„Ein altes japanisches Sprichwort lautet: Selbst auf einem Stein - drei Jahre. Das bedeutet, dass man selbst für etwas so Einfaches wie für das Sitzen auf einem Stein drei Jahre braucht, um es zu lernen.“ Nimmt man dieses Zitat ernst und denkt es weiter, so wird ersichtlich, warum Virtuosen, Olympiagewinner und Wissenschaftsexperten viele Jahre des Lernens und Übens darauf verwenden mussten, um an den Zenit ihres Könnens anzugelangen, der ihnen eben jenen Ruf des Einzigartigen verleiht.
Aber auch wenn es „nur“ darum geht, eine Fremdsprache zu erlernen oder ein schwerverständliches Fachbuch durchzuarbeiten, müssen gewisse Anforderungen vom Lerner erfüllt werden, um ausdauernd voranzuschreiten und nicht wie es Rousseau sagt: „Von der Natur und von den Menschen auf entgegengesetzte Bahnen gezogen, gezwungen, bald diesen, bald jenen Antrieben nachzugeben, lassen wir uns von einer Verquickung beider leiten und kommen so weder zu dem einen noch zu dem anderen Ziele. Solcherart geschlagen und schwankend das ganze Leben hindurch, beendigen wir es, ohne mit uns selbst einig geworden zu sein, ohne weder uns selbst noch anderen genutzt zu haben.“
Inhalt dieser Abhandlung soll es sein, in einem ersten Schritt darzulegen, wie der Begriff des Willens hier verstanden werden soll (II). Daran anschließend werden die notwendigen Voraussetzungen aufgezeigt, um Lernbemühungen über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten (III). Diese Voraussetzungen werden mit Erkenntnissen aus der Altersforschung gekoppelt, um zu zeigen, wie sich Willensanstrengungen im Alter verhalten können (IV). Abschließend soll der Versuch gewagt werden, die eruierten Bestandteile für ein kontinuierliches Lernen über verschiedene Lebensphasen hinweg, also transgenerational zu vergleichen (VI).
Die Fragen, die durch diese Abhandlung zur Lösung gebracht werden sollen sind, welche Differenzen bestehen zwischen jüngeren und älteren Personen bei der Ausdauer des Lernens und welche Gründe sind hierfür zu finden? Diese Fragestellungen erlangten insbesondere durch den Aspekt des „Lebenslangen Lernens“ und die Diskussion um die Einbeziehung älterer Arbeitnehmer an beruflichen Weiterbildungen an Interesse.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Wille und Volition
III Formen und Strategien zur Verhaltenssteuerung
IV Wille und Alter
V Willenssteigerung im Alter
VI Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Voraussetzungen für kontinuierliches Lernen über die Lebensspanne hinweg, wobei der Fokus auf dem Begriff des Willens bzw. der Volition liegt. Es wird analysiert, wie sich Willensanstrengungen im Alter verhalten und inwieweit altersbedingte kognitive Einbußen durch Training und Strategien kompensiert werden können, um auch älteren Personen erfolgreiches lebenslanges Lernen zu ermöglichen.
- Definition und psychologische Konzepte von Wille und Volition
- Formen und Strategien der Verhaltenssteuerung nach Kuhl
- Auswirkungen des Alterungsprozesses auf kognitive Leistungen und Handlungssteuerung
- Bedeutung von Erfahrung und gezieltem Training für die Willenssteigerung im Alter
- Transgenerationaler Vergleich der Lernausdauer
Auszug aus dem Buch
V Willenssteigerung im Alter
Voreilig wäre der Schluss, der am Ende des letzten Kapitels gezogen wurde deshalb, weil es eine Möglichkeit gibt erfolgreich zu intervenieren und zwar nicht durch bloße Zauberei, sondern durch gut kalkuliertes Training. Hierbei kommt den Älteren ein entscheidender Vorteil entgegen: die Erfahrung, oder genauer „Die Pragmatik [...] die durch Kultur und Bildung erworbenen und ausgebildeten Wissens- und Fähigkeitssysteme“. „Während im Alter in der physiologischen Dimension eher Verluste in den Vordergrund treten, sind in der psychologischen Dimension Entwicklungsprozesse im Sinne von ‚Wachstum’ möglich - als Beispiel für dieses Wachstum wird die Synthese von Erfahrung genannt [...].“ Durch eine langjährige Erfahrung können ältere Lerner zum Beispiel eher mit Misserfolgen umgehen. Misserfolge wurden schon oft durchlebt und mit der Zeit kristallisiert sich ein Wissen heraus, wie diese am Besten gemeistert und zur Fehlerkorrektur genutzt werden können. Aber auch Strategien und Vorgehensweisen können bis ins hohe Alter hinein perfektioniert werden.
„So hat Picasso bis zu seinem Tode mit 92 Jahren eine ununterbrochene Produktion aufrechterhalten, sein Alterswerk in seinem letzten Lebensjahrzehnt ist sogar besonders reichhaltig. Er hat jahrzehntelang die eigenen Strategien und Vorgehensweisen bei seiner künstlerischen Tätigkeit beobachtet und die Merkmale der Kreativität bei anderen Malern studiert. Seine Aussagen deuten darauf hin, daß er im höheren Alter vermutlich die als richtig erkannte Methode auf sich selbst systematisch anwendete.“ Es können also „[...] im Alter die Komponenten, die einem Abbau unterworfen sind, durch andere Komponenten (Wissen und Strategien) kompensiert werden [...].“
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik des lebenslangen Lernens ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den Unterschieden in der Lernausdauer zwischen jüngeren und älteren Personen.
II Wille und Volition: In diesem Kapitel wird der Begriff des Willens theoretisch verortet und zwischen imperativen und sequentiellen Konzepten der Volition differenziert.
III Formen und Strategien zur Verhaltenssteuerung: Hier werden die fünf Formen der Verhaltenssteuerung nach Kuhl sowie sechs daraus abgeleitete Strategien zur Handlungskontrolle detailliert erläutert.
IV Wille und Alter: Das Kapitel verknüpft Erkenntnisse der Altersforschung mit den Funktionen der Handlungssteuerung und zeigt altersbedingte kognitive Einbußen auf.
V Willenssteigerung im Alter: Es wird dargelegt, wie ältere Lerner durch Erfahrung und gezieltes Training ihre Volition stärken und kognitive Einbußen kompensieren können.
VI Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse und betont die Relevanz von Strategievermittlung für die berufliche Weiterbildung Älterer.
Schlüsselwörter
Wille, Volition, lebenslanges Lernen, Selbststeuerung, Altersforschung, kognitive Leistungsfähigkeit, Handlungskontrolle, Lernstrategien, Verhaltenssteuerung, Wissenskompensation, Motivation, Emotion, Handlungsregulation, Weiterbildung, transgenerationaler Vergleich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung des Willens und der Volition für den Lernprozess und untersucht, wie sich die Lernfähigkeit und -ausdauer über die Lebensspanne, insbesondere im Alter, verändert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die psychologischen Konzepte der Volition, die Strategien zur Verhaltenssteuerung nach Julius Kuhl, die Auswirkungen des biologischen Alterns auf kognitive Funktionen sowie Möglichkeiten der Kompensation durch Training.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Personen hinsichtlich der Ausdauer beim Lernen zu analysieren und zu hinterfragen, ob Ältere aufgrund biologischer Veränderungen generell weniger für lebenslanges Lernen geeignet sind.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Abhandlung, die aktuelle motivationspsychologische Konzepte und Erkenntnisse aus der Altersforschung sichtet, gegenüberstellt und theoretisch verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Fundierung (Wille/Volition), die Vorstellung von Steuerungsstrategien, eine Analyse der altersbedingten kognitiven Mechanik und die Diskussion von Interventionsmöglichkeiten wie Training und Erfahrung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Volition, Selbststeuerung, lebenslanges Lernen, Altersforschung, Handlungsregulation und die kompensatorische Rolle von Erfahrung und Wissen.
Wie definiert die Arbeit das Verhältnis zwischen Training und Wille?
Die Arbeit postuliert einen selbstreferentiellen Zirkel: Gezieltes Training stärkt den Willen, und ein starker Wille fördert wiederum die Intensität und Kontinuität des Trainings.
Welche Rolle spielt die „Pragmatik“ für ältere Lernende?
Die Pragmatik umfasst durch Kultur und Bildung erworbenes Wissen und Fähigkeiten. Sie dient im Alter als entscheidender Kompensationsfaktor, um physiologische Einbußen bei Lernprozessen auszugleichen.
- Citation du texte
- Torsten Bergt (Auteur), 2006, Wollen Sie? Wille und Lernen im transgenerationalen Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70505