Sehen und Optik als Motive in "Der Sandmann" und "Der Meister Floh" von E. T. A. Hoffmann


Seminararbeit, 2017

22 Seiten, Note: 9


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das neue Sehen in der Romantik
2.1 Wissenschaften jagen einem Schreck ein
2.2 Die Wissenschaftler können aber auch verspottet werden

3. Kritik an den Philistern und der menschlichen Zivilisation
3.1 Zwei Frauenfiguren durch das gleiche Glas betrachtet
3.2 Zivilisationskritik gegen ein Bildungsbürgertum

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Am 24. Januar 1776 wurde am Königsberg Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann geboren, einer der bekanntesten Vertreter der deutschsprachigen Romantik. Es handelt sich um eine vielseitige Persönlichkeit, die sowohl beruflich als auch künstlerisch in vielen Bereichen aktiv war, was wahrscheinlich die Folge eines radikalen und umstürzlerischen Charakters war. Im Laufe seines Lebens und trotz seiner beruflichen, finanziellen und gesundheitlichen Probleme hat er viele Romane, Gedichte und Erzählungen verfasst und gleichzeitig Musikstücke komponiert. Er schrieb auch immer wieder über jenen Zwiespalt zwischen Künstlern und Philistern, über die Nachtseiten des Zivilisationsprozesses und er hat das Unheimliche, das Dämonische, den Wahnsinn und das Verbrechen in den Mittelpunkt gestellt1. Wie viele andere Romantiker hat er sich gegen die Klassik und die Aufklärung, ihre Ideale und ihre Ausdrucksart gewendet und in seinen Werken hat er die Romantisierung der Welt propagiert, wie auch die Art und Weise, wie man die Welt anders bzw. romantisch wahrnehmen kann.

Während nämlich die Aufklärung dem bloßen Auge misstraut und nur eine allgemeine Wahrheit über alle Sachen propagiert, bekommt die Subjektivität, trotz ihres trügerischen Potenzials, ein positives Vorzeichen in der romantischen Theorie. Ihr zufolge nimmt man nicht nur das Aussehen wahr, sondern man sieht jenseits der Oberfläche der Sachen. Man sieht die Seele der Welt. Während einer Beschreibung führen die Augen und die Psyche zur Schaffung von sinnlichen Bildern. Der romantische Held beschreibt nicht nur was er sieht, sondern auch wie er sich fühlt und gleichzeitig denkt er darüber nach. Der romantische Blick zeigt, dass alles sehr flüssig und nichts stabil ist. Die Art und Weise, wie man die Welt wahrnimmt, hängt von dem Betrachter ab. Die Romantik führt also das Motiv des Neuen Sehens ein und schenkt dem eigentlichen Akt des Sehens und der subjektiven Betrachtung eine wichtige Rolle.

In den hier ausgewählten Texten spielt Hoffmann genau mit diesem Motiv des Neuen Sehens und der neuen Betrachtung der Welt. Bei diesen Texten handelt es sich um eine Erzählung und einen Märchen-Roman. Die Erzählung Der Sandmann gehört zusammen mit anderen Werken zu seinen „Nachtstücken“, während sein Märchen-Roman Der Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde, eins seiner letzten Werke, ihm bis zu seinem Tod ernste Probleme mit dem preußischen Staat verursacht hatte. Der Grund, warum bei dieser Arbeit diese zwei Texte ausgewählt worden sind, ist, weil Hoffmann hier das Motiv des Neuen Sehens behandelt und mit ihm spielt.

Mithilfe also dieses romantischen Motivs und der zwei ausgewählten Werke wird hier einerseits Hoffmanns Haltung der Naturwissenschaften gegenüber thematisiert und andererseits wird gezeigt, wie Hoffmann bei dieser Gelegenheit Philisterkritik übt. Die Naturwissenschaften üben zwar eine große Anziehungskraft auf die Romantiker, aber gleichzeitig erschrecken sie sie. Und was die Klasse der Philister betrifft, lenkt sie die Aufmerksamkeit der Romantiker, wie auch ihre beißenden Kommentare, denn sie führt ein konservatives Leben und bleibt lebenslang „blind“ und unerfahren einer romantisierten Welt gegenüber. Naturwissenschaften und Philister stehen also unter Hoffmanns Mikroskop und werden detailliert beobachtet und kommentiert.

1. Das neue Sehen in der Romantik

Hoffmann führt in seinen zwei Werken die Thematik der Optik ein und er schafft die Voraussetzungen, damit man nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch den Prozess durch den sie geschaffen wird, beobachten kann. So wie die anderen Romantiker macht also Hoffmann die Entdeckung der Welt vom Sehen abhängig2. Die meisten Künstlergestalten und Erzählerfiguren in seinen Werken sind begabte Seher und jedes Mal wenn er Physiognomien beschreibt, betont er die Augen und den Blick der entsprechenden Figuren3, wie auch wenn er zum Beispiel Claras Augen mit „einem See von Ruisdael“ (DS 20)4 vergleicht. Übrigens benutzt er ständig Wortschatz rund um die Thematik des Sehens, wie zum Beispiel „wegschauen, anblickte, anschauen“ (DS 20) und er lässt Coppola „sköne Öke“ (DS 27) statt Brillen oder Wettergläser verkaufen. Er spielt also mit diesem Motiv und der Leser versucht alles „mit dem Blick zu fassen“(MF 317)5. Da er aber gleichzeitig die Verwendung künstlerischer Sehwerkzeuge liebt, kommen optische Instrumente wie Spiegel, Brillen, Mikroskope oder Teleskope in fast allen seiner Werke vor6. Man könnte sagen, dass er das Sehen eigentlich wie eine Hauptvoraussetzung für die Verfassung eines Werkes betrachtet7.

Die Frage des Sehens betrifft jedoch nicht nur die Figuren innerhalb der Dichtung, sondern auch die romantische Darstellungsweise überhaupt, und so wie der Dichter im weiteren Sinne zum Seher wird, so nimmt auch der Leser am Sehen teil, an einem neuen Sehen, das die Welt ändern und erneuern will8. Trotzdem, wenn man davon ausgeht, dass die Welt mit Hilfe des Sehens verändert und „romantisiert“ werden kann, dann ergibt es sich, dass die Welt eine Sache der Wahrnehmung ist9. So wie Hoffmann betonen noch Novalis und Eichendorff durch ihre Werke die wichtige Rolle der Optik und des Sehens und beide sind der Auffassung, dass nur das romantische Subjekt hinter der Oberfläche das wahre Sein der Sachen sehen kann.

Der traditionellen, naiven Auffassung zufolge haben einerseits alle Zugang zur Wirklichkeit und andererseits ist unser Verhalten der Wahrnehmung gegenüber nur passiv-rezeptiv und unsere Sinne sind bloße Fenster, durch welche die Wirklichkeit in uns unverändert eindringt10. Kant war einer der ersten, der diese Auffassung hinterfragt hat, denn er vertritt die Ansicht, dass das Anschauungsvermögen von jedem einzelnen die Art und Weise bestimmt, wie man die Welt und die verschiedenen Gegenstände betrachtet11. Im Gründe genommen unterstützte er die Auffassung, dass die Wahrnehmung der Außenwelt etwas Persönliches und Subjektives ist. Fichte ging ein Schritt weiter und hat darüber gesprochen, dass die Art und Weise, wie man die Welt wahrnimmt, eine Setzung des Ichs ist12. Die Romantiker haben aber die Subjektivität wie auch das subjektive Sehen ins Zentrum ihrer Welt und ihrer Werke gelegt und sie haben die Abhängigkeit des Sehens vom Subjekt betont13.

Für die Romantik ist das Neue Sehen ein träumerisches Erfassen der Außenwelt und ein Zustand, in dem der Träumer seine inneren Gefühle und Gedanken äußern kann14. Es erlaubt dem romantischen Subjekt den Zugang zur Welt der Phantasie und des Wunderbaren, wo es nicht mehr als Außenseiter gilt. Anselmus in dem Goldenen Topf zum Beispiel ist ein Seher, ein romantisches Subjekt, das seiner Alltagswelt nicht gehört und deshalb entscheidet sich für die Welt des Wunderbaren, wo seine Qualifikationen geschätzt werden. Übrigens unterscheidet sich durch dieses Motiv das Künstlertum aus den Philistern. Der Künstler hat Zugang zum Neuen Sehen, er erlebt es eigentlich in seinem Alltag und es trägt in manchen Fällen zur Schaffung des künstlerischen Werkes bei. Das schafft eine große Distanz zwischen ihm und den Philistern, die oft das künstlerische Subjekt unterschätzen und verspotten.

Hoffmann nimmt aus seiner Seite das Motiv des Neuen Sehens an, aber er interpretiert es auf seine eigene Art und Weise. Ironischerweise spielt er mit diesem Motiv und überwindet die gefestigten romantischen Klischees rund um die entsprechende Thematik. Obwohl man nämlich behaupten kann, dass die anderen Nathanael missverstehen, genau weil er als romantisches Subjekt, Seher und Künstler Zugang zum Neuen Sehen hat, kann man gleichzeitig nicht daran zweifeln, dass er eigentlich „das tolle – unsinnige – wahnsinnige Märchen ins Feuer“ (DS 25) werfen sollte, wie Clara es meint. Übrigens, was Peregrinus betrifft, sagt ihm Meister Floh: „damit alles geschehe, wie es die Sterne wollen, ohne daß fremdes einmische, so macht auch keinen Gebrauch von dem mikroskopischen Glase“ (MF 441). Meister Floh empfiehlt ihm also nicht als Seher sondern als einfacher Mensch seine Umgebung zu betrachten. Ironischerweise äußert Hoffmann auch im Rahmen dieser Thematik eine Ambivalenz der Technik und Wissenschaft bzw. der Naturwissenschaften gegenüber und gleichzeitig übt er Kritik an den Philistern, die wegen ihrer beschränkten Wahrnehmung keinen Zugang zur Welt des Wunderbaren haben.

2. Die Naturwissenschaften durch die „Perspektiven“ der Optik

Hoffmann hat sich bei der Verfassung seiner Werke von anderen Romantikern und Zeitgenossen beeinflussen lassen. Verschiedene Studien im Bereich der Naturwissenschaften, unter denen auch Gotthilf Heinrich Schuberts Publikation Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaften (1808), seine Bekanntschaft oder Freundschaft zu Ärzten seiner Zeit wie auch sein pures Interesse an die Medizin und die Psychiatrie haben dazu beigetragen, dass Hoffmann seine Kenntnisse in seinen Werken benutzt und gleichzeitig neue Fragen unter Diskussion stellt. Interessanterweise bemerkt man in vielen seinen Werken, wie sich seine Haltung der gleichen Thematik gegenüber ändert und entwickelt und wie er schafft, die entsprechende Thematik anders zu interpretieren. Etwas Ähnliches gilt auch für den Bereich der Naturwissenschaften in seinen Werken Der Sandmann und Der Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde. Die Thematik der Optik bietet ihm also die Gelegenheit, seine Ambivalenz gegenüber der Entwicklung der Naturwissenschaften zu äußern. Aus diesem Grund stellt er in beiden Werken Figuren von Wissenschaftlern, die er entweder zu schrecklich darstellt (Coppelius, Coppola), oder total karikiert (Swammerdamm, Leuwenhoek).

2.1 Wissenschaften jagen einem Schreck ein

Die Perspektivik des Sehens gilt als Hauptthema der Erzählung der Sandmann, denn Nathanael nimmt ein anderes Bild der Welt und der Wirklichkeit mit Hilfe des „Perspektives“ wahr, das Coppola ihm verkauft und die normale Perspektive wird umgedreht15, was davon ausgeht, wie er Clara und Olimpia sieht, nämlich Clara wie eine Puppe und Olimpia wie eine echte Frau. Indem Hoffmann mit den Motiven der Perspektive und des Perspektivs spielt und sie auf den zentralen Motivkomplex der Augen und des Sehens zurückführt, vor allem aber indem er „dieses Leitmotiv in einer Vielfalt von Einzelmotiven abwandelt, einbindet, vernetzt“16, schafft er die Dichte dieses Werkes herauszukristallisieren. Zu Hoffmanns Zeit ziehen die optischen Instrumente das Interesse der Romantiker an sich, da sie einerseits die wissenschaftlichen Möglichkeiten erweitern, andererseits jedoch als unzuverlässig gelten17. Auch bei Hoffmann wird die Thematik von Schein, Täuschung und Betrug ein weiteres Motiv18.

Die Welt der Wissenschaft wird in der Erzählung mehrfach verkörpert, nämlich vom Advokat Coppelius, der mithilfe von Nathanaels Vater alchemistische Experimente durchführt, vom Physikprofessor Spalanzani, der einen Automaten, eine künstliche Puppe schafft, die eigentlich wie eine wahre Frau aussieht und vom Wetterglashändler Coppola, der vielleicht das größte Enigma der ganzen Erzählung ist. Hoffmanns Interesse an künstlichen Menschen, Marionetten und Automaten ist auch aus anderen Werken bekannt. Es handelt sich hierbei um eine Tradition, die sich im 18. Jahrhundert rasch verstärkte und in der Romantik ihren Höhepunkt fand19. Seine eigene Olimpia gehört zu den bekanntesten Automaten der Weltliteratur20. Bei ihr, der verständnisvollen Geliebten Nathanaels, geht es in Wahrheit um einen Automat, in den Nathanael seine Wünsche und Phantasien hineinliest21.

Hoffmann zeigt in diesem Werk eine Art Angst den Wissenschaftlern bzw. Wissenschaften gegenüber, ein Bild, das er ganz detailliert und vorsichtig im Laufe seiner Erzählung schafft. Er gibt dem Advokat bzw. dem Alchemisten den Namen Coppelius und dem Wetterglashändler den Namen Coppola, was auf das italienische „coppo“ verweist, was Augenhöhle bedeutet22. Sein Physikprofessor Spalanzani verdankt seinen Namen dem Italiener Lazzaro Spallanzani, der einer der berühmtesten Naturforscher des Jahrhunderts war und vor allem durch seine Versuche zur künstlichen Begattung und Fortpflanzung von Tieren bekannt war23. Genau die Wahl seines Namens zeigt Hoffmanns Absicht sich der zeitgenössischen Naturwissenschaft und der Wissenschaftsgläubigkeit der Zeit gegenüber spöttisch zu äußern24. Spalanzani, der große und bekannte Physikprofessor Nathanaels, wird als listig aber gleichzeitig noch als feige dargestellt, denn am Ende „musste, […], fort, um der Kriminaluntersuchung wegen der menschlicher Gesellschaft betrüglicher Weise eingeschobenen Automats zu entgehen“ (DS 39). Er hatte nicht mal den Mut seine eigene Schaffung und sein eigenes Lebenswerk zu verteidigen. Er ist ein Wissenschaftler, der aber seine eigene Wissenschaft nicht schätzt.

Coppelius wird in Nathanaels Brief an Lothar aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben, alle aber stehen unter dem gemeinsamen Nenner der Angst. Nathanael schreibt:

wir durften, war er zugegen, keinen Laut von uns geben und verwünschten den hässlichen, feindlichen Mann, der uns recht mit Bedacht und Absicht auch die kleinste Freude verdarb. Die Mutter schien ebenso, wie wir, den widerwärtigen Coppelius zu hassen; denn so wie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr heiteres unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen, düstern Ernst. Der Vater betrug sich gegen ihn, als sei er ein höheres Wesen, dessen Unarten man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten müsse. Er durfte nur leise andeuten und Lieblingsgerichte wurden gekocht und seltene Weine kredenzt (DS 8).

Seine Gestalt erschreckt die Kinder, die Mutter empfindet Abscheu vor ihm und der Vater zeigt sich respektvoll ihm gegenüber, was aber man gleichzeitig noch als tiefe Angst interpretieren könnte. Die schrecklichste Szene ist aber, wenn Nathanael von tiefer Neugier verleitet, im Laufe eines Experiments anwesend ist:

Mir war es als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber ohne Augen – scheußliche, tiefe schwarze Höhlen statt ihrer. »Augen her, _Augen her!« rief Coppelius mit dumpfer dröhnender Stimme. Ich kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfasst und stürzte aus meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius, »kleine Bestie! – kleine Bestie!« meckerte er zähnefletschend! – riss mich auf und warf mich auf den Herd, dass die Flamme mein Haar zu sengen begann: »Nun haben wir Augen – Augen – ein schön Paar Kinderaugen.« So flüsterte Coppelius, und griff mit den Fäusten glutrote Körner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen wollte. Da hob mein Vater flehend die Hände empor und rief: »Meister! Meister! lass meinem Nathanael die Augen – lass sie ihm!« Coppelius lachte gellend auf und rief: »Mag denn der Junge die Augen behalten und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den Mechanismus der Hände und der Füße recht observieren.« Und damit fasste er mich gewaltig, dass die Gelenke knackten, und schrob mir die Hände ab und die Füße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. »’s steht doch überall nicht recht! ’s gut so wie es war! Der Alte hat’s verstanden!« So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich her wurde schwarz und finster, ein jäher Krampf durchzuckte Nerv und Gebein ich fühlte nichts mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt über mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte sich über mich hingebeugt (DS 9f).

Ein Vertreter der Naturwissenschaften wird also hier wie ein verrückter Wissenschaftler dargestellt, der Kinderaugen für seine Experimente braucht und Nathanael wie eine mechanische Puppe behandelt. Ein menschliches, optisches Instrument, das Auge, wird hier von einem Wissenschaftler wie ein Spiel benutzt und der menschliche Körper verliert seinen Wert und verwandelt sich in eine einfache Marionettenpuppe in seinen Händen. Die Vorwegnahme des Automatenmotivs ist in diesem Punkt eine Art Hinweis auf das, was vorkommen wird und ironischerweise sogar eine Art Beweis dafür, dass die Wissenschaften schrecklich und zerstörerisch sein können.

Obwohl dieses Ereignis Nathanaels Kindheit tief beeinflusst hatte, war es nicht so katalytisch für sein späteres Leben, wie es die erste Begleitung mit dem Wetterglashändler Coppola war. Das Perspektiv, das ihm der angenommene ehrbare Mechaniker Coppola abkaufte, gab ihm die Möglichkeit Spalanzanis Puppe, Olimpia, aber auch Clara anders zu betrachten. Einerseits verlebendigt das Neue Sehen durch das Perspektiv in Nathanaels Augen Olimpia, die lebenslose Puppe und er kann „Olimpias himmlischer Liebreiz“ (DS 34) nicht entgehen. Andererseits trägt es auch dazu bei, dass er Clara wie eine Puppe, einen Automat, eine ihm gegenüber feindliche Person sieht.

Indem also Hoffmann ein Perspektiv einführt, was eher zu einem Märchen führt und wahrscheinlich nicht so glaubhaft ist, schafft er seine Sorgen und vielleicht noch seine Ängste rund um die Entwicklung der Wissenschaft der Mechanik zu thematisieren und gleichzeitig noch eine Art Unsicherheit über ihre potenziellen Errungenschaften zu äußern.

2.2 Die Wissenschaftler können aber auch verspottet werden

Wie schon erwähnt, gehört der Märchen-Roman Der Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde zu den letzten Werken Hoffmanns und dies mag die Änderung in der Haltung des Schriftstellers den Wissenschaften gegenüber erklären. Seiner Arbeitsweise entsprechend hat Hoffmann für seinen Märchen-Roman zahlreiche wissenschaftliche und literarische Publikationen konsultiert und eine seiner Hauptquellen war das Werk De prodigiosis naturae et artis operibus, Talismanes et Amuleta dictis des Philosophen und Juristen Peter Friedrich Arpe, das 1792 unter dem Titel Geschichte der talismannischen Kunst, von ihrem Ursprunge, Fortgange und Verbreitung. Ein Beitrag zu den geheimen und höheren Kenntissen des Menschen im deutschsprachigen Raum erschienen worden war25. Außerdem war er Kenner der Descartesschen Ideen über die Instrumentalisierung der Natur von den Menschen, woran die Entwicklung der Naturwissenschaften den stärksten Anteil hatte und er lehnte wie die anderen Romantiker Fichtes Naturbegriff ab26. Ihm zufolge darf der Mensch die Natur für seine Zwecke benutzen und die Tiere müssen einfach unter der Kontrolle und den Willen der Menschen stehen, obwohl in der Antike die Auffassung herrschte, dass jedes Lebewesen seinen Zweck in sich selbst hat27.

[...]


1 Vgl. Stephan 2001: 223. Stephan, Inge (2001): „Die späte Romantik“ in: Beutin, Wolfgang / Ehlert, Klaus u.a.: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart; Weimar: Metzler, S. 182-238. In diesem Eintrag werden Thematiken und Motive der späten Romantiken hauptsächlich am Beispiel Hoffmanns und Eichendorffs behandelt.

2 Vgl. Pikulik 1979: 293. In seinem Werk Romantik als Ungenügen an der Normalität. Am Beispiel Tiecks, Hoffmanns, Eichendorffs arbeitet Lothar Pikulik mit bekannten Begriffen und Motiven der Romantik, wie zum Beispiel die Ferne, das Wandern und das Neue Sehen. Mithilfe der Texte der drei bekannten Vertreter der Romantik erklärt er auch die Haltung der Romantiker wichtiger Themen gegenüber, wie die Aufklärung, die Umwelt, die Philister und das Ungenügen. Es besteht aus drei Teilen unter den Titeln: die Wirklichkeit als Normalität, Ungenügen und Kompensation des Ungenügens.

3 Vgl. Ebd.: 294

4 Hoffmann E.T.A. (2015): Der Sandmann. Stuttgart: Philipp Reclam, ab hier wird DS kennzeichnet

5 MF steht für: Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde. in: Hoffmann, E.T.A. (2004): Späte Prosa. Briefe. Tagebücher und Aufzeichnungen. Juristische Schriften. Werke 1814-1822. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag.

6 Vgl. Pikulik 1979: 294

7 Vgl. Ebd.

8 Vgl. Ebd.

9 Vgl. Ebd.: 295

10 Vgl. Ebd.: 296

11 Vgl. Ebd.

12 Vgl. Ebd.: 297

13 Vgl. Ebd.

14 Vgl. Ebd.: 299

15 Vgl. Steinecke 2004: 289. Hartmut Steineckes Werk Die Kunst der Fantasie. E.T.A. Hoffmanns Leben und Werk ist in vier Kapiteln geteilt, unter den Titeln: Vom fantastischen Autor zum Verfasser der Fantasiestücke (1794-1814), Fantastik und Schauer oder Undine und Sandmann, Nußknacker und Teufel (1814-1818), Fantastische Werke eines ››humoristischen Schriftstellers‹‹ (1819-1822) und Hoffmann-Spuren. Steinecke dringt Hoffmanns Leben durch, betont die wichtigen Meilensteine seines Lebens und analysiert viele von seinen Werken.

16 Ebd.

17 Vgl. Ebd.: 290

18 Vgl. Ebd.

19 Vgl. Ebd.: 291

20 Vgl. Ebd.

21 Vgl. Stephan 2001: 225

22 Vgl. Herausgeberkommentare S.971 in: Hoffmann, E.T.A. (2009): Nachtstücke / Klein Zaches genannt Zinnober / Prinzessin Bambilla / Werke 1816-1820. Hartmut Steinecke und Gerhard Allroggen (Hrsg.) haben unter anderen Hoffmanns bekannte Werke, unter denen auch seine Nachtstücke, gesammelt. Am Ende des Bandes stehen noch Kommentare und Analysen der Herausgeber, die sich auf die Entstehung, den biographischen Hintergrund, die Wirkung, die Struktur und Bedeutung usw. der Werke bezieht.

23 Vgl. Ebd.: 973

24 Vgl. Ebd.

25 Vgl. Herausgeberkommentare S.1377 in: Hoffmann, E.T.A. (2004): Späte Prosa. Briefe. Tagebücher und Aufzeichnungen. Juristische Schriften. Werke 1814-1822. In diesem Sammelband gibt es unter anderen Briefe, Juristische Schriften und Werke Hoffmanns, wie auch die Kommentare der Herausgeber in Bezug auf alle diese Werke. Der Band ist in sechs Teilen geteilt, unter dem gleichnamigen Titel.

26 Vgl. Ebd.: 1391

27 Vgl. Ebd.: 1391f

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Sehen und Optik als Motive in "Der Sandmann" und "Der Meister Floh" von E. T. A. Hoffmann
Hochschule
Αριστοτέλειο Πανεπιστήμιο Θεσσαλονίκης - Thessaloniki
Note
9
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V704239
ISBN (eBook)
9783346201676
ISBN (Buch)
9783346201683
Sprache
Deutsch
Schlagworte
floh, hoffmann, meister, motive, optik, sandmann, sehen
Arbeit zitieren
Sofia Kokkini (Autor:in), 2017, Sehen und Optik als Motive in "Der Sandmann" und "Der Meister Floh" von E. T. A. Hoffmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/704239

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