Die Eisenbahn zählt in der historischen Betrachtung zu den am stärksten regulierten Industriesektoren überhaupt. Während die Anfänge der Bahn in den meisten Ländern durch privatwirtschaftliche Initiativen begründet wurden, wurden die einzelnen Unternehmen im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts überall in Europa verstaatlicht. Gründe für diese Entwicklung lagen einerseits im Bestreben, private Monopole zu verhindern; andererseits erkannten die staatlichen Organe aber auch die strukturpolitische und militärische Bedeutung des neuen Verkehrsmittels und ergriffen die Möglichkeit des staatlichen Rent-seekings, da sich die Eisenbahnen anfänglich noch als äußerst profitträchtig erwiesen. Auch in Ländern, in denen der Staat traditionell weniger Einfluss hat, wurde das Bahnwesen massiv reglementiert: So bestanden die Bahngesellschaften der USA und Kanadas zwar als private Unternehmen fort, wurden aber durch strikte Regulierungsmaßnahmen so stark in ihrer Gewerbe- und Vertragsfreiheit eingeschränkt, dass ihre Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit drastisch abnahm und freie
Unternehmensentscheidungen kaum mehr möglich waren. In der Folge verlor die Bahn im intermodalen Wettbewerb international stark an Bedeutung und wurde in vielen Ländern zu einem anhaltenden Verlustbringer.
Erst mit Beginn der 1980er Jahre wurden die regulatorischen Maßnahmen zunächst in Nordamerika, später auch in Europa gelockert. Eisenbahnen wurden wieder weniger als staatliche Akteure zur Sicherung des Gemeinwohls, sondern vielmehr als gewinnorientierte Unternehmen betrachtet.
Wie kann der Verkehrsträger Eisenbahn im Spannungsfeld zwischen Regulierung und Wettbewerb seine Zukunftschancen in Deutschland und Europa langfristig verbessern? Dieser Fragestellung widmet sich die vorliegende Arbeit. Ziel ist die Entwicklung von Möglichkeiten, wie die Bahnen durch eine Verminderung des staatlichen Einflusses und eine stärker an Wettbewerbsgesichtspunkten orientierte Ausrichtung ihre Effizienz steigern und so einen Teil ihrer früheren Bedeutung zurückerlangen können. Dabei sollen unter der Berücksichtigung der Besonderheiten der Netzindustrie Bahn regulatorische Notwendigkeiten erarbeitet und daraus mithilfe internationaler Beispiele zur Organisation von Bahnmärkten Perspektiven zur langfristigen Stärkung entwickelt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Eisenbahn als Netzmarkt zwischen natürlichem Monopol und Wettbewerb
2.1. Betriebsgrößenersparnisse als Markteintrittsschranke im Netzmarkt Eisenbahn
2.1.1. Economies of Scale und Economies of Density
2.1.2. Economies of Scope
2.2. Von Betriebsgrößenvorteilen zum natürlichen Monopol
2.3. Identifikation des monopolistischen Bottlenecks im Eisenbahnmarkt
2.3.1. Zur Existenz monopolistischer Bottlenecks
2.3.2. Disaggregierung des Netzmarkts Eisenbahn zur Identifikation monopolistischer Bottlenecks
2.3.2.1. Die Schieneninfrastruktur
2.3.2.2. Die Überwachung des Zugverkehrs
2.3.2.3. Das Angebot von Transportleistungen
3. Grundzüge der Regulierung
3.1. Was ist Regulierung? Zum Begriff der Regulierung im normativen und im positiven Sinn
3.1.1. Rechtfertigung von Regulierung in der normativen Regulierungstheorie
3.1.2. Kritische Auseinandersetzung mit Regulierung: Die positive Regulierungstheorie
3.2. Formen der Regulierung
3.2.1. Marktstrukturregulierungen
3.2.1.1. Vertikale Separierung vor- und nachgelagerter Märkte
3.2.1.2. Horizontale Aufspaltung von integrierten Netzindustrien
3.2.2. Franchising
3.2.3. Marktverhaltensregulierung
3.2.3.1. Zwischen Kostendeckung und Wohlfahrtsoptimierung: Preissetzung und Regulierung
3.2.3.2. Rentabilitäts- und Price Cap-Regulierung als indirekte Regulierungsinstrumente
3.3. Zwischenfazit zum zweiten und dritten Kapitel
4. Die Wettbewerbs- und Regulierungsstruktur der Eisenbahn in Deutschland
4.1. Die Entwicklung der Schiene im intermodalen Wettbewerb
4.2. Die deutschen Eisenbahnen nach der Bahnreform
4.3. Der regulatorische Rahmen in Deutschland: Der Zugang zum Schienennetz und die Struktur der Trassenpreise
4.4. Zwischenfazit zum vierten Kapitel
5. Internationale Ansätze zur Strukturierung und Regulierung der Eisenbahn im Vergleich
5.1. Grunddimensionen der Organisation von Bahnsystemen
5.2. Großbritannien, Schweden und die USA als Beispiele für die Durchführung von Eisenbahnreformen
5.2.1. Großbritannien
5.2.1.1. Ausgangssituation
5.2.1.2. Reformansätze
5.2.1.3. Entwicklung nach der Reform
5.2.1.4. Fazit zur Reform der britischen Eisenbahnen
5.2.2. Schweden
5.2.2.1. Ausgangssituation
5.2.2.2. Reformansätze
5.2.2.3. Entwicklung nach der Reform
5.2.2.4. Fazit zur Reform der schwedischen Eisenbahnen
5.2.3. USA
5.2.3.1. Ausgangssituation
5.2.3.2. Reformansätze
5.2.3.3. Entwicklung nach der Reform
5.2.3.4. Fazit zur Reform der amerikanischen Eisenbahnen
5.3. Zwischenfazit zum fünften Kapitel
6. Der Einfluss von Wettbewerb auf die Produktivität im Eisenbahnwesen
6.1. Der „Liberalisierungsindex Bahn 2002“
6.2. Die Auswahl von Produktivitätskennziffern
6.3. Die Wettbewerbs- und Produktivitätskennziffern im Vergleich
7. Rückschlüsse für die weitere Entwicklung in Deutschland und Europa
7.1. Nationale Grenzen als Hindernisse für den europäischen Eisenbahnverkehr
7.2. Outputspezifische Fokussierung als Erfolgsfaktor für mehr Verkehr auf der Schiene
7.3. Die Auswirkungen von Regulierung und Wettbewerb auf die Wettbewerbsfähigkeit der Eisenbahn
8. Fazit und Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, wie der Verkehrsträger Eisenbahn seine Zukunftsfähigkeit im Spannungsfeld zwischen staatlicher Regulierung und Wettbewerb in Deutschland und Europa langfristig stärken kann, wobei der Fokus auf Effizienzsteigerungen und einer wettbewerbsorientierten Marktgestaltung liegt.
- Analyse der Eisenbahn als Netzmarkt und Identifikation monopolistischer Bottlenecks.
- Grundlagen und Formen der Regulierung für natürliche Monopole.
- Evaluierung der deutschen Bahnreform sowie internationaler Beispiele (Großbritannien, Schweden, USA).
- Statistische Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Wettbewerbsintensität und Produktivität.
- Ableitung von Handlungsempfehlungen für die europäische und deutsche Eisenbahnpolitik.
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Economies of Scale und Economies of Density
Unter Skalenerträgen versteht man die Abhängigkeit der Ausbringungsmenge von der Menge der Produktionsfaktoren. Bei positiven Skalenerträgen steigt die Produktionsmenge bei einer Erhöhung der Menge der Inputfaktoren um a% um mehr als a%, die Skalenelastizität ist also größer als 1.
Economies of Scale treten auf im Bereich mit steigender Ausbringungsmenge fallender Durchschnittskosten, d.h. bis die Grenzkosten den Durchschnittskosten entsprechen. Die Steigerung der Ausbringungsmenge ist ökonomisch sinnvoll im gesamten Bereich steigender Skalenerträge. Ursache für positive Skalenerträge können etwa Arbeitsteilung und Spezialisierung, Transaktionskosten oder die Existenz von unabhängig von der Ausbringungsmenge anfallenden Fixkosten sein.
Zu unterscheiden ist zwischen Skalen- und Dichteeffekten: Skalenvorteile treten auf, wenn der Einsatz aller Produktionsfaktoren ausgeweitet wird, also bei Netzindustrien auch eine Vergrößerung der Netzlänge erfolgt. Sie sind damit zu unterscheiden von Dichtevorteilen, die sich auf die Effekte einer Vergrößerung der Ausbringungsmenge bei gegebenen Kapazitäten beziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
2. Die Eisenbahn als Netzmarkt zwischen natürlichem Monopol und Wettbewerb: Analyse der ökonomischen Eigenschaften der Netzindustrie Bahn, insbesondere in Bezug auf Betriebsgrößenersparnisse und die Identifikation monopolistischer Bottlenecks.
3. Grundzüge der Regulierung: Erörterung der theoretischen Grundlagen für staatliche Markteingriffe, deren Formen und die verschiedenen Instrumente zur Regulierung monopolistischer Bereiche.
4. Die Wettbewerbs- und Regulierungsstruktur der Eisenbahn in Deutschland: Darstellung der Entwicklung des deutschen Eisenbahnsystems nach der Bahnreform, einschließlich des regulatorischen Rahmens und der Struktur der Trassenpreise.
5. Internationale Ansätze zur Strukturierung und Regulierung der Eisenbahn im Vergleich: Vergleichende Analyse der Bahnsysteme in Großbritannien, Schweden und den USA hinsichtlich ihrer Reformen und Organisationsstrukturen.
6. Der Einfluss von Wettbewerb auf die Produktivität im Eisenbahnwesen: Empirische Untersuchung des statistischen Zusammenhangs zwischen der Wettbewerbsintensität und verschiedenen Produktivitätskennziffern in europäischen Ländern.
7. Rückschlüsse für die weitere Entwicklung in Deutschland und Europa: Diskussion von Hindernissen für den europäischen Eisenbahnverkehr und Entwicklung von Strategien zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit durch strukturelle und regulatorische Maßnahmen.
8. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Reformergebnisse und Ableitung von Zukunftsperspektiven für die Eisenbahn als zukunftsträchtiger Verkehrsträger.
Schlüsselwörter
Eisenbahn, Wettbewerb, Regulierung, natürliches Monopol, Netzmarkt, Privatisierung, Produktivität, Trassenpreise, Schienengüterverkehr, Infrastruktur, Deregulierung, Open Access, Bahnreform, Effizienz, Marktstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, die Wettbewerbsfähigkeit der Eisenbahn im Spannungsfeld zwischen notwendiger Regulierung natürlicher Monopole und der Förderung eines effizienten Wettbewerbs langfristig zu verbessern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die ökonomische Analyse von Netzindustrien, die verschiedenen Formen der Marktregulierung sowie der Vergleich internationaler Ansätze der Eisenbahnreform.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Entwicklung von Möglichkeiten, durch eine Verminderung staatlicher Einflüsse und eine stärkere Wettbewerbsorientierung die Effizienz der Bahnen zu steigern.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Neben einer theoretischen Analyse der Regulierungstheorie nutzt die Arbeit eine empirische, lineare Regression, um den Zusammenhang zwischen Wettbewerbsintensität und Produktivitätskennziffern zu prüfen.
Was ist der inhaltliche Schwerpunkt im Hauptteil?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Grundlagen detaillierte Fallbeispiele (Deutschland, Großbritannien, Schweden, USA) analysiert und die Auswirkungen von Wettbewerb auf Produktivität statistisch ausgewertet.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Wettbewerb, Regulierung, natürliches Monopol, Trassenpreise und Schienengüterverkehr.
Wie unterscheidet sich die Situation in den USA von der in Europa?
In den USA dominieren privatwirtschaftlich organisierte, integrierte Unternehmen ohne staatliche Subventionen, während in Europa historische, bürokratische und technische Hürden sowie eine stärkere staatliche Steuerung vorherrschen.
Was wird im Hinblick auf den "Price Cap"-Regulierungsansatz kritisiert?
Obwohl der Price Cap-Ansatz Anreize zur Kostenminimierung bietet, liegt die Herausforderung in der korrekten Festlegung des Produktivitätsfaktors, da Fehlkalkulationen existenzbedrohend wirken oder ineffizient sein können.
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- Christian-Hermann Engelke (Author), 2007, Wettbewerb und Regulierung im Eisenbahnwesen: Möglichkeiten und internationale Perspektiven, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70855