Bret Easton Ellis` "American Psycho". Patrick Bateman als infamer Ich-Erzähler ohne Identität


Hausarbeit, 2016

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Patrick Bateman: Der Erzahler, der „boy next doof, der Morder, das Monster
2.1. Die Darstellung Patrick Batemans im Roman
2.2. Batemans Mordlust und die Suche nach Identitat und Zugehorigkeit

3. Infamie und Ekel als Aspekte in ..American Psycho"

4. Patrick Bateman als infamer Erzahler

5. Schlussfolgerung

1. Einleitung

In seinem Aufsatz „La vie des hommes infames", in dem Foucault sich mit den Men-schen auseinandersetzt, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind und welchen er diese Bezeichnung des Infamen zukommen lasst, schreibt er:

„Cette pure existence verbale, qui fait de ces malheureux ou de ces scelerats des etres quasi fictifs, ils la doivent a leur disparation presque exhaustive et a cette chance ou mal-chance qui fait survivre, au hasard de documents retrouves, quelques rares mots qui parlent d'eux ou qu'ils ont eux-memes prononces."1

Auch wenn es sich hier urn reale Menschen handelt, deren Leben tatsachlich in dieser Form verlaufen ist, wie es in schriftlicher Form festgehalten wurde, so sind sie Foucault fremd, sie sind Existenzen, die nur im geschriebenen Wort existieren, eben eine „pure existence verbale". Ihr Schicksal wird nun durch dritte oder durch sie selbst uberliefert und auf diese Weise eroffnet es sich dem Finder ihrer Dokumente, in diesem Fall Foucault.

Ahnlich verhalt es sich auch mit dem Schicksal eines infamen Erzahlers oder einer infamen Figur, deren Erfahrungen und Ungluck in schriftlicher Form an den Leser her-angetragen werden. Anders als bei Foucault handelt es sich hierbei urn eine fiktive und nicht nur urn eine quasi fiktive Figur. Durch eine Erzahlerstimme - haufig in Form eines Ich-Erzahlers - wird das Leben des Infamen berichtet und kann dabei die selbe Fas-zination auf den Leser ausuben, wie es die Dokumente auf Foucault taten. Ein Roman, der die Geschehnisse einer solchen infamen Existenz wiedergibt, ist ..American Psycho" von Bret Easton Ellis. In dessen Zentrum steht die als Ich-Erzahler fungierende Hauptfigur Patrick Bateman. Aus dessen Sicht erfahrt der Leser eine Welt, die oberflachlich, kalt und konsumfixiert ist. So wird der Roman haufig als „a satire of consumer culture and the hegemonizing and dehumanizing forces of global capital on language and identity"2 verstanden. Doch im Fokus dieser Arbeit sollen die Taten Batemans stehen, welche er aufterhalb dieser Welt begeht und welche ihn zu einer infamen Figur und zu einem infamen Erzahler machen konnten. Bateman wird mit vo-ranschreiten des Romans immer mehrzu einem unkontrollierbaren Morder, der Men-schen, meist sind es Frauen, auf grausame Weise umbringt. Ob und inwiefern ihn dies nun wirklich zu einem infamen Erzahler macht, soil hier betrachtet werden. Dafur wird zuerst genauer auf die Figur Batemans im Allgemeinen eingegangen, dann auf die Eigenschaften des Infamen mit einem Bezug auf ..American Psycho" und zuletzt soil Bateman als infamer Ich-Erzahler untersucht werden.

2. Patrick Bateman: Der Erzahler, der „ boy next door", der Morder, das Monster

Patrick Bateman ist - wie es bereits einleitend erwahnt wurde - nicht nur die Hauptfigur des Romans, sondern so wird auch aus seiner Sicht in Form einer Ich-Erzahlung die-ser geschildert. Durch ihn wird die Handlung getragen, er ist derjenige, der die Verbre-chen verubt. Somit wird dem Leser die Geschichte aus Sicht des Taters prasentiert. Er erfahrt von seinen Gedanken und wird durch sehr detaillierte Beschreibungen zu einem Zeugen, fast schon zu einem Mittater, der nicht in der Lage ist, einzugreifen. Der Leser wird in Batemans Erfahrungswelt gesogen, ohne das er sich dagegen weh-ren kann. Ungefiltert und ohne Rucksicht prasentiert ihm Bateman sein gesamtes Um-feld, welches er offensichtlich selbst ablehnt, wie auch seine Opfer, die er zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verstummelt.

2.1. Die Darstellung Patrick Batemans im Roman

Patrick Bateman lebt in New York. Zu Beginn des Romans ist er urn die 26 Jahre als, am Ende etwa 27 oder 28 - sein genaues Alter wird mehrmals erwahnt, es ist aber schwer auszumachen, wann sein Geburtstag stattfindet, aber es lasst sich daraus schlieften, dass die Erzahlung uber einen Zeitraum von uber einem Jahr zieht (es gibt z.B. zwei Weihnachtsfeste im Laufe des Romans). Da es aber zwischen den Kapiteln immer wieder Zeitsprunge von schwer nachzuvollziehender Lange gibt, ist es schwie-rig, sich genauer diesbezuglich zu auftern.

Die Figur Batemans fasst Thomas Ballhausen wie folgt zusammen:

„Die Figur des Protagonisten von ..American Psycho" ist zwar die Konstruktion eines mo-dernen Soziopathen, aber nicht die Verkbrperung der Unkultur oder der fehlenden Bildung. Patrick Bateman ist durchaus gebildet, es gibt immer wieder Hinweise auf sein Studium in Harvard und eine umfangreiche Ausbildung."3

Bateman gilt somit also, bezieht man sich auf die Deutung Ballhausens, als ein Sozi-opath, hebt sich aber in seiner Verhaltensweise bzw. in seinem Auftreten darin ab, dass er einen Zugang zu Kultur und Bildung hat bzw. hatte. Hinzu kommt, dass er extrem viel Wert auf seine Kleidung legt, wie sich an unzahligen Stellen im Roman zeigt. „l'm wearing a lightweight linen suit with pleated trausers, a cotton shirt, a dotted silk tie, all by Valentino Couture, and perforated cap-toe shoes by Allen-Edmonds."4 In diesem Stil gibt es in nahezu jedem Kapitel eine kurze Passage, in der Bateman nicht nur seine eigene Kleidung, sondern auch die seiner Begleiter auflistet. Bestimmte Clubs oder Restaurant, die besucht werden, dienen als Uberschrift des jeweiligen Ka-pitels.

Ebenfalls gerne erwahnt Bateman in Gesprachen die Firma, fur welche er arbeitet und die den Namen „Pierce & Pierce" tragt. Von einigen Personen - insbesondere solche, die wenig mit den Geschaften an der Wall Street zu tun habe - wird sie allerdings des Ofteren mit einem Schuhgeschaft verwechselt:

I stare at the two of them for a minute before recrossing may legs and sighing, very irritated.

Well, I work on Wall Street. At Pierce & Pierce."

A long pause.

„Haveyouheardofit?"l ask.

Another long pause. Finally Sabrina breaks the silence. „ls it connected with Mays... or

Macy's?"

I pause before asking: „Mays?"

She thinks about it a minute then says, „Yeah. A shoe outlet? Isn't P & P a shoe store?"5

Die Verwechslung erweist sich als ein sehr haufig, fast schon immer prasentes Thema innerhalb des Romans. Es ist scheinbar kaum eine Person, die von anderen mit rich-tigem Namen erkannt und angesprochen wird. Bateman scheint sich in einer Welt zu bewegen, die fern von jeglicher Individualist ist. Immer wieder wird er fur jemand an­deren gehalten, oder er selbst verwechselt auch Menschen oder ist sich der Namen nicht sicher. Jsn't that Madison? No, it's Dibble"6. Derartige Unterhaltungen gibt es ofter. Darin zeigt sich nicht nur Batemans eigene Angepasstheit - oft genug ist auch er ist, der mitfalschem Namen angesprochen wird -, sondern die Angepasstheit jedes Einzelnen. Es scheint, als konne eine Figur in dieser Welt nur dann gleichberechtigt neben den anderen existieren, wenn sie auch aussieht wie die anderen. Ein ahnlich pedantisches Verhalten wie bei seiner Kleidung, legt Bateman auch in alien anderen Aspekten seines Alltags an den Tag. So beschreibt er im Kapitel, „Morning"7 sehr genau seine Morgenroutine, welche Sportubungen er macht, welche Kasmetika er benutzt, sowie den Aufbau seiner Wohnung. Ein wenig klingt es, als wolle er auch den Leser mit seinen Statussymbolen beeindrucken. Als definiere sich die Figur Batemans einzig und allein uber ihren Besitz. „Over the white marble and granite gas-log fireplace hangs an original David Onica."8, beschreibt er ein Gemalde uber dem Kamin. Kurz darauf folgend heiBt es:

„The painting overlooks a long white down-filled sofa and a thirty-inch digital TV set from Toshiba; it's a high-contrast highly defined model plus it has four-corner video stand with a high-tech tube combinationfrom NEC with picture-in-picture digital effects system (plus freeze-frame); the audio includes built-in MTS and a five-watt-per-channel on-board amp."9

Fast schon wie auswendig gelernt, ahnlich einer Anzeige in einem Katalog, werden Eckdaten von Produkten wiedergegeben. Der Fernseher ist ein Statussymbol, ebenso wie das Gemalde. Das Gerat oder der Gegenstand selbst sind dabei nicht von Bedeu-tung, das einzige, was in dieser Auflistung zahlt ist der Name. Denn dieser ist, ahnlich der Designerlabels bei den Kleidungsstucken, nicht einfach nur ein Verweis auf die Qualitat des Produkts, vielmehr geht mit einem gewissen Namen oder einer gewissen Marke auch ein dementsprechender Preis einher. Es ist ein Ausdruck von Batemans Oberflachlichkeit.

Oberflachlich ist er [Patrick Bateman] zwar Teil der amerikanischen Hochkultur, aber eben nur einer wirtschaftsliberalen Funktionskultur, die zwar von den Ergebnissen und an den Ereignissen einer Kultur partizipieren mbchte, und das auch tut, diese aber nicht mehr ver-steht."10

So fasst Ballhausen Batemans Konsumverhalten zusammen. Das Gemalde zusam-men mit den anderen Einrichtungsgegenstanden - vor allem den „technischen Kon-sumgutern"11 - zeigt, dass auch Kunst nur eine Ware in Batemans Welt ist und ein Statussymbol darstellt. Bateman ist zwar eine gebildete Figur, aber in gleicher Weise sehr oberflachlich, „ein gebildeter Kulturverweigerer, ein personifizierter Ausdruck des tatsachlichen postkulturellen Status: dies zeigt sich in der Verschiebung von Kulturel-lem zu Kultischem"12. Er schmuckt sich mit Statussymbolen, die vor allem den Zweck haben, ihm eine Zugehorigkeit zu verschaffen, was ihm offenbar auch gelingt: „So Pat­rick - rich, good-looking, possessed of a good body - is the everyman of his culture"13, charaktehsiert Rogers Batemans Figur und hebt dam it vor allem hervor, wie durch-schnittlich dieser letztendlich in seiner AuGerlichkeit ist. Er ist in keiner Weise beson-ders, sondern maximal angepasst: „He's the boy next door. That's Patrick."14 Die Fas-sade, die er sich konstruiert hat, wird von der Umwelt ohne Zweifel angenommen. Was naturlich auch daher ruhren kann, dass eben diese Umwelt, durch welche Bateman sich bewegt, ebenso oberflachlich ist, wie er selbst. Denn in einigen Gesprachen zeigt sich, dass dieser nicht immer gewillt ist, seine Fassade aufrecht zu erhalten. Im Laufe des Romans geschieht es einige Male, dass Bateman seine Taten sogar gesteht. Wo-bei es wiederum schwierig ist, von einem „Gestandnis" zusprechen, da diese Erwah-nung in einer Beilaufigkeit geschieht, die dem Leser das Gefuhl gibt, diese Morde wa-ren Teil von Batemans Normalitat. Mit verstorender Gleichgultigkeit wirft er mitten im Gesprachsverlauf ein, wie er z.B. jemanden umgebracht hat, oder konfrontiert Leute mit seinen Phantasien. So berichtet er wahrend einer Gesichtsbehandlung der Kos-metikerin - ihr Name ist Helga - von einer solchen Idee:

„Did I ever tell you that I want to wear a big yellow smiley-face mask and then put on the CD version of Bobby McFerrin's .Don't Worry, Be Happy' and then take a girl and a dog -a collie, a chow, a sharpei, it doesn't really matter - and then hook up this transfusion pump, this IV set, and switch their blood, you know, pump the dog's blood into the hardbody and vice versa, did I ever tell you this?"15

Die Reaktion auf dieses Gestandnis ist ahnlich irritierend wie das Gestandnis selbst: ,„Shhh, Mr. Bateman/Helga says, running a warm loofah sponge over my face, which stings then cools the skin. .Relax.'"16 Es scheint, als hatte er es gar nicht erst ausge-sprochen, sie habe es nicht gehort oder es wurde sie womoglich gar nicht interessie-ren. Ahnliches geschieht, als er sich im darauffolgenden Kapitel mit Evelyn zu Essen trifft: „AII I can think about is this poster I saw in the subway station the other night before I killed those two black kids - a photo of baby calf [...p7 Es folgt darauf eine genauere Beschreibung dieses Posers, der Mord an den „two black kids" bleibt ledig-lich ein kurzer Einschub, eine scheinbar unwichtige Nebensachlichkeit, die er hier in seinem Bericht beilaufig erwahnt. Als ware es, wie gesagt, ein Teil von Batemans Le-ben, der vollkommen normal und in keiner Weise Verwerflich ist. Es lasst den Leser daran zweifeln, ob Bateman in irgendeiner Weise Moralvorstellungen hat. Und genau diese Frage ist schwierig zu beantworten. Ballhausen beantwortet die Frage fur sich damit: „Die Figur ist bar jeder tieferen Gefuhle und Empfindungen"18. Doch dies gilt scheinbar nicht nurfur Bateman. Auch die Reaktion Evelyns zeigt Gleichgultigkeit des Gesagtem gegenuber. Es ist unwahrscheinlich, dass sie Bateman uberhaupt zugehort hat:

„And for the first time since I've known her she is straining to say something interesting and I pay very close attention and she asks, „ls that...?"

„Yes?" This ist he only moment oft he evening where I feel any genuine interest toward what she hast o say, and I urge her to go on. „Yes? Is that ...?"

„ls that... Ivana Trump?" she asks, peering over my shoulder."19

[...]


1 Michel Foucault: La vie des hommes infames. In: Dits et ecrits. 1954-1988. Teil 2 1970-1975. Hrsg.: Daniel Defert, Paris, 1994, S. 237-253, hier S. 242.

2 Martin Rogers: Video Nasties and the Monstrous Bodies of American Psycho. In: Literature Film Quarterly; 2011, Vol. 39 Issue 3, S.231-244, hier S. 231.

3 Thomas Ballhausen: Bewegungen des Schreckens. Anthropophagie zwischen Metamorphose und Metastase. Hrsg.: Erika Kanduth u.a. Frankfurt a.M., 2010, S.69f.

4 Bret Easton Ellis: American Psycho. New York, 1991, S. 31.

5 Ebd.S. 171f.

6 Bret Easton Ellis: American Psycho. New York, 1991, S. 89.

7 Ebd. S. 24ff.

8 Ebd. S. 24.

9 Ebd. S. 25.

10 Thomas Ballhausen: Bewegungen des Schreckens. Anthropophagie zwischen Metamorphose und Metastase. Hrsg.: Erika Kanduth u.a., Frankfurt a.M., 2010, S. 71.

11 Ebd.S. 71.

12 Ebd. S. 70.

13 Martin Rogers: Video Nasties and the Monstrous Bodies of American Psycho. In: Literature Film Quarterly; 2011, Vol. 39 Issue 3, S.231-244, hier S. 234.

14 Bret Easton Ellis: American Psycho. New York, 1991, S. 11.

15 Brett Easton Ellis: American Psycho. New York, 1991, S. 116.

16 Ebd.S. 116.

17 Ebd.S. 121.

18 Thomas Ballhausen: Bewegungen des Schreckens. Anthropophagie zwischen Metamorphose und Metastase. Hrsg.: Erika Kanduth u.a., Frankfurt a.M., 2010, S. 70.

19 Bret Easton Ellis: American Psycho. New York, 1991, S. 121.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Bret Easton Ellis` "American Psycho". Patrick Bateman als infamer Ich-Erzähler ohne Identität
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V704368
ISBN (eBook)
9783346213495
ISBN (Buch)
9783346213501
Sprache
Deutsch
Schlagworte
american, bateman, bret, easton, ellis`, ich-erzähler, identität, patrick, psycho
Arbeit zitieren
Rebekka Merkel (Autor:in), 2016, Bret Easton Ellis` "American Psycho". Patrick Bateman als infamer Ich-Erzähler ohne Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/704368

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