„In letzter Zeit geht alles so Rasend, so unheimlich schnell! Mein Herz ist ein Flughafen, mein Kopf ist ein Hotel.“. Mit diesen Zeilen besingt der Liedermacher Fanny van Dannen ein Gefühl, das sich in dem einen Wort der „Beschleunigung“ manifestieren lässt.
Diese Arbeit greift den Gedanken auf, und erweitert ihn unter dem Kontext der betrieblichen Bildung. Die folgenden Überlegungen werden demnach von einer begrifflichen Trinität umspannt. Der Beschleunigung, der Bildung und der des Betriebes.
Die Beobachtung, dass sich in kapitalistischen Gesellschaftsformen eine bedrohliche Veränderung vollzieht, wurde schon von Marx erkannt, in dem er schreibt: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht [...].“
Das diese Entweihung und Verdampfung kein Prozess von vorindustrieller Dauer war, sondern noch immer ist und mit verstärkter Kraft in der Moderne wütet, soll an der Beschleunigungstheorie von Hartmud Rosa offen gelegt wird.
Systematisch möchte ich aber erst das Verständnis um die betriebliche Bildung erhellen, bevor die Veränderung der Zeitstrukturen erläutert werden.
Sind die beiden Säulen, die betriebliche Bildung und die Beschleunigungstheorie aufgebaut, so folgt der verbindende Träger, der die betriebliche Bildung unter Beschleunigungszwang betrachten will.
Ziel der Arbeit soll es sein, aufzuzeigen, ob Beschleunigungsprozesse Einfluss auf die betriebliche Weiterbildung ausüben und welcher Art diese sind.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die betriebliche Bildung
2.1 Was wird unter der betrieblichen Bildung verstanden?
2.2 Der Bildungsbegriff in der betrieblichen Bildung
2.3 Nutzen und Ziele der betrieblichen Bildung
III. Das Zeitalter der Beschleunigung
3.1 Entschleunigung
3.2 Die Dimensionen der Beschleunigung
3.2.1 Die technische Beschleunigung
3.2.2 Die Beschleunigung des sozialen Wandels
3.2.3 Die Beschleunigung des Lebenstempos
3.3 Der Akzelerationszirkel
3.3.1 Das Zusammenwirken der Kräfte
3.3.2 Die externen Triebkräfte sozialer Beschleunigung
IV. Betriebliche Bildung unter Beschleunigungszwang
4.1 Betriebliche Bildung und das Problem der technischen Beschleunigung
4.2 Betriebliche Bildung und das Problem der Beschleunigung des sozialen Wandels
4.3 Betriebliche Bildung und das Problem der Beschleunigung des Lebenstempos
4.4 Der Blick in eine beschleunigte Zukunft
V. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss von gesellschaftlichen Beschleunigungsprozessen, basierend auf der Theorie von Hartmut Rosa, auf die betriebliche Weiterbildung. Ziel der Forschungsarbeit ist es, zu analysieren, ob und in welcher Form betriebliche Bildungsprozesse durch den herrschenden Zeitdruck und den technologischen Wandel in eine leistungsorientierte Qualifizierungsmaschinerie transformiert werden.
- Analyse der Beschleunigungsdimensionen in der Moderne (Technik, sozialer Wandel, Lebenstempo).
- Untersuchung der Wechselwirkungen im Akzelerationszirkel.
- Kritische Betrachtung betrieblicher Bildungsstrukturen unter Innovationsdruck.
- Herausarbeitung der Folgen für Individuen und deren berufliche Identität.
- Diskussion über mögliche Wege zur Entschleunigung in betrieblichen Kontexten.
Auszug aus dem Buch
3.1 Entschleunigung
Zu Beginn kann gesagt werden, dass sich nicht alles beschleunigt. Kategorisch lassen sich nach Rosa fünf Phänomene aufzeigen, welche sich einer „Dynamisierung“ entziehen oder ihr sogar entgegenlaufen.
1. Zuerst können natürliche Geschwindigkeitsgrenzen genannt werden. Hierzu gehören geophysikalische, biologische und anthropologische Prozesse, die in ihrer Dauer nur unter massiven quantitativen Einbußen zu verändern sind. Anführen lassen sich hier zum Beispiel Wahrnehmungsprozesse des Gehirns, Reproduktionsvorgänge für natürliche Rohstoffe (Erdöl), Jahres und Tageszeiten.
2. Des Weiteren lassen sich Bereiche ausmachen, in denen „[...] gleichsam die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.“ Unter solche „Entschleunigungsinseln“ fallen Sekten wie die Amish-Gemeinden in Ohio oder sozial exkludierte Gruppen. Als weiteres „lebhaftes“ Beispiel kann hier die aus dem TV bekannte Jack Daniels-Werbung dienen, die mittlerweile von einer Zigarettenwerbung karikiert wird.
3. Sodann kommt es in zahlreichen Handlungsfeldern zu „unbeabsichtigten Verlangsamungen“ von Beschleunigungsprozessen. Solche dysfunktionalen Nebenfolgen sind die zweifellos bekannten Verkehrsstaus oder die Wartezeiten zwischen Anschlusszügen. Auch bei Arbeitnehmern, sofern diese unter Tempo- und damit Produktivitätssteigerungen im Produktionsprozess stehen, können aufgrund von hohen Arbeits- und Innovationsansprüchen extreme Entschleunigungen in Form von Arbeitslosigkeit entstehen.
4. Phänomene der intentionalen Entschleunigung treten in zweierlei Form auf: entweder als „funktionale“ oder „akzeleratorische“ Entschleunigung oder als „ideologische“ Entschleunigungsbewegungen. Unter letztere lässt sich konstatieren, dass in der Geschichte jede technologische, organisatorische oder kulturelle Akzeleration auf verstärkten Wiederstand gestoßen ist. Insbesondere ist es die Sehnsucht nach der verlorenen geruhsamen, stabilen und gemächlichen Welt. „Ziel dieser Ideologie ist es, den Akzelerationsprozess der Moderne im Namen einer besseren Gesellschaft und Lebensform zum Stillstand zu bringen.“ Unter „funktionale“ oder „akzeleratorische“ Entschleunigunsprozesse lassen sich individuelle und kollektive Erholungsphasen fassen. Als bekanntestes Beispiel steht hier wohl der Schlaf.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Beschleunigung ein, verknüpft sie mit der betrieblichen Bildung und formuliert die zentrale Fragestellung der Arbeit.
II. Die betriebliche Bildung: Dieses Kapitel liefert eine begriffliche Klärung der betrieblichen Bildung sowie eine Abgrenzung zu anderen Bildungsformen unter Berücksichtigung von Zielen und Nutzen.
III. Das Zeitalter der Beschleunigung: Es wird die Beschleunigungstheorie von Hartmut Rosa dargelegt, die Dimensionen der sozialen Akzeleration definiert und der Akzelerationszirkel als selbsterhaltendes System erläutert.
IV. Betriebliche Bildung unter Beschleunigungszwang: Das Hauptkapitel überträgt die theoretischen Erkenntnisse der Beschleunigung auf die betriebliche Weiterbildung und analysiert die daraus resultierenden Konsequenzen für Arbeitskräfte und Organisationen.
V. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die zentralen Thesen der Arbeit zusammen und wirft einen kritischen Blick auf die Möglichkeiten eines Ausstiegs aus der Beschleunigungslogik.
Schlüsselwörter
Betriebliche Bildung, Beschleunigung, Akzelerationszirkel, Hartmut Rosa, Zeitstrukturen, Weiterbildung, Qualifizierungsmaschinerie, sozialer Wandel, technologische Beschleunigung, Zeitnot, Anpassungszwang, Wissensgesellschaft, Identitätsschrumpfung, funktionale Differenzierung, Produktivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen gesellschaftlicher Beschleunigungsprozesse – insbesondere technologische Entwicklung, sozialer Wandel und Zeitknappheit – auf die betriebliche Bildung und Weiterbildung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Themenfelder umfassen die soziologische Beschleunigungstheorie nach Hartmut Rosa, den Wandel der betrieblichen Bildungsanforderungen sowie die zunehmende ökonomische Instrumentalisierung von Qualifizierungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Beschleunigungszwänge die betriebliche Weiterbildung transformieren und ob dadurch eine zweckgebundene "Qualifizierungsmaschinerie" entsteht, die die ursprüngliche Bildungsintention untergräbt.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die auf der Beschleunigungstheorie von Hartmut Rosa aufbaut und diese systematisch auf das Feld der Organisationspädagogik und betrieblichen Bildung abstrahiert.
Welche zentralen Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die technische Beschleunigung, den sozialen Wandel und die Steigerung des Lebenstempos und deren spezifische Auswirkungen auf die Weiterbildungspraxis in Unternehmen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben der Beschleunigung und dem Akzelerationszirkel vor allem "Qualifizierungsmaschinerie", "Gegenwartsschrumpfung" und "Anpassungszwang" im modernen Arbeitskontext.
Inwiefern beeinflusst der "Akzelerationszirkel" die betriebliche Bildung?
Der Zirkel verdeutlicht, dass technische Innovationen den Bedarf an ständiger Weiterbildung erhöhen. Dies zwingt Akteure zu einer permanenten Anpassung, wodurch Zeit für Reflexion und tiefergehende Bildung verloren geht.
Welche Rolle spielt die "Gegenwartsschrumpfung" für den Mitarbeiter?
Sie führt dazu, dass Erfahrungswissen schneller veraltet, was zu einer erhöhten Unsicherheit und einem permanenten Zwang zum Umlernen führt, was wiederum Stress und psychische Belastungen fördern kann.
- Arbeit zitieren
- Torsten Bergt (Autor:in), 2006, All you need is speed!? - Betriebliche Bildung in Zeiten der Beschleunigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70506