Blumenberg über die Selbstbehauptung des demiurgischen Menschen


Essay, 2019

7 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Blumenberg über die Selbstbehauptung des demiurgischen Menschen

Der deutsche Philosoph Hans Blumenberg (* 13. Juli 1920 in Lübeck; † 28. März 1996 in Altenberge) schreibt der Philosophie eine besondere Stellung gegenüber den institutionalisierten Wissenschaften zu. Weder ist sie wie eine andere Wissenschaft, noch deren Überwissenschaft. Vielmehr versteht Blumenberg die Philosophie in Frage nach einer Orts- und Aufgabenbestimmung als ausgeschlossen Eingeschlossenes. D.h. als von den anderen Wissenschaften verdrängt wird sie zur Sachverwalterin von Unerledigtem.1 Im Erfolg der Wissenschaften und Technik gerät das, was wir eigentlich haben wissen wollen, in Vergessenheit, wo sich nun die Philosophie als bilanztechnischer Erinnerungsposten beweist. Die Philosophie hält diese Fragen aufrecht, die nicht in der Disziplin einer institutionalisierten Wissenschaft oder einer vermeintlich interdisziplinären Kommunikation zwischen den Wissenschaften gestellt werden. Damit bringt Blumenberg die Philosophie eng mit der Geschichte in Verbindung: Die Geschichtlichkeit des Denkens wird Medium philosophischer Distanzierung.2 Will sich die Philosophie einer Sache annehmen, so muss sie sich eine Distanz zu ihrem Gegenstand schaffen, die sowohl sachlich-systematisch als auch zeitlich historisch ist.3

Zu Blumenbergs Schaffenszeit wird dem Menschen die Bedrohung durch technischen Fortschritt vor Augen geführt. Vo r Allem die Erfindung der Atombombe symbolisiert das Potenzial menschlicher Selbstzerstörung. Instanzen wie die Wissenschaft und Technik verändern unsere Erkenntnissituation. Sie erfordern dann die philosophische Reflexion, derer sich Blumenberg mit einer Geistesgeschichte der Technik annimmt.4 Dieser Essay wird sich mit dem von Blumenberg gezeigten Wandel im Verständnis des Technikbegriffes von der Antike bis in die Neuzeit widmen. Dabei stellt Blumenberg einen sog. Ordnungsschwund fest. Was bedeutet das für den Menschen und wie konnte die Technik dadurch in der Neuzeit triumphieren?

Eine Geistesgeschichte der Technik besteht nicht aus der bloßen Abfolge voraussetzungsloser und zufälliger Erfindungen. Die philosophische Interpretation widmet sich vielmehr der verändernden Konzeption der Wirklichkeit, die technische Erfindungen möglich macht. Ein Beispiel bietet die optische Linse. Der verändernde Einfluss von Glas ist wohl auch in der Antike bekannt. Zu Galileos Zeit änderte sich das Wirklichkeitsverständnis dahingehend, dass man, als neue Sterne auftraten, zweifelte, ob alles Wirkliche auch sichtbar sei. Als Folge dieses neuen Wirklichkeitsverständnisses erfand Galileo das Fernrohr. Erst hier nutzte man das Wissen, des optisch verändernden Einflusses von Glas, um die Linsen so zu schleifen, dass dieser Effekt genutzt wird. Die Denkblockade des antiken Wirklichkeitsparadigmas, dass alles Wirkliche auch vollständig sichtbar sei, musste erst aufgelöst werden, damit die Erfindung möglich ist.5 Betrachten wir zuerst das antike Wirklichkeitsparadigma und dessen Technikverständnis genauer.

In der Antike findet sich die Technik in Natur und Kosmos eingebunden. Blumenberg schreibt dazu folgendes:

„Erst eine vertiefte Interpretation des antiken τέχνη-Begriffs zeigt, daß auch das Verfertigte seinen Seinscharakter aus dem inneren Zusammenhang der Natur entlehnt und daß das durch τέχνη Seiende nur kraft solcher Entlehnung ein Seiendes genannt werden kann.“6

Die Techne ([rsyr]) befindet sich in einer Nachahmung der Natur und ist somit als Teil eines Natürlichen. So ist es mit den Gegenständen, die der Mensch hervorbrachte, immer so, dass sie einer Nachahmung der Natur, der sog. imitatio, entsprechen. Aristoteles spricht von einer Vollendung dessen, was die Natur nicht zu Ende bringen kann, und von einer Nachahmung ihrer durch die Techne. Der Mensch wird hierbei nur als auxiliar begriffen, wenn das Potentielle durch ungünstige Umstände behindert wird. Ein Beispiel hierfür ist der Gärtner, der indem er seine durch Trockenheit bedrohte Saat gießt, zum Vollender der gefährdeten Teleologie wird. Ein zweites Beispiel ist der Häuserbau: Hier baut der Mensch das Haus lediglich so, wie die Natur sie wachsen ließe. Im Paradigma der imitatio gibt es keine technischen Neuerungen, die nicht von der Natur so ausgelegt sind.

Der Mensch bleibt nur ein Vollstrecker, nicht aber ein Schöpfer. An ihm ist es lediglich, die naturgegebene Potentialität zu verwirklichen. Bei Platon wird noch deutlicher, wie Technik und Natur zusammenspielen.

„Der Dualismus von Organismus und Mechanismus ist also keine Kategorie, mit der wir beliebig in der Geschichte des Denkens operieren können. Bei Plato treten generative und konstruktive Metaphern unmittelbar nebeneinander, ja ineinander auf [...]. Die Orientierung der Weltdeutung an Mechanismen hat die Antike in organischen Grundvorstellungen nicht gestört [...]-“7

Blumenberg erkennt bei Platon ein mechanisches Verständnis der Natur. Im Timaios wird der Mythos der Demiurgen behandelt. Ursprünglich bedeutet Demiurg (δημιουργός) in etwa Arbeiter für die Öffentlichkeit. Die Bedeutung entwickelt sich dann dahingehend, dass man ihn häufig mit Handwerker übersetzt, was eine technische Fähigkeit impliziert.8 In Platons Kosmologie spricht dieser vom Demiurgen wie ein Weltschöpfer, der mit seiner Fürsorge Urgrund aller denkbaren Lebewesen ist. Dazu gehören auch der von ihm organisierte und vollständige Götterhimmel bestehend aus den sieben Komponenten Sonne, Mond und den fünf anderen Sternen. Die Götter wirken dann als Unter-Demiurgen und erschaffen den Menschen. Die Tätigkeit des Demiurgen wird mit der eines Baumeisters umschrieben. Der Akt der Erschaffung der Welt ist demnach technisch veranlagt, bleibt aber bestimmt von Regeln und lässt sich somit nicht als ein Akt schöpferischer Freiheit verstehen.9 Dabei wird auch er als der imitatio entsprechend gesehen: Selbst der Schöpfer-Demiurg bleibt nachahmend, indem er die Ideen der Ideenwelt schaut, woraufhin er dann die Idealität zur weltlichen Realität aktualisiert.10 Die Welt wird das Abbild dieser Idealität.

Für Blumenberg zeigt sich im antiken Paradigma ein Vorrang der Aktualität gegenüber der Potentialität. Alles aktuell Wirkliche wird als die Realisierung der Idealität, auf die die Welt teleologisch angelegt ist, verstanden.11 In der antiken Metaphysik erkennt er eine Limitierung menschlicher Schöpfungskraft: Die metaphysisch dechiffrierte Welt drückt sich in ihrer geordneten Vollständigkeit aus. Alle seienden Dinge besitzen bei Aristoteles eine Dynamis (δύναμις), ein Vermögen zur Veränderung, der eine notwendige Entelechie (ἐντελέχεια), das ist ihre zielgerichtete Verwirklichung, innewohnt. Was möglich ist, müsse auch zwangsläufig irgendwann in Aktualität kommen. Die Dinge besitzen ein Telos ( τέλος ), ein Ziel. Diese Vollständigkeit und der suggerierte Reichtum dieser Welt verlangt nicht nach der Annahme, dass es noch mehr geben könnte, dass es anders sein könnte.12 Der antike Mensch fragt danach, was ist.

Platons Schöpfer-Demiurg ist ein Beleg für das Verständnis, dass die Natur einem technischen Urakt entsprungen ist. Eine Fortführung dieses Gedankens erkennt Blumenberg in den christlichen Vorstellungen des Mittelalters:

„Zugleich aber wird nun mit dem biblisch-christlichen Schöpfungsbegriff ein völlig neues Verhältnis von Physis und Techne grundgelegt: die Physis selbst ist einem Akt der Techne entsprungen. Die Wahrheit des Seienden ist in letzter Instanz in der ‚ars divina’ gegründet. Die Natur wird nicht mehr über das Paradigma der ‚Herstellung’ nur hilfsweise begriffen, sondern sie wird damit im Grund ihres Seins erfaßt: sie ist ein ‚factum’.“13

Im theologischen Voluntarismus des 14. Jahrhunderts tritt für ihn dann aber eine entscheidende Veränderung im Wirklichkeitsverständnis auf. Hier entsteht zum ersten Mal das Prinzip einer Kontingenz der Welt. Indem der Voluntarist an einen allmächtigen Gott glaubt, wird der Akt göttlicher Schöpfung nicht mehr als durch ideale Vorgaben eingeschränkt gesehen. Der göttliche Wille will nicht mehr nur, was der göttliche Intellekt ihm vorschreibt, wodurch das Erschaffene nicht mehr als Spiegel seines schöpferischen Intellekts gesehen wird. Da das seine Allmacht einschränken würde, muss die Welt daher als nur eine Verwirklichung seiner Möglichkeiten gesehen werden. Das macht sie nicht mehr notwendig und metaphysisch dechiffrierbar, sondern lediglich zum Produkt seines uneingeschränkten freien Wi l l e n s. Dadurch ändert sich die Bestimmung des Wertes des Möglichen: Wenn Gott nicht auf eine Schöpfung festgelegt ist, vermag es der Möglichkeit anderer Welten, die er zwar hätte schaffen können, es aber nicht tat. D.h. dass alles, was den Naturgesetzen nicht widerspricht, als möglich angesehen werden kann, ohne dass ihm eine teleologische Realisierung notwendig zugrunde liegt. Die Welt der Kontingenz entteleologisiert den Wirklichkeitsbezug und die Annahme, die Welt sei für den Mensch geschaffen, entfällt. Ohne die Welt dechiffrieren zu können, heißt den göttlichen Willen, die Teleologie einsehen zu können, findet sich der Mensch verunsichert im Ordnungsschwund, wie Blumenberg diesen Vorgang nennt.14 Er kann sich nicht mehr auf eine transzendent garantierte Ordnung verlassen.15 Diesen Moment stilisiert er zum Ausgangspunkt menschlicher Selbstbehauptung: „Das Minimum an ontologischer Disposition ist zugleich das Maximum an konstruktiver Potentialität.“16 Der Mensch des ausgehenden Mittelalter, bzw. der Neuzeit fragt danach, was sein könnte.

[...]


1 Vgl. Borck, C., „Philosophie als Transzendenz nach innen“, in: Borck, C. (Hrsg.), Hans Blumenberg beobachtet, Freiburg/München 2013, S. 9.

2 Vgl. Ebd., S. 15.

3 Vgl. Ebd., S. 19.

4 Vgl. Ebd., S. 9, S. 19 f.

5 Blumenberg, Hans, Paradigmen zu einer Metaphorologie, Berlin 2013, S. 94

6 Vgl. Waack-Erdmann, K., Die Demiurgen bei Platon und ihre Technai, Darmstadt 2006, S. 27.

7 Vgl. Ebd., S. 46-52.

8 Vgl. Ebd., S. 46-52.

9 Vgl. Ebd., S. 46-52.

10 Vgl. Goldstein, J., „Entfesselter Prometheus?“ in: Borck, C. (Hrsg.), Hans Blumenberg beobachtet, S. 34.

11 Vgl. Ebd., S. 34f.

12 Vgl. Ebd., S. 34f.

13 Blumenberg, Schriften zur Technik, S. 43.

14 Vgl. Goldstein, J., „Entfesselter Prometheus?“ in: Borck, C. (Hrsg.), Hans Blumenberg beobachtet, S. 36f.

15 Vgl. Müller, O., „Blumenberg liest eine Fußnote von Marx“ in: Borck, C. (Hrsg.), Hans Blumenberg beobachtet, Freiburg/München 2013, S. 62.

16 Blumenberg, Hans, „Ordnungsschwund und Selbstbehauptung. Über Weltverstehen und Weltverhalten im Werden der technischen Epoche“, in: Kuhn, H. (Hrsg.), Wiedermann, F. (Hrsg.), Das Problem der Ordnung. Sechster Deutscher Kongreß für Philosophie, München 1960, Meisenheim am Glan 1962, S. 134.

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Details

Titel
Blumenberg über die Selbstbehauptung des demiurgischen Menschen
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Vorlesung mit Übung: Leben und Maschine
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
7
Katalognummer
V704280
ISBN (eBook)
9783346187598
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Blumenberg, Technik, Demiurg, Selbstbehauptung, Geistesgeschichte der Technik
Arbeit zitieren
Amon Raun (Autor), 2019, Blumenberg über die Selbstbehauptung des demiurgischen Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/704280

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