Soziale Arbeit mit Straßenkindern im Gemeinwesen

Ein exemplarischer Vergleich zwischen Kenia und Deutschland


Studienarbeit, 2006

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einführung:

Durch meine Erfahrungen mit sozialer Arbeit mit Straßenkindern im Gemeinwesen in einem kleinen kenianischen Projekt[1] während meines Fremdpraktikums bin ich auf die Straßenkinderproblematik gestoßen. Hier konnte ich viel über das Leben auf der Straße, die Hintergründe und sozialpädagogische Herangehensweisen in der Arbeit mit Straßenkindern in Kenia erfahren. Jetzt stellte sich mir natürlich die Frage in wie weit sich Straßenkindheiten in Deutschland unterscheiden oder welche Gemeinsamkeiten es gibt?

Straßenkindheiten sind ein Phänomen, das weltweit in Entwicklungs-, wie auch Industrieländern auftritt. Die ILO (International Labour Organization) schätzt die Zahl der Straßenkinder insgesamt auf 100 – 200 Millionen[2], wobei diese Schätzungen je nach Definition des Begriffs Straßenkind (s. hierzu Kap. 2) stark schwanken. Für Kenia gibt die UN (United Nation) die Anzahl der Kinder, die auf der Straße leben mit 600.000 an[3], in Deutschland beläuft sich die Zahl auf ca. 20.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit dem Lebensmittelpunkt Straße. Fast jede größere deutsche Stadt verfügt über Anlaufstellen für Straßenkinder. Interessant ist hierbei, dass das Verhältnis zwischen der Anzahl von Straßenjungen und -mädchen mit 3 zu 1 weltweit einheitlich und gleichbleibend zu sein scheint, obwohl die absoluten Zahlen ansteigen: Im Laufe der letzten 20 Jahre haben sich die Straßenkinder global gesehen verdoppelt. Dies hängt vor allem mit der zunehmenden Industrialisierung vieler Länder der sogenannten Dritten Welt zusammen, welche Verstädterung und Zerfall der traditionellen Familienstrukturen bedeutet, wie es im 4. Kapitel über die theoretischen Erklärungsversuche des Straßenkinderphänomens am Beispiel Kenias deutlich werden wird.[4]

Die Situation und Lebenslage von Straßenkindern, Ursachen, Erklärungsversuche und Hintergründe und verschiedene Arbeitsansätze im Umgang mit der Klientelgruppe im Gemeinwesen sollen in den folgenden Kapiteln jeweils einzeln für Kenia als sogenanntes Entwicklungsland und Deutschland als Vertreter der Industriestaaten dargestellt und im Anschluss verglichen und bewertet werden.

2. Definition: Straßenkind

Der Begriff Straßenkind ist wie in der Einleitung angedeutet eine problematische Terminologie. Je nach Definition wird die Anzahl von Straßenkindern höchst unterschiedlich geschätzt: So geht die World Health Organisation von „gerade mal“ 33 Millionen Straßenkindern weltweit aus[5], wohingegen UNICEF die Zahl auf bis zu 200 Millionen beziffert[6]. Je nach Betrachtungsweise lassen sich so auch unterschiedliche Klientelgruppen innerhalb der Straßenkinder definieren. Es gibt auch einige begriffliche Unterscheidungen zwischen dem kenianischen und deutschen Sprachgebrauch, so dass im Folgenden die Definition eines Straßenkindes für beide Länder jeweils getrennt dargestellt wird.

2.1. Kenia:

In Kenia findet der Begriff ‚streetchild’, also Straßenkind, seit den 80er Jahren Verwendung. Davor wurden die Kinder nach ihrer Beschäftigung oder ihrem Aufenthaltsort benannt. Man sprach von ‚street wandering children’, ‚parking boys’ oder ‚chokora’, vom Kiswahili Wort ‚kuchokora’, was soviel wie Müll bedeutet.

Der Childrens Act – eine Art kenianisches Kinder- und Jugendhilfe Gesetz (KJHG) – definiert ein Kind folgendermaßen: „A child is any human being under the age of 18 Years“[7]. In der Praxis leben Kinder ab dem Alter von 3 Jahren, überwiegend aber zwischen 6 und 17 Jahren selbstständig auf den Straßen Kenias.

Um den Überbegriff Straßenkinder weiter zu differenzieren, kann man die einzelnen Klientelgruppen nach ihrer Beziehung zur Herkunftsfamilie spezifizieren:

- ‚Children of the street’: Kinder ohne Kontakt zur Familie
- ‚Children on the street’: Kinder mit Kontakt zur Familie
- ‚Children in the street’: Kinder mit wenig Kontakt zur Familie
- ‚Children for the street’ oder ‚Street Families’: Kinder, die gemeinsam mit ihrer Familie auf der Straße leben.

‚Streetchild’, bzw. Straßenkind ist zwar ein unzureichender Begriff, da er die eigentlichen Umstände in denen sich das Kind befindet, nicht näher beschreibt, aber als Überbegriff der folgenden Definition dienlich: „Kinder, die auf der Straße oder auf Wegen arbeiten oder leben, die keinen Zugang zu Bildung haben und für welche die genannte Örtlichkeit entscheidend für ihr Wachstum und ihre Entwicklung ist“.[8]

2.2. Deutschland:

Straßenkinder werden meist mit Entwicklungsländern in Verbindung gebracht. Dass es jedoch auch in Deutschland eine beachtliche Anzahl von Straßenkindern gibt, beispielsweise 400 in Stuttgart, ist weitgehend unbekannt. Dies mag an unserem Bild von Straßenkindern liegen, die in Plastik eingewickelt im Rinnstein schlafen. Deutsche Straßenkinder – auch wenn sie nicht auf der Straße übernachten – haben ihre eigenen Merkmale, die sie als Straßenkinder qualifizieren. Die Zahl der Straßenkinder für gesamt Deutschland wird auf ca. 20.000 geschätzt[9], wobei auch hier die Zahlen je nach Statistik stark schwanken.

Das Fachlexikon der sozialen Arbeit definiert Straßenkinder als „minderjährige Jugendliche, die sich weitgehend und dauerhaft abgewendet haben von gesellschaftlich vorgesehenen Sozialisationsinstanzen, die sich im Wesentlichen meist zusammen mit anderen Jugendlichen, am Lebensmittelpunkt ‚öffentlicher Raum’ als einzigen Sozialisationsort orientieren und mit ihrem Handeln gegen gesellschaftlich anerkannte ‚Normalzustände’ verstoßen“[10]. Hier wird wohl schon das wichtigste Kriterium für ein Straßenkind in Deutschland ersichtlich: Die Straße, bzw. der öffentliche Raum muss den Lebensmittelpunkt des Minderjährigen darstellen und dient daher als Sozialisationsraum. Ob nun auf der Straße geschlafen wird oder nicht, und ob die Straße gleichzeitig als Erwerbsquelle dient, ist unerheblich.

Der Begriff Straßenkind lässt sich auch im deutschen Sprachgebrauch weiter differenzieren um den einzelnen Lebensstylen gerecht zu werden:

- Treber: dauerhaft ohne festen Wohnsitz und regelmäßige Einkünfte
- Ausreißer: ungezieltes Weglaufen aus akuter Konfliktsituation, kurzzeitig ohne festen Wohnsitz
- Aussteiger: gezieltes Weglaufen hin zu neuen Lebensperspektiven
- Obdachlose Minderjährige: dauerhaftes Leben auf der Straße[11].

2.3. Allgemein:

Straßenkinder im engeren Sinne, also Kinder und Jugendliche, deren Lebensraum sich auf die Straße beschränkt, stellen in Kenia wie in Deutschland die kleinste Gruppe dar. Darüber hinaus sind die Grenzen zwischen den einzelnen Kategorien von Straßenkindern fließend: „working children“ werden schnell zu „Trebegängern“ und umgekehrt gehen „children of the street“ zurück in ihre Familien oder in sozialpädagogische Einrichtungen. Im Folgenden bezieht sich der Begriff ‚Straßenkind’ auf alle ‚jungen Menschen, ob nun Kind oder nicht, deren wichtigste Sozialisationsinstanz die Straße ist.

Obwohl die dargestellten Definitionen zur Differenzierung von Straßenkindern in sich logisch sind, lassen sich individuelle Kinder nur schwer und unzureichend terminologisch zuordnen. Auch stellt sich die Frage, in wie weit die Straße, bzw. der öffentliche Raum oder auch Kinderarbeit, eine gesellschaftliche Norm darstellt. So ist die ‚Mithilfe’ von Kindern auf dem elterlichen Hof oder auf dem Marktstand in Kenia ein Normalzustand, der sogar im 2001 verabschiedeten Childrens Act[12] als Pflicht und Verantwortung des Kindes festgelegt wurde.

Aus diesen Gründen bietet sich eine Trennung in gesellschaftlich akzeptierten und von der Norm abweichenden Sozialisationsraum „Straße“ an: Es ergibt sich je nach kulturellem und sozialem Standard eine Demarkationslinie, die das Verhalten von Kindern und Jugendlichen im öffentlichen Raum als normal oder eben anormal einstuft und je nachdem für Kenia und Deutschland unterschiedliche sozialpädagogische und sozialpolitische Reaktionen erfordert.[13]

3. Situation und Lebenslage von Straßenkindern:

Nicht nur in Kenia, sondern auch in Deutschland spielt die Straße, wenn man in ihr nicht nur den Verkehrsraum, sondern den gesamten öffentlichen Raum mit seinen Plätzen, Parks und Gebäuden sieht (s. Kapitel 2), auch für ‚normal’ aufwachsende Kinder neben den Sozialisationsinstanzen Familie und Schule oder Kindergarten eine wichtige Rolle. Hier trifft die Gruppe der 6 bis 18-Jährigen ihre Peergroup, die einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes hat. Für sogenannte Straßenkinder, also Kinder, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben, ist diese meist die wichtigste oder sogar einzige Sozialisationsinstanz. Die Szene oder die Gruppe übernimmt – soweit möglich – die Rolle der Familie, gibt also Geborgenheit und Sicherheit. Auch Ansätze von Bildung – meist sehr lebenspraktisch für das (über-)leben auf der Straße angelegt – wird aus der Gruppe der Straßenkinder vermittelt.[14]

3.1. Kenia:

Der Lernprozess des Überlebens auf der Straße beginnt vom ersten Tag an, bis das Kind mit der Zeit und den gesammelten Erfahrungen zum Experten wird. Die meisten ‚Neuen’ schließen sich einer ‚Base’ oder einem ‚Choum’ an, wie die einzelnen Straßenkindergruppen oder -gangs in Kenia genannt werden, da alleinstehende Straßenkinder wegen der Bedrohungen durch andere Straßenkinder oder die Polizei kaum eine Chance haben. Um von der Gruppe aufgenommen zu werden muss in der Regel eine Art Eintrittsritual, beispielsweise eine Mutprobe oder insbesondere bei Mädchen eine Vergewaltigung hinter sich gebracht werden. Die einzelnen ‚Bases’ sind hierarchisch organisiert und werden von einem Führer angeleitet, der die Aufgaben verteilt und verantwortlich für die Sicherheit, das Wohlergehen und Finanzielles ist. Er bezahlt aus der Gemeinschaftskasse die Arztrechnung für ein krankes Kind oder besticht einen der Nachtwächter, dass dieser auf die Gruppe aufpasst. Diese Rangordnung wird durch Kräftemessen nach dem Recht des Stärkeren hergestellt und ist daher stark patriarchal geprägt: Mädchen stehen ganz unten und werden häufig nur bei einer sexuellen Beziehung in der Gruppe aufgenommen. Reine Mädchengruppen existieren nicht, da sie sich nicht auf der Straße behaupten können.

Die ‚Bases’, welche Parks, die Kanalisation, leerstehende Gebäude oder Hauseingänge seien können, dienen den Straßenkindern zum Schlafen, Essen und Aufbewahren ihrer Habseligkeiten. Mit Plastiksäcken und Pappkartons versuchen sie sich gegen Regen und Kälte zu schützen. Neben den praktischen Vorteilen, die eine Straßenkindergruppe bietet, dient diese auch als Familienersatz. Hier bekommen die zum Teil noch sehr jungen Kinder ein Minimum an Wärme und Zuwendung, eine physische und emotionale Zufluchtstätte.

Straßenkinder in Kenia arbeiten 6 bis 14 Stunden täglich um ihr Überleben zu sichern. Sie betteln, führen diverse Gelegenheitsjobs beispielweise als ‚Parking Boy’ oder Lastenträger aus, haben feste Anstellungen als Gärtner, Wachmann oder Hauhaltshilfe, betreiben unlizenzierten Straßenhandel (Hawking ) , sammeln Abfallmaterial (Recycling) oder prostituieren sich. Das verdiente Geld wird für Nahrung, Drogen, Unterhaltung (wie Kino), Schmiergelder für Polizei und Wachmänner oder zur Unterstützung der Familie verwendet. Immerhin knapp die Hälfte der Straßenkinder Nairobis unterstützen mit ihrem Erwerb ihre Familien.[15]

Das beschriebene Leben der Straßenkinder birgt schwerwiegende Gesundheitsrisiken. Die harte körperliche Arbeit, wie beim Tragen von Lasten, ist keineswegs ihrer physischen Entwicklung angepasst. Hinzu kommen einseitige und mangelhafte Ernährung, Gewalt innerhalb der Szene, aber auch von Seiten der Polizei und durch Wachmänner, die teilweise mit äußerster Brutalität vorgehen um die Straßenkinder aus den Innenstädten und Einkaufspassagen zu vertreiben. Auch Lynchmorde durch die Öffentlichkeit kommen in Kenia immer wieder vor, wenn Kinder beim Stehlen erwischt werden. Straßenkinder gelten weithin als „umherziehende marodierende Kriminelle, die nichts anderes zu tun haben, als Diebstähle und Überfälle zu planen, und nur auf eine Chance warten jemanden zu belästigen und zu bestehlen“[16]. Insbesondere Mädchen, aber auch jüngere Straßenjungen werde regelmäßig durch andere Straßenkinder, Passanten oder Sicherheitsorgane sexuell missbraucht. Weitere Risiken sind Unfälle, insbesondere im Straßenverkehr, Drogenkonsum, wobei das Schnüffeln von Klebstoff am weitesten verbreitet und besonders schädlich ist, da dies irreversible Hirnschädigungen zur Folge hat, mangelnde Hygiene und Geschlechtskrankheiten.[17]

[...]


[1] Uhuru Community Development Project, Kisumu, Kenia vom 2. Jan. bis 19. März 2006.

[2] Vgl. ADICK 1997, S. 7.

[3] Vgl. HÄCKER 2003, S. 23.

[4] Vgl. TERRE DES HOMMES 2004, S. 1-4.

[5] Vgl. TERRE DES HOMMES 2006, S. 1.

[6] Vgl. UNICEF 2006 (www.unicef.de).

[7] Zitiert nach THE CHILDREN ACT 2001, S. 4.

[8] Zitiert nach MUGO 2004, S. 16ff.

[9] Vgl. TERRE DES HOMMES 2001, S. 1.

[10] Zitiert nach FACHLEXIKON 2002, S. 949.

[11] Vgl. DEGEN 1995: S. 28.

[12] THE CHILDREN ACT 2001, S. 12.

[13] DEGEN 1995, S. 12 .

[14] Vgl. ADICK 1997, S. 93.

[15] Vgl. GROBBEL 2002, S. 33-52.

[16] Zitiert nach GROBBEL 2002, S. 40.

[17] Vgl. GROBBEL 2002, S. 33-52.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit mit Straßenkindern im Gemeinwesen
Untertitel
Ein exemplarischer Vergleich zwischen Kenia und Deutschland
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart  (Sozialwesen)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V70847
ISBN (eBook)
9783638626613
ISBN (Buch)
9783638674720
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale, Arbeit, Straßenkindern, Gemeinwesen
Arbeit zitieren
Thomas Szczepanek (Autor), 2006, Soziale Arbeit mit Straßenkindern im Gemeinwesen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70847

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