Am 17. Dezember 1903 verwirklichten die Fahrradbauer und Flugzeugbastler Wilbur und Orville Wright in der Abgeschiedenheit von Kitty Hawk in North Coralina mit ihrem ersten, 59 Sekunden dauernden Flug in einer motorisierten, lenkbaren Flugma-schine einen uralten Menschheitstraum. Sie sollten damit das alltägliche Leben ihrer Zeitgenossen kaum verändern. Im Gegensatz zu den vielen technischen Neuheiten aus der Zeit um die Jahrhundertwende – wie das Radio, das Telephon, das Automo-bil, das Kino oder die massenhafte Nutzung der Elektrizität – war die Erfindung des Fluggeräts ohne nennenswerten Einfluß auf den Alltag der Menschen. Das hohe Risiko und insbesondere die finanziellen Mittel, die für die Anschaffung eines Flug-geräts nötig waren, beschränkten den Zugang zu dieser neuen Technologie auf einen sehr kleinen Kreis von Flugpionieren. Dennoch war die Wirkung der Aviatik auf die Kultur und die Vorstellungen der Moderne immens. Sie beflügelte nicht nur die Phantasie und die Ängste von Künstlern und Schriftstellern, Journalisten und Dich-tern, sondern auch von unzähligen Menschen, die sich in den Zeitungen über die Fortschritte und Rekorde der Flieger informierten, und von tausenden begeisterten Zuschauern der zahlreichen Flugschauen in Europa und Amerika.
Ziel dieser Arbeit soll sein, diesem Wirken der Aviatik nachzuspüren, ein Schlaglicht zu werfen auf das Aufgreifen und die Verarbeitung antiker Flugmythen und ihrer modernen Ausprägungen, sowie auf die Verwendung von Flugmotiven und
-metaphern in Kunst und Literatur der Moderne. Dabei stellt sich die Frage, ob die technische Realisierung mythischer Flugvorstellungen letztlich zu deren Überwin-dung oder zur Bildung neuer Mythen geführt hat.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1 Einleitung
2 Der antike Mythos in der Moderne
3 Das Flugzeug und der Fliegermythos im Futurismus
4 Der Fliegermythos in der Öffentlichkeit
5 Flugmetaphern und -motive in der Kunst
6 Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die kulturelle Bedeutung der frühen Luftfahrt um 1900 und analysiert, wie technische Innovationen antike Flugmythen aufgriffen, transformierten und in der modernen Kunst sowie Literatur als Sinnbild für Fortschritt und Identität verarbeiteten.
- Die Rezeption der Dädalus-Ikarus-Sage in der Moderne
- Die Heldengestalt des Piloten als moderner Fliegermythos
- Die Rolle der Fliegerei im italienischen Futurismus
- Flugmetaphorik und Abstraktion in der zeitgenössischen Malerei
- Die technologische Faszination als Ersatzreligion und Heilslehre
Auszug aus dem Buch
3 Das Flugzeug und der Fliegermythos im Futurismus
Im frauenfeindlichen Futurismus steht das Flugzeug für die Überwindung der weiblichen Schwere, die an die Erde bindet und das Abheben verhindert. Dem weiblichen Konzept der Erdanziehung steht in der Selbsterhebung, der Überwindung von Beschränkungen ein männliches Konzept entgegen. „In diesem ‚männlichen‘ Verlangen durch die Befreiung von weiblicher Körperlichkeit gottgleich unsterblich zu werden, sind der Freiheitsgedanke und die Beherrschung des Geräts erotisch auferinander bezogen“. Ohne das Flugzeug allerdings ist der Pilot ein „Herr der Flügel, den die Erde in Ketten hielt“. In der Verschmelzung mit der Maschine, erreicht der Pilot Paolo Tarsis aus D’Annunzios Roman die Befreiung von der dämonisch gezeichneten Isabella, die ihn auf der Erde zu beherrschen scheint.
Die Maschine erscheint selbst als weibliches Wesen, dem er sich vollständig hingeben muss, allerdings als eines von höchster, weil mechanischer Vollkommenheit, angetrieben von der „Schraube mit ihren göttlichen Kurven“. Mensch und Maschine werden eins, „von den Flügeln der Schraube bis zur Flosse des Steuers fühlt[e] er dies ganze schwebende Gebilde wie eine organische Verlängerung und Bereicherung seines eigenen Seins“, der Pilot ist nicht mehr „ein Mensch in einer Maschine […], sondern ein einziger großer Körper mit ihr“.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Der Autor beschreibt den schwierigen Findungsprozess seines Themas und die methodische Herausforderung, die fächerübergreifende Verknüpfung zwischen Technikgeschichte und Kulturwissenschaft zu bewältigen.
1 Einleitung: Es wird die historische Ausgangslage der Flugpioniere um 1903 skizziert und die Forschungsfrage aufgeworfen, ob Technik den Mythos entzaubert oder neue mythische Strukturen hervorgebracht hat.
2 Der antike Mythos in der Moderne: Dieses Kapitel analysiert die Rezeption der Dädalus-Ikarus-Sage und stellt den Kontrast zwischen dem vernunftorientierten Erfinder und dem risikofreudigen, rebellischen Flieger als Identifikationsfigur der Moderne dar.
3 Das Flugzeug und der Fliegermythos im Futurismus: Hier wird die maskuline Überhöhung der Aviatik untersucht, insbesondere die Verschmelzung von Mensch und Maschine als Mittel zur Transzendenz und zur Überwindung weiblich konnotierter Erdung.
4 Der Fliegermythos in der Öffentlichkeit: Das Kapitel widmet sich der medialen Inszenierung der Flugpioniere und der Konstruktion des modernen Fliegerhelden als eine Mischung aus Genie, Poet und unnahbarem Idol.
5 Flugmetaphern und -motive in der Kunst: Es wird analysiert, wie Maler wie Delaunay und Malevich die Luftfahrt nutzten, um durch Abstraktion und die neue Vogelperspektive ein neues Verständnis von Zeit, Dynamik und Moderne zu visualisieren.
6 Schlussbemerkungen: Der Autor resümiert, dass die Moderne ihre eigene Mythenwelt erschuf und die Fliegerei als technologische Heilslehre die Grundlage für spätere Visionen, etwa in der Raumfahrt, legte.
Schlüsselwörter
Fliegermythos, Moderne, Ikarus, Futurismus, Aviatik, Technikgeschichte, Luftfahrt, Flugmetaphorik, Mensch-Maschine-Verschmelzung, Dädalus, Übermensch, Robert Delaunay, Gabriele D’Annunzio, Pioniergeist, Fortschrittsoptimismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die kulturellen und mythologischen Auswirkungen der frühen Motorfliegerei auf die Gesellschaft und Kunst der Moderne um 1900.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Antike-Rezeption, die heroische Inszenierung des Piloten, die futuristische Ideologie sowie die künstlerische Verarbeitung von Flugmotiven.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Ziel ist es zu klären, ob die technische Realisierbarkeit des Flugtraums zu einer Entzauberung des Mythos geführt hat oder ob neue, moderne Mythenbildungen entstanden sind.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine kultur- und technikgeschichtliche Analyse, die literarische Quellen, Manifeste, zeitgenössische Presseberichte und kunsttheoretische Bildanalysen kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung antiker Mythenvorbilder, die Rolle der Technik im Futurismus, das öffentliche Bild der Piloten in der Presse und die visuelle Repräsentation in der Malerei.
Welche Schlüsselwörter beschreiben die Arbeit am besten?
Zu den Kernbegriffen zählen Fliegermythos, Moderne, Ikarus, Futurismus, Aviatik, Technikgeschichte und Flugmetaphorik.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Dädalus und Ikarus?
Dädalus verkörpert den nüchternen, erfinderischen Ingenieur, während Ikarus als Symbol für Rebellion, Waghalsigkeit und die künstlerische Transzendenz der Grenzen interpretiert wird.
Welche Bedeutung hatte das Flugzeug für den Futurismus?
Für Futuristen stand das Flugzeug für den radikalen Bruch mit der Tradition, die Überwindung weiblicher Erdung und die Verwirklichung eines nietzscheanischen Übermenschentums durch die Beherrschung der Maschine.
Wie beeinflusste der "Blick von oben" die moderne Kunst und Architektur?
Die neue Vogelperspektive führte zu einem Fokus auf abstrakte Formen, klare Linien und eine geometrische Ästhetik, die der Geschwindigkeit des modernen Lebens gerecht werden sollte.
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- Johannes Kaufmann (Author), 2005, "The Conquest of the Air" - Fliegermythos und Flugmetaphorik in der Kultur der Moderne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70890