Der Aufbau der erzählten Welt in Bohumil Hrabals früher Prosa


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Pábitelé

2. Die Geschichten

3. Raum und Zeit

4. Komposition und Sprachstil

5. Motive

6. Handelnde Personen

7. Verwendete Literatur

1. Pábitelé

Als Bohumil Hrabal (28.3.1914 - 3.2.1997) im Jahre 1963 seinen ersten schmalen Band kurzer Erzählungen veröffentlichte[1], konnte er bereits auf eine annähernd dreißigjährige schriftstellerische Tätigkeit zurückblicken. Jedoch hatte er weder von den frühen Gedichten der dreißiger und vierziger Jahre noch von den Erzählungen der Jahre 1948-1956 je etwas publizieren können[2]: „Vystudovaný doktor práv tehdy šel z jednoho nejuristického zaměstnání do druhého a pak až do devětačtyřiceti let, tedy do věku, kdy se pro spisovatele chystávají gratulace k životnímu dílu a jubilejní věnce a tituly, vláčel s sebou z místa na místo svůj kufřík s rukopisy a s nejistou nadějí na jejich budoucí publikaci a tím i ospravedlňění bezmála všeho, co předcházelo.“[3]

Was war der Grund für diese langjährige Abwesenheit vom literarischen Markt eines doch im Privaten äußerst produktiven Schriftstellers in seinen besten Jahren, der zu seinem Lebensunterhalt in dieser Zeit zudem körperliche Schwerstarbeit leisten musste[4] ?

Obschon Hrabals Biographin Monika Zgustová für die publizistische Abstinenz Hrabals den Geist des kommunistischen Regimes der fünfziger Jahre verantwortlich macht[5], finden sich in der frühen Prosa auf den ersten Blick zunächst wenig Anhaltspunke für politische Anstößigkeit. Auf die Seite offensichtlicher ‚Outlaws‘, seien sie es in politischer, sozialer oder sittlicher Hinsicht, schlägt sich Hrabal in den frühen Texten eigentlich nicht. Nirgends empört er sich über die Behandlung von Angehörigen der ehemaligen Bourgeoisie oder macht sich für die Rechte der politischen Gefangenen oder anderer Opfer des Stalinismus stark, er schildert nicht die Lage der Homosexuellen oder der Juden, und wo anfangs einmal ein Zigeuner auftritt, so im Sinne des Vorurteils, dass Zigeuner faul und gewalttätig sind und sich im Gegensatz zum fleißigen tschechischen Werktätigen am liebsten vor der Arbeit drücken[6]. Seine Sujets und Motive entstammen dem Milieu der Werktätigen und passen auch sprachlich-stilistisch zum geforderten sozialistischen Realismus.

Waren also für die Abstinenz von jeglicher Publikation letztlich vielleicht doch Umstände maßgeblich, die in Hrabals Leben und Werk selbst zu suchen sind? Freilich war die Haltung der frühen Kritiker und Lektoren – wie so oft in der Literaturgeschichte – ein Hemmschuh auf dem Weg zur ersten Veröffent-lichung. So urteilte der Chefredakteur von Hrabals späterem Verlag Česko-slovenský spisovatel Ladislav Fikar im Jahre 1955 noch vernichtend über die frühen Erzählungen: „Nic moc. Kousíčky života, viděny naturalisticky. Naprosto přeexponovaný.“[7]

Hrabals Manuskripte waren vielleicht wirklich noch nicht reif zur Veröffentlichung. Die Umstände ihrer Entstehung hat er selbst oft genug beschrieben[8]: Hrabal saß auf dem brütend heißen, sonnenüberfluteten Blechdach der Werkstatt in seinem Hof an einem niederen Tischchen, dessen Beine der Neigung des Daches entsprechend abgesägt worden waren, und ‚hackte’ alles, was sich in seinem Inneren an Bildern und Einfällen angehäuft hatte und zur Entladung drängte, in einem Zug in eine deutsche Schreib-maschine, die keine tschechischen diakritischen Zeichen aufwies, auf die Rückseite bedruckter Firmenpapiere, in einem endlosen Strom von Worten ohne Punkt und Komma, voller Tippfehler, mit wüster Orthographie und Syntax. Die auf diese Weise vollgeschriebenen Blätter ließ er unbearbeitet, höchstens schnitt er hier und da mit der Schere etwas he-raus, kombinierte Abschnitte neu miteinander, ergänzte sie gelegentlich mit Collagen aus Zeitschriften und fügte sie schließlich zu kleinen Heftchen zusammen, die er unter seinen Freunden zirkulieren ließ[9].

Seiner spontanen, um nicht zu sagen chaotischen, von atmosphärischen Stimmungen angeregten Arbeitsweise[10] fehlte, um es mit Hegel zu sagen, noch die „Anstrengung des Begriffs“[11], die den bloß fortlaufenden Strom innerer Vorstellungen und Einfälle zu einem in sich geschlossenen Kunstwerk transformiert hätte, in dem alle Details präzise festgelegt sind. Dass seinen frühen Prosawerken noch eine gewisse Vorläufigkeit und Beliebigkeit anhaftete, belegt auch die Tatsache, dass sie im Laufe der Zeit unter immer neuen Überschriften in immer neue Versionen umgegossen wurden[12] – sie waren einfach noch nicht ‚reif’ in dem Sinne, dass sich der durchgebildete Stoff seinem Schöpfer gegenüber schließlich emanzipiert hätte, indem er sich von allen persönlichen Bezügen löste und so dem weiteren Zugriff entzog: Denn dann erst ist das Werk ‚fertig’.

Aus diesem Grund werde ich mich in der vorliegenden Arbeit nicht mit den ursprünglichen Fassungen der frühen Erzählungen befassen, die erst 1991-1992 mit den Bänden 2 und 3 der „Sebrané Spisy Bohumila Hrabala“ (SSBH) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind, sondern mit ihrer endgültigen Fassung, wie sie beim Verlag ‚Mladá Fronta’ unter dem Titel „Pábitelé“ (1964; dritte, erweiterte Auflage 1969[13] ) schließlich in Buchform herausgegeben worden sind.

Die Erzählungen der vorangegangenen ersten Veröffentlichung Hrabals „Perličky na dně“ beziehe ich im Folgenden in die Einzelanalyse nicht ein, da sie mir über die selben Merkmale zu verfügen scheinen wie die „Pábitelé“, nur eben zurückhaltender und noch weniger deutlich markiert.

So bleibt für den Anfang noch die Frage zu klären: Wer oder was sind eigentlich ‚Pábitelé’?

Das Wort ‚Pábitel’ ist eine originäre Neuschöpfung des Dichters Jaroslav Vrchlický Ende der fünfziger Jahre, das bald in den Sprachgebrauch seiner Freunde und Kollegen überging[14], so dass es Hrabal bald von dem Dichter Jiří Kolář hörte und für seine Zwecke übernehmen konnte.

Hrabal selbst definiert ‚Pábitelé‘ als „lidé, o kterých se mohlo říct, že se zbláznili, že jsou cvoci, šogři, ač každý, kdo je znal, jistě by to o nich netvrdil doslova. Byli to lidé, a jsou i podnes, kteří jsou schopní nadsázky, to, co dělají, dělají příliš zamilovaně, takže kráčejí po hranice směšnosti. Jsou bezradní, poněvadž si sdostatek nekryjí bok a při pohledu zvenčí jsou opravdu blázni a cvoci a šogři. Pábitelé jsou neuchopitelní, jejich tvar je v přítomnosti nejistý, sporný, někdy i zdanlivě nežadoucí, nevhodný. A přesto mívají za půl roku pravdu. (...) Pro literaturu je pábitel cenný tím, že už v typu je ozvláštňovatel. A nadto je přirozenou vyrovnávkou proti typu civilizačnímu, intelektu. (…) Pábitelé jsou lidé, kterých se nikdo nevšiml, kteří jsou skoro na konci společenského žebříčku, kteří snad nemají tuze vzdělání, a když, tak jim spíš vadí, pábitelům ani tak nezáleží na tom, jestli mají ledničku nebo televizor. A když, tak uživání takových předmetů přeženou v absurdnost.“

Es wird zu zeigen sein, inwiefern Hrabals eigene Vorgabe und Definition zu den vorliegenden Erzählungen passt. Des weiteren wird Aufgabe der Analyse sein, herauszuarbeiten, inwiefern Hrabal in seiner frühen Prosa hinsichtlich Form und Inhalt sein Ideal der dichterischen Tätigkeit verfolgt, von bisherigen Gewohnheiten abzuweichen und sich „um das Verbotene zu bemühen“: „Pábení je jistý druh básnické činnosti, který se odchyluje od dosavadních zvyklostí, že spíš bude usilovat o zakázané, nejisté a neuchopitelné a na co nelze jít s pravidly a jehož význam se objeví až pak.“[15]

[...]


[1] Bohumil Hrabal: Perličky na dně (Praha 1963)

[2] Der zum Druck im Eigenverlag vorbereitete Band „Ztracená ulička“ (1948) erschien eben so wenig wie der zur Herausgabe beim Verlag Československý spisovatel vorbereitete Band „Skřivánek na niti“ (1959) – s. hierzu SSBH sv. 15, 244ff. Im Jahre 1956 erschien allerdings eine bibliophile Ausgabe der ersten beiden Erzählungen Hrabals „Setkání“ und „Večerní Praha“ als Beilage zur Zeitschrift „Zprávy českých bibliofilů“ unter dem Titel „Hovory lidí“ in einer Auflage von 250 Exemplaren, die der Dichter und Übersetzer Josef Hiršal aus eigener Tasche finanziert hatte. Siehe hierzu SSBH sv. 19, 248 sowie Zgustová, 73.

[3] E. Frynta (1968) im Nachwort zur dritten Auflage der „Pábitelé“ (Praha 1969), die der vorliegenden Arbeit zugrunde liegt.

[4] 1949-1954 an den Hochöfen im Stahlwerk von Kladno, nach einem schweren Arbeitsunfall dann 1954-1959 an der Altpapier-Presse in der Prager Spalená-Gasse.

[5] Zgustová, 84

[6] Pábitelé, „Jarmilka“ Kap. 5, 22ff

[7] Zgustová, 97

[8] SSBH sv. 15, 63; 163f; 219; 237f; sv. 17, 210; 239ff; 315f

[9] s. Zgustová, 93-97, 122f

[10] Hrabal nennt dieses von Jackson Pollocks ‚Action-Painting’ inspirierte Vorgehen „diktát bytí“: „Psalo to ve mně a já jsem to vlastně jen opisoval“ (SSBH sv. 15, 265); „Próza je psána proudem, tak jako maloval Jackson Pollock“ (SSBH sv. 17, 265)

[11] s. G.W.F. Hegel, Vorrede zur „Phänomenologie des Geistes“ (1807)

[12] vgl. z.B. die ursprüngliche Fassung der frühen Erzählungen in SSBH sv. 2 und 3 mit den Druckfassungen der „Perličky na dně“ und „Pábitelé“

[13] Mladá Fronta, Edition Kapka (1969), nach der in vorliegender Arbeit zitiert wird.

[14] s. F. Hrubin in den ‚Literární noviny’ bald nach dem Erscheinen von Hrabals „Pábitelé“, zit. bei E. Frynta im Nachwort zur dritten Auflage der „Pábitelé“ (Praha 1969)

[15] Hrabal im Vorwort zu „Pábitelé“ (1969)

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Aufbau der erzählten Welt in Bohumil Hrabals früher Prosa
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Slavistik)
Veranstaltung
Bohumil Hrabal
Note
1,4
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V70772
ISBN (eBook)
9783638618359
ISBN (Buch)
9783638754729
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufbau, Welt, Bohumil, Hrabals, Prosa, Bohumil, Hrabal
Arbeit zitieren
Martin Eckert (Autor), 2007, Der Aufbau der erzählten Welt in Bohumil Hrabals früher Prosa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70772

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