03.

18 Vgl.: Cloud Atlas, 2012. TC: 00:55:13 – 00:55:16.

19 Beispielsweise: Vgl.: Cloud Atlas, 2012. TC: 02:21:07 – 02:21:11.

20 Vgl.: Cloud Atlas, 2012. TC: 00:47:38 – 00:48:15.

21 Vgl.: Garwood, Ian: The Sense of Film Narration, Edinburgh, 2013. S. 140.

22 Vgl.: Kaul, Susanne / Palmier, Jean-Pierre / Skrandies, Timo: Erz ä hlen im Film. Unzuverl ä ssigkeit, Audiovisualit ä t, Musik,

23 Vgl.: Cloud Atlas, 2012. TC: 00:27:53 – 00:28:10.

24 Vgl.: Es sind 200, wenn die Sequenz, in der innerhalb weniger Sekunden eine Vielzahl von Bildern aus allen Handlungssträngen vorkommen (in der Tabelle „Vision“ genannt), nicht mitgezählt wird. Diese Sequenz kann als Traum von Zachery gedeutet werden.

25 Vgl.: Buckland, Warren: „Indroduction: Puzzle Plots” in: Buckland, Warren (Hg.): Puzzle Films. Complex Storytelling in Contemporary Cinema, Oxford, 2009. S. 3. Im Folgenden zitiert als: Buckland, 2009.

26 Vgl.: Buckland, 2009. S. 6.

27 Vgl.: Elsaesser, Thomas: „The Mind-Game Film“ in: Buckland, Warren (Hg.): Puzzle Films: Complex Storytelling in Contemporary Cinema, Oxford, 2009. S. 14. Im Folgenden zitiert als: Elsaesser, 2009.

28 Vgl.: Elsaesser, 2009. S. 14f.

29 Vgl.: Elsaesser, 2009. S. 15, 17.

30 Vgl.: Kaul u.a., 2009. S. 128.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Das Mosaik als Erzählstruktur im Film "Cloud Atlas". Plot, Stil sowie Verbindungsmethoden der Fragmente
Hochschule
Universität Konstanz  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Narrative Experimente im zeitgenössischen Film
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
31
Katalognummer
V704089
ISBN (eBook)
9783346203762
ISBN (Buch)
9783346203779
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cloud Atlas, Tom Tykwer, Wachowski, Narration, Fragmente, Episodenfilm, episodisches Erzählen, Kristallbild, Deleuze, Zeit, Time travel, Zeitreise, Puzzle-Plot, Mind-Game-Film
Arbeit zitieren
Jennifer Münster (Autor), 2017, Das Mosaik als Erzählstruktur im Film "Cloud Atlas". Plot, Stil sowie Verbindungsmethoden der Fragmente, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/704089

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