All you need is speed!? - Betriebliche Bildung in Zeiten der Beschleunigung


Hausarbeit, 2006

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die betriebliche Bildung
2.1 Was wird unter der betrieblichen Bildung verstanden?
2.2 Der Bildungsbegriff in der betrieblichen Bildung
2.3 Nutzen und Ziele der betrieblichen Bildung

III. Das Zeitalter der Beschleunigung
3.1 Entschleunigung
3.2 Die Dimensionen der Beschleunigung
3.2.1 Die technische Beschleunigung
3.2.2 Die Beschleunigung des sozialen Wandels
3.2.3 Die Beschleunigung des Lebenstempos
3.3 Der Akzelerationszirkel
3.3.1 Das Zusammenwirken der Kräfte
3.3.2 Die externen Triebkräfte sozialer Beschleunigung

IV. Betriebliche Bildung unter Beschleunigungszwang
4.1 Betriebliche Bildung und das Problem der technischen
Beschleunigung
4.2 Betriebliche Bildung und das Problem der Beschleunigung des sozialen Wandels
4.3 Betriebliche Bildung und das Problem der Beschleunigung des Lebenstempos
4.4 Der Blick in eine beschleunigte Zukunft

V. Zusammenfassung

Abbildungsverzeichnis

Literatur

I. Einleitung

In letzter Zeit geht alles so Rasend, so unheimlich schnell! Mein Herz ist ein Flughafen, mein Kopf ist ein Hotel.“. Mit diesen Zeilen besingt der Liedermacher Fanny van Dannen ein Gefühl, das sich in dem einen Wort der „Beschleunigung“ manifestieren lässt.

Diese Arbeit greift den Gedanken auf, und erweitert ihn unter dem Kontext der betrieblichen Bildung. Die folgenden Überlegungen werden demnach von einer begrifflichen Trinität umspannt. Der Beschleunigung, der Bildung und der des Betriebes.

Die Beobachtung, dass sich in kapitalistischen Gesellschaftsformen eine bedrohliche Veränderung vollzieht, wurde schon von Marx erkannt, in dem er schreibt: „ Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht [...].“[1]

Das diese Entweihung und Verdampfung kein Prozess von vorindustrieller Dauer war, sondern noch immer ist und mit verstärkter Kraft in der Moderne wütet, soll an der Beschleunigungstheorie von Hartmud Rosa offen gelegt wird.

Systematisch möchte ich aber erst das Verständnis um die betriebliche Bildung erhellen, bevor die Veränderung der Zeitstrukturen erläutert werden.

Sind die beiden Säulen, die betriebliche Bildung und die Beschleunigungstheorie aufgebaut, so folgt der verbindende Träger, der die betriebliche Bildung unter Beschleunigungszwang betrachten will.

Ziel der Arbeit soll es sein, aufzuzeigen, ob Beschleunigungsprozesse Einfluss auf die betriebliche Weiterbildung ausüben und welcher Art diese sind.

„Bildung gleich Warten können“[2]

II. Die betriebliche Bildung

Da sich die natürliche Sprache vor allem durch ihre Uneindeutigkeit in Form der Synonymie und Polysemie[3] auszeichnet, soll hier vorab eine begriffliche Klärung der betrieblichen Bildung erfolgen.

Dies gestaltet sich, will man den Versuch einer Metaanalyse wagen, als Sisyphusarbeit, was nicht zuletzt dadurch bedingt ist, dass eine umfassende Theorie betrieblicher Bildungsarbeit bis heute nicht geschrieben wurde[4].

Ist man also zu einem, „zwischen den Stühlen“ stehen verdammt, gilt es ein festes Standbein zu schaffen, auf das sich gestützt werden kann. Diesen Versuch will ich im folgenden wagen. Hierzu soll zuerst aufgezeigt werden, welche Bildungsarten sich unter der Begrifflichkeit der betrieblichen Bildung rubrizieren lassen. Sodann möchte ich sie voneinander abgrenzen. Daran anschließend sollen der Nutzen und die Ziele der betrieblichen Bildung erläutert werden.

2.1 Was wird unter der betrieblichen Bildung verstanden?

Um sich klar zu machen, was unter der betrieblichen Bildung subsumiert werden soll, kann die Abb. 1 auf Seite 4 eine Hilfestellung bieten.

Etwas verallgemeinert, lasse ich direkt auf die schulische Laufbahn die Berufsausbildung folgen. Die dabei immer häufiger auftretenden Überbrückungsphasen (zum Beispiel durch ein berufspraktisches Jahr, etc.) sollen in der Überschneidung der Ellipsen dargestellt sein.

Unter die Berufsausbildung lässt sich grundsätzlich ersteinmal alles fassen, was nach Bieling „ [...] zu einem Basisberuf “ führt,[5] also die klassische Berufsausbildung, die sich noch einmal in eine rein schulische und in das Modell der dualen Ausbildung[6] auffächern lässt. Des weiteren lässt sich auch die Hochschulausbildung anführen, also Fachhochschulen, Universitäten, Akademien etc..

Im Sinne von Peters möchte ich aber nur die duale Berufsausbildung unter der Bezeichnung der betrieblichen Bildung kategorisieren und hingegen die rein schulischen Berufsausbildungen als „berufliche Bildung“ verstanden wissen.[7] Diese Differenzierung lässt sich dadurch begründen, dass der Betrieb, die Organisation, im Rahmen der rein schulischen Ausbildung eine eher marginale Steuerungskomponente auf die Auszubildenden richten kann[8].

An die Berufsausbildung anschließen, kann entweder der Einstieg ins Arbeitsleben oder es geht über eine weitere Schleife zurück in eine neu, weitere Berufsausbildung. Letzteres ist meist der Fall, wenn entweder keinerlei Aussicht auf eine Anstellung besteht, oder das Arbeiten im erlernten Beruf, für den Ausgebildeten nicht vorstellbar zu sein scheint, oder weil man sich einfach weiterqualifizieren will.

Verfolgt man den eintritt ins Berufsleben weiter, so lassen sich hier die zu unterscheidenden Formen der Fort- und Weiterbildung ausmachen. Dazu Bieling: „ [...]Weiterbildung baut auf einen Basisberuf auf und führt zu einer Spezialisierung im Basisberuf. Fortbildung soll Kenntnisse im Basisberuf aktualisieren und auf den jeweiligen Stand bringen oder das Wissen in einer durch Weiterbildung erreichten Spezialisierung vertiefen.“

Die Fort- und Weiterbildung stellt demnach für den Betrieb ein Instrument dar, um wirtschaftliche, strukturelle und organisatorische Veränderungen zu bewältigen. Um also eine ständige Anpassung zwischen aktuellen Kompetenzen, sowie die für die Erreichung des Unternehmensziels erforderlichen neuen Qualifikationen zu schaffen. In ökonomischen Zusammenhängen wird auch von Fachtrainings gesprochen[9].

Die betriebliche Bildung lässt sich m.E. an dieser Stelle weiter differenzieren. Angelehnt an Arnold, möchte ich von betrieblicher und individueller Bildungsorientierung sprechen.[10] Die betriebliche Orientierung ist stark auf die ökonomischen Unternehmensziele ausgerichteten. Legt zum Beispiel die Unternehmensführung fest, in Zukunft durch den Einsatz einer neuen teilautomatischen Fertigungsstraße einen höheren Mengendurchlauf in der Produktion zu erzielen, so gilt es die Mitarbeiter für die neue Technik „fit“ zu machen. Der Betrieb fordert in dieser Situation unausweichlich eine Qualifikation seiner Mitglieder.

Die individuelle Bildungsorientierung will ökonomische Zwänge nicht ausschließen. Anders aber, als die betriebliche Orientierung fragt sie mehr nach den Bedürfnissen der Akteure. Ein Instrument diesbezüglich stellt zum Beispiel das Mitarbeitergespräch dar, welches (im Idealfall) nach individuellen Entwicklungs- und Qualifikationserfordernissen des Mitarbeiters fragt.[11]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der betrieblichen Bildung gegenüber, steht die selbstgesteuerte Bildung. Die Initiative geht also vornehmlich vom Individuum aus und muss auch inhaltlich nicht unmittelbar unternehmensrelevant ausgerichtet sein. Mikroskopiert man die selbstgesteuerte Bildung so fällt der Blick zum einen auf Karriere orientierte und zum anderen auf persönlich intrinsisch motivierte Aspekte. Unter letztere lässt sich beispielsweise das Erlernen eines Instruments einordnen[12]. Die auf Karriere orientierte Bildung richtet ihre Blicke verstärkt auf ökonomische, gesellschaftliche Bedingungen. Sie steht der individuellen Orientierung in der betrieblichen Bildung sehr nah, da Karriereambitionen zum Beispiel auch im Mitarbeitergespräch geäußert werden können. Andererseits löst sie sich ebenso stark von der betrieblichen Bildung ab, da sie auch immer eigene Wege gehen will. Dem karrierebewussten Denker bedeuten die internen betrieblichen Ziele nur immer so viel, wie er selbst daraus Gewinn schlagen kann.

2.2 Der Bildungsbegriff in der betrieblichen Bildung

Von Bildung kann erst dann gesprochen werden, wenn der Gebildete objektive, materielle und inhaltlich bestimmbare Gegenstände sowie geistige Sachverhalte kennt, versteht und verarbeitet hat.

Hierzu muss er in formaler, gegenstandsübergreifender, seine Persönlichkeit einbeziehender Form, die erworbenen überfachlichen Fähigkeiten entwickeln und ausbauen.

Bloßes Faktenwissen reicht nicht aus, wenn von Bildung die Rede sein soll! Erst dann, wenn ein das Faktenwissen übersteigendes Orientierungswissen vorhanden ist, kann von Bildung gesprochen werden.

Bildung schließt die Ausbildung eines speziellen, individuellen Profils ebenso mit ein, wie eine geistige und habituelle Spezifizierung und Differenzierung. Individualisierung meint hier auch, dass die Person über einen gewissen Informationsumfang sowie über eine Denk- und Urteilsfähigkeit verfügt. Anschlussfähig müssen jedoch auch Prozesse sein, die das Verhalten, die Einstellungen sowie die moralische Urteilsfähigkeit und das individuelle Wertegefühl mit einschließen.[13]

Es ist aber Obacht zu geben, dass die betriebliche Bildung nicht zu einer „ [...] Qualifikationsmaschine im Vorfeld der Wirtschaft[14] avanciert. Bildung sollte am Zenit der Zweckreihe verhaftet bleiben. Hierzu bedarf es ethischer Ziele des Wirtschaftens, die nicht durch eine erpresserische Sachzwanglogik verloren gehen dürfen. Bildung soll immer auch zum Prozess der Selbst- und Weltwahrnehmung, der Selbst- und Welterkenntnis, der Selbst- und Weltdeutung sowie der Gestaltung der Lebensumstände beitragen.

2.3 Nutzen und Ziele der betrieblichen Bildung

Die betriebliche Bildung hat zum Ziel, die beruflichen Qualifikationen oder Kompetenzen[15] der Mitglieder des Betriebes zu schaffen, zu erhalten, zu erweitern und zu verbessern, das heißt sie will die zur erfolgreichen Bewältigung einer Arbeitsrolle vorhandene Lücke schließen.

In der Organisationspsychologie werden vier Kernkompetenzen unterschieden:

- Fachkompetenz: umfasst Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten also spezifisches Fachwissen.
- Methodenkompetenz: kognitive Fähigkeiten, mit denen neue und komplexe Aufgaben bewältigt werden können, (z.B. Regeln des Brainstorming).
- Sozialkompetenz: kommunikative und kooperative Fähigkeiten, um soziale Interaktionen zu realisieren.
- Selbst- oder Personalkompetenz: umschließt die motivationale und emotionale Steuerung des beruflichen Handelns.[16]

Abschließend kann gesagt werden, dass die betriebliche Bildung also nicht nur die bloße Vermittlung von Wissen ist. Bildung will sich hier auch unter dem Moment der Selbstständigkeit, des Sich-Bildens der Persönlichkeit im Sinne Wilhelm von Humboldts verstanden wissen.[17]

“The time is out of joint”[18]

III. Das Zeitalter der Beschleunigung

Wird in der modernen Gesellschaft wirklich alles schneller? Ergeht es uns immer mehr wie dem weißen Kaninchen bei Alice im Wunderland, welches unaufhörlich auf seine Uhr starrt und gehetzt ausruft: „Ich komme zu spät, ich habe keine Zeit.“?

Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich hier, gestützt auf die Beschleunigungstheorie von Hartmut Rosa, aufzeigen, wie sich Zeitstrukturen in der Moderne verändern.

Warum nur Rosa? Warum nicht Adam mit ihrer „ Time and Social Theory“, Beck mit seiner „Risikogesellschaft“, Bergmann mit „ Die Zeitstrukturen sozialer Systeme “, Geißler mit dem „ Tempo der Welt. Am Ende der Uhrzeit “, Gronemeyer mit ihrem düsteren „ Das Leben als letzte Gelegenheit. Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit “, Heideggers „ Sein und Zeit “, Luhmann mit seiner systemischen „ Weltzeit und Systemgeschichte “, Sandbothe mit „ Die Verzeitlichung der Zeit.“ oder (um die Nerven des Lesers nicht zu strapazieren) letztlich Virilio mit der Verheißung „Rasender Stillstand“?

Nun, die Liste der Literatur, in der es um Zeit, Beschleunigung und Wandel in der Moderne geht, ließe sich beliebig erweitern, doch eine Theorie, die den Versuch wagt alle Nervenfasern in sich zu vereinigen fehlt.

Die relativ junge Theorie der Beschleunigung von Rosa hingegen gibt Obacht, sich nicht im Detail zu verlieren, sondern bemüht sich, eine Gesamtsicht der Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne abzugeben. Nach Rosa selbst geht es um eine „[...] Rekonzeptualisierung der aktuellen Gesellschaftstheorie.“[19]

Ich möchte mich diesem Entwurf anschließen, da ich in dieser kritischen Theorie keine Lücke der Unschlüssigkeit finden konnte. Gleichsam möchte ich aber auch nicht beim Bekannten stehen bleiben, sondern einen Ausdehnungsversuch auf die betriebliche Bildung wagen.

3.1 Entschleunigung

Zu beginn kann gesagt werden, dass sich nicht alles beschleunigt. Kategorisch lassen sich nach Rosa fünf Phänomene aufzeigen, welche sich einer „Dynamisierung“ entziehen oder ihr sogar entgegenlaufen.

1. Zuerst können natürliche Geschwindigkeitsgrenzen genannt werden. Hierzu gehören geophysikalische, biologische und anthropologische Prozesse, die in ihrer Dauer nur unter massiven quantitativen Einbußen zu verändern sind. Anführen lassen sich hier zum Beispiel Wahrnehmungsprozesse des Gehirns, Reproduktionsvorgänge für natürliche Rohstoffe (Erdöl), Jahres und Tageszeiten[20].
2. Des Weiteren lassen sich Bereiche ausmachen, in denen „ [...] gleichsam die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.[21] Unter solche „ Entschleunigungsinseln “ fallen Sekten wie die Amish-Gemeinden in Ohio oder sozial exkludierte Gruppen. Als weiteres „lebhaftes“ Beispiel kann hier die aus dem TV bekannte Jack-Daniels -Werbung dienen, die mittlerweile von einer Zigarettenwerbung karikiert wird.
3. Sodann kommt es in zahlreichen Handlungsfeldern zu „ unbeabsichtigten Verlangsamungen “ von Beschleunigungsprozessen. Solche dysfunktionalen Nebenfolgen sind die zweifellos bekannten Verkehrsstaus oder die Wartezeiten zwischen Anschlusszügen. Auch bei Arbeitnehmern, sofern diese unter Tempo- und damit Produktivitätssteigerungen im Produktionsprozess stehen, können aufgrund von hohen Arbeits- und Innovationsansprüchen extreme Entschleunigungen in Form von Arbeitslosigkeit entstehen.
4. Phänomene der intentionalen Entschleunigung treten in zweierlei Form auf: entweder als „ funktionale “ oder „ akzeleratorische “ Entschleunigung oder als „ ideologische “ Entschleunigungsbewegungen. Unter letztere lässt sich konstatieren, dass in der Geschichte jede technologische, organisatorische oder kulturelle Akzeleration auf verstärkten Wiederstand gestoßen ist[22]. Insbesondere ist es die Sehnsucht nach der verlorenen geruhsamen, stabilen und gemächlichen Welt. „ Ziel dieser Ideologie ist es, den Akzelerationsprozess der Moderne im Namen einer besseren Gesellschaft und Lebensform zum Stillstand zu bringen.[23] Unter „ funktionale “ oder „ akzeleratorische “ Entschleunigunsprozesse lassen sich individuelle und kollektive Erholungsphasen fassen. Als bekanntestes Beispiel steht hier wohl der Schlaf.
5. Als fünfte und letzte Kategorie von Verlangsamungsprozessen sollen die strukturellen und kulturellen Erstarrungen aufgezeigt werden. Aufgrund der scheinbar „ grenzenlosen Kontingenz und Offenheit moderner Gesellschaften “ kommt es immer mehr zu einem „ rasenden Stillstand “.[24] Arbeitet man zum Beispiel im Bereich des operativen Managements, so ist es ohne Frage wichtig, über die neusten Entwicklungen informiert zu sein. Um sein Wissensdefizit auszugleichen, müssen diverse Fachzeitschriften, Internettartikel sowie die neueste Managementlektüre gelesen werden. Steht nun aber nur ein begrenzter Zeitraum für diese Tätigkeiten zur Verfügung, erhöht sich automatisch der Selektionszwang. Daraus ergibt sich fast immer das Gefühl des Unbefriedigtseins, denn entweder trifft man eine Entscheidung aufgrund unzureichender Informationen oder man informiert sich sehr lange, wobei automatisch andere Aktivitäten auf der Strecke bleiben, oder man verzichtet ganz auf eine Entscheidung und lässt den Dingen erst mal ihren lauf. Die Entscheidung fällt also auf das Nichtstun, obwohl oder gerade weil sich um einen herum alles ändert. Man ist wie in einem abgefeuerten Projektil gefangen.

Nach dem das Pferd vielmehr von hinten aufgezäumt wurde, soll es nun, nachdem die Entschleunigungskategorien dargestellt wurden, im akzelerierten Galopp zu den Beschleunigungsdimensionen gehen.

3.2 Die Dimensionen der Beschleunigung

Nach Rosa verändern sich Zeitstrukturen in der Moderne nach einem einheitlichen Muster, dass sich mit dem Begriff der sozialen Akzeleration beschreiben lässt.

Es werden drei Dimensionen sozialer Beschleunigung differenziert. Die technische Beschleunigung, die Beschleunigung des sozialen Wandels und die Beschleunigung des Lebenstempos.

3.2.1 Die technische Beschleunigung

Der soziale Zweck und die unmittelbare Wirkung technischer Beschleunigung liegt darin, Zeit zu sparen. Zielgerichtete technische Beschleunigungen sind Prozesse des Transports, der Kommunikation und der Produktion.

Historisch lassen sich die Akzelerationen anhand der Fortbewegungsgeschwindigkeiten aufzeigen. Es genügt die Durchschnittsgeschwindigkeit einer Fußreise gegen die einer Flugzeugreise zu stellen. Zur Illustration stelle man sich einen jungen Mönch im beginnenden 16 Jh. vor, der per pedes aus Erfuhrt nach Rom reisen möchte, um seltene Bücher für seinen Orden zu erwerben und dagegen einen Topmanager, der für ein kurzes Meeting die gleiche Strecke mit dem Flugzeug überwindet. Um das Ganze noch weiter zu beschleunigen, lässt man den Manager einfach in seinem Büro in Erfurt sitzen, wo er über das Internet - also mit Lichtgeschwindigkeit! - an dem Meeting im Rom teilnimmt.

Technische Beschleunigung bezeichnet jedoch nicht nur die schnelleren Bewegungen von Menschen und Informationen. Ebenso ist auch die beschleunigte Herstellung von Gütern, die Umwandlung von Stoffen und Energien sowie die Dynamisierung der Dienstleistungen unter diesem Aspekt zu subsumieren.

Im Wirtschaftssystem geht es indessen um erhöhte Produktionsgeschwindigkeiten. Dies zeigt sich an einer Steigerung der Distributions- und Konsumtionsgeschwindigkeiten, welche durch technische Innovationen weiter forciert werden.

Technologische Beschleunigung lässt sich also als die „ intentionale Beschleunigung zielgerichteter Prozesse[25] definieren.

Wo immer es aber möglich ist, „ durch verbesserte Techniken Zeit zu sparen (in der Bildung durch den Einsatz neuer Technologien, T.B.), ist der soziale Zeitdruck groß[26]. Dieses Paradoxon soll unter dem Punkt „Beschleunigung des Lebenstempos“ aufgeklärt werden.

3.2.2 Die Beschleunigung des sozialen Wandels

Sozialer Wandel und technologische Innovationen lassen sich analytisch unterscheiden, wenngleich sie prima facie Hand in Hand zu gehen scheinen.

Die Beschleunigung des sozialen Wandels bezieht sich auf das Tempo, indem sich Handlungsorientierungen und Assoziationsstrukturen verändern. Also die Veränderungen von Mode, Beschäftigungsverhältnissen, Familienstrukturen, religiösen Bindungen, etc.. Hier postuliert Rosa, dass sich die „ Veränderungen selbst verändern “, bzw. beschleunigen.[27] Beispiele hierfür sind die Verkürzung von Parteiprogrammen von vier- auf zweijährige Laufdauer oder der Wandel von Beschäftigungsverhältnissen in einer „fordistischen Fabrik“ („Bis das der Tod euch scheidet.“) gegenüber den neueren Arbeitsmarktreformen in Frankreich.[28]

Mit Hilfe des Konzepts der „ Gegenwartsschrumpfung “ wird der Versuch unternommen die Beschleunigung des sozialen Wandels näher einzugrenzen. Gegenwart wird hier definiert „[...] als ein Zeitraum der Dauer bzw. Stabilität, für welchen [...] Erfahrungsraum und Erwartungshorizont unverändert und damit deckungsgleich sind.“[29] Lübbe vermutet, dass die Gesellschaft eine „ fortwährende Gegenwartsschrumpfung durch zunehmende soziale und kulturelle Verhaltensgeschwindigkeiten bzw. Innovationsverdichtungen erfährt.[30]

Durch eine Verkürzung der Zeitrhythmen des Umlernens oder durch das ständige schrumpfen der Halbwertzeit von Wissen sind gleichsam in allen Lebensbereichen „ slipping slopes[31] (rutschende Abhänge) auszumachen. Der permanente Wandel, sowie der Wandel im Wandel macht ein Stillstehen, ein Nicht-Handeln oder Nicht-Entscheiden unmöglich. Um mit der Veränderung Schritt halten zu können, um also Handlungsoptionen und Anschlusschancen nicht zu verlieren, müssen stets zeitliche Ressourcen aufgewandt werden, um sich immer wieder von neuem der fremden, offenen Zukunft anzupassen.

3.2.3 Die Beschleunigung des Lebenstempos

Die Beschleunigung des Lebenstempos und die ihr zugrunde liegenden Verknappung von Zeitressourcen steht in einem paradoxen Verhältnis zur technischen Beschleunigung. Eigentlich sollte durch die Einsparung von Zeit, erzeugt durch die technische Beschleunigung (siehe Fußmarsch vs. Flugreise von Erfurt nach Rom), eine Senkung des Lebenstempos erreicht werden. Der Topmanager benötigt für seine Reise nur ein paar Stunden, wohingegen der Mönch einige Wochen brauchte. Hieraus lässt sich schließen, dass der moderne Ökonom, gegenüber seinem anachronistischen Vorfahren eine größere Menge freier Zeit zur Verfügung haben müsste. Dem ist aber nicht so.

Auflösen lässt sich dieses Paradoxon durch eine Gegenüberstellung von Wachstums- und Beschleunigungsprozessen.

[...]


[1] Marx/Engels 1986, S. 37 f.

[2] Diese tiefsinnige Botschaft von Theodor W. Adorno drückt der betrieblichen Bildung im Zeitalter der Beschleunigung schon im Vorfeld ihren Stempel auf.

[3] Synonymie = mehrere Bezeichnungen repräsentieren einen Begriff; Poysemie = eine Bezeichnung repräsentiert mehrere Begriffe. Mehr zu der Unterscheidung von Begriff und Bezeichnung bei Wersig 1985

[4] Arnold 1991, S. 17

[5] Bieling 1980, S. 256

[6] Unter der dualen Berufsausbildung wird jene Ausbildungsform verstanden, in der der Auszubildende zum einen durch die Berufsschule und zum anderen durch den Betrieb auf die jeweiligen Erfordernisse des Berufs geschult wird.

[7] vgl. Peters 1999, S. 1

[8] Steuern soll hier aber immer unter dem Mitdenken des Konstruktivismus verstanden werden.

[9] vgl. Wittwer 2001, S.109

[10] vgl. Arnold 1991, S. 149

[11] vgl. Nagel/Oswald/Wimmer 2000

[12] Berufsmusiker sind hiervon natürlich ausgeschlossen.

[13] vgl. Döring/Ritter-Mamczek 1999, S. 44

[14] Matzen 2005, S. 23

[15] Die Begrifflichkeiten Qualifikation und Kompetenzen möchte ich in dieser Arbeit, aus Gründen der Vereinfachung, synonym verwenden.

[16] vgl. Rosenstiel et.al. 2005, S. 403 f.

[17] vgl. Benner 1995

[18] Schon Shakespeare lässt Hamlet Klagen, das die Zeit aus den Fugen geraten sei.

[19] Rosa 2005, S. 24

[20] Wobei diese auch manipuliert oder simuliert werden können.

[21] Rosa 2005, S. 464

[22] Hier kann festgehalten werden, dass selbst die stärksten Kritiker nach und nach gegenüber den Beschleunigungsprozessen verstummten. Man denke nur an die Geschichte der Eisenbahn. Siehe hierzu Schivelbusch 2000 S. 16 und 35 ff.

[23] Rosa 2005, S. 147

[24] Rosa 2005, S. 152 f. und 463 ff.

[25] Rosa 2005, S. 129

[26] Rosa 2005, S. 245

[27] Rosa 2005, S. 129

[28] Deutschlandradio Kultur, 22.03.06, 09:10 Uhr

[29] Rosa 2005, S. 131

[30] Lübbe 1998, S. 263 f

[31] Rosa 2005, S. 193

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
All you need is speed!? - Betriebliche Bildung in Zeiten der Beschleunigung
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
36
Katalognummer
V70506
ISBN (eBook)
9783638625951
ISBN (Buch)
9783638674317
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Betriebliche, Bildung, Zeiten, Beschleunigung
Arbeit zitieren
Torsten Bergt (Autor), 2006, All you need is speed!? - Betriebliche Bildung in Zeiten der Beschleunigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70506

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