Musikerfahrung und Sozialisation - Mit Musik geht alles besser


Diplomarbeit, 2000

189 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ZUSAMMENFASSUNG

ABSTRACT

1. PROBLEMSTELLUNG UND EINLEITUNG

2. FUNKTIONEN VON MUSIK
2.1 Mit Musik geht alles besser
2.2 Die Funktionen nach Kleinen

3. MUSIKBEWEGUNG UND GESELLSCHAFT
3.1 Der Zusammenhang von Musik und geschichtlichem, philosophischem und sozialem Hintergrund
3.1.1 ~2000 v.Chr. bis Mitte des 20. Jahrhunderts
3.1.2 Die Halbstarkenbewegung der 50er Jahre
3.1.3 Die Studentenbewegung der 60er und 70er Jahre und die daraus abgeleitete Hippiebewegung
3.1.4 Die Bewegungen der 80er und der 90er Jahre mit ihren Repräsentanten, i.B. Techno und Popmusik

4. MUSIK UND DIE ENTWICKLUNG DES MENSCHEN
4.1 Das Selbst
4.2 Das Selbstwissen
4.3 Die Geschlechtsidentität
4.4 Musik und die pränatale Entwicklung des Menschen
4.5 Musik in den ersten Lebensjahren
4.5.1 Mahlers „Loslösungs- und Individuationsprozess“
4.5.2 Identitätsentwicklung in der Kindheit nach Erikson
4.5.3 Musik im Kindesalter

5. ADOLESZENZ
5.1 Der Prozess der Individuation nach Josselsn
5.2 Identitätsentwicklung in der Adoleszenz nach Erikson
5.3 Der „neue Sozialisationstyp“
5.4 Die besondere Rolle von Musik in der Adoleszenz

6. INTERVIEWFÜHRUNG
6.1 Methodik des Interviews
6.2 Durchführung der Interviews
6.3 Zusammenfassungen der Interviews
6.3.1 Erstes Interview
6.3.2 Zweites Interview
6.3.3 Drittes Interview
6.3.4 Viertes Interview
6.3.5 Fünftes Interview
6.4 Zusammenfassung aller Interviews und Reflexion auf die Arbeit
6.4.1 UFunktionen von Musik
6.4.1.1 Musik in der Kindheit
6.4.1.2 Musik im Jugendalter
6.4.1.3 Musik und Tanz
6.4.1.4 Aktives Musikverhalten
6.4.1.5 Musik im Alltag
6.4.1.6 Musik und Gesellschaft
6.4.1.7 Resümee

7. MIT MUSIK GEHT ALLES BESSER?

LITERATURANGABEN
Internetquellen

ANHANG
Ausführliche Interviews
1. Interview
2. Interview
3. Interview
4. Interview
5. Interview

ZUSAMMENFASSUNG

Diese Arbeit behandelt das Thema Musikerfahrung und Sozialisation. Es wird versucht darzustellen, welchen Einfluss Musik auf die Entwicklung des Menschen, insbesondere in der Kindheit und der Jugend, hat. Die soziale Entwicklung steht dabei im Vordergrund.

Eine leitende These dieser Arbeit ist „Mit Musik geht alles besser“. Dieser Frage wird insofern nachgegangen, als dass versucht wird zu reflektieren, in welchen Situationen und Funktionen Musik deren Verlauf positiv beeinflusst.

Musik hat viele Funktionen, die in der Entwicklung des Menschen eine Rolle spielen. In dieser Arbeit wird im Besonderen auf die folgenden Funktionen eingegangen:

- Musik als Hintergrundfunktion,
- Musik als Hilfe zur Entspannung und Konfliktbewältigung, Selbstverwirklichung und Problemlösung,
- Musik als Sozialkontakt,
- Musik als Bereiter von Freude und Spaß,
- Musik und ihre Symbolfunktion und
- die Abhängigkeit zwischen Musik und Gesellschaft.

Besonderes Augenmerk wird diesbezüglich auf das Jugendalter gelegt, in welchem auch der „neue Sozialisationstyp“ mit diesen Funktionen in Verbindung gesetzt wird. Mit diesem neuen Sozialisationstyp wird vor allem die starke Selbstbezogenheit im Jugendalter verdeutlicht.

Einen wichtigen Aspekt dieser Arbeit stellt die Identitätsentwicklung dar, die sich auf die Entwicklung der Individualität und des Selbst stützt. Daher kommt diesen Aspekten ein besonderes Interesse zu und mündet in Folge in den „Loslösungs- und Individuationsprozess“ nach MAHLER und die „Identitätsentwicklung“ nach ERIKSON, die beide die wesentlichen Entwicklungsschritte in der Kindheit verdeutlichen und gerade im Sozialisationsprozess mit Musik eine wichtige Rolle spielen. Aufbauend darauf werden die Modelle nach JOSSELSN und ERIKSON erläutert, mit denen die weitere Identitätsentwicklung im Jugendalter beschrieben und für die Sozialisation wichtige Aspekte dargestellt werden. Diese wurden mit der Frage, ob Musikerfahrung Einfluss auf die soziale Entwicklung des Menschen hat, in Bezug gesetzt.

Es wird versucht Musik mit Gesellschaft in Verbindung zu setzen und die Musikentwicklung auf die jeweilige Gesellschaft zu projizieren.

Die Abhängigkeit der Musik von der jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Situation wird von 2000 v. Chr. bis in die Gegenwart kurz dargestellt. Dabei wird auf die letzten 50 Jahre verstärkt eingegangen, da gerade zu dieser Zeit Musik an Bedeutung für den Jugendlichen und seine Sozialisation gewann.

Diese Arbeit wird mit einer qualitativen Forschung abgeschlossen, mit der die Annahmen dieser Arbeit unterstützt werden.

ABSTRACT

This paper deals with experiences with music and socialization. It shows the influence of music on human development, especially in childhood and adolescence.

A leading thesis of this paper is that with music everything works better. This question is answered by the reflections of situations in which music helps to a positive result.

The functions of music, music as a background, relaxation with music, the coping with conflict situations, music as a social contact, help for self-realization, music and its symbol function, fun and pleasure with music, the annoyance and disturbance because of music and mutual dependence of music and society are specifically explained in this paper.

Special attention relating to this lies in adolescence. The “new type of socialization” is set in combination with these functions. This new type shows the strong self-admiration of youth.

A very important aspect of this paper is the development of identity, which supports the development of self and individuality. That is the reason, why a special interest lies in these aspects. Therefore the process of “Separation and Individuation” by MAHLER and the “Development of Identity” by ERIKSON, which explain the essential stages of development in childhood, are shown in this paper. They play an important role, especially in the process of socialization. The models by JOSSELSN and ERIKSON build up on these aspects. They explain the development of identity in adolescence and important facts of socialization. The leading question of the importance of experiences with music for the process of human socialization is regarded with respects to these aspects.

Another try is to compare music with society and to project the developments in society on the development of music. The dependent relationship of music, society and political situations is shortly described from 2000 BC until nowadays. It is mostly concentrated on the last 50 years, because the meaning of music for adolescents and their socialization has gained importance in this period of time.

Finally, a qualitative research corroborates the assumptions that are made in this paper.

1. PROBLEMSTELLUNG UND EINLEITUNG

Das Thema dieser Arbeit lautet Musikerfahrung und Sozialisation. Es soll die Bedeutung von Musik in der Entwicklung des Menschen dargelegt werden. Das Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, welche Rolle Musik in verschiedenen Lebensphasen des Menschen spielt. Als besonders wichtige Lebensphase, der von mir ein sehr intensives Musikerleben zugeschrieben wird, soll die Adoleszenz hervorgehoben werden. Jedoch wird auch ein Augenmerk auf die vorherige Sozialisation gelegt, da die Entwicklungsphasen miteinander verknüpft sind.

Die Inspiration für dieses Thema erlangte ich durch mein eigenes Interesse an Musik. Ich erinnerte mich zurück an meine Erfahrungen mit Musik als Jugendliche und bemerkte, dass Musik schon immer etwas Magisches für mich an sich hatte, das mich fesseln konnte. Vor allem in dieser Zeit war Musik besonders wichtig für mich. Ich konnte stundenlang Musik hören, welche ich entsprechend meiner Grundstimmung ausgewählt hatte und ich tauchte in eine eigene Welt ein, die mich voll für sich beanspruchte und der Realität entzog.

Es stellte sich mir nun die Frage, warum gerade Musik eine Möglichkeit darstellt, sich der Realität zu entziehen und sich von seinem sozialen Umfeld zu distanzieren.

Ich behaupte, dass dieses Phänomen beim Großteil der Jugendlichen in ihrem Erleben zutrifft.

In meinem weiteren Gedankengang stellte ich mir die Frage, was Musik für mich heute für eine Möglichkeit darstellt und kam zu dem Schluss, dass Musik nie mehr so wichtig sein würde, wie in der Hochphase meiner Adoleszenz.

Daraus entwickelten sich weitere Fragen: Warum ist gerade in der Adoleszenz Musik so wichtig? Warum fühlen sich Jugendliche in Musik so verstanden und geborgen? Welche Funktionen hat Musik für den Menschen?

In Bezug auf den Einfluss von Musik auf mich in der heutigen Zeit fiel mir auf, dass Musik sehr stark meinen Alltag mitbestimmt. Ich stehe mit Musik auf, weil ich dadurch erst richtig munter werde, ich esse bei Musik, ich genieße, wenn ich hinausgehe das Vogelgezwitscher und ärgere mich, wenn ich Baulärm höre. Am Abend sehe ich einen Film, der mit Hintergrundmusik untermalt ist und ihn erst so richtig gut macht. Es gibt noch etliche Situationen in denen Hintergrundmusik zum Tragen kommt. Dies soll ein Teil meiner Fragestellung sein: Nämlich unter dem Motto „Mit Musik geht alles besser“, mit der gleichzeitigen Frage: Geht mit Musik wirklich alles besser? und: Welche Bereiche im Leben sind durch Musik gekennzeichnet?

Eine weitere Frage ist, inwiefern Musik die Entwicklung des Menschen beeinflusst. Für mich ist es ein Anliegen dieser Frage vom pränatalen bis zum Jugendalter nachzugehen und den zentralen Punkt der Arbeit in die letztere Phase zu legen, da ich Musik einen besonderen Stellenwert in der Zeit der Adoleszenz zuschreibe.

Der Mensch versucht sich mit Musik auszudrücken, er identifiziert sich mit Musik und ihren Stilen und ordnet seiner eigenen Persönlichkeit gewisse bevorzugte Musikstile zu. Dadurch kann er sich nach außen mit Hilfe von Musik repräsentieren und erkennbar machen, z.B. dass er einer gewissen Stilrichtung angehört. Es stellt sich die Frage, wie sich der Mensch mittels Musik identifiziert und seine Identität mit Hilfe von Musik entwickelt.

Gerade im Jugendalter ist Musik nicht wegdenkbar, Jugendliche drücken sich durch Musik und Zugehörigkeit eines Stils aus. Sie stellen sich gegen die ältere Generation, gegen die Eltern, und Popmusik bzw. Techno scheint dazu besonders geeignet, da sie sich durch diese Vorliebe für diese Musik von der Autorität abheben und unterscheiden. Diese Grenzen wurden mit der Zeit immer fließender, auch Eltern hören gerne Popmusik, meist als Hintergrundmusik beim Arbeiten, Autofahren oder in zahlreichen anderen Situationen. Popmusik gilt als leicht konsumierbare Musik, sie stellt durch ihren einfachen Aufbau keinen Anspruch an den Hörer.

Ist sie deshalb so beliebt weil sie so leicht zu hören ist? Ist diese Musik ein Ausdruck unserer Gesellschaft? Gibt sich unsere Jugend mit leichter Musik zufrieden?

Die Musik soll zum Arbeiten, Kaufen, Wohlfühlen etc. anregen, sie soll leicht zu merken sein und nicht zum Nachdenken anregen. Leistungsorientierheit und der Konsumgedanke sind heute die Hauptgedanken der Gesellschaft.

Gerade im Jugendalter wird alles in Frage gestellt, besonders gesellschaftliche Normen.

Es wird im Laufe der Sozialisation versucht, dem Individuum die Gesellschaftsnormen zu vermitteln, jedoch kommt es in der Adoleszenz zu einem Widerstand seitens des Individuums.

Durch ein kollektives Auftreten dieses Verhaltens wird die Gesellschaft dazu gezwungen sich zu verändern, da die jugendliche Generation den weiteren Weg der Gesellschaft mitbestimmt, da sie Teil dieser Gesellschaft ist.

Musik und Gesellschaft stehen in ständiger Wechselwirkung.

Musik hängt von der Gesellschaft ab. Die Musikentwicklung kann daher parallel zur jeweilig existierenden Gesellschaftsform gesehen werden. Musik kann als Resultat und Sprachrohr der Gesellschaft bezeichnet werden.

Gerade in den letzten Jahrzehnten ist die Bewegung durch die Jugend besonders deutlich geworden. Diese Entwicklung ist mit dem politischen und sozialen Hintergrund zu betrachten.

Mein Anliegen ist es, Jugendliche und ihr Musikideal auf dieser Basis zu untersuchen und eventuelle Veränderungen im Musikstil und ihrem Musikverhalten in Zusammenhang mit politischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu betrachten. Musik ermöglicht eine freie Meinungsäußerung, dies ist auch ein wichtiger Aspekt, der im Zusammenhang mit Politik und Gesellschaft zu sehen ist.

Es stellt sich mir nun die Frage: Kann Musik Menschen dermaßen beeinflussen, dass sich gesellschaftliche Strukturen verändern?

Ich behaupte, dass Musik für Jugendliche in den 50er, 60er und 70er Jahren tiefsinniger und bedeutsamer, als in den 90er Jahren war. Jugendliche begannen sich in den 50er Jahren mit Musik zu identifizieren, Musik bekam einen besonderen Stellenwert für sie. Musik eroberte die Welt und sie galt als Ausdruck der Gefühle und der Situation Jugendlicher der jeweiligen Zeit. Wie wurde Musik damals im Gegensatz zu heute gesehen und empfunden?

Ein weiteres Kapitel dieser Arbeit soll die Frage nach der Existenz des „Neuen Sozialisationstyps“ behandeln. Hier gehe ich davon aus, dass sich Jugendliche verstärkt durch Musik und Tanz ausdrücken. Es soll dargelegt werden, welche Rolle der Narzissmus im Leben heutiger Jugendlicher spielt. Ist diese erhöhte Selbstliebe auf die heutige Gesellschaft zurückzuführen? Inwiefern drückt sie sich in der Bedeutung von Musik für den Jugendlichen aus?

Der Abschluss der Arbeit liegt in von mir durchgeführten Interviews, in denen auf die Rolle von Musik in der Sozialisation des jeweiligen Interviewpartners eingegangen und versucht wird, meine Annahmen zu bestätigen.

Ich möchte kurz für die Fragestellung wichtige Definitionen und Grundlagen anführen, die die Komplexität der Sozialisation verdeutlichen und zum Verständnis dieser Arbeit beitragen sollen. Besonders die Definition der Individuation stellt einen Bestandteil der Fragestellung dar, da der zentrale Kern der Arbeit die Identitätsfindung in der Entwicklung des Kindes bis ins Jugendalter ist. Auch der Aspekt der Sozialisation, sich mit der Gesellschaft und ihren Normen auseinandersetzen zu müssen, wird in einem Teil der Arbeit auf die Musikentwicklung bezogen.

Die soziale Entwicklung eines Menschen kann in die Sozialisation und in die Individuation aufgeteilt werden.

Unter Sozialisation wird das Aneignen von Normen, Werten, Regeln, der Kultur und des Glaubens der Gesellschaft verstanden. Auch Sprache, sozialer Umgang, Kenntnisse und Fertigkeiten werden in diesem Prozess erlernt. Somit kann die gesamte Entwicklung und das Lernen als Sozialisation bezeichnet werden.

Der Prozess der Sozialisation ist einem stetigen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel unterworfen. Daher verändert sich der Inhalt der Sozialisation z.B. durch neue Technologien oder den Einfluss anderer Kulturen. Die Unterschiede der Länder sind somit durch ihre Sozialisation erklärbar, Sozialisation spiegelt also Kultur und Gesellschaft mit ihren Werten, Normen, Regeln und Verhaltensweisen etc. wieder.

Sozialisation ist mit der jeweiligen Entwicklungsphase zu betrachten, wie es auch in dieser Arbeit versucht wird, diese Entwicklungsschritte werden mit Musikerfahrung in Bezug gesetzt.

Diese Entwicklung schließt die primäre und die sekundäre Sozialisation mit ein. Durch den primären Sozialisationsprozess wird der Mensch Mitglied der Gesellschaft. Ein neues Rollenlernen erfolgt durch den sekundären Sozialisationsprozess.

Die primäre Sozialisation beinhaltet die Entwicklung der psychischen Funktionen, kognitiver Eigenschaften, zu denen die Sprachentwicklung und die Aneignung sozialer Verhaltensformen gehören. Das Erlangen von Selbstkontrolle ermöglicht den Kindern, sich auf die Bedürfnisse anderer Mitmenschen einzustellen und auch auf diese einzugehen, nicht nur auf die eigenen. Jedoch muss eine Einbusse in Kauf genommen werden, nämlich die der raschen Bedürfnisbefriedigung des eigenen Verlangens. Es erfordert die Einsicht soziale Regeln dabei mitbeachten zu müssen. Dadurch wird das Kind automatisch seiner Spontaneität und seines Willens beschnitten.

Das Ziel der Sozialisation sollte „die Entwicklung einer persönlichen Identität über vorgegebene Rollenmuster ...“ und „... Normorientierungen ...“ sein (Orter; 1995; S59).

Die Sozialisation des Individuums unterliegt einem ständigen wechselseitigen Prozess. Sowohl die Umwelt wirkt auf das Individuum, als auch die Person selbst, da sie eine aktive Rolle inne hat. Das Individuum prüft die Normen, die von der Gesellschaft eigentlich verpflichtend angeboten werden. Manchmal kann sich die Gesellschaft aber nicht durchsetzen und das Individuum setzt diese Normen nach seinen Wünschen um, nachdem er sie überprüft hat. Neben der Familie, die als wichtigste Institution gilt, um die Sozialisation des Kindes zu gewähren, spielen auch andere Institutionen, wie Kindergarten, Schule, Gleichaltrige etc. eine wichtige Rolle, da sie den Horizont des Kindes erweitern und ihn weitere soziale Rollen und Verhaltensweisen vermitteln können. Dieser Prozess der Sozialisation hält ein ganzes Leben an und wird später durch Beruf, eigene Familie und dgl. abgelöst und erweitert. Durch plötzliche Veränderungen des sozialen oder technologischen Umfelds wird es notwendig, sich erneut anzupassen und ggf. neue soziale Fertigkeiten anzueignen. Jeder Mensch wird einmal solche „Resozialisierungs-Erfahrungen“ machen müssen (Dudenlexikon Bd3).

Unter Individuation wird der Prozess verstanden, sich einen Platz für sich in der Gesellschaft zu finden und seine Individualität zu gründen. Es handelt sich um die Identitätsfindung, um die Entwicklung eines Selbst. Also auch die Fähigkeit zu entwickeln, auf eigene Bedürfnisse, Eigenschaften und Wünsche zu achten und sich gemäß diesen zu entfalten und seine gesellschaftliche Rolle zu übernehmen, sich also nicht nur anzupassen und zu übernehmen.

Individuation und Sozialisation stehen auch in einer unterstützenden Wechselwirkung. Durch soziale Beziehungen und deren Rückmeldungen lernt man sein Selbst und das Selbst der anderen besser kennen. Auf die Entwicklung des Selbst wird im Weiteren der Arbeit noch genauer eingegangen werden.

Identität sei das „... Ergebnis der gelungenen Nicht-Divergenz von individuellem Rollenhandeln und gesellschaftlichen Rollenerwartungen.“ (Ziehe; 1975; S205), d.h. dass der Jugendliche nicht ident mit sich selbst, sondern mit den gesellschaftlichen Normen ist. Die eigenen Normen und die der Gesellschaft können nicht Hand in Hand gehen, dieses bedeutet weiter, dass die Identität in der Gesellschaft die Individualität der Person auslöscht (Ziehe; 1975).

Jeder muss sich demnach an die Gesellschaft anpassen, um eine Identität zu erhalten.

Für mich spricht das für den gesellschaftlichen Druck, dem jeder, vor allem der Jugendliche, ausgesetzt ist und dem er sich entgegensetzen will. Eine oberflächliche Gesellschaft, die keine eigenen Denkweisen und Lebensformen zulässt, außer wenn man als „abnorm“ gelten möchte. Jetzt wird auch klar, inwiefern Jugendliche an gesellschaftlichen Normen anecken.

GEORGE HERBERT MEAD (1934) versteht unter Identität:

„Identität ist vom eigentlichen physiologischen Organismus verschieden.
Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht
vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs-
und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis
seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen
Individuen innerhalb dieses Prozesses Diese Identität, die für sich
selbst Objekt werden kann, ist im Grunde eine gesellschaftliche Struktur
und erwächst aus der gesellschaftlichen Erfahrung.“

(Damon; 1989; S33)

In dieser Definition wird die vorgeburtliche Entwicklung völlig außer acht gelassen, auf die sozialen Beziehungen, die vielleicht den Grundstein für die spätere soziale Entwicklung, bzw. die Bereitschaft des Kindes zu sozialen Kontakten legen, wird nicht eingegangen. Beispiele bei denen Störungen sozialer Kontakte vorliegen wären der Autismus oder die Schizophrenie. Verschiedene Vertreter, z.B. ALFRED TOMATIS oder RONALD LAING (1978), vermuten den Ursprung dieser Störungen in der pränatalen Phase. Dieses Vermutungen sind zwar nicht nachweisbar, aber meiner Meinung nach sehr logisch, wenn man die Untersuchungen betrachtet, in denen Reaktionen des Ungeborenen auf die Außenwelt oder innere Vorgänge im Bauch der Mutter gemessen wurden. Auch wird immer auf mögliche Behinderungen des Kindes aufmerksamgemacht, wenn Risikofaktoren, wie Stress, Alkohol, Ablehnung dem Kind gegenüber etc. vorliegen. Auf die pränatale Phase wird in Kapitel 4.1 noch genauer eingegangen werden.

In dieser Arbeit wird Musik in die verschiedenen Stufen des Sozialisationsprozesses gelegt und es wird untersucht, welche Rolle Musik in der Entwicklung des Menschen, besonders des Kindes und Jugendlichen, spielt.

Gerade in der Identitätsfindung schreibe ich Musik eine spezielle Aufgabe zu. Ich behaupte, dass sie diese Entwicklung unterstützt und sich die Identität im favorisierten Musikstil wiederspiegelt.

2. FUNKTIONEN VON MUSIK

2.1 Mit Musik geht alles besser

Seit es den Menschen gibt, existiert Musik. Der Mensch lebt tagtäglich mit Musik, ein Leben ohne Musik ist einfach unvorstellbar. Dies ist leicht nachzuempfinden, wenn man bedenkt, wie vielfältig Musik ist. Musik stellt nicht nur ein klassisches Konzert, ein Lied der Hitparade oder andere Stile dar. Musik beginnt schon bei Geräuschen wie die Stimme des Menschen, dem Vogelgezwitscher oder anderen Hintergrundgeräuschen, die einem oft in der heutigen Zeit nicht mehr bewusst auffallen. Hintergrundmusik im Besonderen ist in dieser Arbeit ein wichtiger Faktor, da gerade der junge Mensch diese Musik in allen Lebenslagen nutzt, eben weil Musik im Leben Jugendlicher so eine wichtige existentielle Rolle spielt.

BAACKE (1998) bezeichnete den Aspekt des alltäglichen konfrontiert Seins mit Musik als „musikalische Sozialisation“. Dies bedeutet, dass das Aufwachsen automatisch mit Musik gekoppelt ist und der Mensch der Musik im täglichen Leben gar nicht entfliehen kann. Der Mensch wird mit Musik mittels Medien aller Art konfrontiert. Ob dies Musikclips oder Reportagen über Musiker in Zeitungen oder Fernsehen sind, spielt keine Rolle. Musik ist auch überall präsent: In Kaufhäusern, in Kinos, im Theater, im Flugzeug, in der Kirche, im Chor, unter der Dusche, im Auto, auf dem Jahrmarkt oder im Zirkus, bei Eröffnungen von Gebäuden, in Diskotheken, am Sportplatz oder gar in der freien Natur. Es wird hier deutlich, dass es keinen Bereich gibt, in dem Musik keinen Platz findet. Sogar bei traurigen Anlässen, wie z.B. Begräbnissen wird Musik gespielt.

Zur Verstärkung der Aussage wird Musik in Werbung und Film angewandt. Sie verstärkt die Spannung, die Traurigkeit oder die Fröhlichkeit des Textes bzw. der Bildaussage.

Es kann hier von funktioneller Musik gesprochen werden, sie hat gesellschaftliche Funktionen und soll ihren Zweck erfüllen. Es wird hier zur autonomen Musik unterschieden, bei der sich der Hörer mit dem Musikstück wegen seiner Selbst auseinandersetzt.

Es stellt sich nun die Frage warum Musik für bestimmte Zwecke genutzt wird und sie so eine wichtige Rolle in unserem Leben spielt. Dies wird wohl daraus begründet, dass Musik den Menschen beeinflussen kann. Gefühle werden verstärkt oder Stimmungen verändert, Lebenslagen werden ausgedrückt. Jeder Mensch hat sein Lieblingslied. Gefühle werden mit Musik verbunden. Glück, Trauer, Zufriedenheit oder Freude können verstärkt und mit Hilfe von Musik ausgedrückt werden.

Die Psyche des Menschen wird wesentlich beeinflusst, was sich wiederum auf den Körper und das soziale Agieren des jeweiligen Menschen auswirkt. Wer kennt das nicht, dass durch ein bestimmtes Lied Erinnerungen geweckt werden, die auch bestimmte Gefühle mit sich bringen, oder dass durch ein bestimmtes Lied die Stimmung schlagartig von Traurigkeit in Heiterkeit umschlägt bzw. umgekehrt? Es ist für die Persönlichkeits-entwicklung wichtig, sich zu erinnern und zu verarbeiten, dies kann mit Hilfe von Musik geschehen.

Im Kaufhaus wird die Wirkung von Musik auf die Psyche des Menschen ausgenutzt, um das Kaufverhalten zu beeinflussen. Produktinformationen werden zwischen leiser Hintergrundmusik an den Käufer vermittelt und ihm wird suggeriert bestimmte Produkte gut zu befinden und sie zu kaufen. Abgesehen davon macht Einkaufen mit Musik einfach mehr Spaß und der Kunde bleibt bei guter Musik länger im Geschäft. Dadurch wird der Kaufumsatz gesteigert.

In Studien von BURLESON (1979) und LINSEN (1975) glaubten die Geschäftsführer und Verkaufsmanager daran, dass Kunden länger im Geschäft bleiben, und eine positivere Stimmung haben, wenn leise Hintergrundmusik gespielt wird. Wichtig dabei ist das leise Abspielen der Musik, da sie sonst Stress bedeutet und Kunden das Kaufhaus früher verlassen. Es wurde bei leiser Musik ein verlängerter Aufenthalt von 5% zu dem Einfluss von lauter Musik gemessen (Studie n. Smith & Curnow; 1966).

In einer Studie von MILLIMAN (1982) wurde bei langsamer Musik ein längeres Verweilen im Kaufhaus gemessen.

Eine Studie von BURMA (1987) besagt, dass Hintergrundmusik für die unter 35-jährigen eine größere Rolle spielt als für die über 35-jährigen.

Die Hintergrundmusik im Kaufhaus wirkt auf den Menschen wie das Phänomen des PAWLOW´SCHEN Hundes. Er kauft unter Einfluss von Musik lieber und mehr ein, genauso wie sich beim Glockenläuten im Maul des Hundes das Wasser sammelt, ihm wird suggeriert, dass er gleich etwas zu fressen bekommt.

Dadurch, dass sich Musik auf die Psyche des Menschen auswirkt, wird auch der Körper und das soziale Umfeld beeinflusst. Die Wirkung auf den Körper und die Psyche wurde schon seit der Entdeckung von Musik erkannt.

Studien zur Wirkung von Musik ergaben, dass Musik einen Einfluss auf das PGR (Registrierung des elektrischen Hautwiderstands), den Herzschlag und den Puls hat. Ebenso sei die Grundstimmung des Menschen ausschlaggebend für die Ansprechbarkeit der Musik (Vanecek; 1991).

Die Lautstärke der Musik regt das vegetative System an oder beruhigt es (vgl. Vanecek; 1991). Daher wird auch verständlich, warum Jugendliche bei lauter Musik so aufgedreht sind und es ihnen scheint, als ob sie putzmunter wären und ewig durchtanzen könnten. Kaum verlassen sie die Disko oder dgl. werden sie von Müdigkeit übermannt.

Auch in der pränatalen Zeit spielt Musik eine wichtige Rolle in der Entwicklung, wie es in Kapitel 4.1 dargestellt wird. Schon das Rauschen des Blutes der Mutter oder das Gluckern in der Gebärmutter und von außen eindringende Geräusche können als Musik bezeichnet werden.

Alle Empfindungen und Reaktionen auf Musik haben Auswirkungen auf die sozialen Interaktionen zwischen Menschen. Eine traurige Stimmung ausgelöst durch ein melancholisches Lied verursacht, dass sich ein Menschen zurückzieht und seinen Kontakt zur Außenwelt kurzweilig unterbricht. Ein heiterer Mensch, wobei diese Heiterkeit mitbestimmt ist von der konsumierten Musik, geht offener und bereitwilliger auf sein soziales Umfeld zu und schließt Kontakte. Daraus ist der Schluss zu ziehen, dass die psychische Verfassung auf die sozialen Beziehungen wirken kann. Der körperliche Aspekt dabei ist die Art auf jemanden zuzugehen. Ein trauriger Mensch zieht sich in sich zurück und dementsprechend zieht er auch seinen Körper zusammen. Ein fröhlicher Mensch geht aufrecht auf andere zu. Hier kann die Struktur der bio-psycho-sozialen Einheit erkannt werden. Die zwei zuvor genannten Aspekte können auch als Ausdruck von gesund und krank gesehen werden.

Dieser Tatsache liegt die Musiktherapie zugrunde, die sich aufgrund einer Änderung der Gefühlslage eine psychische und körperliche und dadurch auch soziale Gesundung verspricht.

In der Musiktherapie wird auch großer Wert auf den Ausdruck mit Hilfe von Musik gelegt.[1]

Musik hat also neben einem psychologischen auch einen medizinisch-therapeutischen Effekt.

U-Musik ist heute keine Randerscheinung mehr wie in den 50er Jahren. Sie ist zu einem Teil des Lebensinhaltes der Jugendlichen geworden. Platten zu sammeln, Musik zu hören und in die Disko zu gehen gehört heute zu den Hobbies Jugendlicher. Nach einer Jugend–Media-Analyse von 1980 hören 90% der Jugendlichen gerne Musik.TP PTDas Leben ohne Musik wird als sinnlos beschrieben. (Preuss-Lausitz; 1995)

Bei einer Umfrage, die vom AKM 1993 über „das Musikland Österreich“ in Auftrag gegeben wurde, antworteten auf die Frage „Hören Sie gerne Musik?“ 39% der bis 30-jährigen, 22% der 30- bis 50-jährigen und 17% der über 50-jährigen mit „Ja, leidenschaftlich gerne!“ .

Auf die Frage „Hören Sie Musik konzentriert oder nebenbei?“ antworteten 19% der bis 30-jährigen, 12% der 30- bis 50-jährigen und 17% der über 50-jährigen, dass sie konzentriert Musik hören.

21% der bis 30-jährigen, 12% der 30- bis 50-jährigen und 9% der über 50-jährigen musizieren selbst aktiv.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die Studie von MENDE (1991).

60% der 12- bis 28-jährigen hören Musik sooft sie können, hingegen nur 40% der 25- bis 45-jährigen und 32% der über 45-jährigen.

28% der 12- bis 28-jährigen, 22% der 25- bis 45-jährigen und 24% der über 45-jährigen hören bevorzugt ihre Lieblingsmusik, andere Musikarten interessieren sie nicht.

26% der 12- bis 28-jährigen, 15% der 25- bis 45-jährigen und 14% der über 45-jährigen interessieren sich für alles, was mit Musik zusammenhängt.

Die Entwicklung der bevorzugten Musik verfolgen 26% der 12- bis 28-jährigen, 19% der 25- bis 45-jährigen und nur 12% der über 45-jährigen.

Dass die Beschäftigung mit Musik ihre wichtigste Freizeittätigkeit ist sagten 25% der 12- bis 28-jährigen, 10% der 25- bis 45-jährigen und nur 6% der über 45-jährigen.

Lediglich als Geräuschkulisse bezeichneten 16% der 12- bis 28-jährigen, 9% der 28- bis 45-jährigen und 11% der über 45-jährigen Musik.

Als Basis wurden bei den 12- bis 28-jährigen 2436, bei den 25- bis 45-jährigen 1888 und bei den über 45-jährigen 1797 Probanten befragt.

Somit wurde festgestellt, dass sich der Stellenwert von Musik während des Lebens verändert und eher an Gewichtung verliert. Dies ist sicher auch dadurch zu erklären, dass Jugendliche mehr Zeit für die Freizeitbeschäftigung Musik aufwenden können. Das musikorientierte Freizeitverhalten hat seinen Höhepunkt zwischen dem 16. und dem 20. Lebensjahr. „In dieser Zeit sind freie Zeit, Freizeitinteressen und Musik faktisch identisch“. Durch den sozialen und familiären Wandel bekommt Musik ab dem dritten Lebensjahrzehnt einen anderen Stellenwert zugeschrieben. Musik wird auch nicht mehr so aufmerksam gehört wie zuvor. Das Interesse an Musik und ihrem Umfeld sinkt. Musik als Freizeitgestaltung nimmt ab, steigt jedoch als tägliche Hintergrund-geräuschkulisse.

„Die musikalische Sozialisation ist als lebenslanger Prozeß zu sehen, in dessen Verlauf sich die musikalische Präferenz sowohl in der Abfolge der verschiedenen Stile, Epochen und Moden als auch in verschiedenen Altersstufen und Lebensphasen verändert.“
(Jost; 1982)

Die Studie besagt weiter, dass die Jugend „ihre Musik“, die ihres Zeitalters, ins Alter mitnimmt. Dies wurde dadurch angenommen, da sich einerseits die Käuferschicht der Populärmusik auf höhere Altersgruppen verlagert hat und andererseits durch die diversen Revivals von Elvis Presley oder den Beatles offengelegt wird (Austria Creativ; Sept. 1993; S3).

Popmusik hat bei Jugendlichen einen hohen Stellenwert. Es ist für sie unvorstellbar keine Musik zu hören oder in manchen Fällen, Musik selbst zu machen und in einer Band zu spielen. Viele Bands werden im Jugendalter gegründet, es ist fast gar nicht abzuschätzen, wie viele Jugendliche selbst musizieren und sich in einer Clique zusammenfinden, um gemeinsam zu spielen. Die Musikschule ist auch heutzutage sehr beliebt.

Bei DESMOND (1996) wird des Weiteren festgehalten, dass es durch die explosionsartige Musikentwicklung zu keinem sinkenden Interesse an zusätzlicher musikalischer Bildung gekommen sei. Es wird im Gegenteil ein steigender Bedarf der Jugendlichen an Musiklehrern und Musikschulen angeführt.

Viele Kinder werden im Volksschulalter dazu angehalten ein Instrument zu erlernen, da dies auch in der heutigen Gesellschaft zum „guten Ton“ gehört und als eine wertvolle Erziehung angesehen wird. Im späteren Verlauf wählen Kinder ihre Lieblings-instrumente selbst aus und wollen eine Musikschule besuchen, der Zwang von Seiten der Eltern ist also nicht der einzige Grund, warum Kinder ein Instrument erlernen wollen. Vor allem im Jugendalter erfolgt die Wahl des Instrumentes aus eigener Initiative. Mit Hilfe eines Instrumentes kann sich der Jugendliche von anderen abheben, es ist ein Ausdruck von Individualität. Er kann sich selbst darstellen und sich mit der gelernten Musik präsentieren.

2.2 Die Funktionen nach Kleinen

KLEINEN (1986) fasst die Funktionen von Musik in einigen Punkten zusammen, es wird sehr deutlich, wozu Musik verwendet wird, bzw. welche Bedeutung Musik im Sozialisationsprozess trägt.

Musik als Backroundfunktion, zur Begleitung verschiedener Tätigkeiten die der Jugendliche ausführt. Diese Hintergrundfunktion ist nicht nur im Privatbereich des Jugendlichen zu beobachten, sondern auch im alltäglichen Leben, wie es schon beschrieben wurde.

Als einen weiteren Punkt nennt Kleinen die Entspannung bzw. die Konfliktbewältigung mit Hilfe von Musik. Auch auf diesen Aspekt wird in späterer Folge genauer eingegangen werden, im Besonderen die pränatale Beziehung zwischen Mutter und dem Ungeborenen betreffend. Im Jugendalter ist die Konfliktbewältigung eine zentrale Thematik, in der von vielen Jugendlichen die Musik als Lösungsmöglichkeit gewählt wird. Dabei kann daran gedacht werden, dass sie den Problemen nur aus dem Weg gehen, indem sie sich in ihre Welt z.B. mit einem Walkman zurückziehen und die Probleme nicht wirklich gelöst werden. Jedoch ist es eine Tatsache, dass Jugendliche mit Hilfe von Musik ihre Probleme leichter bewältigen können, Musik kann hier als emotionale Stütze bezeichnet werden.

Musik als Sozialkontakt ist ein sehr wichtiger Aspekt. Musik fördert soziale Kontakte. Nicht nur während der pränatalen Zeit und dem Kindesalter spielt Musik in den Beziehungen des Kindes eine Rolle. Im Jugendalter wird der Kontakt zur Gleichaltrigengruppe immer wichtiger. Jugendliche mit gleichem Musikgeschmack finden sich zusammen und richten ihre Freizeitgestaltung danach. Auch im Bereich der Jugendarbeit wird mit Musik gearbeitet.

Musik dient dem Jugendlichen zur Selbstverwirklichung. Durch das Erlernen eines Instrumentes gewinnt er eine Form des Ausdrucks dazu. Er kann mit Musik seine Vorstellungen und Wünsche umsetzen und seine Gefühle ausdrücken.

Ein weiterer Faktor der Musik ist, dass sie Freude und Spaß bereitet. Musik kann Genuss bereiten, sowohl beim passiven Zuhören, als auch beim aktiven Betreiben. Das Tanzen zu Musik macht Spaß, bereitet Freude und macht glücklich.

Manche Menschen sehen in gewissen Musikstilen eine Belästigung oder Störung. Der Musikgeschmack ist für das Musikempfinden sehr wichtig. Bei Nichtgefallen der Musik kann diese leicht zur Belästigung werden, vor allem wenn sie in einer Lautstärke vernommen wird, die es für den Zuhörer, der diesen Stil ablehnt, fast schon unerträglich macht.

Dieser Aspekt hängt auch von der Gesellschaft ab. Für die ältere Generation ist ein Musikstil, der der Jugend gefällt, ein „Höllenlärm“. Sehr deutlich wird diese Belästigung durch die Reaktionen auf den Rock ´n´ Roll beschrieben, wo Kampagnen gegen diesen Stil und seine Verbreitung geführt wurden. Man sah in ihm eine Gefährdung der Jugend und ihrer Moral.

Als weitere Funktion kann die Symbolfunktion gesehen werden. Jede Musik ist Ausdruck der Lebensform desjenigen, der sie hört oder selbst spielt. Auch dieses Phänomen wird später genauer beschrieben, da es die verschiedenen Musikbewegungen und ihren Zusammenhang mit der Gesellschaft erst recht verdeutlicht.

DESMOND MARK (1996) führt in seinem Artikel ein treffendes Zitat von MENDE (1991; S61) an.

„Für die Jugend ist Musik auch und vor allem Mittel der Abgrenzung von anderen Generationen und Altersgruppen. Sie stiftet Gemeinsamkeit, Identität der Generation sowie ihrer verschiedenen Gruppierungen. Gruppenidentität ist eine wichtige Funktion, die Musik im Jugendalter leisten muß. Sie ist wesentlicher Gegenstand der Kommunikation, drückt Haltungen und Stimmungen Jugendlicher aus, muß Spontanes, Nonkonformistisches artikulieren und für Jugendliche annehmbare, sie berührende Botschaften haben. Musik ist für die Jugend Mittel sozialer Erfahrungen sowie Vermittler habitueller Verhaltensweisen. Sie hat vielfältige Funktionen bei der Suche nach der eigenen Identität. Musik im Prozeß jugendlicher Selbsterfahrung – das verlangt nach der Aufmüpfigkeit und Rebellion des Rocks, nach der Nähe und Sanftheit vieler Rockballaden, aber auch nach dem sich schnell verschleißenden Alltagspop immer neuer Idole.“

3. MUSIKBEWEGUNG UND GESELLSCHAFT

3.1 Der Zusammenhang von Musik und geschichtlichem, philosophischem und sozialem Hintergrund

Ich gehe davon aus, dass der Mensch eine bio-psycho-soziale Einheit darstellt. Ein stetiger Prozess hält diese Bereiche im Einklang. Eine Störung dieser Einheit äußert sich durch eine Fehlfunktion einer dieser Bereiche, z.B. Krankheit, Störungen sozialer Kontakte etc. Musik sehe ich als Möglichkeit Körper, Geist und Seele in Ausgeglichenheit beizubehalten, oder die Balance wieder herzustellen. Diese Theorie wurde schon vor langer Zeit vertreten und weiterentwickelt. Die ersten Anfänge von der Nutzung von Musik für den Menschen und seine Entwicklung werden in diesem Kapitel dargestellt.

3.1.1 ~2000 v.Chr. bis Mitte des 20. Jahrhunderts

Schon vor 4200 Jahren wurden Tempelhymnen zur Heilung von kranken Menschen angewandt und bei Naturvölkern werden Heilungsriten durch Überlieferung seit Generationen weitergegeben.

Im Alten Testament wird die Bedeutung von Musik für die Heilung dargestellt, als König Saul von David durch dessen Harfenspiel geheilt wurde.

Auch die Griechen (ca. 1900-168 v. Chr.) erkannten in der Musik den therapeutischen Nutzen und verwendeten die Musik als Heilmittel für körperliche und seelische Beschwerden. Der Ausdruck „Wein, Weib und Gesang“ spiegelt die Funktion der Musik und ihre Unentbehrlichkeit in der damaligen Zeit wieder. Musik hatte hier einen ästhetischen Wert und wurde neben ihrem therapeutischen Zweck zur Unterhaltung herangezogen.

Die Pythagoreische Schule (ca. 500 v. Chr.) verlangte, dass der Schüler lerne, sich an den Wohlklängen der Musik zu erfreuen. Die vier Fächer Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik zählten zum Teilbereich der Mathematik, die gemeinsam mit Gymnastik und Heilkunde die drei Hauptfächer bildeten. PYTHAGORAS schrieb der Musik enorme Wichtigkeit zu, er entdeckte die Abhängigkeit zwischen den Zahlenverhältnissen der Saiten der Kithara und anderer Musikinstrumente und der musikalischen Harmonie. Mit diesem Verhältnis wird der Zusammenhang von Musik und Mathematik deutlich. Auch damals wurde von einer Harmonie von Körper und Seele gesprochen. Musik konnte auf die Seele wirken, sie der eigenen inneren Harmonie anpassen und den Menschen gesunden lassen. Die Pythagoräer spielten auf ihren Instrumenten und besangen die Leiden.

Unter PLATON (427-347 v. Chr.) und seiner Staatslehre wurde Musik als Bildungsmittel für den Heranwachsenden beigezogen. Sie diente, neben der gymnastischen Erziehung, der Sittlichkeitserziehung. Platon verlangte eine Einschränkung der Instrumente und der Musikart. Letztendlich blieben zwei Tonarten übrig, die eine, um den kriegerischen tapferen Mann, die andere, um den in Frieden lebenden Mann zu symbolisieren. Musik hatte hier einen politisch moralischen Wert, Platon sah durch das Musizieren, z.B. am Marktplatz, seine Ordnung gefährdet.

ARISTOTELES (384-322 v. Chr.) schrieb der Musik eine Gefährdung des Charakters zu. Die Musik wurde daher der Philosophie zugeordnet und auch als sittliches Bildungsmittel genutzt. Ihre heilende Wirkung bezog sich auf die Reinigung der störenden Gemütsschwankungen. Musik wurde nicht mehr so eingeschränkt wie bei Platon, da Musik der Zweck der Heilung zugeschrieben wurde. Einerseits sollte sie zur Beruhigung dienen, andererseits zur Steigerung der Krankheit. Die daraus folgende Entladung führte zur Gesundung des Menschen.

HIPPOKRATES sah die Gesamtheit des Menschen in Wechselwirkung mit der Umwelt.

Er sah in ihr unter anderem ein Heilmittel gegen Epilepsie und Schlaflosigkeit.

ARISTEIDES QUINTILIANUS (um 250 n.Chr.) verglich die Musik mit einem Arzneimittel, das abhängig von der angewandten Therapie schnell oder langsam wirke. Er meinte, dass jede Krankheit ein eigenes musikalisches Heilverfahren verlange.

BOETHIUS (um 500 n.Chr.) sah die „musica mundana“ (die Harmonie von Körper und Seele) durch die „musica humana“ (der menschliche Körper) und die „musica instrumentalis“ (das eigene Musizieren) beeinflussbar. Er meinte, dass Musik Einfluss auf die Leidenschaften habe, Musik kann sie unterdrücken, sie verstärken oder sie verändern.

Im Mittelalter (um 500-1500 n.Chr.) galt jede Krankheit als Strafe Gottes. Musik wurde auch hier zur Heilung eingesetzt, sie verband Körper und Seele. Aus dieser Zeit sind Choräle überliefert, die diese Weltanschauung verdeutlichen. Der berühmteste ist wohl der Gregorianische Choral.

Seit 1400 ist der Tarentismus bekannt. Dies waren Tanzfeste im Sommer, bei denen schnelle, mitreißende Musik gespielt wurde, um den Biss der Tarantel abzuwehren und zu lindern. Durch den Tanz wurde das Gift herausgeschwitzt. Der Tanz wirkte auf die Menschen wie eine Droge, nach Abflauen des Nacheffektes wurden sie jedoch durch das Gift wieder melancholisch.

In der Renaissance (1500-1600) wuchs das Interesse an der Verbindung von Musik und Medizin. In diesem Zeitabschnitt gewann auch die Lyrik eine besondere Bedeutung. Texte wurden immer wichtiger und zum Ausdruck der Lebensbedingungen und der Gefühle.

Der Arzt und Philosoph HIERONYMUS CARDANUS stellte Untersuchungen über die Beziehung zwischen Musik und menschlichen Affekten an.

MARSILIUS FICINUS schrieb Musik Heilungskräfte gegen die Pest zu. Dem Gesang an sich wurde auch heilende Wirkung zugeschrieben, da er die Seele des Kranken auszudrücken vermochte und deshalb besonders dessen Gefühle ansprechen würde.

Im Barock (1600-1720) wurde Musik als heilende Kraft genauer mit physikalischen und chemischen Erkenntnissen untersucht, da mehr Kenntnisse über den menschlichen Körper existierten. Neben Aderlass und abführenden Maßnahmen galt Musik als wichtigstes Heilmittel.

Zur Zeit der Aufklärung und der Sturm und Drang Phase, wurde Musik zum „Ausdrucksorgan der Subjektivität“ (Baacke; 1998; S11). Gerade diese Zeit ist durch die Individualität des Einzelnen gekennzeichnet, vor allem dem Autonomiebedürfnis der Jugend. In dieser Zeit bildeten sich die ersten Burschenschaften, die als Jugendbewegung gesehen werden können.

Musik gewann in dieser Epoche eine andere Bedeutung. Sie wurde wieder zum ästhetischen Ausdruck herangezogen und zu den schönen Künsten gezählt.

In der Romantik wurde der Musik die Kraft zum Ausgleich der Erregbarkeit zugeschrieben. Sie konnte sie demnach im Mittel auspendeln, indem sie diese erhöhte oder beruhigte. Hier wurden erstmals die sensorischen neben den psychischen Reizen miteinbezogen (van Deest; 1997; Penz; 1993).

Es kann also die Bedeutung von Musik für die jeweilige Kultur nachvollzogen werden und Parallelen sind deutlich zu erkennen. Musik und Mensch waren schon immer zusammengehörig und daraus ergibt sich der starke Bezug der Musik zur Medizin. Es ist auch beobachtbar, dass die Bedeutung von Musik im Zusammenhang mit der jeweiligen politischen, sozialen und ökonomischen Situation steht. Schon ADORNO sah in Musik eine „Auseinandersetzung mit der Gesellschaft“ (Baacke; 1998; S11). In einer Zeit, die von Platons Staatslehre gezeichnet ist, kommt Musik eine andere Bedeutung zu als in einer Zeit, in der die Griechen das Leben genossen und Musik auf sich als Erheiterung und Genussmittel wirken ließen. Diese Entwicklung, die von der Lebenslage, in der sich der Mensch befindet, abhängig ist, ist auch in unserer Zeit zu beobachten. Im Weiteren werde ich auf die Bedeutung von Musik um die Jahrhundertwende bis in die Gegenwart eingehen. Auch in diesem Jahrhundert wird klar, in welchem Zusammenhang Musik mit der aktuellen Lage des Landes steht und wie sie sich demnach verändert, bzw. dem Hörer offenbart.

Um die Jahrhundertwende kam den Jugendbewegungen immer mehr Bedeutung zu. Es ist zu beobachten, dass alle diese Bewegungen die Anschauungen der Sturm und Drang Zeit, bei der vermehrt die Tendenz zurück zur Natur und zur Natürlichkeit von Vertretern der damaligen Zeit gefordert wurden, übernahmen. ROUSSEAU forderte, die Jugendzeit als eigenständige Lebensphase zu sehen und möglichst lange auszudehnen, da nur durch die Kinder und die Jugend eine Erneuerung der Gesellschaft erfolgen könne. Die Körperbezogenheit und Naturverbundenheit ist in Jugendgruppen stark zu beobachten. Schon Ende des 18. Jhdts. kam dem Gemeinschaftsgefühl und dem Gruppenerlebnis in der Burschenschaft besondere Bedeutung zu. In der Zeit der Wandervögel und der daraus entwickelten Pfadfinderbewegung wurde dieses durch gemeinsame Wanderungen, Musizieren, Tanzen etc. ausgedrückt. Nach 1911, nachdem die Gruppen Mädchen und Jungen aufnahmen, kam es zu einer Bildung von ideologischen Gruppenbewegungen, wie z.B. den sozialistischen, den nationalen, den katholischen, evangelischen, jüdischen u.a. Jugendbewegungen. In diese Bewegungen ist auch die Pfadfinderbewegung einzuordnen.

Zur Zeit Hitlers wurde diese Bewegung verboten und die Jugendlichen in die Hitlerjugend integriert und ihrer Ideologie unterworfen. Neben der Hitlerjugend bildeten sich der Bund Deutscher Mädchen (BDM) und die Freie Deutsche Jugend (FDJ). Neben körperlicher Ertüchtigung wurde viel selbst musiziert. In gewissem Sinn stellt dies auch eine körperliche Ertüchtigung dar, wenn die eigene Stimme arbeitet. Das Volkslied charakterisierte die ideale Wertvorstellung, der Text galt als Ansporn für die Jugend und vermittelte Ideologien der damaligen Zeit. Die Gesellschaft galt durch diese Jugend als gesichert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Pfadfinder wieder aktiv. Erst später, Ende der 60er Jahre, kam es erneut zu einer richtigen Jugendbewegung: Der Studentenbewegung, die sich gegen die vorherrschende Konsum- und Leistungsgesellschaft stellte. In den USA war diese Bewegung aufgrund des Vietnamkriegs aufgetreten.

Diese Bewegungen waren also deutlich durch das jeweilige politische und gesellschaftliche Bild gekennzeichnet.

Ich mache nun einen Sprung in die Mitte dieses Jahrhunderts und gehe auf die Nachkriegsgeneration und die folgenden Jahrzehnte und ihre Musikbewegung ein. Es wird im Folgenden nur auf jene Jugendbewegungen eingegangen, die für die jeweilige Gesellschaft und ihre Musikentwicklung am Repräsentativsten gesehen werden können. Eine weitere Ausführung würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, daher wurden die meines Erachtens am Wichtigsten erscheinenden und Bekanntesten dargestellt.

Diese sind im Folgenden:

- Die Halbstarkenbewegung der 50er Jahre,
- die Studentenbewegung der 60er und 70er Jahre und die daraus abgeleitete Hippiebewegung,
- die Bewegungen der 80er und der 90er Jahre mit ihren Repräsentanten, i.B. Techno und Popmusik.

3.1.2 Die Halbstarkenbewegung der 50er Jahre

Nachdem im Zweiten Weltkrieg die Kinder und Jugendlichen mehr Freiraum hatten, nicht im erzieherischen Sinne, aber dadurch, dass sie von zu Hause wegbleiben konnten und weniger elterlicher Kontrolle unterlagen, wurde in den 50er Jahren von den Eltern wieder verstärkt auf erzieherische Werte geachtet. Regeln und Normen wurden wieder konsequent aufgestellt und mussten eingehalten werden. Einen guten Schulerfolg zu erbringen, am Abend nicht zu lange auszubleiben, Kontakte zum anderen Geschlecht zu verhindern, den Sonntag mit der Familie zu verbringen etc. waren die Regeln der damaligen Zeit, welche die Eltern versuchten umzusetzen. Ein Verstoß dagegen galt als unmoralisch und ist auch in der heutigen Zeit Wertgut der Gesellschaft. Diese Werte werden auch von der heutigen Gesellschaft verlangt, aber die Durchsetzungs-maßnahmen und die Konsequenzen bei Nichteinhaltung der Regeln waren vor 50 Jahren strenger und massiver als heute.

Die Regeln wurden teilweise dadurch kontrolliert, da Mütter aufgrund der neuen Wohlstandsgesellschaft nicht mehr gezwungen waren arbeiten zu gehen, wie in der Zeit zuvor. Sie konnten sich nun der Erziehung der Kinder widmen. Diese Generation der Jugendlichen wurde zu den Rebellen, sie mussten ausbrechen und fanden in der Musik,

i. B. im Rock ´n´ Roll, das Ausdrucksmittel ihrer Bedürfnisse.

Der Anfang der 50er Jahre war noch nicht so stark von den Medien bestimmt, es gab kaum Fernseher und die Radiosender spielten nur die lokalen Hits. Es fand kaum Vermarktung statt, dadurch hatte jeder Ort sein Genre. Der dort ansässige DJ spielte die Hits des jeweiligen Ortes. Es gab Platten für Erwachsene und Kinder, aber nichts für Teenager, die ihre Situation beschrieben und die sie für sich als Ausdrucksmittel benutzen konnten.

Eine Jugendbewegung dieser Zeit war die Halbstarkenbewegung, eine Straßenkultur, die sich den Rock ´n´ Roll als Ausdrucksmittel zu Nutzen machte.

Die Halbstarken widersetzten sich der in den 50er Jahren wiederaufgelebten autoritären Erziehung. Sie waren eine konträre Bewegung gegen diese Auffassung. Sie stellten sich gegen die Bevormundung und die autoritäre Erziehung, und damit verbunden den Eltern und dieser Generation gegenüber, und versuchten nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben. Die Vorbilder der europäischen Bewegung fanden sich in den USA, wie bei den meisten Bewegungen.

Die Bewegungen hatte ihre Vorläufer in den „street corner societies“ nach Ende des zweiten Weltkriegs oder in den „Schlurfs“ in Österreich und Deutschland im dritten Reich.

Die Halbstarkenbewegung hatte größtenteils Anhänger aus der Arbeiterklasse im Alter zwischen 12 und 17 Jahren.

Die Mittelschicht fühlte sich eher von Jazz angesprochen, sie vertraten die Meinungen ihrer Eltern und Lehrer und taten Rock ´n´ Roll ab.

Es muss bei allen Jugendbewegungen beachtet werden, dass diese viel Aufsehen erregten, aber nur ein geringer Anteil der Gesamtjugendlichen darstellten. Sie umfassten etwa Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten der Jugendlichen, der Rest waren „normale“ Jugendliche, die zu Hause ihre Zeit verbrachten und sich dem Großteil der elterlichen Vorschriften beugten. Dies schließt aber nicht die adoleszente Rebellion aus, die der Jugendliche zur individuellen Entwicklung in seiner natürlichen Entwicklung durchlebt. Sie äußert sich nur in anderem Maße mit anderen Konsequenzen. Jedoch haben auch diese Jugendlichen die Musik für sich entdeckt und versuchten auch auf diese Weise den Zorn der Eltern zu schüren und gegen sie zu rebellieren und sich durchzusetzen.

Bei der Halbstarkenbewegung wird der Körper durch sinnliche und körperliche Musik bestärkt, der Körper steht im Vordergrund. Dies äußert sich im Tanz. Schnelles Motorradfahren ohne Helm galt als Provokation und wurde gerade in den Rocker- und Rockabilly Gruppen verherrlicht. Der Körper wurde als Mittel zum Zweck gebraucht.

Die Lieder „Jailhouse Rock“ oder „Tom Dodey“ sind typische Zeitzeugen für diese Bewegungen (Preuss-Lausitz; 1995). Hier wird auch die Körperorientiertheit klar deutlich, wie ich sie als Charakteristikum der Jugendbewegungen benannt habe.

Die Mode der Halbstarkenbewegung äußerte sich im Besitz eines Motorrades, in Lederjacken, Jeans, langen Haaren, engen Jeans, schwingenden Röcken mit breiten Gürteln, sogenannten Petticoats und toupiertem, gefärbtem Haar. Dieses Auftreten stellte ein absolutes Gegenteil zu den Eltern und ihren Ansichten dar. Die Jugendlichen hatten eine eigene Musik, die als primitiv galt und mit Sexualität, Gewalt und Farbigen assoziiert wurde. Die Reaktion der Gesellschaft war, dass diese Gruppen kriminalisiert wurden und trotz liberalisiertem Strafrecht, das therapeutische Behandlungen für Jugendliche forderte, ein hoher Anteil in ein Gefängnis oder in eine Besserungsanstalt kam. Viele Jugendliche aus diesen Extremen Gruppen starben oder wurden aufgrund ihrer erhöhten Risikobereitschaft verletzt, z.B. bei Auto- oder Motorradrennen. Die Waghalsigkeit wurde durch ein Idol, das noch heute vergöttert wird dargestellt: JAMES DEAN, der in seinem Auto verunglückte. Er gilt als vollkommener Draufgänger und Rebell, typische Zeichen eines Adoleszenten. Auch BUDDY HOLLY starb 1959 tragisch bei einem Flugzeugabsturz, womit die Jugend ein weiteres Idol verlor.

In dieser Zeit gab es die ersten wesentlichen Durchbrüche der Rockmusik. Die Zunahme der jugendlichen Delinquenz war unabhängig von der Teilnahme oder Nichtteilnahme des Landes am zuvor geführten Zweiten Weltkrieg. Sie war in allen Ländern zu diesem Zeitpunkt beobachtbar, parallel zur Entwicklung der Halbstarkenbewegung. Diese fand ebenfalls in allen Ländern statt. Die Delinquenz wurde auf das Motto: „thrill and excitement“ zurückgeführt, die in dieser Bewegung so beliebt war. Es galt als Kick und Rebellion aufzubegehren, auch wenn dies Sachbeschädigung oder Körperverletzung betraf.

Der Anstieg der jugendlichen Banden wird mit den „wilden Rhythmen des Rock ´n´ Roll“ in Zusammenhang gebracht, aber die wirklichen Ursachen für das Verhalten der Jugendlichen wurden in der „Zerstörung des Familienlebens“ durch Scheidungen, Frauenerwerbstätigkeit etc. als auch in der verstärkten Jugendlichen Kaufkraft gesehen (Preuss-Lausitz; 1995).

Für mich ist dieser Anstieg der Delinquenz dadurch erklärbar, dass Jugendliche automatisch kriminalisiert wurden und aufgrund von geringen Delikten verurteilt wurden, um präventiv für andere Jugendliche zu wirken. Zuvor wären diese Vergehen niemals so weit verfolgt worden, die politische und gesellschaftliche Situation war eine andere. Es war wieder notwendig geworden, Jugendliche unter Kontrolle zu bringen und sie im Zaum zu halten, noch dazu aufgrund ihres extrem provozierenden Verhalten. Ebenso versuchten die Jugendlichen durch ihr Verhalten Aufmerksamkeit zu erregen, ihre Situation der Gesellschaft klar zu machen und sich ebenso von der Gesellschaft abzugrenzen. „Ich bin anders“ und „Ich bin ich selbst“ war ein Teil ihrer Identitätsentwicklung. Sie versuchten gewaltsam aus Regeln und Normen auszubrechen, die ihnen zu streng erschienen und wie Ketten vorkamen. Die Provokation erfolgte erst recht durch ihr unsoziales Verhalten, mit dem die Mitglieder der Gesellschaft nicht umgehen konnten. Verstärkt wurde es bestimmt durch einschlägige Texte der diversen Musikinterpreten, da sich Jugendliche dadurch bestärkt fühlten. Die Textschreiber trafen den Zahn der Zeit, sie sprachen diese Jugendlichen besonders an und drückten deren Probleme und Gefühle in ihren Liedertexten aus. Diese Bewegung wurde von den Medien aufgegriffen und sie produzierten Kinofilme, in denen sie Rock ´n´ Roll als Titelmusik verwendeten. Der Film „Saat der Gewalt“ hatte z.B. den Hit „Rock around the Clock“ von Bill Haley & The Comets als Titellied.

Jugendliche bekamen als Konsumenten entsprechende LPs, Kleidung und Zubehör angeboten. Die Musikindustrie profitierte von dieser Entwicklung und förderte die neue Konsumgesellschaft mit der Kreierung von Idolen, die den Vorstellungen der Jugendlichen entsprachen. James Dean und andere Rebellen wurden von Hollywood mit Jugendkriminalität verknüpft, dies hatte Auswirkungen auf die Jugendkultur, indem Jugendliche von der Bevölkerung automatisch kriminalisiert wurden. Jugendlichen wiederum hielten sich an diese Verkörperung des Ideals und ahmten sie nach. Ein rebellischer James Dean, der sich gegen alle aufstellte, sowohl privat, als auch beruflich in den Filmen von 1955 „Rebel without a Cause“ und „East of Eden“, war Eltern ein Dorn im Auge. Eine Altersbeschränkung bei James Dean und Marlon Brando Filmen sollte die Jugendlichen von dem Leitbild des aufbegehrenden, rebellischen Jugendlichen fernhalten. Krawalle bei Konzerten wurden aus der Berichterstattung herausgehalten, um eine Vorbildwirkung zu vermeiden.

Durch das Aufkommen des Rock ´n´ Roll begannen sich Schwarz und Weiß langsam zu vermischen, erste Barrieren wurden gebrochen, Musik war das gemeinsame Sprachrohr. Schwarze und weiße Jugendliche setzten sich für gleiche Rechte ein, die Bürgerrechtsbewegungen begannen in dieser Zeit in den USA. Trotz Widerstand der älteren Generation hatte diese Bewegung Erfolg und wurde von weißen Künstlern und dem Musikmarkt aufgegriffen. Dadurch, dass Platten produziert und diese über Radiostationen gesendet wurden, wurden diese auch dem weißen Publikum zugänglich. Durch den noch immer existierenden Rassismus Schwarzen gegenüber, wurden weiße Sänger angeheuert, die „weißen“ Rock ´n´ Roll vermarkten und die Jugendlichen damit ansprechen sollten. Auch die Eltern wurden damit beruhigt, denn es war schon schlimm genug, dass Jugendlichen diese Musik gefiel und sie sich dazu vergnügten. Schwarze Interpreten waren überhaupt verpönt. Schon der Begriff des Rock ´n´ Roll war anstößig, da er im schwarzen Slang für Geschlechtsverkehr stand. Er veranlasste viele Leute dazu, Gegner dieses Musikstils, mit dem sich die Jugend so verbunden fühlte, zu werden. Bürgerorganisationen manifestierten sich und versuchten vor den Einflüssen Schwarzer und ihrer Musik zu warnen. Es wurde zu einem Boykott gegen den Kauf von „Negerschallplatten“ aufgerufen (Palmer; 1997).

Zensurierungen von Rockmusik waren die Folge. Provokante Musik mit sexuellem Inhalt wurde von den Radiosendern nicht gespielt. Radio Luxemburg sendete als einzige Radiostation Europas Rockmusik. Ansonsten wurden die Hits auf LP gekauft und im Heimlichen zu Hause abgespielt.

In den 50ern war Rock ´n´ Roll ein Ventil für Jugendliche. Ihr Ärger, ihr Zorn, ihre Emotionen konnten herausgelassen werden. Musik begleitete sie überall hin, aber sie war nicht der Mittelpunkt ihres Lebens. Die Ansichten der Eltern und ihrem Lebensstil wurde nur noch mehr verpönt, als sich diese versuchten gegen die Entwicklung zu stellen.

Musik und Tanz gehören zusammen. Durch Tanz konnten sich die Jugendlichen ausleben. Mitschreien und Mitsingen, bis zur vollkommenen Ausgelaugtheit des Körpers wird als besonders wichtig in dieser Lebensphase beschrieben. Es wird dadurch möglich aus dem Käfig auszubrechen und ein wenig Freiheit zu genießen.

Der Rock ´n´ Roll entwickelte sich aus dem Country & Western und dem Rhythm & Blues. Zu den bekanntesten Interpreten der damaligen Zeit zählten Little Richard, Chuck Berry, Elvis Presley, Jerry Lee Lewis, Buddy Holly, Bill Haley u.v.a.

Rock ´n´ Roll lebte in der Zeit von 1955-1960, danach gab es längere Zeit nichts Spezifisches. Weiße Sänger entwickelten einen starken Bezug zu „schwarzer Musik“, wie z.B. Gospel. Die Themen der Musiktexte waren die Polizei, das Gefängnis, Delinquenz, Sexualität und dgl.. Es wurde dezidiert über die Probleme der Jugendlichen gesprochen oder besser gesungen.

Der wohl bekannteste weiße Sänger des Rock ´n´ Roll war ELVIS PRESLEY. Auch dieser brachte das Blut zum Wallen, das der Jugend aufgrund seiner Überzeugungskraft und der Eltern aufgrund seines Hüftschwungs, dem ihren Befürchtungen nach alle Jugendlichen erlagen. Sie sahen darin eine Gefährdung der Moral, welche die Gesellschaft ruinieren würde. Vielen Jugendlichen wurde der Zugang zu ihren Idolen verwehrt, sie mussten sich heimlich Platten kaufen und diese auch versteckt in ihrem Zimmer hören. Die Idolwirkung hatte erstmals diese Auswirkungen von Massenhysterien. Aufgrund der neuen Medien wurden den Fans ihre Stars persönlicher. Sie sahen sie im Fernsehen oder lasen über sie in der Zeitung, sie hörten Berichte im Radio. Dadurch kannten sie ihre Idole besser und wussten, wie sie aussahen und sich verhielten. Sie kleideten sich wie ihre Idole, sie benahmen sich wie sie. Die Nachahmung kurbelte die Industrie und Vermarktung an. Der Identitätsprozess bekam hier eine andere Bedeutung. Früher wurde von den Eltern die Idolwirkung übernommen, in dieser Umbruchsphase gewannen die außenstehenden Stars an Idolwirkung und die Eltern verloren ihre. Diese Entwicklung ist mit der Veränderung der Gesellschaft zu sehen.

Mit dieser Entwicklung kamen auch Blue Jeans, Coca Cola, Spielautomaten und Musikboxen nach Europa. Sie symbolisierten Freiheit und Unabhängigkeit. Sexualität war noch immer kontrolliert und es herrschte die Männlichkeit. Alle Interpreten waren männlich und sie besangen alle Frauen, ihr „baby“.

[...]


[1] Ein sehr guter Einstieg in die Welt der Musiktherapie bieten die Bücher: Decker-Voigt: Aus der

Seele gespielt; und van Deest: Heilen mit Musik.

Ende der Leseprobe aus 189 Seiten

Details

Titel
Musikerfahrung und Sozialisation - Mit Musik geht alles besser
Hochschule
Universität Wien  (Erziehungswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
189
Katalognummer
V70774
ISBN (eBook)
9783638617116
ISBN (Buch)
9783638674621
Dateigröße
1067 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musikerfahrung, Sozialisation, Musik
Arbeit zitieren
Mag., MA Angelika Kopetzky (Autor), 2000, Musikerfahrung und Sozialisation - Mit Musik geht alles besser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70774

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