Die Filmanalyse zeigt, dass es sich bei dem Film "Die Mühle und das Kreuz" um eine Werkanalyse von Bruegels Œuvre handelt. Der Film erzählt nur wenig von Bruegels Leben, seine Familie und Ausbildung, sondern stellt allein den Blick des Künstlers auf sein eigenes Kunstwerk dar. Der historische Kontext von Bruegels Zeit wird dabei nur soweit aufgegriffen, wie es für die Aufarbeitung der Kreuztragung notwendig ist. Die Kunsttraditionen, in die sich Bruegels Gemälde einschreibt und die Gibson in seinem Buch thematisiert, werden im Film anhand des deutlichen Paragone-Diskurses aufgezeigt. Zugleich thematisiert der Film dabei auch einen Paragone-Wettstreit zwischen Film und Malerei.
1. Ein Gemälde – viele Geschichten
2. Allgemeine Daten
3. Bedingungsrealität
4. Filmrealität
4.1. Inhaltsanalyse
4.2. Fokussierung und Formalanalyse
4.3. Synästhesie
5. Bezugsrealität
5.1. Historischer und religionsgeschichtlicher Kontext
5.2. Philosophischer und geistesgeschichtlicher Kontext
5.3. Kunsthistorischer Kontext
6. Wirkungsrealität – Rezeption
7. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, eine systematische Filmanalyse von Lech Majewskis Werk „DIE MÜHLE UND DAS KREUZ“ durchzuführen. Dabei soll nachgewiesen werden, dass der Film primär als filmische Adaption einer kunsthistorischen Werkanalyse zu verstehen ist und weniger den Fokus auf eine klassische Künstlerbiografie legt.
- Analyse der visuellen Charakteristika und der filmischen Umsetzung des Gemäldes von Pieter Bruegel d. Ä.
- Untersuchung der historischen, religiösen und philosophischen Kontexte der Entstehungszeit des Kunstwerks.
- Erforschung des Paragone-Diskurses zwischen Malerei und Film sowie der Zeitlosigkeit des Bildmediums.
- Betrachtung der Rezeption und der stilisierten Darstellung der niederländischen Landschaft im Film.
Auszug aus dem Buch
4.2. Fokussierung und Formalanalyse
Im Folgenden wird die Sequenz von TC: 01:01:09 bis TC: 01:06:43 fokussiert, da es sich hierbei um den Passionsweg, die Schlüsselszene des Films, handelt.
Eine Vogelperspektive zeigt den Prozessionszug, wobei die Geräusche einer Windmühle zu hören sind. Der Ton dieses Filmbildes greift auf das nachfolgende vor, denn anschließend wird der Müller in einer Nah-Einstellung vor der Mühle gezeigt. Im Film charakterisiert Bruegel den Müller als Personifikation Gottes und sein Blick nach unten symbolisiert die Beobachterfunktion, die jener in der Prozessionsgeschichte zunächst einnimmt. Auffällig ist, dass der Müller nicht in der Bildmitte, sondern im Goldenen Schnitt im Bild platziert ist (s. Abb. 1). Während die linke Hälfte des Bildes von der Holzfassade der Mühle verdeckt wird, erstreckt sich hinter dem Müller auf der rechten Seite eine weitläufige Landschaft mit Gebirgsketten am Bildrand. Das Filmbild erinnert so stark an einen Typus des Portraitbilds mit Landschaftsmalerei, dessen berühmtestes Beispiel sicherlich Da Vincis MONA LISA (1505) ist.
Die Prozession der Dorfbewohner wird in einer kontrastreichen Licht- und Schattengestaltung fortgeführt. Die Kamera befindet sich in einer Froschperspektive und das Filmbild erhält eine starke Tiefenwirkung (s. Abb.2). Diese Tiefenwirkung wird jedoch gebrochen, als die Kamera im nächsten Filmbild einem Trommler auf Augenhöhe gegenübersteht. Der Hintergrund wirkt flach, als würde der Trommler vor einer bemalten Leinwand stehen, obwohl sich die Wolken leicht bewegen. Ein extradiegetisch montiertes Pochen während des Prozessionszugs wird in diesem Ausschnitt des Films plötzlich zum intradiegetischen Ton der Trommeln. Von rechts betritt nun der Kaufmann Jonghelinck das Bild und blickt ein wenig über die Kamera hinweg scheinbar dem Prozessionszug zu. Anschließend ist Bruegel in einer Rückenfigur zu sehen, die gespiegelt dieselbe Pose darstellt wie Caspar David Friedrichs WANDERER ÜBER DEM NEBELMEER (s. Abb. 3). Der Film schaut Bruegel nicht über die Schulter beim Skizzieren zu, sondern fordert den Betrachter dazu auf, es dem Maler nachzutun: zu sehen und dabei zugleich den Sehakt des Künstlers zu reflektieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ein Gemälde – viele Geschichten: Einführung in die Thematik der filmischen Adaption von Pieter Bruegels Gemälde durch Lech Majewski.
2. Allgemeine Daten: Zusammenstellung grundlegender Produktionsfakten und technischer Spezifikationen des Spielfilms.
3. Bedingungsrealität: Analyse der Beweggründe und des künstlerischen Anspruchs hinter der Entscheidung für eine Spielfilm-Umsetzung statt einer Dokumentation.
4. Filmrealität: Detaillierte Untersuchung des Handlungsablaufs, der formalen Gestaltungsmittel und der synästhetischen Wirkung im Film.
5. Bezugsrealität: Einordnung des Films in den historischen, religiösen, philosophischen und kunsthistorischen Kontext der Entstehungszeit des Vorlagengemäldes.
6. Wirkungsrealität – Rezeption: Betrachtung der internationalen Aufnahme des Films und der kritischen Stimmen aus Presse und Kunstwissenschaft.
7. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung, dass der Film primär als eine komplexe filmische Werkanalyse fungiert.
Schlüsselwörter
Lech Majewski, Pieter Bruegel d. Ä., Die Kreuztragung Christi, Filmanalyse, Werkanalyse, Paragone, Filmtheorie, Kunstgeschichte, Renaissance, Tableau-vivant, Bildgenese, Historischer Kontext, Visuelle Charakteristika, Symbolik, Rezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Spielfilm „DIE MÜHLE UND DAS KREUZ“ des Regisseurs Lech Majewski im Hinblick auf seine Funktion als filmische Werkanalyse des Gemäldes von Pieter Bruegel d. Ä.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die filmische Umsetzung von Kunstgeschichte, das Verhältnis zwischen statischem Gemälde und bewegtem Medium Film, sowie die historischen und philosophischen Kontexte des 16. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass der Film primär als eine systematische Werkanalyse konzipiert ist und weniger als eine konventionelle Künstlerbiografie.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine systematische Filmanalyse durchgeführt, die durch ein detailliertes Sequenzprotokoll und den Vergleich mit kunsthistorischen Quellen gestützt wird.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Mittelpunkt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung der Filmrealität, der formalen Gestaltung sowie der historischen und kunsthistorischen Kontextualisierung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Wichtige Begriffe sind Werkanalyse, Paragone, Tableau-vivant, Bildgenese und historische Kontextualisierung.
Wie geht der Autor mit der Darstellung von historischen Fakten im Film um?
Die Arbeit kritisiert, dass der Film zwar einen Anspruch auf historische Korrektheit erhebt, diesen aber durch die bewusste Collage verschiedener Werke und stilisierte Landschaften wieder aufhebt.
Inwieweit spielt der Vergleich zwischen Film und Malerei eine Rolle?
Der Film thematisiert explizit einen „Paragone-Wettstreit“, also den Vergleich der Möglichkeiten und Grenzen beider Medien bei der Darstellung komplexer Inhalte.
- Citation du texte
- Jennifer Münster (Auteur), 2019, Eine systematische Filmanalyse von Lech Majewskis Spielfilm "Die Mühle und das Kreuz", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/704331